Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 8 (1922)
- Issue
- 44 (24.11.1922)
- Date
- 1922-11-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Mr. 44 JÜDISCHE PRESSE Seite S57 Achtung vor Kol Jisroel Arewim Se lo-se bürdet uns die unverbrüchliche heilige Pflicht auf, alle Rücksichten beiseite zu schieben und alles was in unserer Macht liegt, aufzuwenden, wenn es sich darum handelt, Judentum und Judenheit vor Leid zu schützen. Und so haben wir es immer, zu jeder Zeit und bei jeder Gelegenheit gehalten. Wir sind uns ganz klar darüber, daß der Aguda nichts anderes übrig blieb, als sich dem Minderheitsblock anzuschließen, denn sonst hätte die gegnerische Presse, wie immer wo sich die Gelegenheit hiezu bietet, Lärm geschlagen, und den jüdischen Massen suggeriert, daß die Aguda die jüdische Einheitsfront durchbreche. Aber wir fragen: Hat die Aguda in Polen gut daran getan, sich vor dem ma jaumro zu beugen und gegen ihre bessere Ueberzeugung zu handeln? Die Frage bleibt offen. Wir hoffen, daß die polnische Aguda die Konsequenzen ihres Anschlusses an den Minderheitsblock jetzt wird überblicken können. Der Minderheitsblock wurde ja nur als technischer Behelf zur Durchführung der Wahlen geschaffen. Wir glauben aber, daß die gegnerische Partei jetzt den Versuch machen wird, aus diesem Minderheitsblock eine ständige politische Institution zu schaffen, welche Mittel zu dem Zweck sein soll, das polnische Judentum ihren Einflüßen zugänglich zu machen. Wir geben uns der zuversichtlichen Erwartung hin, daß die polnischen Agudaführer sich weiterhin nichts von unverantwortlichen Demagogen werden vormachen lassen und offen ihren Austritt aus dem Minderheitsblock proklamieren werden, um dadurch den schädlichen Einflüßen unserer Parteigegner auf das jüdische Volk den Weg zu verwehren. Schabse Schönfeld. Die jüdische Schulfrage in Deutschland. Infolge der neuesten Entwicklung der allgemeinen Verhältnisse in Deutschland ist die Frage der konfessionellen Schule wiederum aktuell geworden. Wir bringen in folgendem einen beachtenswerten Aufsatz über diese Frage aus dem Frankf. „Israelit". Gründet jUdische Konfessionsschulen! Ein M a h n w o r t von Fl. Die Meinungen über die Berechtigung der Konfessionsschulen sind geteilt. Durch das dem Reichstage vorgelegte Schulgesetz ist der Kampf um die Schule aufs neue entbrannt. Während die deutsche Volkspartei, die demokratische Partei und die Sozialdemokraten mit überwiegender Mehrheit sich für die Gemeinschaftsschule erklärt haben, stehen das Zentrum und die Deutschnationalen für die Weitererhaltung der Bekenntnisschulen ein. Noch tobt der Kampf der Parteien. Auch die Lehrerschaft ist in der Schulfrage in zwei Lager gespalten. Der deutsche Lehrerverein steht rückhaltslos auf dem Boden der Gemeinschaftsschule. Man kann die Stellungnahme dieses großen Vereines, der seit einem halben Jahrhundert für die Befreiung der Volksschule von der Oberherrschaft der Kirche gekämpft hat, begreiflich finden. Die katholischen Lehrerverbände kämpfen mit ihrem Herzblute für die ihnen unentbehrlich erscheinende Bekenntnisschule. Auch die jüdischen Schulmänner sind in ihrer überwiegenden Mehrheit Anhänger der jüdischen Konfessionsschule. So hat sich unter anderem die Hessische Lehrerkonferenz auf der Jubiläumsversammlung im Juli 1920 für den Weiterbestand der jüdischen Konfessionsschule erklärt. Herr Steinhardt, der Redakteur der Blätter für Erziehung und Unterricht, hat schon wiederholt eine Lanze für die jüdischen Konfessionsschulen eingelegt. Erst neuerdings hat sich der bekannte Schulmann Direktor Dr. Carlebach in Erwiderung auf die gegnerische Erklärung des Geheimen Justizrates Dr. Cassel in warmen Tönen für die jüdische Konfessionsschule ausgesprochen. Für ihn darf bei uns Juden die Frage der konfessionellen Schule keine Entscheidung aus politischen