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Jüdische Presse · 1922-12-22 · 48 (22.12.1922) · page 2

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Journal
Jüdische Presse
Volume
8 (1922)
Issue
48 (22.12.1922)
Date
1922-12-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 28H JÜDISCHE PRESSE Nr. 4* Faktor das entscheidende Wort sprechen und dabei eine Gesundung herbeiführen. In dieser Begleiterscheinung liegt aber die besondere Bedeutung der diesmaligen Tagung. Wenn schon in Wien die wichtigsten Arten der Schlüsse nach den Vorschlägen der Thoragrössen gefaßt wurden, so wird Breslau, wie wir hoffen, vollständig unter dem Zeichen des „Rabbinischen Rates" tagen und damit der Aguda sichtbar vor aller Augen ihr Gepräge geben. Wir begrüßen die Tagung des Zentralrates und wünschen und hoffen, daß ihre Beratungen der Judenheit und dem Judentum eine Fülle des Segens bringe. Die Zentralratssitzung der Agudas Jisroel. (Fortsetztins.) Wenn" einmal die Einberufung der Kenessio Gedaulo fest beschlossen ist, dann hat die Propaganda einzusetzen. Wir verkennen es nicht, daß für orthodoxe Ohren das Wort „Propaganda" einen unangenehmen Klang hat. Es wirkt hier sicherlich das Gefühl mit, daß bis jetzt meistens jede Propaganda wider die Orthodoxie gearbeitet hat. Dessen ungeachtet müssen wir von unseren Feinden lernen und unser größtes Augenmerk auf die Propaganda richten. Die Orthodoxie hat gich noch immer nicht zu der Erkenntnis durchgerungen, daß die Führer ihrer Bewegung auch die Führer ihrer Propaganda sein müssen, daß keine Organisation und keine Bewegung sich ohne Propaganda durchsetzen kann. In der Vorstellungswelt eines Großteils unseres Kreises lebt der große Rabbiner noch immer als weltfremder Gelehrter, der die vier Ellen der Halacha nie verlaßt. Wir glauben aber, daß es in der Not der Zeit die Pflicht der geistigen und religiösen Führer wäre, einmal ihre Studierstube zu verlassen und ihr Wissen, ihre Autorität,ihre Energie, ihre ganze Persönlichkeit dafür einzusetzen, daß die Massen der orthodoxen Judenheit darüber aufgeklärt werden, daß sie durch ihre Indifferenz, durch das Sich-nichtkümmern-wollen um das Schicksal ihrer sowohl religiös wie wirtschaftlich bedrängten Brüder auch sich selbst schwere Schäden zufügen. Unser Stillschweigen in dieser bewegten Zeit der jüdischen Geschichte muß von der Oeffentlichkeit als eine Zustimmung zu den Proklamationen jener, dem wirklichen Judentum entfremdeten, aber als "Vertreter des gesamten jüdischen Volkes sich aufspielenden Führer gedeutet werden, die vor der Außenwelt die Sache des jüdischen Volkes führen und in seinem Namen sprechen. Aber nicht nur diese wichtige prinzipielle Begründung liegt für die Notwendigkeit einer eifrigen Propagandatätigkeit vor. Die orthodoxe Judenheit leidet noch immer einen in Zahlen nicht leicht ausdrückbaren moralischen und auch materiellen Schaden dadurch, daß sie nicht richtig organisiert und in der großen jüdischen' Welt nicht entsprechend vertreten ist. Trotz jahrelangen Bemühens der orthodoxen Führer ist es bis zum heutigen Tage nicht gelungen, von den großen Hilfsaktionen der amerikanischen Brüder, denen sicherlich nicht zugemutet werden kann, daß sie die Orthodoxie und ihre Institutionen benachteiligen wollten, für dieselben die ihrer Bedeutung und ihren Leistungen entsprechende Quote zugewiesen zu erhalten. Einzig und allein deshalb, weil die orthodoxen Gemeinden noch immer so unorganisiert und uninformiert sind, daß sie ihre Wünsche und ihre, selbst in diesen schweren Zeiten, überaus großen Leistungen für ihre Kultur- und Wohlfahrtswerke nicht in organisch nchtigerDarstellung vorbringen können. Ea müßte eine wohlorganisierte Propaganda entfaltet In der Stadt sah ich ein altes gewaltiges Schloß mit Türmen, Erkern, hohen Bogenfenstern. Ein Fenster war offen, ein Sonnenstrahl fiel