Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 8 (1922)
- Issue
- 40 (27.10.1922)
- Date
- 1922-10-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 238 JÜDISCHE PRESSE Nr. 40 Polen. Zionismus und Maskilismus. Das ebenso unliberale wie intolerante Vorgehen der Zionisten gegen die religiösen Juden nimmt seit einiger Zeit die Aufmerksamkeit der polnischen Agudisten sehr in Anspruch. Mehr als je drängt sich die große Steitfrage: Agudismus oder Zionismus? in den Vordergrund und ich will versuchen, den Kernpunkt in der ideologischen Gegensätzlichkeit dieser beiden Parteien zu erörtern und klarzustellen. Wie ich glaube, handelt es sich hier im Grunde weder um Agudismus noch um Zionismus, beide sind nur Losungsworte, keineswegs aber sind sie der Ausdruck dessen, was diese wohl größten zwei jüdischen Parteien zu solcher Gegnerschaft treibt. Die tiefere Ursache liegt wo anders als im Parteigetriebe. Wie wir polnischen Juden diesen Parteikampf auffassen, stellt er nur die Fortsetzung des Ringens der orthodoxen Judenschaft gegen die religionszerstörende Haskalah, gegen die geheimen Entjudungs-Intentionen dar. Dieser Aspekt muß gewonnen werden, soll die Lage richtig gewertet werden können. Gar oft wird gegen uns seitens der Zionisten der Vorwurf erhoben, wir gingen nur darauf aus, die breiten Massen des polnischen Judentums für uns zu gewinnen, leisteten aber sonst nichts Ersprießliches für das allgemeine Volkswohl. — Nun wohl! Es sei zugestanden: wir streben — gleich anderen Parteien — auch (nicht aber nur) auf das Volk bestimmenden Einfluß zu gewinnen, doch ist dieses unser Streben nicht der Sucht nach Parteimacht entsprungen, sondern ist als Produkt einer gebieterischen Notwendigkeit zu betrachten; es ist entstanden im Kampfe um Thora und Tradition, in dem Ringen gegen Apikorsus und Schmad! Deshalb ist unser Kampf ein solch erbitterter, und wir wissen sehr wohl, daß die Zeit doch bald kommen muß, da es in den Köpfen der Zionisten dämmern wird und sie sich nolens volens dazu gezwungen sehen werden, mit der Orthodoxie als gewaltigen Faktor im jüdischen Leben zu rechnen. — Schon ist die Aguda politisch erstarkt und in sich gefestet genug, um für die Rechte des religiösen Judentums zu kämpfen — so G-tt will — zu siegen! Sie hat schon bis nun und wird auch in der Zukunft beweisen, daß sie kein zerstörendes und zersetzendes Element ist, sondern daß vielmehr Schutz des zu Ueberliefernden und Aufbau des religiös-kulturellen Lebens eines ihrer Ziele sei. Wir fühlen, daß gar bald diese unsinnige Siegesgewißheit unserer Gegner der Einsicht wird weichen müssen, daß all das, was sie über uns im Auslande verbreiten, mit dem Mißtrauen aufgenommen wird, das es verdient, und alle aus der Luft gegriffenen Verleumdungen, Glauben und Beifall nur bei Schwachköpfen finden können. Wir aber wollen vorderhand in unserer Bewegung weiterarbeiten; wir gehen einer großen Entwicklung entgegen. Den Zionisten gegenüber aber wollen wir vorderhand noch abwarten. „Da wir das Alef schon gehört haben, werden wir auch das Bejs hören!" Isak Hochner, Wielkiewczy. Die ostgalizische Aguda nicht im Wahlblock! Der Wahlrummel ist los! Da verstehen es gewisse Elemente, denen jedes Mittel zum Stimmenfang gerade gut genug ist, die politisch leider recht wenig disziplinierte polnische Judenschaft zu verwirren. Durch eine dieser Machen sieht sich die Zentrale der Agudas Jisroel für Ostgalizien genötigt, folgende Berichtigung zu versenden: „In der jüdischen Oeffentlichkeit werden fortdauernd Gerüchte über eine Wahlblock-Vereinigung, die die Aguda mit den Zionisten eingegangen naben soll, verbreitet. So erklären wir denn" offiziell, daß wir mit den Zionisten