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Jüdische Presse · 1922-10-20 · 39 (20.10.1922) · page 3

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Journal
Jüdische Presse
Volume
8 (1922)
Issue
39 (20.10.1922)
Date
1922-10-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 39 JÜDISCHE PRESSE Seite 231 Orthodoxie in Ungarn nnd Preußen, hörten diese Vexationen zumindest in diesen Ländern auf. Die Denunziationen der Neologen fanden keinen Boden und die Religiosität hat in diesen beiden Ländern, trotz Zeitgeist nnd wirtschaftlicher Nc/t, qualitativ und quantitativ zugenommen. Der Terrorismus der Neologen, deren Religion (sie!) nur von den Launen der Kultusgewaltigen allenthalben gebildet wurde, die zumeist vom Judentum keine blasse Ahnung hatten und haben und die total abgewirtschaftet, hat die Trennungs- Orthodoxie geschaffen, die Leistungen (lucus a non lucendo) der Zionisten erhalten und stärken sie in Erez Jisroel und überall, wo Zionisten Macht haben. Wäre es Ignatz Deutsch in£den 50er und 60er Jahren gelungenen Wien die Trennung zu erwirken, so würde die Wiener Orthodoxie heute die blühendste Gemeinde in Europa bilden. Der ausgezeichnete Zuwachs aus Galizien und Ungarn hat hier ein Zentrum von großzügigster Förderung von Thora, Awodat und besonders Gmilas Chessed geschaffen, das frei von den Fesseln einer Gemeinde, die keine einzige Institution besitzt, die dem jüdischen Religionsgesetz entspricht, sich noch unendlich großartiger entwickeln könnte als dies derzeit der Fall ist. Eine einzige kleine Institution der Gemeinde, die nur den Orthodoxen zugute kommt, wird dem Verfalle anheimgegeben, obwohl speziell die organisierte Orthodoxie Riesensummen an Kultussteuern zahlt, ohne eine Gegenleistung zu beanspruchen. Ad vocem Ignatz Deutsch, hat derselbe durch seinen Einfluß vielen Tausenden Juden geholfen gegen Bedrückung und Unrecht, gegen die es im alten Polizeistaat kein Rechtsmittel gab. Er hat oft (da Staat und Polizei an den Pforten der Klöster keine Macht hatten) Mortarafälle durch Intervention hoher Persönlichkeiten ungeschehen gemacht. Vielleicht shat er übers Ziel geschossen als er glaubte, auch im Falle Mortara sei es besser, ohne Lärm zu versuchen, Remedur zu schaffen. Er war ein unruhiger Kopf, der nicht immer das Richtige traf, aber stets nur von dem heißen Wunsche beseelt war, seinen armen, bedrückten Glaubensgenossen zu helfen und besonders das religiöse Interesse der Judenschaft zu fördern. Das nur das Festhalten an der Religion im alten Gewände die Juden als solche erhalten hat und erhalten wird, war sein Credo und das lehrt uns die Geschichte. Daß bewußte (?) aufrechte (?) Juden lieber zum Fenster hinaussprechen, auf die Gefahr hin, den Judenhassern Vorwand zum Wutparoxismus zu bieten und jüdische Existenzen zu gefährden, weil jeder andere Jude auch sein Leben für eine schöne nationale Rede opfern muß, das ist in der Psyche des Nationaljuden begründet. Wir Orthodoxen sagen mit Bisirfarck („die ganze Orientfrage ist „uns nicht die Knochen eines Pommerschen Grenadiers wert"): der ganze Neo-Nationalismus unserer Jungzionisten ist uns* nicht die Exisjt^nz eines jüdischen Hausierers wert. P. Es dämmert in Misrachi. Rücktritt Dr. Schönfelds von der Misradri-Leitung nnd vom misrachistischen Schulwesen. Aus Anlaß seines Rücktritts von der Leitung der Misrachi Weltorganisation und des misrachistischen Schulwesens in. Palästina gab Dr. Victor Schönfeicl eine Erklärung an die JPZ, die