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Jüdische Presse · 1923-01-05 · 1 (5.1.1923) · page 2

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Journal
Jüdische Presse
Volume
9 (1923)
Issue
1 (5.1.1923)
Date
1923-01-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
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bilden kann. Es wurde aber selbstverständlich dabei betont, daß die Autonomie der einzelnen Lehranstalten nicht angetastet werden darf. Der Erziehungsrat, in welchem alle orthodoxen Lehrhäuser und die gesamte thoratreue Lehrerschaft eine Vertretung haben werden, soll eine höhere Einheit, einen Zentralpunkt darstellen, von welchem aus der systematische Ausbau, die programmatische Förderung der einzelnen Lehrstätten stattfinden, solt. Der Erziehungsrat steht einstweilen am Beginne seiner Arbeit. Es ist aber schon eine wichtige Leistung, daß eine richtige Diagnose gestellt und ein richtiger Weg zur Sanierung gefunden wurde. Der Erziehungsrat möge wissen, daß all jene, die um die Erziehung ihrer Kinder besorgt. sind, und die mit ihrer ganzen Seele an einem thoratreuen jüdischen Erziehungswesen.hängen, ihre Augen auf ihn richten. Der Weg des planmäßigen Aufbaues ist überaus kostspielig und dornenvoll. Eine in jüdischen Kenntnissen reichere, in Gesinnung stärkere Generation wird aber des Weges Lohn sein. * Protokoll der Konferenz des Erziehungsrates für das thoratreue Schulwesen in Wien. Abgehalten unter dem Vorsitze des Herrn Oberrabbiner S. Fürst der Adas Jisroel am 29. Kislew 5683 (19. Dezember 1922) und 1. Tebeth 5683 (20. Dezember 19221 in Wien, II. Nestroygasse 11. Anwesend die Herren: S. Fürst, Oberrabbiner der Adas Jisroel, Vorsitzender, Rabbiner Nettwirth (Jessod Hathora), Rabbiner Fleischmann (Adas Jisroel), Rabbiner Fleach (Bibelschule V), Rabbiner Schenk (Talmud Thora), Rabbiner Katss (Or Thöra), Rabbiner Benedikt (Toras * Ghaim), Rabbiner Rubinstein (Jessod Hathora), Rabbiner Dr. Pollak (Talmud Thora), Herr Schön (Toras Chaim), Herr Goldschmiedt (Ohel Abraham), Herr Felsenburg (Bethausverein VI), Herr Kamm (Zabner Klaus), Herr Stroh (Adas Jisroel), Herr Krämer (Toras Chaim), Oberlehrer Kohn (Talmud Thora),'Herr Türkl (Or Thora), Herr Lederer (Jessod Hathora und Tomehe Thora), Herr Galandauer (Jessod Hathora), Herr Wosner.. (Jessod Hathora). Forner* die Vertreter sämtlicher Jugendorganisationen der Ägudas Jisroel und zahlreiche Gäste. 1. Tag. . Der Vorsitzende^ Oberrabbiner Fürst,' eröffnet um 7 Uhr 15 Minuten die Tagung, begrüßt in knappen Worten die Erschienenen und bittet alle Anwesenden, sich mit Rücksicht auf die Fülle der Agenden und die Kürze der Zeit der möglichsten Kürze zu befleissigen. Hernach erhält Dr. Pollak zur Geschäftsordnung das Wort. Nach einer kurzen Darstellung der geschäftlichen Seite der Konferenz schlägt er vor, das Präsidium der Tagung zu wählen. Dem Autrag wird stattgegeben und es werden in die Leitung gewählt: Oberrabbiner Fürst, Präses, Rabbiner Katz, Vize-Präses, Rabbiner Neuwirth, Schriftführer, Rabbiner Dr. Pollak, Schriftführer. . Oberrabbiner Fürst dankt für die Wahl und erteilt Herrn Rabbiner Katz zur Ausführung seines^Refemtes „Unser Erziehungsideal" das Wort. . Der Referent beginnt mit einem historischen Rückblick, durch welchen er der Versammlung zeigt, wie das Thorastudium in verschiedenen Zeiten verschiedene Phasen durchgemacht hat, wie es unter Einwirkung der wirtschaftlichen Verhältnisse stieg und fiel. Auf die Gegenwart übergehend, erklärt Redner, mit Freuden konstatieren zu können, - daß wir uns in einer Periode des Wiederauflebens des Thorastudiums befinden. In Wien selbst ist seit 3—4 Jahren ein mächtiger Aufschwung des Thorastudiums wahrzunehmen und es ist nur der Mangel an geeigneten Lokalitäten und Lehrermateriale sehr zu bedauern. Da die Frage der Lokalitäten lediglich eine