in einen weiten Saal; an den Wänden hingen Fürstenbilder. — Ja, das ist der Bildersaal im Königsschloß! fiel mir der Monarch ins Wort. — Und mitten im Saale, fuhr ich fort, stand ein holder Knabe, auf der Stirn stand ihm die Unschuld geschrieben; dunkle Locken strich er sich aus dem Gesicht und las in einer Bibel unter den Augen eines Greises. — Das war ich, das war mein Jugendlehrerl schrie der Kaiser erschüttert. — Das schöne Bild verschwand, ein anderes erschien: Gegenüber meinem Hause in Prag, am anderen Moldauufer, sah ich ins königliche Schloß. Am Fenster stand ein Herr, dem holden Knaben ähnlich,- doch ergraut war sein Haar. Eine Krone trug er auf dem Haupte. Auch hinter ihm stand ein Greis, es war derselbe, den ich vorher im ersten Traurnbilde gesehen. Von dem Altstädter Ring her vernahm ich ersterbende Klänge eines frommen Liedes; sie drangen zum Schloß hinüber und der Mann mit der Krone lauschte unwillig, wandte sich zum Greise um und sprach: Das kann ich nicht! Da fielen seine Blicke auf die Judenstadt gegenüber. Und wie willenlos hub er die Rechte zum Schwur: Doch diese da will ich vertreiben; eh' drei Monate verstreichen, soll kein Jude mehr in Böhmen sichtbar sein! — Deutlich vernahm ich im Traum die Worte und in Entsetzen hob ich flehend die Hände. Doch schon fühlten meine Augen wiederum die Berührung des Prophetenstabes und in einem dritten Bilde erblickte ich in einer auf sieben Hügeln erbauten großen Stadt in einem Palastsaal einen Thron. Auf ihm saß ein Greis mit klugen, scharfen und dennoch warmen Augen, vor ihm knieten Priester in violett'nen, rosenfarbenen und roten Gewändern. Auf meine bange Frage kündete mir der Prophet Elias, das sei der neugewählte Papst. Dieser wolle retten die Juden, wolle entbinden Böhmens König von seinem Gelübde. — Gebannt hatte der Kaiser gelauscht. Nur ein Ausruf des Staunens fiel hin und wieder von seinen Lippen. Jetzt fragte er schnell: Was weiter? Was hast du getan? Von meinem Lager bin ich aufgesprungen, habe schnell mich angekleidet und eilte zum Rabbiner. Seltsam! auch er war aufgestanden--er hatte dieselben Erscheinungen im Traume jener selben Nacht. — Da habe ich ein Pferd bestiegen und bin ohne Rast nach Wien gejagt xmA erflehe nun zu den Füßen des erhabenen Monarchen "die Begnadigung meiner Glaubensbrüder. In großer Erregung schritt der Kaiser auf und ab. Jedesmal, wenn er an mir vorüber kam, schaute er mich prüfenden Blickes an. Mein Herz schlug ruhig, ich hielt die Blicke aus. Endlich warf er sich in einen Lehnstuhl, versank in tiefes Sinnen, vergaß offensichtlich ganz meine Anwesenheit und sprach leise abgebrochene Sätze vor sich hin: Träume sind Winke des Höchsten... vielleicht soll es dennoch nicht sein ... ein Gelübde ... die Kirche kann es lösen... wen aber schicken?... Nein, das geht nicht .. . geht auch nicht ... so aber ... so! Er sprang hurtig auf, blieb dicht vor mir stehen, sah mich lange an, ging nochmals auf und ab, hielt wieder dicht vor mir und sagte: Du bist nur ein Kammerknecht des deutschen Reiches. Bist nur ein Jude. Und doch hat der Herr dich gewürdigt. Den geheimen Entschluß deines Königs hat er dir enthüllt. An dir muß etwas sein. — Dein Traum hat nicht gelogen. Was du sahst, trifft zu. Das Gelübde besteht; nur der Heilige Vater kann es lösen. Gehe du selber nach Rom! werden, um diese Kreise erst so weit zu bringen, daß sie eine Statistik ihrer Institutionen und ihrer Leistungen zusammenstellen. Es würde ein großes Staunen durch die Welt gehen, wenn man endlich erfahren würde, wieviel Talmud Thoraschulen, wieviel Ghadarim und andere religiöse Institutionen von diesen meist armen Gemeinden erhalten werden und wieviel jüdischen Kindern diese Institutionen zugute kommen. Diese Art Propaganda würde bezwecken, die Leistungen der orthodoxen Judenheit vor allem für sich selbst und dann auch für