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Jüdische Presse · 1922-11-24 · 44 (24.11.1922) · page 4

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Journal
Jüdische Presse
Volume
8 (1922)
Issue
44 (24.11.1922)
Date
1922-11-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 258 JÜDISCHE PRESSE * Nr. 44 sondern eine Zuwiderhandlung gegen das jüdische Religionsgesetz bedeutet. Es herrschte und herrscht Uebereinstimmung darüber, daß die Erdbestattung eine positive Religionsvorschrift ist, daß jede andere Form, als die Bestattung des unverletzten Leichnams in loser Erde oder in Felsgestein, religionsgesetzlich unstatthaft ist. An der Spitze der Größen, der also Entscheidenden, stand der unvergeßliche von allen unbestritten als Autorität anerkannte Rabbi Jizchok Elchanan Spektor von Kowno. Selbst die Rabbiner, welche die sogenannte Mittelpartei bildeten, beugten sich dieser Entscheidung und versagten ihr Mitwirken, sowohl bei der Ueberführung der Leiche zum Krematorium, als auch bei einer eventuellen nachträglichen Erdbestattung der Urne. Solche Gemeinden, die nicht ganz auf neologem Standpunkt stehen, bestimmen für die Beisetzung solcher Urnen ein eigenes Feld auf ihrem Friedhofe, welches für andere Gräber nicht benützt wird. Orthodoxe Gemeinden versagen selbstverständlich die Beisetzung überhaupt. Wir begnügen uns für heute mit dieser Feststellung und dem Hinweis darauf, daß vor etwa zehn Jahren die halachische Darstellung über die Unzulässigkeiten der krematorischen Leichenbestattung gegeben wurde von den Herren Rabbinern Dr. Deutsch, Fürth, Dr. Ehrentreu (München) und Dr. Lerner (Altona). Wir hoffen, daß man es auch in Wien verstehen wird, dieser dem Religionsgesetze drohenden Gefahr wirksam zu begegnen und werden wir zur gegebenen Zeit auf dieses Thema zurückkommen. Das Wort hat jetzt das Rabbinat der Gemeinde Wien; wir dürfen wohl erwarten, daß dieser Gegenstand einer ernsten Würdigung unterzogen wird. Finsterlinge. Die hebräische Sprache begeistert das zionistische Organ zu herrlichen Stilblüten: Verknöcherte Orthodoxie, Finsterlinge. Ein Rabbiner in Huazt hat einem Misrachisten abgelehnt sein Kind zu beschneiden, wenn er nicht sein äheres Kind aus der hebräischen Schule herausnimmt. Diese Erpressung usw. soweit die „W. M.-Z." in ihrer letzten Montagnummer. Nun kann es nicht oft genug wiederholt werden, daß die zionistischen hebräischen Schulen Brutstätten der krassesten Religionsleugnung sind. — Und dies in Erez Jisroel ebensowohl als im Goluth. In Erez JiBroel sagen die 10jährigen Schüler mit unvergleichlicher Grazie am Schabbos Ten lie Esch (Gib mir Feuer). Sie werden aber getreulich davon behütet, zu erfahren, daß es auch eine gleichlautende Sprache für die höchsten ethischen Begriffe für Thauras Mausche gibt, von deren Existenz sie nichts wissen sollen. Diese Sprache ist uns ein Greuel, sie hat bei uns den Rang der Sprache der Mission, die auch nichts anderes tut, als die Juden von ihrem Glauben abwenden. Dr. S. Bernfeld, ein Spinozist und gründlicher Kenner des jüdischen Schrifttums, schrieb vor Jahren in der Hazfirah, dem Organ Sokolovvs: Wenn wir wünschen, daß unsere Kinder den Geist des Judentums und der hebräischen Sprache kennen lernen, müssen wir ihnen "HVPf lehren, später werden wir schon aus ihnen Bibelleugner machen. Wenn man aber wie im Jaffarer Gymnasium mit elfjährigen Kindern protestantische Bibelkritik treibt, ist dies ein Verbrechen an diesen Kindern und am „Judentum", soweit Bernfeld. Dieser Geist zieht sich durch das ganze zionistische Schulwerk. Und diesen Geist muß jeder gläubige Jude aus allen Kräften bekämpfen. Ein ähnlicher Geist herrschte auch in den Allianz- und Baron Hirsch'schen Schulen. Hätten diese a- und antireligiösen Schulwerke nur im mindesten eine gute Absicht gehabt, die Jugend in etwas Nützlichem zu unterweisen, so hätten sie versuchen müssen, ihr Schulwerk den Eltern