Finanzfrage ist, will er dieselbe jetzt nicht erörtern. Dagegen erklärt Redner, mit aller Energie darauf verweisen zu müssen, daß für eine richtige Ausbildung von Melamdim und entsprechenden Lehrkräften dringendst Sorge getragen werden muß. Nur qualifizierten Lehrkräften können wir die Ausbildung unserer Jugend anvertrauen. Der Mangel an solchen macht sich sehr stark fühlbar. Er hat seinen Grund in den fehlenden Finanzmitteln und dem Fehlen entsprechenden Menschenmateriales, aber der Grund liegt auch darin, daß'die Melamdim und Lehrer weder. die wirtschaftliche Versorgung noch die moralische Achtung in dem Maße genießen, welche sie mit vollstem Rechte beanspruchen können. Deshalb ist auch der Zuzug zum Lehrerberufe so gering. Es wird doshalb eine der vornehmsten Aufgaben des'zu schaffenden Erziehungsrates sein, eine Athmosphäre zu schaffen, die es unseren Bachurim wünschenswert erscheinen läßt, sich dem Lehrorberufe zu widmen. Dies, meint der Redner, sei die erste Vorbedingung zur Verwirklichung unseres Erziehungsideales. Er führt aus, daß trotz allen Wandels der Geschichte unser Erziehungsideal dasselbe sei, wie es unseren Vätern vorgeschwebt habe. Das ist, unsere Jugend in dem unerschütterlichen Glauben an das Thoragesetz zu erziehen, sie dem richtigen Verständnis von Thora und Talmud nahezubringen. Er hebt hervor, daß die Wiener orthodoxe Judenheit den Thoragesetzen Treue hält, aber ihr Lamdonus nicht groß ist, weil die eisernen Klammern des Schulzwanges die Jugend , am Thorastudium hindern. Die jüdischen Kinder müssen viele Stunden des Tages dem profanen Wissen widmen, wie sollte da ihr Geist die Spannkraft behalten, um auch Thorawissen aufzunehmen. Seiner Erfahrung nach gibt es in Wien zahlreiche begabte Kinder, die dazu prädestiniert seien,- bei entsprechender Ausbildung Gedolim zu werden. Der Erziehungsrat soll daraufhin wirken, daß die Eltern solch begabter Kinder dieselben nicht in die .Schule schicken, sondern sie dem Thorastudium zuführen sollen. Dem Schulgesetze solle durch Ablegung von Privatisten-Prüfungen Genüge geleistet werden. Redner ist überzeugt, daß begabte Kinder privat in wenigen Stunden dasjenige profane Wissen erwerben können, wozu man in der Schule Wochen brauchen würde. Zum Schlüsse bittet der Refernt, besonders jenem Teil seiner Ausführungen Beachtung zu schenken, der die Ausbildung von Lehrkräften und die spezielle Ausbildung der begabten Kinder betrifft. Zur Diskussion ergreift Dr. Pollak das Wort und führt aus, daß man, um auf realem Boden stehen zu bleiben, vorläufig damit rechnen müsse, daß die Wiener Kinder für unabsehbare Zeit werden die öffentlichen Schulen besuchen müssen. Der einzige Weg zur Verwirklichung unseres Erziehungsideates sei nun der, daß man jüdische, staatlich anerkannte Schulen gründet. Vor allem sei es notwendig, die einzige in Wien bestehende jüdische Schule mit staatlicher Anerkennung, die Talmud Thora, zu fördern und sie auszubauen, damit recht viele Kinder sie besuchen können. Bezüglich der begabten Kinder wäre es seines Erachtens das beste, sie als Privatisten von einem Lehrer der Talmud Thora in profanen Lehrgegenständen unterrichten zu lassen und sie im übrigen in Thorawissensehaften zu unterrichten. Rabbiner N e u w i r t h legt die dringende Notwendigkeit der ..Ausbildung goeig.neter Lehrkräfte für unsere Talmud Thoras und Chadorira dar. Herr Felsenburg bittet in Betracht zu. ziehen, daß die Verhältnisse in den äußeren Bezirken anders als im II. Bezirke liegen, und man sich schon damit abfinden müsse, daß die Kinder der äußeren Bezirke die öffentlichen Schulen besuchen müssen. Das einzige Mittel sei hier der Ausbau der bestehenden Talmud Thoras und Chodorim. Oberlehrer Kohn der Talmud Thora tritt warm für die Gründung von konfessionellen Schulen ein, ebenso Herr Goldschmied. Herr Krämer tritt