die Oeffentlichkeit darzulegen. Wenn einmal diese Arbeit geleistet ist, dann hat man schon den Schlüssel zu der organisatorischen Erfassung der Orthodoxie überhaupt. Denn daran werden die bisher Unorganisierten ersehen, was es bedeutet, wenn man aus der Isolation heraustritt und die hilfsbereite Hand des Bruders entgegennimmt. Dieser Händedruck bedeutet nicht, nur den Empfang einer Wohltat, sondern gleichzeitig die Erwiderung darauf, wobei der Empfangende aus seiner moralischen und religiösen Stärke dem Spendenden zuteil werden läßt. Diese Propagandaarbeit, wir glauben, die edelste und notwendigste Arbeit, muß von den Besten unseres Volkes geleistet werden, dann wird sie auch von Erfolg gekrönt, sein. Der Zentralrat und die Jngend. Wie von der Vorsehung dazu bestimmt, Fragen von weitgehendster Bedeutung ihrer Lösung näherzubringen, tritt der „Zentralrat" der „Agudas Jisroel" diesmal in einer Zeit zusammen, in der nicht nur die Verhältnisse innerhalb der Orthodoxie, sondern auch des Gesamtjudentums, ja sogar der ganzen Welt verwickelter und kritischer sind denn je. Wenn nun der „Zentralrat", beziehungsweise der „Geschäftsführende Ausschuß" trotz dieser Situation, die einen ganz gewaltigen Fragenkomplex aufrollt, der „Jugenderziehung* sein Augenmerk zuwendet, so ist dies ein Beweis für die Bedeutung, die die „Agudas Jisroel" dieser Frage beimißt, und wird in Zukunft erst von der Jugend der Beweis erbracht werden müssen, daß sie sich dieser Würdigung wert zeigt. Es wird an uns liegen, durch unsere Arbeit zu beweisen, daß wir das Vertrauen der Leitung rechtfertigen. Die Beschlüsse des „Zentralrates" sind autonom und für uns vorbehaltslos und im Vorhinein bindend. Und wir begeben uns stolz des Rechtes, Einfluß auf dieselben zu nehmen, da wir die Fragen und deren Lösung in besten Händen wissen. Was wir uns aber doch erlauben wollen, ist das Ersuchen, auch uns vorher zu hören. Wir stellen keine Forderungen, wir wollen nur geziemend auf etwas hinweisen, was uns gefühlsmäßig so nahe liegt und vielleicht von anderer Stelle aus, nicht so gut empfunden wird. Wir erwarten und erbitten vom „Zentralrat" Eines: „Klarheit". Einer der hervorragendsten Führer unserer hohen Bewegung hat das erhabene Wort geprägt: „Geisteskämpfe können dureb Kompromisse nicht beigelegt werden". Ünd wenn dies schon bei den Alten gilt, so gilt dies in doppeltem und drei- Ja, du selber. Das soll mir der Prüfstein für dich sein, oh es dir gelingt, den Papst zur Nichtigerklärung meines Schwures zu bewegen. Kehrst du bis zum Pfingstfest mit der Absolution des Papstes zurück, so sollen die Juden weiterhin Schutz und Heimat in meinem Lande finden. Ehrfürchtige Worte des Dankes sprach ich aus. Doch wie komm ich, ein Jude, ohne für wahnwitzig angesehen zu werden, vor den Fürsten der Kirche hintreten, mit dem Ansinnen, er solle ein kaiserlich Gelöbnis aufheben? Die kaiserliche Gnade würde aber vervollständigt, wenn Seine Majestät mir ein Handschreiben mitgäbe, aus dem hervorginge, daß die Ledigsprechung von dem Schwüre in der Tat der kaiserlichen Milde genehm, erwünscht wäre. — Zitternd harrte ich auf Antwort und nicht aufzublicken wagte ich. Nach kurzer Pause gab der Kaiser mir recht. Er verhieß mir eine Beglaubigungsschrift an den Papst, bestellte mich zur Mittagsstunde wieder aufs Schloß, rührte eine silberne Glocke auf dem Tische und gebot dem eintretenden Kammerhern, mich um zwölf Uhr bei meinem Kommen in des Kaisers Arbeitszimmer zu schicken. Das geschah denn auch. Als ich eintrat, saß der Kaiser am Schreibtisch vor dem Fenster, und zwar den Rücken mir zugewendet. Ein anderer sah auf, als die Tür sich vor mir öffnete: es war der Geheimschreiber. Unsere Blicke traten sich einen Augenblick in Verstehen; nicht mehr. Er brachte die kaiserliche Botschaft an den Papst zum Schreibpult seines Herrn, der ihn während des