Rücksichten erfahren. Sie ist Lebens- und Schicksalsfrage, nicht eine der Opportunität. Die Konfessionsschule ist nach seiner Ansicht eine Konsequenz unseres einzigartigen geschichtlichen Seins, unserer besonderen Kulturaufgabe und Veranlagung. Zwei Momente zwingen uns, endlich in der jüdischen Schulfrage aus unserer Lethargie herauszutreten und mit offenem Visier für die Erhaltung und Neugründung jüdischer Schulen in Stadt und Land zu kämpfen. Einerseits vermissen wir bei unseren freien Staatsformen jedes Verständnis für die Bedürfnisse der jüdischen Kindesseele, anderseits ist es die antisemitische Strömung, die unseren geplagten jüdischen Kindern den Besuch der christlichen Schulen verekelt. Der sächsische Kultusminister hat bekanntlich folgende Verfügung erlassen: „An staatlich nicht anerkannten Feiertagen darf Lehrern und Schülern künftig in keinem Falle mehr Unterrichtsbefreiung zum Zwecke der Teilnahme an religiösen Feiertagshandlungen erteilt werden. Die Verordnung über die Teilnahme der Schüler an kirchlichen Feiern und Handlungen vom 27. Juni 1921 (Verordnungsblatt S. 81) bezieht sich nur auf solche Gottesdienste und kirchliche Feiern, durch die der geordnete Unterrichtsbetrieb nicht gestört wird." Auch die den Israeliten durch Verordnungen vom 7. März 1878, 29. November 1913 usw. und den Angehörigen der Adventisten vom siebenten Tage durch Verordnung vom 25. September 1920 bisher zugestandenen Vergünstigungen erledigen sich hierdurch." Man muß noch kein religiöser Fanatiker sein, um sich der Tragweite dieser antireligiösen Verfügung bewußt zu sein. Nicht nur, daß von nun an in Sachsen allen Kindern religiöser Eltern, gleichviel welcher Konfession, verboten wird, an Feiertagen, bei jüdischen Schülern sogar am heiligen Neujahrsfeste und am Versöhnungstage, der bisher selbst von den neologesten Glaubensgenossen In pietätvoller Weise gefeiert wurden, die Schule zu besuchen und den Feiertag durch profane Arbeiten zu entweihen, das Kind empfindet es als eine Ausnahmestellung, daß ihm die Feier seines von Gott gebotenen Ruhetages untersagt wird, während es dem christlichen Kind gestattet ist, seinen Sonntag durch Besuch der Kirche und Befreiung vom Unterricht, der an diesem Tage ausfällt, würdig zu begehen. Diese einen Gewissenszwang involvierende Verfügung des sächsischen Kulusministers, der als Sozialdemokrat sicherlich nicht aus Judenhaß seinen famosen Ukas erlassen hat, beweist uns zur Genüge, was wir Juden in Zukunft von den christlichen, beziehungsweise Gemeinschaftsschulen zu erwarten haben. Was heute in Sachsen Gesetzeskraft erlangt hat, kann morgen in Bayern und übermorgen in Preußen zur Tatsache werden. Jederzeit schwebt über uns das Damoklesschwert der religiösen und geistigen Entrechtung. Gegen diese dem Judentum drohende Gefahr gabt es nur ein Heilmittel: die Einrichtung konfessioneller Schulen. Das hat auch die von der Israelitischen Religionsgesellschaft in Leipzig gegen erwähnten Schulerlaß einberufene Protestversammlung durch folgenden Beschluß zum Ausdruck gebracht: „Die Versammelten erheben gegen die Verordnung den allerentschiedensten Einspruch sowohl aus ihrer Pflicht heraus, die religiöse Erziehung ihrer Kinder sicherzustellen, als auch im Interesse des sächsischen Landes, das sich selbst erniedrigt, wenn es die Achtung vor der Glaubensfreiheit preisgibt usw." Zum Schlüsse heißt es: „Sie weisen darauf hin, daß sie mit allen gesetzlichen Mitteln die rechtsungültige Verordnung bekämpfen werden, und daß sie, falls die Aufhebung wider alles Erwarten nicht erreicht werden sollte, die Einrichtung öffentlicher jüdischkonfessioneller Schulen fordern müssen und betreiben werden.'- Noch größeren Belästigungen sind unsere armen Schüler in Schulen ausgesetzt, wo der Antisemitismus seine Blüten treibt. Hier muß schon das zarte Kind es fühlen, daß es als Jude zur Welt gekommen ist. Wollte man die alltäglich vorkommenden Quälereien der jüdischen Schüler niederschreiben, so könnte man ganze Bände ausfüllen. In der C. V.