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Jüdische Presse · 1923-01-05 · 1 (5.1.1923) · page 1

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Journal
Jüdische Presse
Volume
9 (1923)
Issue
1 (5.1.1923)
Date
1923-01-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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V. b. b* JUDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESI»OHDEJ.31IvtBnazui8Jj#.I«3IetaOTTjlT(ls>R;iTsje ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHCimjabn JUDENTUMS. Redaktion nnd Administration: Wien, II., Halsgasse 12 a. — Telephon 49.054. . Tschechoslowakei: Bratislava, Postfach 140. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluß: Für Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Österreich £48.000, Ungarn K 1500, Tschechoslowakei Kö. 70--, Deutschland Mk. 5000*—, Schweis Frcs. 10*—, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 100 Lei, Jugoslawien 70 Dinar, Polen Mk. 10.000*—. Einzelnummer d.-ö. K 1000, Kö. 1*50. T Zablnngen ffir Outemieh: Postsparkassenamt Wien, Konto Hr. 18.468; ffir Polen: Postaparkasienamt Warflchan, Konto Hr. 190.409; ffir Ungarn: Postsparkassenamt Budapest, Konto Nr. 50.170; ffir Tschechoslowakei: Pöstsparkassenamt Prag, Konto Kr. 63.886; ffir Jugoslawien: Postsparkassenamt Agratti Konto Kr. 40.817; ffir Rumänien: Banca H&rmarosoh Blane A Co. ffir Josef Hörens * Co., Bukarest. Nr. 1 Wien-Bratislava, 5. Jänner 1923 ownn roto r nnosjnB - m rrm 9« Jahrg. Die Kenessio Gedaulo. Die Einberufung der Kenessio Gedaulo für den nächsten Sommer scheint uns der wichtigste Beschluß der Zentralratstagung von Breslau zu sein. Er wird von allen Agudisten, die seit Jahren sich nach dieser Kenessio sehnen, mit Jubel aufgenommen werden. Sie werden überall ihre Arbeit verdoppeln, ihre Leistungen vergrössern, um diese große Versammlung richtig vorzubereiten und würdig zusammentreten zu lassen. Jedoch wollen wir von vornherein betonen, daß wir dieser Kenessio durchaus nicht eine große Aufmachung nach außen hin wünschen. Nicht die Zahl der Anhänger der Aguda soll durch diese Versammlung dokumentiert werden.'Es ist wohl für uns nicht einerlei, ob die Zahl, der organiserten Mitglieder der Agudas Jisroel eine halbe oder dreiviertel oder gär eine ganze Million beträgt. Es gibt ja Menschen, denen bloß Ziffern imponieren. Doch unvergleichlich größer ist der moralische Wert dieser Kenessio durch das Prinzip, das — so wollen wir mit G-ttes Hilfe hoffen — durch die große Versammlung der Jereim, die Thora und Jiro mit all ihrem Können fördern und stärken, nach innen und außen dokumentiert wird. Dieses Prinzip ist das Prinzip der Selbständigkeit der Orthodoxie. Agudas Jisroel hat zum Programm die Lösung aller Fragen im Geiste der Thora. Darunter hat man in der ersten Zeit die Bestrebungen verstanden, die einzelnen thoratreuen Juden zusammenzufassen, um ihre moralische, geistige und materielle Kraft zu vergrößern und zweckmäßiger zu verwenden. In den Kämpfen der letzten Jahre ist die Grundidee der AßiidjyjJisroel klarer" und auch größer ge* word^rsVOT^ Juden zusammenfassen, sondern das wahre Wesen des jüdischen Volkes in einer modernen Organisation zum Ausdruck bringen, um so das Ideal unseres ' Volkes zu verwirklichen. Es wurden in diesen Jahren viele harte Kämpfe ausgefochten. Im Ringen um Geltung und Anerkennung hat man viele Wunden schlagen und auch erleiden müssen. Mißverständnisse im Innern, Mißgunst im Lager unserer Gegner haben diese Entwicklung gehemmt, aber nicht aufhalten können. Starke Strömungen im jüdischen Volke in den letzten Jahren waren darauf gerichtet, daß man eine Einheitsfront nach außen darstelle. Agudas Jisroel stand hier auf dem Scheidewege. Es waren viele, die von ihr erwartet haben, selbst auf Kosten der Reinheit ihrer Grundsätze sich in die Reihe jener zu stellen, die wohl nach außen die Einheit verkünden und eine Einheitsfront darstellen möchten, aber durch die Verkündung und Propagierung ihrer Ideen die Einheit und die historische Kontinuität des jüdischen Volkes mit logischer Notwendigkeit zerstören. Ueber all diese Fährnisse ist nun Agudas Jisroel zu einem Punkte gelangt, der den Abschluß einer schwankenden unklaren Vergangenheit und den Beginn einer reinen prinzipienfesten für alle Welt klaren Zukunft bedeutet. Die Kenessio Gedaulo soll