Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 8 (1922)
- Issue
- 48 (22.12.1922)
- Date
- 1922-12-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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V. b. b. JUDISCHE PRESSF („JÜDISCHE KORRESPONDEI ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion nnd Administration: Wien, II., Malzgasse 12 a. - Telephon 49.054. Tschechoslowakei: Bratislava, Postfach 140. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluß: Für Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. | Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Österreich K 48.000. Ungarn 1 K 1500, Tschechoslowakei Kö. 70«—, Deutschland Mk. 5000' —, 1 Schweiz Frcs. 10«—, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, j England 10 Shilling, Rumänien 100 Lei, Jugoslawien 70 Dinar, 1 Polen Mk. 10.000-—. Einzelnummer d.-ö. K 1000, Kö. 1'50. Zahlungen für Oesterreich: Postsparkassenamt Wien, KonU Nr. 13.468; für Polen: Pootsparkassennmt Warsohnn, Kon»« Nr. 190.409; für Ungarn: Postsparkassenamt Budapest, Konto Nr. 60.170; für Tschechoslowakei: Poatsparkassenamt Prag, Konto Nr. 63.386; für Jugoslawien! Postsparkassenamt Agram, Konto Nr. 40 217; für Rnmänien: Banca Marmarosch Blanc * Oe. für Josef Florenz A Co., Bukarest. Nr« 48 | Wien-Bratislava, 22. Dezember 1922 ♦rann rato; nnDöins ~ nri | 8. Jahrg. Rabbinischer Bat nnd Zentralrat der Agndas Jisroel. Am ß. Tewes treten in Breslau die leitenden Organe der Agudas Jisroel zusammen, um über alle die Judenheit als Ganzes und speziell die religiösen Interessen der Judenheit betreffenden Angelegenheiten zu beraten. Der Rückblick auf die seit der letzten Tagung vor nahezu zwei Jahren vorgefallenen Ereignisse und die Ergebnisse der Tätigkeit der Aguda ist nicht unerfreulich. Für eine so junge Organisation sind die Fortschritte nicht unbedeutend. Die Stärkung des religiösen Gefühls und dessen Umsetzung in die Tat, hat allenthalben Fortschritte gemacht, die Förderung des Thaurostudiums erzielt schöne Resultate, die soziale Tätigkeit hat Dank der Opferwilligkeit unserer Gesinnungsgenossen und Freunde einen bedeutenden Aufschwung genommen. Das Ansehen der Aguda ist enorm gestiegen und sie ist in die Reihen jener Organisationen getreten, auf die man Rücksicht nehmen muß. Wenn wir uns in der Feststellung dieser Tatsachen große Reserve auferlegen, hat dies seinen Grund in dem Umstände, daß der große, bereits zurückgelegte Weg nach vorwärts doch nur einen kleinen Teil dessen bildet, was wir zu tun haben. Wenn wir betrachten, was uns zu tun bleibt, um das orthodoxe Prinzip zur Geltung zu bringen, es der Mitwelt mundgerecht zu machen, so erscheint uns diese Aufgabe so gigantisch, daß man nahezu an der Möglichkeit der Ausführung verzweifeln könnte. Aber der G-tt unserer Väter ist mit uns, unsere Arbeit gilt der Weihe seines Namens und . da..^könnßa jviL^ nicht fehlen kann. Die Versammlung der führenden Geister des traditionstreuen Judentums wird mit dem Ernst, der sie beseelt, in den vielen Belangen von eminentester Wichtigkeit, über die beraten werden soll, mit G-ttes Hilfe das Richtige finden und Beschlüsse erbringen, die den Gedanken der Aguda verbreiten und eine segensreiche Weiterarbeit ermöglichen werden. Wvif Fappenfteim. Die Tagung des Zentralrates der Agudas Jisroel. In den nächsten Tagen beginnt in Breslau die zweite Tagung des in Preßburg im Jahre 5681 konstituierten Zentralrates der Agudas Jisroel, nachdem er im Jahre 5fi81 in Wien sich seine organisatorische Gestaltung gegeben hat. Es ist unterdessen in der jüdischen VVelt vieles anders geworden. Manches hat sich besser gestaltet, manches ist ernster geworden, viele Probleme sind verlieft, nur wenige und neue sind entstanden. Es ist jedenfalls festzustellen, daß die Agudas Jisroel in diesen drei Jahren ein Faktor geworden ist, mit dem selbst, unsere Gegner rechnen, selbst, diejenigen, welche vor drei Jahren nur ein süffisantes lächelndes Mitleid für uns übrig hatten. Diese Erstarkung hat einige Quellen. 1. Die Erstarkung des Selbstbewußtseins der Orthodoxie, ihr endliches Erwachen aus der Lethargie der Schwäche. 