Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 8 (1922)
- Issue
- 48 (22.12.1922)
- Date
- 1922-12-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 48 JÜDISCHE PRESSE Sfeite 287 orthodoxer Juden verfolgten Zwecke und Ziele. Die Gruppe jener Juden, deren G-tt ein eifervoller G-tt ist, der nicht ein Jota nachläßt von seinen strengen 613 Ge- und Verboten, nehmen im Geiste ihres Herrn ihre Hilfstätigkeit ungeheuer ernst, sie führen einen erbitterten Kampf gegen Not und Elend, aber wie der milde Oberrabbiner Fürst so herzenswarm sagte: „Wo die Barmherzigkeit siegt, gibt es keine Besiegten". Als wichtigste Verpflichtung erscheint, es dem. Jüdischen Hilfswerk, Waisenknaben, deren Eltern zu Opfern der Zeitennot oder gar der Pogrome wurden, zu tüchtigen Handwerkern heranzubilden. Ein prächtig eingerichtetes Haus in Baden und ein zweites, das dank der Opferwilligkeit von Schweizer Glaubensgenossen erstanden werden konnte, ein ehemaliges Wirtschaftsgebäude des Erzherzogs Rainer, sind dazu bestimmt, elternlose Kinder aufzunehmen. Doch werden sie körperlich und geistig zu vollwertigen Menschen herangebildet. Keiner von den Kleinen, die in dem nun seit Jahresfrist geführten Heim untergebracht sind, sieht wie der übliche „Waisenknabe" aus, vergnügte Jurigens mit roten Backen tollen durch das Haus, gehen fleißig in "die Schule, leben dabei strenge nach den Satzungen ihrer Religion und feiern ihre Feste, wie sie fallen. Hatten sie doch gerade für Sonntag, dem vierten Tag des Lichtfestes „Chanuka", der dem Andenken der heldenmütigen Makkabäer geweiht ist, einen Theaterabend, an dem die Knaben selbst die Erinnerung an uralte Sitten und Gebräuche aufleben ließen. Alte Lieder, alte Singspiele, alte Spiele erstanden neu und das Licht der siebenarmigen Menah ergoß sich über eine Knabenschar, die frohgläubig und zuversichtlich einen Weg der Arbeit gehen, den ihnen statt der Eltern gute Menschen bereitet haben. Die nächste Station der Knaben, die das vierzehnte Lebensjahr bereits erreicht haben, wird das Heim in der Schimmelgasse 6 sein, das die Aguda vom Krippen verein gepachtet hat. Hier werden die Knaben wohnen, die in den Lehrwerkstätten in der Edelsinngasse für ein Handwerk erzogen, in den dortigen Schlafsälen aber nicht mehr untergebracht werden können. Diese Lehrwerkstätten in Meidling haben auch' ihre eigene, zwar kurze, aber darum nicht minder seltsame Geschichte. Es sind Teile der Meidlinger Spitalbaracken, die mit dem dazugehörigen Grund und Boden vom Fabrikanten Pappenheim, dem Sohne des Präsidenten der Aguda, gekauft und dem Verein einfach geschenkt wurden. Auf die Bemerkung, hur ein Mann, der ein großes und gutes Herz habe, könne sich zu solcher Spende entschließen, meint er mit dem melancholischen Lächeln des Talmudisten: „Ein guter Herr? Nein, nur Verstand. Es ist die beste Kapitalsanlage, wenn die Jungen hier zu tüchtigen Arbeitern herangebildet werden." Das mag richtig sein, nur daß die Zinsen dieser Kapitalsanlage nicht dem Stifter dieses riesigen Areals, sondern den Kindern jenes Volkes zufallen werden, zu dem der Spender sich bekennt. Hundertzwanzig Bettgestelle sind vorläufig um 70 Millionen Kronen dafür angekauft worden, die Einrichtung der Lohnwerkstätten für alle metallverarbeitenden Gewerbe, für Tischler. Kürschner, Schuster, Schneider, Tapezierer wird ungefähr noch eine weitere Milliarde verschlingen. Eine Milliarde österreichischer Kronen, aber die „Aguda" reicht über die ganze Welt, in Pfunden und Dollars ist der Betrag nicht mehr so erschreckend und er wird aufgebracht werden von den Ausländern gemeinsam mit der Schar der hiesigen opferbereiten Juden, die auch dann, wenn sie selber nicht viel haben, immer noch