mundgerecht zu machen, anstatt sie durch die anerzogene Irreligiosität zu verscheuchen. Auch von dem Misrachi weicht unser Erziehungsprinzip himmelweit ab. Bei Beginn der Winterarbeit der Misrachi- Jugendgemeinschaft Berlin sagte der erste Referent: Das zweite was der Misrachi zu betonen habe, sei die Renaissance des Thorajudentnms. Diese zeige Erstarrungs- und Entartungserscheinungen wie den Pilpul oder den Aberglauben des chassidischen Exigonus. Eine Renaissance des Thaurohjudentums durch den Misrachi, der mit eisernen unlösbaren Banden an die zionistische Gesellschaft gekettet ist, deren oberstes Ziel nicht Palästin», sondern die Untergrabung der Jüdischkeit der Religion ist, welche Gesellschaft auf dem Gebiete des Kulturkampfes gegen die Jüdischkeit weit größere Erfolge erzielt hat, als auf dem Gebiete des Aufbaues von Erez Jisroel! Etwas Sinnloseres, Selbstüberheblicheres läßt sich kaum sagen. Ohne Pilpul und ohne Chassidismus, zwei lebendige Aeußerungen jüdischen Denkens, Fühlens und Lernen», wären Misrachi und Judentum längst verschwunden. Jüdische Gedanken. XI. Das jüdische Volk hat von G-tt die Thora erhalten, aber die Thora war es, die das jüdische Volk erhalten hat. * Ein »jüdischer Schylock" hat niemals gelebt, wohl aber das Urbild des „Nathan der Weise*. Und da soll die erdichtete Figur es sein, die das Judentum in Wahrheit repräsentiert? * DaB Buch „Die Weisen von Zion* ist als die blödsinnigste Fälschung entlarvt worden. Aber man sieht, daß es doch ganz vortrefflich dazu geeignet ist, den Haß gegen die Juden zu schüren. » Das Judentum kennt nur Söhne G-ttes. Ruft doch der Prophet aus: „Haben wir nicht alle einen Vater?" * In frommer jüdischer Vorstellung lebt. Erez Jisroel als das Land, von dem göttliche Heilslehren ausgehen und in dem Milch und Honig fließt, als das Land, in welchem kein Kampf mehr tobt und kein Blut vergossen wird. Maleachi. Dcutscfcöskrreict). Anregung zur Gründung eines Vereines der Preßburger in Wien. Alle jene, deren Vaterstadt Preßburg ist und die sich in Wien niederließen, bewahren ihr Herz voll träumerischer Erinnerung an ihre Jugend und an die Stätte ihrer Geburt und ihrer ersten fröhlichen Kindheit. Von Zeit zu Zeit führt sie die Sehnsucht den Donaustrand hinan und sie verweilen ein Stündchen bei dort lebenden Angehörigen und Freunden oder an einsamen Gräbern, werfen einen Blick aut die Tummelplätze ihrer Jugend und müssen mit dem schmerzlichen Bekenntnisse, daß Alles vergänglich ist und die Jahre gar zu rasch dahin eilten, den Rückweg in ihre zweite Heimatstadt antreten. Das ist die wehmütige Poesie der Preßburger. Es sind edle Empfindungen, die der Lärm der Großstadt, der Kampf ums Dasein nicht vernichten konnten und diese Gefühle zu pflegen, ihnen in tätiger Form volle Geltung zu verleihen, ist der Zweck jener, die sich in diesen Zeilen vertrauensvoll an alle Preßburger wenden. Es wurde der Gedanke angeregt, einen Verein der Preßburger zu gründen. Die Pflege der gemeinschaftlichen Gefühle, die Wachhaltung der Zusammengehörigkeit mit der heimatlichen Scholle und vor allem das wohltätige Beistehen, den verarmten und gedrückten Kindern der Vaterstadt, sollen das Ziel dieser Vereinigung sein. Alle jene, die sich für Bildung dieses Vereines erwärmen können, sind daher höflichst gebeten, ihre Adresse dem Unterzeichneten brieflich oder telephonisch (13 182) bekannt zu geben, damit sie zu einem späteren Zeitpunkte zwecks Besprechung eingeladen werden können. Moritz Nasch, Wien, IX., Schlickgasse 1. Von unserem Waisenhaus in Baden. Sonntag, den 12. November, fand die erste Inspektion im Wintersemester im Waisenhause statt. Bei dieser Gelegenheit wurden die Knaben auch einer Prüfung unterzogen, welche ein überaus gutes Ergebnis zeitigte. Die musterhafte Führung unseres Waisenhauses ist allgemein bekannt und bereits des öfteren an dieser Stelle gewürdigt worden. Anläßlich der Prüfung hatten sich Sr. Ehrw. Herr Oberrabbiner, S. Fürst, Wolf Pappenheim, Sandor Adler B. Hirschler und L. Leitner im Waisenhaus eingefunden und selbst diese Herren, die die Knaben doch des öfteren sehen, waren von ihrem guten Aussehen aufs angenehmste überrascht. Die Führung des Waisenhauses ist eine solche, daß den Zöglingen desselben nicht zum Bewußtsein kommt, daß tm fflW^ Achtung, Wieder Verkäufer 2 TS yb%?vypo&vipy*',x wovbh^ rvntsy nmj& ttHlp-'te Silber tfi»"K ijnainjn'rt aaitotöM nyS1?