bisnun keinen Wahlpakt welcher Art auch immer geschlossen haben und daß alle diese Gerüchte, mögen sie von Rednern, Agitatoren oder durch die Presse verbreitet worden sein, falsch und aus der Luft gegriffen sind." (Wozu diese Gerüchte in die Welt gesetzt werden, liegt klar zutage und es erübrigt sich jedweder Kommentar. Anm. d. Red.) Die eiserne Wand. In der letzten Freitag-Nummer des Warschauer „Jud" veröffentlicht der „Misrad Zyirim8 einen Aufruf an die orthodoxe Jugend, in welchem den Zyirim vor Augen geführt wird, daß der Wahlblock lediglich eine technische Vereinigung, bedingt durch die Not der Zeit, darstelle und daß die orthodoxe Jugend sich dessen bewußt sein möge, daß, solange die Zionisten die Thora und ihre Autoritäten als Wegweiser und Führer im jüdischen Leben im Golus und ebenso auch in Erez Jisroel nicht anerkennen, keine Brücke vom orthodoxen Lager zu ihnen führt. Seien jetzt auch die Zyirim genötigt, mit der zionistischen Jugend gemeinsam zu agitieren, so bleibe doch die eiserne, unverschiebbare Wand zwischen diesen beiden Lagern bestehen und sie mögen nie j vergessen: Darkejhem-1 o darkejnu! Der türkisch-griechische Krieg und die Juden. Chaoham-Baschi Haim-Nahum and die Angora- Regiernng. (JPZ) Paris. Der ehemalige Grand- Rabbin der Türkei, Haim-Nahoum Effendi, der von einer Reise aus Angora, wohin er von der Nationalversammlung berufen worden war, nach Paris zurückgekehrt ist, wurde vom französischen Premier, Poincare, empfangen. Wie der „Doar Hayom" zu melden weiß, hat der in Paris eingetroffene Ex-Ghacham-Baschi der Türkei, Nahum, in Paris erklärt, daß die Angora- Regierung dem ihr vorgelegten Abkommen zustimmen wird. Es sei höchst wahrscheinlich, daß Ghaim Nahum zum Botschafter der Türkei in Paris oder London ernannt werden wird. - Schatz and Hilfe für die Jaden im Nahen Osten. Infolge der in Thrazien ausgebrochenen Revolution, haben die Juden Adrianopels einen Appell an den Grand-Rabbin der Türkei gerichtet, und ihn ersucht, durch die interalliierten Mächte Schritte zu unternehmen, um ihr Leben und Eigentum zu schützen. Der Grand-Rabbin hat diesbezüglich vom High-Gommissioner feierlichste Versicherungen erhalten, Konstantinopel. Wie aus offizieller türkischer Quelle verlautet, wurden Häuser und Waren, deren Eigentümer Juden 'aus den Städten Anatoliens sind, die vor den griechischen Truppen fliehen mußten, auf Befehl des Oberkommandierenden der kemalistischen Truppen unter militärischen Schutz gestellt. An den Fassaden vieler verlassener Läden und Häuser kann man die Inschrift „Maison juive" lesen. Auf Veranlassung des JDG in New York, hat sich eine jüdische Mission an Bord eines amerikanischen Torpedobootes nach Smyrna begeben, um eine Hilfsaktion zugunsten der Juden zu organisieren, die unter den letzten unheilvollen Ereignissen zu leiden hatten. Diese Mission wird in Verbindung mit dem Hilfs-Komitee des Nahen Ostens arbeiten. Auf Weisung der holländischen Regierung, hat eiu holländischer Dampfer 60 jüdische Familien von Smyrna an Bord genommen und sie nach Konstantinopel gebracht, wo der Dampfer verbleiben wird, bis die Verhältnisse in Smyrna wieder normal sein werden und es möglich sein wird, geeignete Unterkunftsmöglichkeiten für die Flüchtlinge dort zu finden. Sämtliche Kosten dieses Hilfswerks werden von der holländischen Regierung getragen. Gelegentlich des jüdischen Neujahrsfestes sandte der türkische Thronfolger seinen Flügel-Adjutanten zum Chacham-Baschi, um ihm seine Wünsche zu übermitteln. Der Prinz drückte den Wunsch aus, den Chacham-Baschi in Audienz zu empfangen. Der Chacham-Baschi Bejerano begab sich in den Palast, wo er sehr herzlich von Medjid Effendi empfangen wurde. Die