einen Teil für noch Aermere einzubringen. In den Wiener Lehrwerkstätten des Judischen Hilfswerkes sollen auch Knaben aus dem Osten, nicht nur Wiener ausgebildet werclen, jedoch mit der Bestimmung, wieder in ihre Heimat zurückzukehren, um dort das erlernte Handwerk auszuüben. Universitätsprofessor Dr. Eisler faßte die Ziele des Hilfswerkes dahin zusammen, daß verlassene, arme Kinder zu lebenstüchtigen Menschen ausgebildet werden sollen, die nach Erreichung des 17. Lebensjahres imstande sind, ihr Brot auf ehrliche Weise allein zu verdienen. — Jüdische Handwerker hat es immer gegeben und viele von ihnen, merkwürdigerweise besonders Schuhmacher, wurden nebenbei berühmte Talmudgelehrte. Vorurteilslose Meister haben sogar die nüchternen, fleißigen, jüdischen Gesellen sehr gerne in ihren Werkstätten gesehen und die Behauptung, daß die Juden nicht arbeiten und nur am Zwischengewinn durch Handel Geld verdienen wollen, gehört zu den bösartigen Ausstreuungen. Nun will jedoch eine große Korporation durch die betonte Heranbildung von Handwerkern diesen Behauptungen den Boden nehmen. E T. Werktätige Hilfe für verlassene Jugend. Die Eröffnung des Knabeninternats in der Sohimmelgasse. (Originalbericht des „Illustrierten Wiener Extrablatt".) Das von dem „Jüdischen Hilfsverein Wien" ins Leben gerufene Knabeninternat Für verlassene jüdische Kinder in der Schimmelgasse 6 auf der Landstraße wurde Sonntag vormittags eröffnet. Den Eröffnungsfeierlichkeiten wohnten in Vertretung des Ministers für soziale Verwaltung Schmitz Ministerialrat Dr. Eisenschimmel, Oberrabbiner Fürst, dei "Präsident des Vereines Pappenheim und Vertreter anderer interessierter Korporationen bei. Eine Ansprache des Universitätsprofessors Dr. Max Eisler leitete die Feierlichkeiten ein. In der Anstalt haben vorläufig 20 Kinder Unterkunft gefunden. Sie sind unschuldige Opfer der Großstadt. Von ihren Eltern verlassen, irrten sie obdachlos und ohne Schulbesuch in den Straßen herum, verbrachten die Nächte im Freien oder in Kanälen und würden bei polizeilichen Streifungen aufgegriffen. Den Kosteltern, zu denen sie gebracht wurden, inangelte es an Verständnis für die Erziehung dieser bedauernswerten Geschöpfe, die ihnen nun in der Anstalt zuteil werden soll. Der Verein hat sich ein weites Ziel gesteckt. Er begnügt sich nicht damit, die Kinder bis zum 14. Lebensjahre in Obhut zu halten, um sie dann wieder allen Gefahren der Großstadt preiszugeben, sondern die Fürsorge wird sich auf so lange Zeit erstrecken, bis die Gewähr dafür vorhanden ist, daß die Schützlinge sich selbst ernähren können. Zu diesem Zwecke wurde in Meidling, Edelsinngasse 20, eine weitläufige Fabriksanlage erworben, in der Werkstätten errichtet werden, in welchen die Zöglinge zu tüchtigen Handwerkern herangebildet werden sollen. Die Tätigkeit des Vereines erstreckt sich aber nicht nur auf die Fürsorge für verlassene, sondern auch für verwaiste Kinder. In Baden, Germergasse 48, hat es ein mustergültiges Kriegswaisenhaus errichtet, in dem zurzeit 42 Kinder erzogen werden. Sie stammen aus den östlichen Kriegsgebieten und haben furchtbare und grauenhafte Erlebnisse hinter sich. Der Verein hat auch schon ein zweites Haus in Baden erworben, das den nötigen. Adaptierungsarbeiten entgegengeht und in dem 100 Waisenkinder, die der Krieg ihrer Väter und Mütter beraubt hat, erzogen werden sollen. Fast unbemerkt von der OeffentHehkeit hat der Verein die großzügige Hilfsaktion durchgeführt, die noch einen weiteren Ausbau erfahren soll. Die Schöpfer des Werkes sind bescheidene Kaufleute und Gewerbetreibende, aber Männer vom praktischen Sinn und charitativer Tatkraft. Vor einigen Tagen starb in Frankfurt a. M. im Alter von 61 Jahren