-Zeitung lesen wir den Notschrei eines Vaters, dessen Kind häufig antisemitischen Plackereien ausgesetzt ist. Der Brief lautet wie folgt: „Zu dem Kapitel der antisemitischen Verhetzung der Schuljugend beehre ich mich, Ihnen folgendes mitzuteilen: Mein zehnjähriger Junge besucht seit Mitte Mai die Genieindeschule in der Albrechtstraße. Das Kind hat von der ersten Stunde an derart unter antisemitischen Angriffen zu leiden gehabt, daß ich mich jetzt entschlossen habe, es aus der Schule zu nehmen. Die Schüler haben sich vom ersten Augenblick an geweigert, mit ihm zu spielen, ja sogar auch nur mit ihm gemeinsam anzutreten. Als die Kinder vor einiger Zeit die Berliner Blumenausstellung besuchten, wollten sie ihm den Besuch dadurch verekeln, daß sie ihm einredeten, Juden dürfen nicht mit hinein. Den Lehrer trifft keine Schuld. Ich hatte ihn schon vor längere Zeit gebeten, dem Treiben der jugendlichen Schüler entgegenzutreten, und er hat daraufhin die Jungen entschieden verwarnt. H. Stern, Berlin NW 40." Also den Lehrer trifft hier keine Schuld. Wie schlimm ist es jedoch, wenn auch die Lehrer antisemitisch gesinnt ist. Daß es auch an solchen nicht fehlt, beweist die jüngt,t erfolgte Verurteilung eines Nürnberger Lehrers, der wegen Beschimpfung der jüdischen Religion gemaßregelt wurde. Mit Recht behauptet daher Carlebach am Schlüsse seines erwähnten Artikels: „Durch die jüdische Schule wird unserer Jugend eine geistige Heimat geschenkt, die sie vor Entwurzelung, vor Golusnot, vor der bittern Alternative zwischen der Umwelt und angestammtem Väterorbe bewahrt. Raubt unseren Kindern nicht den Nährboden der Seele — die Heimat" Es ist ein Irrtum weiter Kreise, wenn sie glauben, daß durch den gemeinsamen Besuch der allgemeinen Volksschule das Band der Liebe und Eintracht unter den Bekennern des verschiedenen Glaubens gelegt würde. Hat doch nicht einmal die gemeinsame Not und Gefahr in den Schützengräben es vermocht, der antisemitischen Welle Einhalt zu gebieten! Und wir finden gerade in den Städten, wo zumeist gemeinsamer Schulbesuch vorherrscht, den größten Antisemitismus! Es ist eine unleugbare Tatsache, daß die jüdische Schule auf dem Lande infolge Rückgangs der Schülerzahl und mangelnder Opferfreudigkeit der Gemeinde auf dem Aussterbeetat steht. Möge aus den Ruinen der absterbenden Landschule neues Leben erblühen und in den Städten und Großgemeinden neue jüdische Volks- und höhere Schulen erstehen. Wir sind dies unseren armen, unschuldigen, gequälten und gemarterten Kindern schuldig. Die Pflicht der Selbstachtung gebietet uns, unsere Kinder aus den Schulen zu entfernen, wo ihnen entweder die Ausübung ihrer Religion untersagt, oder wo sie wegen ihres Glaubens verfolgt und gequält werden. Noch ist es Zeit, unseren Kindern ein schweres Märtyrerlos zu ersparen, tausende jüdische Seelen vor Verzweiflung und dem Untergang zu retten. Es ist daher die Ehrenpflicht des deutschen Judentums, mit allen Kräften für Gründung jüdischer Schulen einzutreten. Reform und Orthodoxie, Stadt und Land, Groß- und Mittelgemeinden müßten in edlem Wetteifer ihre Kräfte in den Dienst dieses idealen Zieles stellen. Unserer Jugend gehört die Zukunft. Geben wir unserer Jugend ein gemütliches Heim, wo sie ihre geistigen Kräfte zur vollen Entfaltung bringen kann! Darum möchte ich von Stadt zu Stadt, von Land zu Land den Ruf erklingen lassen: „Gründet jüdische Schulen!" ®in Interview mit Mr. Rosenbloom. Der Schatzmeister der Brandeis-Gruppe, Mr. Rosenbloom, war aus eigener Initiative und im ehrenamtlichen Auftrage seiner Gruppe im Frühjahr dieses Jahres nach Palästina gefahren, um das Land unserer Väter zu studieren und einige Maßnahmen zu ergreifen, die notwendig