wir im wesentlichen bringen: Als ich dem Ruf folgte, Mitglied der Exekutive der Misrachi Weltorganisation zu werden, und die Leitung des orthodoxen Schulwesens in Erez Jisroel zu übernehmen, war der Misrachi eine selbständige Körperschaft. Obgleich ein Teil der Zionistischen Organisation, war er es bloß aus inneren und äußeren politischen Rücksichten, hauptsächlich um eine ein« heitliche Front im Kampfe unseres Volkes fürs heilige Land zu bewahren. Insofern es sich um Tätigkeit in Erez Jisroel handelte, war der Misrachi eine unabhängige Organisation. Sie hatte ihr eigenes Budget mit ihren eigenen Fonds, und die Mitglieder .in der ganzen Welt trugen mit die Verantwortung für diese Tätigkeit. Wenn auch die ökonomische Lage Europas die meisten Landsmannschaften außerstande setzte, unsere Arbeit wesentlich zu unterstützen, so waren sich die hesser bestellten Länder dessen bewußt, daß sie die Last zu tragen hatten. Unsere Organisation war ein lebendiger Organismus mit eigener Blutzirkulation. Von dem Tage an, als der Keren Hajessod das finanzielle Instrument der Zionistischen Organisation geworden war, unn der Misrachi in allen Ländern sich mit Leib und Seele in ded Dienst desselben gestellt hatte, hat unsere Arbeit ein ganz anderes Gesicht bekommen. In ihrer Hingebung an den KH haben die Misrachisten ihre Pflicht gegen ihre eigene Organisation ganz in den Hintergrund gestellt. Vergebens hat die Exekutive während der letzten 18 Monate Mahnt ufe an die Zweigorganisationen ergehen lassen. Der KH nahm all ihre Energien in Anspruch. Unser Eigenleben fing an allmählich, aber stetig zu versiegen. Freilich wird der Misrachi für söine finanziellen Verluste bis zu einem gewissen Grade vom KH — wohl kärglich und unzureichend — schadlos gehalten. Das Lebensblut und das Eigenbewußtsein eines Körpers kann jedoch durch nichts ersetzt werden. Diese stehen nämlich in Gefahr abzusterben, wenn das gegenwärtige System noch lange anhält. In Karlsbad ist nun diesem System ein definitiver Siegel aufgedrückt worden. Wohl dürften die Finanzen des Misrachi auf Grund seiner Vereinbarung mit dem KH heute wahrscheinlich etwas sicherer stehen, als es früher der Fall gewesen war, aber seine Eigen-Existenz als Körperschaft ist bedroht von der Zionistischen Organisation ganz verschlungen zu werden. Diese Bedenken haben uns, meine Kollegen und mich, sehr häufig schon vor die Notwendigkeit unserer Resignation gestellt. Das Gefühl unserer Verantwortlichkeit den Aemtern gegenüber, die wir bekleideten und namentlich unsere Hingebung für die Arbeit im heiligen Lande, haben jedoch stets die Oberhand gewonnen. Während der Karlsbader Tagung habe ich es jedoch für meinen Teil unvermeidlich gefunden, die letzten Konsequenzen zu ziehen und habe meine Demission eingereicht. Dem Drängen meiner Delegiertenkollegen folgend, habe ich zugestimmt, den letzten Schritt mir nochmals ernstlich zu überlegen. Die reiflichste Ueberlegung hat aber leider meinen Entschluß nicht ändern können. Ebenso wie bisher, bin ich tief überzeugt, daß das grundlegende Prinzip des Misrachi wahr und gesund ist. In diesen ereignisschwangeren Tagen für unser Volk ist eine einheitliche Front für unsere politischen Unternehmungen von höchster Wichtigkeit. Aber die Prinzipien der jüdischen Tradition, für die der Misrachi eintritt, sind zumindest ebenso wichtig. Wenn die Individualität des Misrachi und folglich auch seine Prinzipien gefährdet sind, — und ich glaube sie sind es im gegenwärtigen