den Sieg dieses Prinzips krönen. Die Vertreter des jüdischen Volkes, die das Wesen des jüdischen- Volkes in der Thora erblicken, die kein anderes Organisationsprinzip als das Sinaigesetz für das jüdische Volk anerkennen; die Vertreter des jüdischen Volkes, die die Einheit und Einzigkeit des jüdischen Volkes nur dann gewährleistet wissen, falls das jüdische Volk seine Existenz im richtigen Erfassen seiner historischen Vergangenheit und in Würdigung seiner großen Zukunft nicht von Thora und Tradition trennen läßt; die] Vertreter dieses G-tt und seinem Gesetze treu gebliebenen Teiles des jüdischen Volkes werden zusammentreten und das wahre Wesen des Judentums dokumentieren. Wir erblicken in der Manifestation dies es Prinzips die wahre Bedeutung der Kenessio Gedaulo. Und wahrlich, es liegt, nichts von Separation und Trennung in diesem Prinzipe. Jene, die auf dem Wege Sind, wahre Jehudim zu werden, jene die sich nach G-tt sehnen^und in den Irrungen der letzten Jahrzehnte nach einem Weg suchen, der sie zu der wahren Quelle des Judentums und zum wahren Wesen des jüdischen Volkes führen würde, sie werden glücklich sein, das kraftvolle Streben der Treuen zu sehen, die geeint und zusammengefaßt, den Krystallisationspunkt für diese gesunde Entwicklung bilden. Schwere Monate der Vorbereitung stehen uns bevor. Es müssen noch wichtige Voraussetzungen geschaffen werden, die das Gelingen des großen Werkes verbürgen. Agudas Jisroel hat von Anfang an mit schweren Hindernissen und mit fast unüberwindlichen Schicksalsschlägen zu kämpfen gehabt. Viele ihrer Gründer und opferungsvollen Arbeiter sind in ein besseres Jenskits gegangen. Aber der Beschluß des Zentralrates in Breslau hat nun das große Wort gesprochen und den Auftakt zu neuer Arbeit gegeben. Wir hoffen, daß sie mit G-ttes Hilfe gelingen wird. P-k. Die er^ Lehranstalten und Lehrer in Wien. Die Konferenz der thoratreuen Lehranstalten und Lehrer, über die wir in der vorletzten Nummer nur ganz kurz berichten konnten, hat tmter zahl- B*teüig*in£k atat würdigen Verlauf genommen. Der Erziehungsrat für das thoratrcue Schulwesen in Wien, der diese Konferenz einberief, hat ein verdienstvolles Werk ersten Ranges vollbracht. Die Tagung, deren Protokolle wir ausführlich bringen werden, hat bewiesen, welche Gefahren der thoratreuen Jugend in Wien drohen. Gegen diese Gefahren ein Bollwerk-zu errichten, ist die wichtigste Aufgabe der thoratreuen Judenheit. Bis jetzt haben meistens :. die Vorstände der einzelnem orthodoxen Bethaus- ^^^y^eine^ßchulea, gegründetj .die aber allein auf IsicT^esf^ vö^lbnrigen können. Die Konferenz, und das ist vielleicht der wichtigste Erfolg derselben, "hat es in aller Deutlichkeit gezeigt, daß einzig und allein der Zusammenschluß all dieser Thoralehranstalten und ihre geeinte Kraft in der Zukunft ein geeignetes Mittel für die richtige Erziehung unserer Jugend Momentbilder aus der Zentralratstagung. ii. Der Rakower R a w. Seinen Namen habe ich zum ersten Male in den Veröffentlichungen des Wilnaer Flüchtlingskomitees „Unser Hilf" gelesen. Nach dem daselbst abgedruckten Protokoll hat er beanstandet, daß die Kleider und die Wäsche, welche von den Amerikanern geschickt werden, in Maß und Zuschnitt nicht für die Flüchtlinge passen. Dieses belanglose Detail blieb merkwürdigerweise in meiner Erinnerung haften und seither lebte der Rakower Raw in meiner Vorstellung als ein Mann, der für die Wäsche und Kleider der Flüchtlinge in nicht gerade sehr großzügiger Weise sorgt. Als ich nun gelegentlich der Zenlralrats-Tagung seine imposante Gestalt und seine leidenschaftliche Ausdrucksweise wahrnahm, war ich sehr überrascht. Als er zu sprechen anfing — er war beim Zentralrat als der spezielle Abgesandte von Rabbi Ghaim Oser Grodzenski und vom Radiner Raw Ghofez Ghaim legitimiert — als er das Wirken dieser zwei Thoragrößen, die trotz ihres greisen Alters mit jugendlichem Eifer für die Thoralehranstalten und für die Verbreitung wahrer Frömmigkeit arbeiten, schilderte, ging ein warmer Hauch des leidenschaftlichen Arbeitswillens von diesem jungen Raw aus, der selbst die kühlen Westler mit einer elementaren Gewalt erfaßte. Dann erzählte er von den dreitausend jungen jüdischen Kindern, die in* dem einstigen „Klein-Jerusalem", in Wilna, in den Schulen der „Kultur Liga" von frühestem Alter an zur Ungläubigkeit, zu