2. Der durch die Tatsache erbrachte Nachweis, daß die Nationalisierung ein furchtbares Unheil für die Juden in den Golusländern darstellt, endlich a. die Tatsache, daß die reale Wirklichkeit es bewiesen hat, daß Palästina kein Einwanderungsland ist. Mehr ist über diesen Punkt in diesem Zusammenhange nicht zu sagen. Mit wachsender Bedeutung wächst die Verantwortlichkeit. Deshalb hoffen wir, daß die Breslauer Tagung des Zentralrates der Agudas Jisroel auf folgende Punkte ihre besondere Aufmerksamkeit lenkLJQia-Oi^nteatf^^^ Entschließungen der einzelnen Landesorganisationen. deren Autonomie unangetastet bleiben muß, soll in jeder Phase das Prinzip der Aguda zum Ausdruck kommen. Dies kann nur so geschehen, daß jedes einzelne Land durch gut informierte und gut informierende Vertrauensmänner im Zentralrat Vertretern ist. Die große und nicht nur durch ihre Zahl bedeutsamste Landesorganisation, die polnische muß im geschäftsführenden Ausschuß vertreten sein. Diejenigen Gesinnungsgenossen, die organisatorisch noch nicht erfaßt werden konnten, müssen gewonnen werden. Daß "auch die finanzielle Pflicht der einzelnen Landesorganisationen besser und rascher wie bisher einer pünktlichen Erfüllung teilhaftig werde, ist zwar eine alte Sorge, wir hoffen aber, daß auch diese Sorge befriedigende Lösung findet. Den breitesten Raum der Debatte wird jedoch die Frage des Weltkongresses einnehmen. In diese Angelegenheiten münden alle Fragen, die jeweils die Aguda beschäftigt haben. Es muß erkannt werden, daß das Für und Wider des Weltkongresses ein knapp zusammengefügtes Bild all der Anschauungen enthalte, um die seit Jahrzehnten so heiß gerungen wird. Bei der Entscheidung dieser Frage muß es sich zeigen, ob man stark genug ist, politische Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten auch daraufhin zu prüfen, ob sie nicht einen Bruch mit unseren Prinzipien verlangten. Da mit der Sitzung des Zentral- -^fcs^tmra^htöeh*^^ nischen Rates verbunden ist, wird wohl dieser Rabbi Mordechai Gehen. Eine Geschichte aus dem Mittelalter. Nacherzählt von Dorothea Ebner. (Schluß.) Samstag nach dem Vormittags-G-ttesdienst begaben sich der Raw, der Parnes und der Gabbe der Altneuschul mit zwei Abgeordneten der böhmischen Landjuden zu Reb Mordechai. um ihm namens der Prager Gemeinde und der gesamten böhmischen Judenschaft für das Rettungswerk zu danken. Nach den feierlichen Ansprachen erzählte Reb Mordechai seinen gespannt lauschenden Gästen, wie der Hüter Israels seine Schritte leitete, so daß das grausame Geschick, das ihnen bevorstand, abgewendet werden konnte. „Ich will es euch erzählen, damit dankbare Erinnerung an diese Hilfe des Allgütigen in unseren Nachkommen fortlebe. Nur müsset ihr versprechen, Morai we-rabbaussai, meinen Bericht erst weiter zu erzählen, wenn ich und der kaiserliche Geheimschreiber nicht mehr' am Leben sind; warum bis dahin das Geheimnis gewahrt werden muß, werdet ihr selber gleich erkennen". Nachdem die Männer und Reb Mordechais Frau und Söhne sich im Kreise gesetzt hatten, fuhr er fort: „In der ersten Pessachnacht wurde mir vom Geheimschreiber unseres Königs in Erwiderung eines ihm vor einigen Jahren geleisteten Dienstes anvertraut, der Kaiser habe im Traume gelobt, alle Juden Böhmens innerhalb dreier Monate zu vertreiben. Der dankbare junge Mann benützte einen Vorwand, um sich auf eine Woche von Wien zu entfernen. Während der Kaiser ihn in Ungarn vermutete, kam der Geheimschreiber in Wirklichkeit nach Prag, um mich zu benachrichtigen, daß keine noch so eindrucksvolle Vorstellung und Bitte den Monarchen zum Bruch seines Gelöbnisses bewegen könne. Nur wenn der Papst als höchster Kirchenfürst das kaiserliche Gelübde lösan würde, stehe zu erwarten, daß der Kaiser von-, seinem furchtbaren Vorhaben abstehen werde. Nun galt es zunächst, den Monarchen zu veranlassen, daß er beim Papste diese Freisprechung von der übernommenen Verpflichtung nachsuche. Dieses konnte nur auf eine Weise geschehen, die mir der Geheimschreiber angab. Nachdem ich eure Genehmigung, Rabbi, erhalten hatte, ritt ich am Frühmorgen des ersten Pessachtages gen Wien. Am vierten Vormittag langte ich, zwar reichlich müde, doch wohlbehalten an. Den Monarchen mußte ich sofort sprechen, weil der Geheimschreiber an diesem Tage in Wien eintreffen und vorher unbedingt meine Audienz gewesen sein mußte, damit der Kaiser nicht auf den Gedanken komme, daß ich von dem Geheimschreiber über des Kaisers Absicht eingeweiht war. In Prag hatte ich schon