Moment — so habe ich es als meine Pflicht erachtet, meine Handlungsfreiheit wiederzugewinnen. NACHRICHTEN. In diese Serie gehört auch die öffentliche Erklärung eines Oberrabbiners (der als religiös gelten will) und Präsidenten im Zionismus: „Es sei zu begrüßen, wenn die Aguda in Erez Jisroel arbeitet, obwohl dann ein Kulturkampf entbrennen wird." Derzeit gibt esjn'Erez Jisroel keinen Kulturkampf, sondern ein terroristisches Schandregiment, das die Orthodoxie mit Macht niederhält. Ein zweiter zionistisch orientierter Oberrabbiner geht in Erez Jisroel mit einem Ehrenbeleidigungsprozeß gegen ehrenwerteste Juden nicht nach jüdischem Brauch vor ein Rabbinat, sondern vor ein staatliches Gericht, wo Richter und Staatsanwalt Zionisten sind, die die Macht haben, Arreststrafen zu verhängen und diese Macht gegen Orthodoxe weidlich ausnützen. Das sind die zionistischen Bausteine für die jüdische Einheitsfront. Wie weit der Haß gegen die Orthodoxie und die Unreinlichkeit in zionistischen Kreisen reicht, hat die Kampagne in nationalen Organen gegen die Aktion der Aguda für die Lebensmittelsendungen in die russischen Hungergebiete gezeigt. In vollem Bewußtsein, eine Verleumdung auszusprechen, in der Absicht, das Werk, das jedes menschliche Herz aufwühlen sollte, zu schädigen, hat man in der Oeffentlichkeit die Aguda verdächtigt, nicht ehrlich verwaltet zu haben. Die Untersuchung durch erstklassige, der Aguda fernstehende Männer, hat ergeben, daß diese Anwürfe erlogen sind. Aber die durch Wochen fortgesetzten Anklagen haben dem Werkgeschadet, allerdings mehr dem feilen Skribenten, der aus gemeinem Parteiegoismus die besteingeleitete jüdische Wohlfahrtsaktion (Dr. Bogen) zu untergraben versuchte; man durfte es nicht zulassen, daß die Orthodoxie in wenigen Monaten Milliarden aufbringe. Der Schmerz, daß Milliarden jüdischer Gelder gesammelt werden, ohne daß zionistische Agitatoren, Reisende usw. sich die üblichen 20 Prozent verdienen, mußte Ausdruck finden.* Der Keren Hajessod, zu dem alle Juden geladen werden, wurde ins Leben gerufen für den Wiederaufbau Zions. Verwendet wird er für das Budget in Erez Jisroel, das bis nun außer Erhaltung einer Ueberzahl schlecht qualifizierter Lehrer und überzähliger Beamten nichts geleistet hat. Alles Vorangeführte gehört dazu, um die Einheit im Judentum zu erhalten und die ganze Judenschaft unter das Banner der antireligiösen zionistischen Leitung zu zwingen. Mit demselben Terror setzte vor einem Jahrhundert die Reform ein. Auch da hat es eine wenig zahlreiche aber lärmende Gesellschaft verstanden, durch Denunziationen die Kulturfeindlichkeit und Staatsgefährlichkeit der orthodoxen Juden den Staatsbehörden zu demonstrieren, Einfluß zu gewinnen und diesen zu einer wahren Schreckensherrschaft gegen die frommen Juden zu benützen. In Frankfurt a. M. erfloß auf jüdische Denunziation (Gemeindeyorstand) ein Verbot des Talmudstudiums und im Jahre 1839 wurde Rabbi Salomon Trier, ein hervorragender 75jähriger Talmudist, zu Arrest verurteilt, weil er Talmud unterrichtet hatte. In Wien wurden beim Bau des Tempels alle Minjanim geschlossen, um die Orthodoxen zu zwingen, den christianisierten G-ttesdienst zu besuchen und durch 9 Dezennien wehrte sich der Wiener Kultusvorstand (der stolz darauf war und ist, die konservativste moderne Judengemeinde zu vertreten) mit aller Macht gegen jedes orthodoxe Minjan. Erst mit der Organisation der Trennungs- * Vor dem Kongresse war in zionistischen Blättern zu