besonders für den Ausbau der Chadorim in den äußeren Bezirken ein. Herr Felsenburg ist der Meinung, daß man diese Chadorim mit Hilfe der einzelnen Bethausvereine erweitern müsse. Nachdem noch Rabbiner Benedikt bittet, dessen zu gedenken, daß die Schüler der öffentlichen Schulen trotz der bestehenden behördlichen Erlässe noch oftmals gezwungen werden,, den Sabbath zu entweihen, wird die Debatte geschlossen. Dr. Pollak faßt nunmehr das Resultat der Debatte in folgender Resolution, die die Zustimmung aller Teil- nehmer findet, zusammen: Unser Erziehungsideal ist, unsere Kinder möglichst in einer jüdischen Umgebung zu erziehen, um derart ihre jüdischen Kenntnisse und ihre jüdische Gesinnung zu festigen und zu vertiefen. Jedoch den tatsächlichen lokalen Verhälthissen Rechnung tragend, wird dem Erziehungsrate empfohlen, die in den äußeren Bezirken befindlichen Thoralehranstalten auszubauen, um ihre Leistungsfähigkeit zu heben. Den im II. Bezirke wohnhaften Eltern soll es zur Pflicht gemacht werden, ihre Kinder irr die einzige mit Oeffentlichkeitsrecht ausgestattete orthodoxe Volks- und Bürgerschule für Knaben und Mädchen, die Talmud Thora, II. Malzgasse 16, zu schicken. Auch soll der Versuch gemacht werden, ein Gruppe von begabten Kindern als Privatisten in diese Talmud Thora-Schule . einzuschreiben. Sie sollen hier während einer Stunde im Tage in .den profanen Gegenständen unterrichtet werden und die übrige Tageszeit dem Thorastudium widmen. . Der Vorsitzende schließt um 10 Uhr die Tagung. __ (Fortsetzung folgt.) Der Weizner Raw Oberrabbiner Josua Silberstein kbw über die Agnda und den Munkaczer Issur. ■ Unser H.. L.-Mitarbeiter aus der Slowakei hat dieser Tage Gelegenheit gehabt, über aktuelle jüdische Fragen mit dem Weizner Oberrabbiner v') zu sprachen. Oberrabbiner' Josua »äilberstjein ist eine iä^ führerideh"1^rs*öniichke^ten der ungarischen' Orthodoxie. Er hat in der ganzen Welt eine unbestrittene Autorität als Gaon. Seine Aeußerungen haben gew^iß Anspruch auf Beachtung. „Warum schließt sie die ungarische Orthodoxie nicht an die Aguda an?" „Die Aguda ist da, um die Zionisten zu bekämpfen. Bei uns sind keine Zionisten, folglich ist die Aguda auch überflüssig. Hingegen wollen wir in der Erez Jisroel-Ärbeit gerne mit der Aguda gehen." „Die Aguda bedeutet nicht die Bekämpfung der Zionisten, vieiraehr den Zusammenschluß der Strenggläubigen. Die Aguda erstrebt das, was die Orthodoxie erstreben muß; Ueberall, im Hauae, in der Gemeinde, im Gesellschafts- und öffentichen Leben den Geist der Thora in unverfälschtem Sinne zu dokumentieren." „Wenn dem so ist, so ist überall, wo es notwendig und zweckmäßig ist, der Anschluß an die Aguda zu begrüßen. Auf jeden Fall freuen wir uns der Erfolge der Aguda in der Slowakei und in den übrigen Ländern." ' „Was sagt der Rabbi zu dem Munkaczer Issur?" „Der Munkaczer Rav hat gefehlt, indem er über den Kreis seiner Gemeinde hinaus einen Issur verhängen will. 'Das war weder klug'noch gerecht." Das wahre Gesicht des Keren Hajessod. Von Dr. Raphael Breuer. Wer da glaubt — und es gibt viele,- die es glauben — der „Keren Hajessod" sei ein herrliches, neutrales Gebilde, das jenseits aller jüdischen Parteien und ihrer inneren Gegensätze eine Plattform gewähre, auf der sich alle Palästinafreunde zu einträchtigem Wirken zusammenfinden können, dem empfehlen wir zu seiner besseren Orientierung, nicht bloß das offizielle Programm des Keren Hajessod zu lesen, sondern auch die vom Keren Hajessod herausgegebene Broschüre „Der Wiederaufbau Palästinas im Zusammenhange der jüdischen Geschichte"* zu studieren. Jenes Programm ist bloß Maske. Erst diese Schrift enthüllt das wahre Gesicht des Keren Hajessod. , Die Maske ist trefflich konstruiert. Kein Wort steht im Programm des Keren Hajessod, das irgendwie geeignet wäre, die Gefühle orthodoxer Palästinafreunde