Audienz währte über eine Stunde, während welcher Zeit der zukünftige Sultan der Türkei in sehr hohen Worten von den jüdischen Untertanen des Sultans sprach und seiner Bewunderung für das jüdische Volk Ausdruck verlieh. Der Antisemitismus schadet. Auf eine Korrespondenz des allseits bekannten griechischen Führers, Venizelos, in der „Times", über das Verhältnis der Türkei und Griechenland, erwähnt Rechad Bey, der diplomatische Agent der Angoraregierung in London in seiner Entgegnung, daß „Griechenland das einzige Land in der Welt ist, wo Juden sich nicht festsetzen und gedeihlich entwickeln können". Die Tätigkeit der Aguda in Palästina. Aus einem Tätigkeitsbericht der palästinensischen Aguda in Kol Jisroel entnehmen wir folgende interessante Daten: Die Aguda erhält gegenwärtig drei Mädchenschulen, die sich sehr gut entwickeln und bereits von 200 Schülerinnen besucht werden. Die Talmud Thora-Schule „Jeschiwas Zion", welche anfangs dieses Jahres wegen finanzieller Schwierigkeiten geschlossen werden sollte, kann dank der Jerusalemer Aguda weiter bestehen. Ersprießliches leistete das im Vorjahre gegründete Immigrationsbureau der Aguda. Ihr Zweck ist, die orthodoxen Immigranten zu unterstützen, für Kost und Wohnung zu sorgen, Handwerkkurse zu halten und Stellen zu vermitteln. Die Tätigkeit des Bureaus mußte leider wegen finanzieller Schwierigkeiten eingestellt werden. Im Laufe des vorigen Jahres wurde auch durch die Jerusalemer Aguda das neue Wohnviertel „N'we Jisroel" gegründet, auf welches eine orthodoxe Ansiedlung erbaut wird. Eine hervorragende Leistung bildet ferner die Herausgabe der vorzüglich redigierten Wochenschrift „Kai Jisroel" in Jerusalem, ferner die Aktion für die Hungernden in Rußland, für welchen Zweck bereits 750 Pfund Sterling aufgebracht wurden. Die neugewählte Leitung des arabischen Kongresses verweigerte die Uehermittlung der Kongreßbeechltisse an den Gouverneur von Jaffa. Sie erklärte, die palästinensischen Araber anerkennen nicht die britische Verwaltung* in Palästina, sie betrachten sie ausschließlich als eine fremde Macht, die das Land mit Gewalt okkupiert. Die Araber lehnen es daher ab, den Vorstehern dieser Regierung irgendwelche Auskünfte zu erteilen. (,T. O. B.) Noch einmal „Der Bann". Unter der Ueberschrift „Der Bann" veröffentlicht der oberste Hüter der religiösen Interessen Prags, Dr. Brody in der Selbstwehr einen wütenden Hetz- Artikel gegen die slowakischen Rabbonim, die er nebenbei mit dem Ehrennamen Kleriker und Dunkelmänner belegt, wegen des geplanten Issurs gegen die Zionistisch-Misrachi-Organisation. Der kleine Mann mit dem großen Tatendrang, kann den autentischen Wortlaut des Issurs nicht abwarten, läßt vielmehr auf Grund der falschen Information des misrachistischen Leibblättchens in Berlin seinem von jeher bekannten Hasse gegen alles orthodoxe freien Lauf. Er spricht von den ^"HJ in einem Tone, wie er bis nun nur in der Selbstwehr zu lesen war. Die slowakischen Rabbinen werden den neuerlichen Ausfall des Dr. Brody mit demselben verachtenden Stillschweigen übergehen, wie seinerzeit der Oberrabbiner aus Bartfeld das berüchtigte Rundschreiben des Dr. Brody keiner Antwort gewürdigt hat. Wir würden mit den Intentionen unserer Rabbinen in Widerspruch geraten, wenn wir uns eingehend mit seinen schmählichen Ausführungen befassen würden. Nur eine Bemerkung, die sich jedem der auch nur halbwegs mit den Verhältnissen vertraut, aufdrängen muß, soll hier Raum finden. Herr Dr. Brody wagt die Behauptung, „daß die Rabbiner der Slowakei immer dort gefehlt haben, wo es galt religiöse Interessen wahrzunehmen, es sei denn, daß dabei irgend ein materieller Gewinn zu erzielen war, das Um und Auf