lesen, der Nalionalfonds arbeite mit 2 Prozent Spesen; im offiziellen Bericht mußte dieser Druckfehler (?!) auf 20 Prozent richtig gestellt werden. DcutscDöslerrcicb. Borchi nafschi. An den Sabbatnachmittagen des Winters nach Mincha klang in der trauten Stube frommer Väter oder Großväter die Rezitation des von solch prachtvollem, poetischem Schwünge getragenen Borchi nafschi. Es wird am Sabbat Bereschis begonnen, denn es enthalt ja auch Lobpreisungen der Schöpfung; daran schließen sich die 15 Schir hamalos. Es ist eine wichtige Aufgabe der Erziehung, diesen Brauch als sittliches Inventar des frommen Hauses zu bewahren. Der Eindruck dieser herrlichen Kapitel ist ein bleibender und die welterhaltende Kraft, welche die Tradition den Schir hamaalos zuspricht, äußert sich auch in der Erhaltung des darin erzogenen Kindes für das Ganze. Für das Waisenhaus in Baden. Erfreulicherweise zeigt sich in Kreisen unserer polnischen Gesinnungsgenossen ein wachsendes Interesse für das Aguda- Waisenhaus in Baden, das hauptsächlich Pogrom- Waisen aus Ostgalizien beherbergt. Es soll rühmend hervorgehoben werden, daß die altehrwürdige und weit berühmte Kultusgemeinde in Krakau das Waisenhaus in Baden mit einer Subvention von 100.000 p. Mk. bedacht hatte, dank der rührigen Werbearbeit unserer dortigen Gesinnungsgenossen. Mit diesem Akt tritt die Krakauer israelitische . Kultusgemeinde an die Spitze jener Gemeinden, die ihre Ehre darein setzen, Institutionen, die Kriegs¬ und Pogrom-Waisen im Geiste des überlieferten Judentums erziehen, kräftigst zu fördern. — Ebenso erfreulich wie nachahmenswert ist die große Spende einer Gruppe von Lodz er Industriellen und Großkaufleuten. Dank der Mühe und liebevollen Hingabe des Herrn Juda Großbart (Wien) haben die Firmen Winzingster und Lewin, A. L. Kreuzmann, Lodzka Manufactura, „Record", Rubin und Schwarz, Silberstein und Szapowal, S. Kawenuki, L. Freiberger & Co., L. E. Leczczynski & Co., Jakob Kestenberg A. G., M. Falkowski, Weinberger, Rottberg und Adler, Salomon Weingarten, Maxim. Schiffer in Lodz, Stoffe, Zubehör usw. -in bester Qualität gespendet, wodurch Wintermäntel und Kleider für einen großen Teil der Zöglinge in Baden hergestellt werden können. Dank des Entgegenkommens des Staatsamtes für Finanzen wurde die Sendung zollfrei durchgelassen. — Erstes Ergebnis einer Sammlung durch Herrn Rabbiner Dr. Brader (Ansbach) von der Jugendgruppe in Nürnberg K 500.000. Das orthodoxe Sohulwerk in Wien. Um den Aufbau des orthodoxen Schulwerkes in Wien mit voller Energie zu betreiben, hat die Leitung der Talmud Thora beschlossen, ein eigenes Sekretariat im Schulhause zu errichten. Von Sonntag, den 80. Tischri (22. Oktober) vormittags 10 Uhr wird das Sekretariat seine Arbeit beginnen. Erfreulicherweise zeigt sich bereits jetzt ein wachsendes Interesse für das Schulwerk. So hatte anläßlich des Simchas Thor-Festes der Vorstand der „Achdus Jisroel", Rembrandtstraße 32, eine große Summe zugunsten der Schule gewidmet und besschlossen, monatlich der Schule eine größere Subvention zu bewilligen, in der Form, daß das Schulgeld für zehn arme Schulkinder vom Vereine aufgebracht wird. Hoffentlich findet dieses schöne Beispiel Nachahmung. Deutschland. ) Professor Strack. Der verstorbene Professor Strack war einer der Führer der positiv-protestantischen Richtung in Deutschland, dabei einer der ernstesten und ergebensten Freunde des jüdischen Volkes und des jüdischen Schrifttums; ein großer Teil seines Lebens war der