zu verletzen. Wenn der Keren Hajessod sich uns als das wichtigste Finanzinstrument * „Der Wiederaufbau Palästinas im Zusammenhang der jüdisehen Geschichte" von Julius Gutmann, Berlin, als Heft X der Schriften des Keren Hajessod, herausgegeben vom Keren Hajessod, Berlin. der jüdischen Palästinakolonisation vorstellt, wean er uns von seiner Absicht in Kenntnis setzt, die geistigen und materielle» Kräfte der Judenheit der ganzen Welt zur einheitlichen Mitarbeit am Aufbau des jüdischen Palästinas' zusammenzufassen —: warurn sollten da nicht auch orthodoxe Juden ihre geistigen und materiellen Kräfte hergeben, um eine Sache zu fördern, die von Haus aus — darüber kann doch fürwahr kein Zweifel bestehen — das Werk und die Aufgabe, nicht einer einzelnen jüdischen Partei, sondern der gesamten Judenheit ist! Und doch ist dieses Programm nur Maske. Wer das wahre Gesicht des Keren Hajessod kennen lernen will, der muß seine Broschüre über den Wiederaufbau Palästinas lesen. Ich lade dich ein, lieber Leser, dich mit mir in die Gedankengänge dieser Schrift zu vertiefen. I. Du hast im Elternhause und in der Schule gelernt, daß das jüdische Volk am Tage der G-ttesoffenbarung am Sinai die Bestimmung erhielt, ein „Reich von Priestern" und ein „heiliges Volk" zu sein. Was bist du noch so naiv! Laß dir doch vom Keren Hajessod sagen, daß dem nicht so ist. Der Keren Hajessod weiß es besser. Bis zur Zeit des babylonischen Exils war die Religion bloß ein «Bestandteil" des Volkslebens, allerdings ein Bestandteil, der gewiß schon damals „entscheidend wichtig" war, äber immerhin bloß ein „Bestandteil". Zur „Grundlage" der jüdischen Gemeinschaft ist die jüdische Religion erst auf babylonischem Boden geworden und ist es dann geblieben bis in unsere glorreiche Neuzeit, in der für eine religiöse Einheitskultur des Judentums kein Platz mehr ist. Heute i«t die Religion auf die im engeren Sinne religiöse Sphäre beschränkt. Heute teilt sich das Leben der Juden in eine jüdische Sphäre religiösen und eine außerjüdische allgemeine kulturellen Inhalts. Heute hat die religiöse Ueberzeugung aufgehört, die unerläßliche Voraussetzung für die Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft zu sein. Heute steht dem alten jüdischen Gedanken des Glaubensvolkes das moderne Ideal der Nation gegenüber. Und dieses „neue Ideal eines weltlichen Judentums" hat auch einen „neuen Zionsgedanken" erzeugt, der dem religiösen Zionsideal zur Seite tritt". Aus dieser vollkommen neuen Situation ergibt sich für den Aufbau Palästinas in heutiger Zeit das folgende Postulat: „Die veränderten geschiehtlichenBedingungen, welche die Umwandlung des Diaspora-Judentums herbeigeführt haben, gelten ebensosehr auch für das jüdische Leben, das sich in Palästina entfalten soll. Die Ursachen, welche die Sonderung des religiösen und des nationalen Moments herbeigeführt haben, bleiben auch für das zukünftige palästinensische Judentum in Kraft." Schon in diesem Grundgedanken der von ihm herausgegebenen Broschüre hat der Keren Hajessod sein wahres Gesicht enthüllt. Nun haben wir endlich die richtige Antwort auf die Frage: Was ist der Keren Hajessod? Wir können es dem berechtigten Selbstbewußtsein eines jeden Lebewesens zugute halten, wenn der Keren Hajessod sich' selbst nicht bloß als ein Finanzinstrument, sondern als das wichtigste Finanzinstrument der jüdischen Palästinakolonisation bezeichnet. Wir sind es aber unserer eigenen Selbstbehauptung schuldig, die Frage aufzuwerfen, mit welcher moralischen Berechtigung der Keren Hajessod die Judenheit der ganzen Welt um seine Fahne scharen will. Was soll denn die Maske religiöser Neutralität, mit welcher der Keren Hajessod sein wahres Gesicht verhüllt? Wenn in diesem Palästina, das er aufbauen will, das „neue Ideal eines weltlichen Judentums" verwirklicht werden soll, wie kann und darf er