« *\m KÖTS n J^ Rothmann Wien, XX., Jägerstraße 29 Mezzanin 5. Haltestelle der Straßenbahnlinien 8, 5,15, 81 Kein Gassenlokal — Samstag geschlossen sie Waisen und ohne Elternliebe und -Sorge aufwachsen, sondern daß sie ungeachtet dessen, ein Elternhaus nicht vermissen. Mit der Eröffnung des Waisenhauses wurden 42 Kinder dem Judentum und der Menschheit wiedergegeben, denn ohne desselben würden diese, wie es leider noch immer der Fall ist, den Gefahren der Straße überantwortet, ohne genügende Aufsicht und Pflege, verkommen und dem Judentum verloren gegangen sein. Um diesem Elend kräftig entgegentreten zu können, wurde schon im Vorjahre ein sogenannter „Eiserner Fonds" (Keren-Kajemeth) gegründet, welcher den Bestand des Waisenhauses einerseits sichert und anderseits einen dauernden Fonds, der nicht angegriffen werden darf, ins Leben gerufen. Doch noch zu viele solcher verlassener Geschöpfe existieren, noch zu wenig Waisenhäuser nehmen sich ihrer an und noch zu sehr müssen diese unschuldigen Kinder an den Folgen des entsetzlichen Krieges leiden. Die Prüfung bewies, daß die Kinder sowohl dem Religionswie dem profanen Unterricht die nötige Sorgfalt angedeihen lassen und nach längerem Aufenthalte verließen obgenannte Herren das Waisenhaus. Wiener-Neustadt. Mittwoch, den 15. November, fand in Wiener-Neustadt bei der Familie Mandl die Bris milah ihres ersten Sohnes und die daran anschließende Szuda statt. Die Feier, an welcher die Rabbiner Ehrenfeld (Mattersdorf), Dr. Pollak (Wiener-Neustadt), liabb. Friedrnann teilnahmen, verlief äußerst eindrucksvoll und wurden mehrere Reden, geschmückt mit. Diwre Thora, gehalten. Als Mohel funktionierte Herr Reif. Zum Schlüsse wurden namhafte Spenden, unter anderen auch für die Mattersdorfer Jeschiwah und Erez Israel geleistet. Wiedereröffnung der Ausspeisung in der Talmud Thora-Schule. Trotz der großen Not der Zeit ist es dem rührigen Vorstande mit Hilfe des Damenkomitees, in welchem die Damen Henny Schreiber, Recha Neurath und Grete Stern wirken, gelungen, die bereits traditionell gewordene Ausspeisung in der Talmud Thora-Schule wieder zu eröffnen. Mit dem Monat Kislew worden wieder die unbemittelten Schüler und Schülerinnen dieser Anstalt ein Avannes, gut zubereitetes und nahrhaftes Essen bekommen. Dieses Werk ist in erster Linie einigen Menschenfreunden, die nicht genannt sein wollen und namhafte Spenden für diesen Zweck leisteten, zu verdanken. Stellenvermittlung der „Sozialen Fürsorge" der Agudas Jisroel. Wir erlauben uns, alle Gewerbetreibende, Kaufleute und sonstige Arbeitsgeber auf unsere Stellenvermittlung aufmerksam zu machen und zu bitten, alle freien Stellen bei uns anzumelden, da die bei uns Vorgemerkten auf Schabbos reflektieren und eine andere Stellenvermittlung für diese nicht in Betracht kommt. Wir vermitteln kostenlos Arbeitssuchenden und stehen wir an Stelle des bis vor einem Jahre selbständig wirkenden „Schomre Schabbos- Vereines". Oesterreich und Palästina. Ein Bericht der Wiener Handelskammer über die günstige wirtschaftliche En wicklung in Palästina. (J. C. B. Einem offiziellen Bericht der Wiener Handelskammer über Palästina ist unter anderem zu entnehmen: Bis Ende Juni d. J. ergab sich eine günstige Fortentwicklung auf allen Gebieten des wirtschaftlichen Lebens. Der Import betrug von April bis Juni d. J. 17 000 Tonnen, an welchem der deutsche und österreichische Handel zusammen mit 200.000 Sterling partizipierten. Der