Apikorsus und zum Abfalle vom wahren Glauben erzogen werden. Der Seelenschmerz der armen frommen Eltern hat noch selten eine so beredte, ausdrucksvolle Schilderung erfahren, wie hier durch den Mund des Rakower Raw. Am Schlüsse sprach er von der religiösen Not unserer russischen Brüder. Die Schilderung der heldenhaften Verteidigung der Wittebsker hohen Talmudschule — vier Tage hat der erbitterte Kampf gedauert, bis diese Jeschiwah in ein Arbeiterheim verwandelt werden konnte — war ein Heldengesang. Der ihn sang, ließ uns ahnen, daß er selbst jeden Augenblick bereit wäre, nicht nur mit Worten, sondern auch mit Waffen, mit Einsatz seines Lebens für Thora und Tradition zu kämpfen — — — Ehe ich dem Rakower Raw von Angesicht zu Angesicht gegenüber gestanden war, lebte er in meiner Vorstellung als ein Mann, der gegen die Kleinlichkeiten des Alltags zu Felde zieht; als ich von ihm Abschied nahm, nahm ich das Bild eines begeisterten edlen Kämpfers für unsere heiligsten Güter mit mir ... Rabbi Ghaim Sonnenfeld. Er war selbst nicht in Breslau. Jedoch in allen Beratungen über Erez Jisroel war Geist von seinem Geiste. Sein mutiges Kämpfen und ungebrochener Wille haben ihm Sympathie erworben in allen Kreisen der Orthodoxie, die durch die neuen Strömungen in Erez Jisroel den alten heiligen Charakter Jerusalems gefährdet sieht. Rabbi Horowitz hat seine Grüsse gebracht und seinen in lapidarer Kürze abgefaßten Brief der großen Versammlung vorgelesen. Es ist zum Schmerz aller Thoratreuen männiglich bekannt, daß die Autorität von Rabbi Ghaim Sonnenfeld in Erez Jisroel von jenen Kreisen geschwächt wird, an deren Spitze Rabbi Kuk, der von seinen Anhängern selbst als großer Gaon verehrt wird, steht. Es war nun eine traurige Genugtuung, von dem Vertreter Erez Jisroels an der Tagung die Aeußerung Rabbi Kuks zu hören, die er anläßlich der Versuche gemacht hat, die von Juden selbst ausgingen und dahin zielten, die alte jüdische Eheordnung aus den Fugen zu bringen und die Reinheit der jüdischen Ehe anzutasten. In diesem Verzweiflungskampfe der Jereim soll Rabbi Kuk sich geäußert haben: „Ich werde noch Rabbi Chaim Sonnenfeld Abbitte leisten für die vielen Kränkungen, die ihm zugefügt wurden. Seine Befürchtungen waren nur allzu begründet. Wir sind aut dem Wege, ein Volk ohne Herrschaft der Thora zu werden." Unser einziger Trost in diesem Augenblicke war das Bewußtsein, daß unsere Wächter an den Toren Jerusalems stehen, daß Rabbi Sonnenfeld Kto'^tP in Jerusalem lebt und wirkt. Die slowakische Orthodoxie. Es wäre eine Selbsttäuschung, nicht einzugestehen, daß die Vertreter der slowakischen Orthodoxie ein ungünstiges Vorurteil der Versammlung gegen sich hatten, ein Vorurteil, welches sich logischerweise aus den jüngsten Kämpfen, die sich auf tschechoslowakischem Boden abgespielt haben, herausgebildet hat. Die scharfen Aeußerungen von Rabbiner Katz bei der öffentlichen Versammlung am Dienstag vormittag und die wuchtigen Hiebe von Oberrabbiner Weber bei der öffentlichen Versammlung Mittwoch abends haben das ungünstige Urteil noch verschärft. Ich muß aber gestehen, daß es wirklich bloß ein Vorurteil war. Denn als Herr Rosenheim in derselben Versammlung von den großen Kämpen für die Selbständigkeit der Orthodoxie sprach, die im Lande Ghasam Sofers ausgefochten werden, als er darauf hinwies, daß sein geistiges Erbe in den Schülern der großen Preßburger Jeschiwah fortlebe, hat er einen Orkan der Begeisterung hervorgerufen, wie ich ihn selbst bei Vorträgen Herrn Rosenheims nie erlebt habe. Und vollends, als in später Nachtsitzung, in welcher über die praktische Palästinaarbeit diskutiert wurde, als letzter Diskussionsredner Oberrabbiner Weber das Wort nahm und statt langer Reden in seinem eigen Namen 10 Pfund und im Namen seiner Landesorganisation 500 Pfund für Zwecke praktischer Erez Jisroel-Arbeit votierte, hat er eine Sympathiekundgebung für die tschechoslowakische Orthodoxie, die an Herzlichkeit und Spontanität. nichts zu wünschen übrig ließ, entfacht. Zu Beginn der Tagung lagerte ein Ton leisen Mißfallens an der tschechoslowakischen Orthodoxie über der Versammlung! Zum Schlüsse gedachte alles in brüderlicher Sympathie des Landes, in dem Ghasam Sofer einst lebte und sein Geist noch heute in seinen Schülern wirkt. J.

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