behaupten, daß er nicht im Dienste einer, einzelnen jüdischen Partei, sondern der gesamten Judenheit stehe? Hat sich denn unter den „veränderten geschichtlichen Bedingungen" schon wirklich die gesamte Judenheit so gründlich umwandelt, daß ihr die einheitliche Mitarbeit am Aufbau eines weltlichen Judentums in Erez Jisroel zugemutet werden kann? Das Keren Hajesso d-Judentum ist nicht unser Judentum. Wir können wohl ohne . weiteres zugeben, daß es in unserer g-ttlosen Zeit eine große Zahl g-Moser Juden gibt, bei denen die Voraussetzungen der Keren Hajessod-Philosophie zutreffen, die den Verlauf der jüdischen Geschichte mit den Augen des Keren Hajessod verfolgen, welche die beherrschende Stellung der Thora im jüdischen Volksleben als eine vorübergehende Erscheinung babylonischer Abkunft betrachten, während sie zur Zeit von li'Ü*) ntt?Ü nur ein »Bestandteil" dieses Volkslebens war — wir können und werden aber niemals diese aller jüdischen Tradition Hohn sprechende Geschichtsbetrachtung als einen geeigneten Sammelruf der gesamten Judenheit zur Förderung des jüdischen Siedlungswerkes in Palästina betrachten, solange es noch ein kleines Häuflein Jehudim gibt, die vor der Perspektive zurückschaudern, die ihnen das — wahre Gesicht des Keren Hajessod eröffnet. Denn es ist ja gar nicht wahr, was der Keren Hajessod behauptet (wohlweislich nicht in seinem Programm, sondern in seiner Broschüre), daß die überkonfessionelle Einheit der neuen europäischen Bildung die religiöse Form der überlieferten jüdischen Bildungswelt sprengen mußte. Der KereR Hajessod kniet vor diesem geschichtlichen Dogma wie vor einem Götzenbilde. Die Einheit der neuen europäischen Bildung ist gewiß überkonfessionell oder, in ein populäres Deutsch übertragen: Die Religion nimmt in der Bildung eines modernen Europa keine altes beherrschende Stellung ein, sie muß sich vielmehr im besten Falle mit der Rolle eines „Bestandteils" seiner Bildung begnügen. Ergibt sich aber daraus mit unaus- . weichlichem Zwange, daß nun auch die religiöse Form der überlieferten jüdischen Bildungswelt in die Luft fliegen mußte? Sie ist vielfach in die Luft geflogen. Jedoch: mußte? Kein Mensch muß müssen! Seit wann ist denn die Entweihung des Sabbats ein Naturgesetz? Müssen wir uns denn von Thora und Mizwoth lossagen? Und beweist denn die unendliche Fremdheit, die auch im deutschen Judentum trotz aller „überkonfessionellen" Einigungsversuche die Parteien auseinanderhält, nicht aufs schlagendste, daß von dieser religiösen Form der überlieferten jüdischen Bildungswelt doch noch mancherlei zu sprengen wäre, bevor eine gewissenhafte Geschichtsbetrachtung von ihrer Beseitigung als einer unabänderlichen Tatsache zu sprechen sich erkühnen dürfte? (Fortsetzung folgt.) Vom Tage. Das Eeforrajudentum in Amerika. Am 22. Jänner feiert das Reformjudentum in Amerika seinen 50. Geburtstag. Es handelt sich um die extremste Reformrichtung, die Orgel und Sonntagsgottesdienst, Ausschaltung der hebräischen Sprache und andere schöne Nachäffungen nichtjüdischer Kulte eingeführt hat. In dem als materialistisch verschrieenen Amerika hat es diese bequemste Religion (?) in einem halben Säkulum auf 50.000 Seelen in 175 Gemeinden gebracht. In New-York allein existieren 800 Pflegestätten des alten echtjüdischen Geistes, der sich nicht nur erhält, sondern in den jüngsten Jahren allenthalben zu neuer Blüte gelangt. „Denn sie (die Thorah) wird nicht vergessen werden aus dem Munde seiner Nachkommen." Noch einmal der Vortrag" Dr. Kohn über den Weltkongreß. Das zionistische J. C. B. berichtete über eine Resolution gegen den Wellkongreß. — Da die daran geknüpften Angriffe gegen die Aguda nicht packten, versucht »J. P. Berlin- Wien" diese erfundene Nachricht der Aguda in die Schuhe zu schieben. Dumm oder schlecht?

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