erfahren, daß der Kaiser des Morgens bei seinem Wege von der Hofkirche zur Burg im Verbindungsgang Bittschriften annimmt und zuweilen auch kurze Audienz gewährt. Daher legte ich nur schnell Reisekleid und Waffen ab und eilte zum Burghof. Vor der Treppe aber, die zu dem ebenerwähnten Gange führte, vertrat mir die Schildwache den Weg, und ein wachehabender Offizier trat mit der Bemerkung hinzu, heute gebe es keinen Einlaß, weil Majestät zur Kapuzinerkirche fahre. Während ich in heißem Schrecken mich fragte, was zu tun sei, fuhr ein kaiserlicher Wagen in rasender Schnelle heran und hielt hart an dem Aufgang zur Treppe. Der Wagenschlag wurde aufgerissen und der diensttuende Kamnierherr half dem Kaiser beim Aussteigen. Sofort entblößte ich mein Haupt, sank auf ein Knie, hob bittend die Rechte und der Kaiser fragte, einen Augenblick stehen bleibend, nach meinem Begehr. Rasch antwortete ich, daß die allerhöchste GJnade einer kurzen Audienz eine große Zahl treuer Untertanen der kaiserlichen Majestät unverschuldetem Unglück entreißen könnte. Wer ich sei, woher ich komme, fragte der Kaiser. Meinen Namen nannte ich; von Prag sei ich dreimal vierundzwanzig Stunden Tag und Nacht geritten, um zu den Füßen des Thrones zu gelangen. Betroffen schaute der Fürst mich an: das Wort: Seltsam! sprach er leise vor sich hin; und dann befahl er dem Grafen Eggenberg den Juden in das Audienzzimmer zu führen. Da angelangt, blieb ich eine Zeit lang allein und sah mich um. Des Zimmers Wände waren mit Tapeten bedeckt und nur die eine Tür, durch die ich eingetreten war, bemerkte ich. Trotz der mir sonst eigenen Gemütsruhe war ich erregt, geängstigt. Von einem Wort des Kaisers hing unser Sein und Verderben ab. das Schicksal von Tausenden. So sehnsüchtig ich dem Augenblick entgegengebangt hatte, — jetzt hätte ich mir noch etwas Zeit gewünscht, um mich in der gänzlich veränderten Situation zu sammeln. Doch es war zu spät, jeden Augenblick konnte der Kaiser eintreten. Eine heiße Tefillo entrang sich noch meinem Herzen zum Lenker von Fürsten-Willen — da war auch schon, durch eine geheime Tapetentür, der Kaiser eingetreten und sah noch meine emporgerungenen Hände und die Träne, die mir in den Bart rollte. Unvermittelt rief ich eine Bitte um Gnade für die unschuldigen Juden Böhmens, denen Majestät die Heimat nicht entziehen möge! Purpurröte stieg in des Monarchen Gesicht. Ob die Wände Ohren haben, um zu hören und Zungen, um auszuplaudern, fragte er; wie ich zu der Kenntnis seines Entschlusses gelangt sei, wolle er wissen. Ich sagte, nur der Prager Rabbiner und ich wußten davon. Durch wen? lautete die strenge Frage. Durch ein und dasselbe Traumgesicht, antwortete ich. Jetzt, erbleichte der Kaiser. Eine Minute tiefen Schweigens verging. Dann forderte er den Inhalt des Traumes. Einen Augenblick noch stockte ich: durfte ich den Kaiser belügen? Schon während des tagelangen Rittes hatte ich meine Bedenken, die nur beschwichtigt wurden durch das Wort des Geheimschreibers, daß diese Lüge das einzige erdenkbare Mittel sei zur Rettung der armen Verstoßenen meines Volkes. Trotzdem war für Sekunden mein Mund wie verschlossen und erneut mußte ich mir die Uebcrzeugung beibringen, daß ich diese Lüge vor dem Thron G-ttes verantworten werde können am Tage des Gerichts. Und ich erzählte einen Traum der Pessachnacht: Darin sah ich vor meinem Lager einen hohen kräftigen Mann, dessen weißer Bart an den Gürtel reichte, dessen schöne Augen von dichten weißen Wimpern beschattet waren. Einen Reisestock trug er in nerviger Faust, um die Schultern hing ein Mantel. Als den Propheten Elia erkannte ich den herrlichen Greis und er bestätigte es und war gekommen, wie er hinzufügte, mich sehend zu machen. Mit dem Stabe berührte er dabei meine Augen und ich sah. Sah ein schönes, feines Land in Europens West, wo der Himmel tiefblau, die Bäume immergrün, die Orange golden, die Luft von subtropischem Blumenduft durch würzt ist. — Das ist Spanien, mein Geburtsland! rief der Kaiser ungestüm. — Ich sah, sah eine Stadt, auf mehrere kleine Hügel gebaut, voll schöner Gebäude, Kirchen mit hohen Türmen, Gärten mit schönen Pflanzen, Straßen mit Menschen, deren Gesicht golden gebräunt war von südlicher Sonne, die sich in einem großen Strome spiegelte. — Das ist Madrid! unterbrach mich der Kaiser lauten Rufes.