der bekannte Philanthrop und Kunstmäcen Hugo Nathan. Die syrisch-palästinensische Abordnung hat der Lausanner Konferenz eine Note zugehen lassen, in der sie darum ersucht, bei Verhandlung der südlichen und südwestlichen Grenze der Türkei angehört zu werden. Der Arbeitsinspektor in Wilna berief die jüdischen Kaufleutc und Fabrikanten zu sich und erklärte ihnen, daß von jetzt ab die Sonntagsruhe durchgeführt wird und -Läden wie Fabriken den ganzen Tag geschlossen sein inüsson. Die Arretierung einer Anzahl Beduinenscheichs wegen des Verbotes der Volkszählung bei den ihnen unterstehenden Stämmen blieb ohne Erfolg, indem die Beduinenstämme in der Gegend von Beerseheba den Boykott der Volkszählungslisten fortsetzten. Die Jerusalemcr Regierung hat in diesem Jahr 2100 Pfund als Darlehensfonds für jüdische Kolonisten in den südlichen Kolonien bereitgestellt. Die Darlehen weiden zu Ö Prozent auf drei Jahre vergeben, das Maximum einer Anleihe bträgt 60 Pfund. Der Oberrabbiner von Alt-Ofen (Ungarn) Dr. Ignaz Schreiber geriet Mittwoch vormittags, als er auf einen fahrenden Straßenbahnzug aufspringen wollte, unter die Hader und konnte nur noch als Leiche geborgen werden. Der Verunglückte war erst 31 Jahre alt. Das in Charbin bestehende russisch-japanische Institut hat den ehemaligen Schüler des von Baron GUlzburg gegründeten orientalischen Instituts in Petersburg, L. Feigin, als Lektor für Hebräisch und als Lehrer für jüdische Literatur verpflichtet. Wie der offizielle Regierungsanzeiger mitteilt, wurden^ im Laufe des Monat.-; Oktober in Palästina 16 neue'1 Staatsschulen für Araber eröffnet. Im ganzen sind während der Monate August bis .Oktober 65 Staatssehuka in Palästina eröffnet werden. Bei der Immatrikulation erklärte der Dekan der medizinischen Fakultät in Prag, daß die Universität im deutscharischen Geiste geführt werde, und daß alle NicT.tarier bloß Gäste sind, die ihre Gaslpflichten nicht zu vergessen haben. Die für den 25. und 26. Dezember anberaumt gewesene Sitzung des zionistischen Aktionskomitees wird auf Anfang Jänner verlegt werden. Der Oberkommissär von Palästina hat eine spezielle Kommission eingesetzt, welche die Frage der öffentlichen Sicherheit in Palästina zu regeln haben wird. Misrachistische Gedanken. Herr O. W. klagt im jüngsten Leitartikel' der „Jüdischen Presse" Berlin, Zentralorgan der Misrachi, über die agudistische Orthodoxie. Herr O. W. scheint selber ein religiös angehauchter Jude zu sein. Zumindest drückt er den Wunsch aus; daß die „Stimme der lleberlieferung beim Aufbaue Erez isroels gehört werde1'. Nun hat dieser religiöse angehauchte O. W. ganz merkwürdige Ideen. Bei einem starken religiösen Anhauch würden wir es doch nicht für möglich halten, daß Juden, die nicht nur am Sabbat strenge festhalten, die Gesetze der Thora für ihren Lebenswandel einzig maßgebend halten, sondern auch ihre ganze Kraft und Kncrgie zur Weckung des religiösen Judentums verwenden, doch von Herrn O. W. der Volksl'remdheit und Volksverrates geziehen werden. Und warum dies? Weil diese schlimmen Agudisten noch immer den Mut haben, die Jewish Agency, welche durch die Zionistische Organisation allein gebildet wurde, nicht als ihre Vertretung anerkennen zu wollen. Doch der Hang zum Volksverrate und die Betätigung von Volksfremdheit geht bei diesen scheinbar gewohnheitsmäßigen Sündern noch viel weiter. In ihrem frevelhaften Mute stellen sie sich gegen' den allgemeinen jüdischen Weltkongreß. Ein Führer dieser Organisation von Volksvenätern erkühnt sich soweit, die Zionistsiche Organisation zu den liberalen Rabbinern des vorigen Jahrhunderts in Parallele zu setzen. Das kann der fromme O. W. schon überhaupt nicht vertragen. Oder wie er es sagt, so