Warenimport aus diesen Ländern weist jedoch eine Iahende Tendenz auf. Hauptindustrie ist nach wie vor die Bauindustrie. Obwohl die Bautätigkeit stark eingesetzt hat, sind die Baupreise um 80 Prozent gefallen. Dies hat seinen Grund darin, daß die Baumaterialpreise gegen das Vorjahr um nahezu die Hälfte gefallen sind und eine genügende Anzahl von Bauarbeitern, Architekten und Baumeistern vorhanden ist. Einen starken Aufschwung hat die Seifenindustrie genommen. Als neue Industrie tritt die Salzgewinnung auf. Ein neues Unternehmen (Athlit alz Entreprise) wird von der Jewish Colonisation Association finanziert. Die Anlagen zur Gewinnung von Kochsalz aus dem mittelländischen Meer sind bereits im Bau. Der Bericht betont, daß noch immer Möglichkeiten für den Absatz bestehen. Speziell die Textilindustrie hätte Aussicht. Eine jüdische Synagoge in Wien ausgeraubt. Die hiesige Brigittenauer Synagoge wurde am 12. November von" einer' Diebsbande heimgesucht, die sämtliche goldenen und silbernen Utensilien und den Thoraschmuck im Gesamtwerte von 50 Millionen Kronen gestohlen hat. Der jüdische Wiederaufbau in Wien. (J. G. B. Das Wiederaufbau-Departement des amerikanisch-jüdischen Joint Distribution Commitee schreitet jetzt zur Gründung einer jüdischen Gewerbebank zwecks Erlernung des jüdischen Handwerks und der Hausindustrie. Die Leitung des Joints fordert von der Wiener Judenheit die Beisteuer von 150 Millionen Kronen. Joint will die doppelte Höhe dieses Betrages bereitstellen. Personalnachrichten. Die Trauung des Herrn M a 1 k i e 1 Gr ü n av a 1 d mit Frau Frieda D u k e s z findet Sonntag, den 26. November, '$ Uhr nachmittags, in Beth-Hamidrasch der Schiffschul statt. Ungarn. Jüdische Kriegsstatistik vor dem Budapester Gericht. (J. C B.) Vor dem Budapester Strafgerichtshof fand am 3. November ein Verleumdungsprozeß statt, den der gewesene Abgeordnete der ungarischen Nationalversammlung Alexander Avarffy gegen den jüdischen Redakteur Dr. Ludwig Szabolcsi angestrengt hatte. Avarffy hatte in einem Zeitungsartikel behauptet, von der jüdischen Bevölkerung Ungarns seien bloß 500 den Heldentod gefallen, die Juden hätten sich vom Kriegsdienst gedrückt. Szabolcsi bezichtigte hierauf in seinem Blatte Avarffy der Lüge. In der Gerichtsverhandlung wurde ein Nachweis des Zentralstatistischen Büros verlesen, wonach nicht 500 sondern 4434 ungarische Juden im Kriege gefallen sind, also über zwei Prozent der jüdischen Gesamtbevölkerung und nicht, wie Avarffy behauptete, 0-005 Prozent. Die Daten des statistischen Büros beziehen sich jedoch nur auf die immatrikulierten jüdischen Gefallenen. Zählt man die nichtimmatrikulierten außerhalb der Landesgrenzen auf dem Schlachtfelde gefallenen jüdischen Soldaten hinzu, so erhalte man eine Zahl von 10.000. Das Gericht sprach auf Grundlage dieses Nachweises des Zentralstatistischen Büros Dr. Szabolcsi von der Anklage frei. Deutschland. Frankfurt a. M. Der bisherige Leiter der von der Deutsch-holländischen Palästinaverwaltung unterhaltenen Doresch Zion-Schule in Jerusalem, Herr Rabbiner Israel Porath — ein gebürtiger Jerusalemer — hat sich bei seiner Durchreise von Jerusalem nach England hier aufgehalten. Die hiesige Jugendgruppe ersuchte den bekannten (ielehrten, im Kähmen eines Vortrages über das palästinensische Erziehungswesen zu berichten. Der Hedner verstand es, dem zahlreich erschienenen Publikum ein ungemein lebendiges Bild von dem Wesen und der Entwicklung der palästinensischen Schulen zu geben. Mit besonderem Nachdruck betonte er die Tatsache, daß durch die deutsch-holländische Palästina-Verwaltung das gesamte geistige Jerusalem während der Kriegsjahre vor dem Zusammenbruch gerettet worden sei. Das sephardische orthodoxe Erziehungswesen ist auch bis in die jüngste Gegenwart hinein fast lediglich durch oben erwähnte Vereinigung erhalten Avorden. Mit erschütternden

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