ihrer Tätigkeit ist die Politik". Der Herr Doktor scheint sich hier doch ein wenig zu weit hervorgewagt zu haben, vom Rechte der Kritik einen Gebrauch zu machen, der ihm bei weitem nicht zusteht. Denn wenn von Vernachlässigung der Wahrnehmung religiöser Interessen irgendwo die Rede ist, gibt es vielleicht keinen Rabbiner in der Republik, dem es so still und bescheiden in einem Winkel sich zurückzuziehen geziemen würde, wie Herrn Dr. Brody, dem zwerghaften Nachfolger titanenhafter Vorfahren. In der großen jüdischen Gemeinde Prag, die über 30.000 Seelen zählt, bleiben nach autentischer Aussage des einzigen dortigen Mohels 80 bis 90 Prozent der neugeborenen Kinder unbeschnitten. Der Religionsunterricht wird nach autentischer Mitteilung des dortigen Oberrabbiners bloßköpfig erteilt. Die Zahl der rituell geführten Häuser soll das Hundert nicht erreichen. Weit und breit gibt es außer Prag die Spezialität katholischer Nationaljuden nicht, und da hat der seelische Oberhirt einer solchen Gemeinde die Kühnheit, die Rabbinen der Slowakei, wo in den letzten Jahren das religiöse Leben und Thorastudium in ungeahntem Maße aufblüht, der Vernachlässigung der Pflege der Religion zum Vorwurf zu machen. Q^PTK tOWp 2ITK1 -(ÖXP tDWp Er sollte mit dem Besen seiner verbitterten Kritik vor seiner Tür reinmachen. Er behauptet ferner, das „Um und Auf" der slowakischen Rabbinen sei die Politik und nichts anderes als die Politik. Das „Um und Auf" der Tätigkeit des Prager Oberrabbiners ist selbstverständlich die Pflege der Religion, in engstem Zusammenhang hiemit sucht er vor Jahresfrist, als Wahlen in der. Podkaipätska-Ruß nach der Meinung des Nationalrates in Prag in Sicht waren, die dortige Gegend auf, um seinen rein unpolitischen Anspruch auf ein Senatsmandat rechtzeitig anzumelden. Um seine Hochachtung den Rabbinen der Podkarpätska-Ruß zum Unterschied von denen der Slowakei zu bekunden, klopfte er an die Türe derselben, um sich als religionsorientierten nichtpolitischen Kanditat einzuführen. Wir empfehlen uns im Sinne unserer Rabbinen vom Oberrabbiner in Prag, mit der Bemerkung, daß das Wenigste was man vom Oberrabbiner Prags erwarten darf sei, daß wenn er schon das Ansehen der Thora und ihrer Lehrer nicht zu heben vermag, selbes wenigstes nicht herabsetze, um so eher als der Prager Herr Oberrabbiner durch den TlD^N absolut nicht betroffen wird, da im Sinne eines alten talmudischen Grundsatzes mD"»* b$ btl PK __ K. Das Chasam-Sofer Bes-hamidrasch. Dienstag, den, 25. Tischri, am Jahrestag des Chasam-Sofer fandwie wir bereits berichtet haben, die feierliche Einweihung des neu restaurierten Chasam-Sofer Beshamidrasch unter Beteiligung des ganzen Kultus Vorstandes und eines zahlreichen Publikums, darunter noch vieler Talmidim des Kesaw-Sofers, statt. Oberrabbiner Schreiber hielt eine faszinierende Einweihungsrede, die auf alle Anwesende, aber besonders auf die alten Talmidim des Kesaw-Sofers, die die Vorträge des unsterblichen Meisters noch in diesem Bes-hamidrasch angehört haben, einen tiefen Eindruck machte. Redner wies auf die hohe Bedeutung dieser heiligen Stätte, wo Abertausende von Talmidim aus dem belebenden Thoraquell des Chasam- und Kesaw-Sofers schlürften, die dann mit dem hier in diesem Heiligtum in sich aufgenommenen Geiste als Leuchten des jüdischen Volkes fast in der ganzen Welt belehrend und befruchtend wirkten. Die Blicke des ganzen jüdischen religiösen Volkes war einst zu diesem Bes-hamidrasch gerichtet, wo der Brennpunkt von Thora, Kedüscho und Taharoh gewesen war, von wo der Chasam- Sofer auf die große Gefahr der Reform hinwies und der Kesaw-Sofer den richtigen Weg des gesetzestreuen Judentumes zeigte. Nun wird dieses Bes-