Abwehr von antisemitischen Angriffen gewidmet, seine Werke von streng wissenschaftlichem Geiste getragen, werden für alle Zeiten das wertvollste Material für die Abwehr darstellen. Er war außerdem Autorität auf dem Gebiete alttestamentarischer Forschung. Man kann ruhig sagen, daß alles was in jüngsten Jahren auf dem Gebiete der talmudischen Forschung von nichtjüdischen Kreisen geleistet worden ist, auf die Initiative und Anleitung von Hermann Strack zurückzuführen ist. Weite Kreise des Judentums sind ihm zu stetigen Danke verpflichtet. Bestrafte Feiertagsheiligung. Was wir bis zuletzt für ein Ding der Unmöglichkeit gehalten hatten, ist nun doch Tatsache geworden: In der deutschen Republik sind soeben jüdische Schüler deshalb bestraft worden, weil sie zu Roschhanonoh der Schule fernblieben. Durch die gesamte deutsche Presse machte vorige Woche folgende Meldung die Runde: „Die von den bürgerlichen1 Parteien befehdete und wahrscheinlich sogar verfassungswidrige Verordnung des sächsischen sozialistischen^, Kultusministers Fleißner, wonach es Schülern verboten ist, an staatlich nicht anerkannten Feiertagen dem Schulunterricht fernzubleiben, hat bereits ihre Opfer gefordert. Drei israelitische Schüler des Döbelner Staatsrealgymnasiums sind mit Karzerstrafen belegt worden, weil sie entgegen der genannten Verordnung des Kultusministers am jüdischen Neujahrsfeste der Schule ferngeblieben waren." Gleichzeitig teilt das Presseamt der Stadt Leipzig mit: „Das Ministerium des Kultus und öffentlichen Unterrichts hat zur Ausführung seiner Verordnung über den Schulzwang an staatlich nicht anerkannten Feiertagen erklärt, daß durch diese Verordnung auch die früheren Ministerialverordnungen, die eine Beurlaubung katholischer Schüler an besonderen katholischen Feiertagen und israelitischer Schüler solcher Anstalten an jüdischen Festtagen gestatteten, aufgehoben sind. Es hat die Verordnung über den Schulbesuch an staatlich nicht anerkannten Feiertagen auch auf die israelitischen Privatschulen Anwendung zu finden, und es sind künftig Befreiungen israelitischer Kinder vom Schreiben, Zeichnen und von den Nadelarbeiten im Schulunterricht an den Sonnabenden nicht mehr zulässig. Polen. Die polnischen Sejmwahlen. In den nächsten Tagen sollen die Wahlen für den Sejm und Senat in Polen stattfinden. Der herannahende Termin verschärft den Wahlkampf in gewohntem Maße. Die jüdische Wählerschaft ist in zwei Lager getrennt, da die Volkspartei, allgemein Volkisten genannt, sich mit dem jüdisch-nationalen Block nicht vereinigte. Trotzdem sind die Aussichten des jüdisehnationalen Blocks, der im Rahmen des allgemeinen Minoritätenblocks den Wahlkampf durchführt, nach den letzten Berichten günstig. In einer besonders heiklen Situation befindet sich die Aguda (Schlojme Emune Jisroel). Ihren grundlegenden Prinzipien auf dem Gebiete der allgemeinen Politik getreu, hätte sie selbständig auftreten müssen, da sie, mit den anderen Minoritäten und mit den Jüdischnationalen vereinigt, den Eindruck hervorrufen könnte, als ob die jüdische Nation, den andern gleich, bloß eine politische Nationalität bildet. Obwohl die Führer der Aguda in Polen sich wohl bewußt waren, daß sie durch ihre, wenn auch bloß zu Wahlzwecken und auf Wahldauer, erfolgte Vereinigung mit den Zionisten und den hiedurch vollzogenen Eintritt in den Minoritätenblock eine große Verantwortung auf sich laden, sowohl nach innen durch die Ver-

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