Unterzeichnens nach Neuigkeiten aus Ungarn fragte, woher er den Geheimschreiber gerade zurückgekehrt wähnte. Das Schreiben reichte mir der Kaiser selbst. — Bis zum Pfingstfest erwarte ich dich, sagte er, hörst du? nicht länger! Mit leichtem Nicken entließ er mich. Dem Geheimschreiber warf ich im Hinausgehen einen Blick heißen Dankes zu — und zwei Stunden danach war ich auf dem Wege nach Italien. Ueber die Mühsal meiner Reise nach Rom erzähle ich euch s. G. w. ein andermal; heute nur so viel, daß ich später anlangte als erwartet. Und bis Pfingsten sollte ich wieder in Wien sein! Das war des Kaisers letztes Wort. Jetzt, nachdem meine Sendung glücklich erfüllt ist, erkenne ich, daß diese Fristbemessung weniger unbillig war, als sie mir damals erschien. In drei Monaten sollten die Juden Böhmen verlassen haben; und der Monarch wollte in diesem ungünstigsten Falle wenigstens eine vierwöchige Vorbereitungspause vorsehen. — Einige Zeit vor meiner Ankunft hatte Pius IV. den päpstlichen Stuhl bestiegen und war von den Geschäften der Kirche und des Staates so beansprucht, daß ich keine Audienz erlangte, um so weniger, weil ich ihren Zweck niemandem anzuvertrauen wagte. Vielmehr wartete ich mehrere qualvoll, weil nutzlos verstreichende Tage auf eine der Feierlichkeiten, bei denen sich der Papst der Menge zeigt. Am vierten Tage erst sammelte sich viel Volk vor der Lateranskirche, um den Papst zu erwarten. In langem, feierlichen Zuge wurde der Tragsessel, auf dem er saß, von zwölf jungen Kleriken herangeführt. Bald war ich mitten in dem knienden Menschenknäuel. Man rief mir zu: Niederknien! und einige Erbitterte drangen auf mich ein, als ich mit all meiner Kraft mich durch die Masse zwängte, die kaiserliche Rolle in der Rechten schwingend. Der Camerlengo, der neben dem Tragsessel ritt, hatte kaum das große Kaisersiegel gesehen, als er mir den Brief aus der Hand riß und mit einem geflüsterten Wort dem Papst zeigte, der zu antworten schien. „Nach der Messe in den Vatikan!" sagte fächern Maße bei der „Jugend". Der einmal eingeschlagene Seitenweg führt strahlenförmig in der Folge so weit auseinander, daß das, was beim Beginne fast unmerklich unterschieden war, in der Folge zu Weiterungen fühlt, die eine Hoffnung auf ein Wiederzusammenführen in unendliche Entfernungen rückt. Die „Agudas Jisroel" hat zwischen den extremen rechten und den extremen linken Strömungen im Judentume zweifellos den goldenen Mittelweg gefunden und ihr Prinzip ist das laut menschlicher Vernunft und G-ttesrecht einzige, auf das sich alle Parteien einigen können. Und jede Verwässerunj dieses Prinzipes hieße zweifellos, dasselbe aufgeben. Alle Fragen, gleichgültig, ob in den Golusländera oder in unserem heiligen Land können für uns nur ihre Lösung auf Basis unseres Prinzipes finden, das klar und eindeutig umschrieben ist und das nur noch klar und eindeutig genug betont und verkündet werden muß, um anerkannt zu werden. Möge der „Zentralrat", der die Last dieser Verantwortung auf sich hat, die Kraft finden — und mit Einsatz seines ganzen moralischen Gewichtes und unter Hintansetzung aller kleinlichen politischen und wirtschaftlichen Bedenken der einzelnen Länder, die durch solche Bedenken die zusammengefaßte Kraft zersplittern würden — das entscheidende Wort klar zu sprechen. Die „Jugend" wird die Beschlüsse des „Zentralrates" verfechten, wenn sie konziliant sind, vielleicht mit doppelter Anhängerzahl und wenn sie klar sind, sicher mit doppelter Begeisterung. Der WaisenundJ ugendf ursorgetag des Jüdischen Hilfswerkes. Stimmen aus der Tagespresse. Erziehung der Juden zum Handwerk. Ein großzügiges Hilfswerk. (Originalbericht des „Neuen Wiener Journals".) Je größer das Elend ist, desto gewaltiger setzt auch die Hilfe ein: Weltumspannend ist die Fürsorge geworden, Verbände haben sich aus den verschiedensten Staaten