was kann einem gut denkenden Menschen nicht einleuchten. Jedoch gibt sich Herr 0. W. der, ein Philosoph im Schafspelze zu sein scheint, Mühe, um sich in die Psyche solcher Verbrechernaturen, wie sie die agudistische Orthodoxie produziert, zu vertiefen. Und nach solch einer Vertiefung wird am Meeresgrunde die Perle der Wahrheit gefunden. „Wir begreifen die Idiosynkrasie der strammen Orthodoxen," so schreibt Herr 0. W. „Das i Dogma von der alleindaseinsberechtigten Orthodoxie würde erschüttert werden durch einen allgemeinen Weltkongreß, und die Existenz des Volkes in seiner Gesamtheit, unwiderstehlich in Erscheinung treten." Nun, es dämmert auch bei uns. Auch wir begreifen, dad dem Misrachi-Zentral-Organ-Leitartikler die Existenz des Volkes in seiner Gesamteit unwiderstehlich am Herzen liegt, wenn in dieser Gesamtheit alle Gattungen, Gruppen, Schattierungen - gleich wie in einem Ziergarten die verschiedenartigen und verschiedenfarbigen Blumen — mit gleicher Daseinsberechtigung vertreten sind. Diese Bejahung aller Richtungen und Schattierungen ehrt für alle Fälle den philosophischen Kopf eines Misiachidenkers. Nur können wir es nicht verstehen, Schiff s zwarenhaus warum er diese Existenzberechtigung nicht jener Schattierung, Gruppe, oder Richtung zuerkennen will, die roch nicht so weit ist, die ewige Lehre G-ttes und die ewig verbindliche Kraft seiner Gesetze auf das Niveau der gleichberechtigten „Richtungen", die alle beisammen die Existenz des G-ttes-Volkes dokumentieren sollen, hinabsinken zu lassen. Die Aguda-Deputierten im polnischen Sejm. (Schluß.) Außer den fünf Deputierten der Aguda-Kandidatenliste ist als Vertreter Ostgaliziens eine sehr gewichtige Persönlichkeit in den Sejm gewählt worden, der Samborer Rabbiner Aron Lewin. Da die Aguda die Teilnahme an den Wahlen in Ostgalizien aus prinzipiellen Gründen abgelehnt hat, erscheint Rabbiner Lewin außerhalb des Aguda-Programmes gewählt. Selbstverständlich wird er aber trotz dieser äußerlichen Differenzierung im Zeichen der Aguda-Fahne Schulter an Schulter mit den Aguda- Deputierten im Sejm wirken. Er ist ein berühmter „Charit" und hat hochwertige talmudische Werke herausgegeben. Er ist ein Mann voll tiefer Religiosität, ein Anhänger des Chassidismus und besitzt umfassendes profanes Wissen. Wir begrüßen wärmstens die Wahl Rabbiner L^wlns, welche für uns einen wertvollen Kräftezuwachs bedeutet. Die zwei in den Senat des Sejm gewählten Senatoren sind Uscher Mendelsohn aus Lodz und Moses Deutscher aus Krakau. Uscher Mendelsohn in seiner Eigenschaft als Ersatzmann für den verewigten Sejmdeputierten Halpern bestens bekannt, ist eine in der polnischen Handelswelt angesehene Persönlichkeit. Sein ganzes Leben ist der Arbeit auf charitativem und kulturellem Gebiete gewidmet. Dank seiner Bemühungen konnte die Anerkennung der Jessod Hathoras und Chadorim als Staatsschulen und die Befreiung der Zöglinge dieser Anstalten vom Besuche öffentlicher Schulen erwirkt werden. Moses Deutscher ist eine Chassid vom alten Schlage. Er wird in Krakau nur unter dem Namen „Der Idealist" gekannt. Sein großer und warmer Idealismus ist in Polen, geradezu von Legenden umwoben. Seit einiger Zeit hat er sich von jeder geschäftlichen,Tätigkeit zurückgezogen, um sich ausschließlich der Wohltätigkeit zu widmen. Er hat in Krakau einen Konsumverein gebildet, welcher der armen Bevölkerung in der Not des Krieges eine starke Stütze war. Jedenfalls können wir der Aguda zu der Wahl ihrer Vertreter,' die alle Persönlichkeiten ersten Ranges sind, Glück wünschen. Engros und Erzeugung i!., Bauernmarkt 24 (Ecke Flelschmarkt) :-: Telephon 67-302 Detail Verkaufs-Niederlage: I., Graben 28 Filiale: K:«i-l»toc*ci, Alte Wiese.