zusammengeschlossen, um den Bedürftigen aller Klassen und Konfessionen zu helfen. Ein solcher Verband ist auch die „Agudas Jisroel", der seine Fürsorge den Glaubensgenossen zuteil werden läßt. Ihre selbstgestellte Aufgabe besteht aber darin, Menschenschicksale durchgreifend umzugestalten, nicht nur mit flüchtig gegebenen Almosen einzugreifen, Kinderschicksale aber von Grund aus aufzubauen. Bei elternlosen Kindern hat sie ihr gigantisches Werk begonnen und am Sonntag vermittelte eine Rundfahrt durch die Wohlfahrtsanstalten der „Aguda" einen Ueberblick über die von der stillen Gemeinschaft der Camerlengo halblaut zu mir und der Zug war vorüber. Zwei Stunden später wurde ich in das Sprechzimmer des Papstes geführt und stand diesseits eines verzierten Gitters, auf dessen anderer Seile der Kirchenfürst saß. Er schien sich des kaiserlichen Schreibens, das vor ihm lag, zu freuen, nachdem zwischen seinem Vorgänger und dem Kaiser Ferdinand steter Unfriede geherrscht hatte. Auf seine Aufforderung, ihm mitzuteilen, wie ich zur Kenntnis des kaiserlichen Entschlusses gelangt sei, gestand ich ihm ohne weiteres die volle Wahrheit und erzählte den wahren Sachverhalt, also auch, daß ich dem Monarchen einen erdichteten Traum als Quell meiner Kenntnis mitgeteilt hatte. Diese Aufrichtigkeit erweckte das Wohlgefallen des Kirchenfürsten. Er erklärte sich bereit, den deutschen Kaiser seines Gelübdes zu entbinden und bestellte mich auf den anderen Tag in den Palast, um das Pergament in Empfang zu nehmen. Während seiner letzten Worte hatte der Papst eine Glocke gerührt und verliefl alsdann, ohne mir zu einem Wort Zeit zu lassen, das Zimmer, aus dem ich von einem Kämmerer geführt wurde. Am anderen Tage übergab mir der Camerlengo ein versiegeltes Pergament, damit trat ich sogleich die Rückreise an in der größtmöglichen Eile; denn die bei weitem größere Hälfte der mir vom Kaiser eingeräumten Frist war schon verstrichen. Trotzdem hätte ich noch zum Pfingstfest in Wien anlangen können. Unglücklicherweise aber warf mich in Mantna eine fiebrige Krankheit aufs Lager. So langte 'ch erst neun Tage nach Pfingsten in Wien an. Als ich eine Stunde nach meiner Ankunft dem Kaiser die Absolution des Papstes überreichte, empfing mich ein „Zu späth Ein Tag nach dem Feste sei bereits dem Statthalter in Prag der Befehl gesandt worden, am achten Tage nach dem Eingang der Botschaft die Juden aus Prag zu verweisen. Obwohl der Kaiser es als unmöglich erklärte, daß ich vor Fristablauf nach Prag gelangen könnte, erflehte ich mir ein Widerrufschreiben an den königlichen Statthalter nach Prag, erlangte es und setzte mich sogleich zu Pferde. Kam ich zur Zeit, war alles gerettet, kam ich zu spät, alles verloren. Wie ungeheuerlich schnell ich geritten bin, erseht ilir daraus, daß ich mit des Allmächtigen Beistand gerade noch rechtzeitig hier eingetroffen bin. In der dunkelsten Nacht meines Lebens verfehlte ich den Weg, übersah einen Baumast, der mir das linke Auge durchstach, verband es im Reiten, so gut ich konnte und stürmte weiter. Elf Uhr war schon vorüber als ich hochklopfenden Herzens durch das Wyschehrader Tor ritt. Auf die Kleinseite zur Residenz des Statthalters stürmte ich und drang unangemeldet in sein Zimmer. Sofort beorderte der Statthalter einen Offizier, der mich in die Judenstadt begleiten und bei dem mit der Vertretung betrauten Kriegsobristen beglaubigen sollte. Ich aber sprengte voraus und kam — dem Himmel sei Lob und Dank — noch im rechten Augenblick." Reb Mordechai schwieg. Tiefe Rührung herrschte im Räume und langes Schweigen . . . * ^* 5£*a Mordechai Cohen isflängst zu seinen Vätern eingegangen. Ueppiges Moos wuchert auf seinem Grabstein. Aber Israel ist dankbar und Mordechai Cohens Andenken lebt in der Erinnerung seines Volkes von Geschlecht zu Geschlecht.

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