wären, um den wirtschaftlichen Aufbau Palästinas in ruhige, systematische Bahnen zu lenken. Mr. Rosenbloom, von seiner feinsinnigen und verständnisvollen Gattin und seiner Tochter begleitet, hat sich fünf Monate in Palästina aufgehalten und versucht, ohne Voreingenommenheit das Land zu studieren und zur Klarheit über die Frage zu kommen, welche Methoden dem in den Anfängen einer Kolonisation stehenden Lande seinen wirtschaftlichen Aufstieg sichern und seine Zukunft verbürgen könnten. Mr. Rosenbloom hatte die Freundlichkeit, gelegentlich seines Aufenthaltes in Deutschland einem Mitarbeiter der „AgudabJätter" über die Ergebnisse seiner Studienreise nach Palästina die folgenden Ausführungen zu machen: Die Grundmaxime meiner Gruppe, daß Palästina nicht ein Tummelplatz der Politik sein dürfe, daß vielmehr alle Kräfte auf die wirtschaftliche Erschließung des Landes konzentriert werden müßten und daß dieses Land nicht durch irgendwelche volkswirtschaftlichen Experimente, sondern unter Anwendung bewährter wirtschaftlicher Methoden aufgebaut werden müsse, habe ich bestätigt gefunden. Von meiner Gruppe hierzu ermächtigt, habe ich während meiner Anwesenheit in Palästina, den wirtschaftlichen Bedürfnissen und Notwendigkeiten des Landes Rechnung tragend, zwei Banken gegründet, die bereits arbeiten: Eine Genossenschaftsbank für die Bedürfnisse des ländlichen und eine Hypothekenbank für die des städtischen Kredits. Ueber die Einrichtung weiterer Instrumente der wirtschaftlichen Erschließung des Landes wird zu reden sein, wenn ich nach meiner Rückkehr nach Amerika meiner Gruppe detaillierten Bericht über die Gesamtlage in Palästina erstattet haben werde. Ich habe meinen Aufenthalt in Palästina auch dazu benutzt, das neue Menschenmaterial kennen zu lernen, in dessen Hände der Aufbau des durch so viel Jahrhunderte vernachlässigten, einst blühenden Landes gelegt ist. Es wäre undankbar, wollte ich nicht meine Bewunderung und meinen tiefen Respekt ausdrücken vor unserem Chaluzim und Chaluzoth, die eine hohe Begeisterung und ein heiliger Eifer in das Land der Väter geführt hat und die aller Mühen und Gefahren, die das Land birgt, nicht achten und mit Einsetzung ihrer Gesundheit und ihres Lebens in unverdrossener, mit beispielloser Opferfreudigkeit geleisteter Arbeit mit dem Boden des Landes ringen, um aus einer Wüste wiederum ein Paradies zu gestalten. So sehr ich jedoch den Enthusiasmus unserer Chaluzim bewundere, ehre und schätze, so muß ich auf der anderen Seite betonen, daß ihre allgemeine Mentalität nach meinem Empfinden in einem seltsamen Widerspruch zu ihrer Liebe zum heiligen Lande steht. Ich bin nicht der Meinung, daß die Mentalität dieses Menschenmaterials für den wirtschaftlichen Aufbau des Landes irrelevant ist. Menschen haben das Land verwahrlosen lassen, Menschen werden es wiederaufbauen. Allein jugendlicher Enthusiasmus ist noch nicht die Kraft, die den Schwierigkeiten der Aufgabe gewachsen sein wird. Jugendlicher Enthusiasmus kann verfliegen. Nur jener heilige Eifer, der nicht bloß dem Lande selber und der nationalen Wiederaufrichtung des Volkes anf seinem Boden gilt, sondern immerfort gespeist wird von den ewig jungen Quellen unserer heiligen Literatur, wird aller Schwierigkeiten Herr werden und alle Rückschläge überwinden. Das lehrt das Beispiel jener ersten Chaluzim, die vor einigen Jahren ins Land kamen und mit noch ganz anderen Mühseligkeiten und Gefahren zu kämpfen hatten als unsere Generation. Es erscheint mir geradezu als die Lebensfrage für Palästina, ob die jungen Einwanderer jenen inneren Prozefl erleben, welchen Theodor Herzl als „Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland* bezeichnete. Viele Chaluzim, darunter die intelligentesten und fähigsten Köpfe, sind von Ideen erfüllt, die sie aus der europäischen Kultur herüberbrachten und die in ihrem modernen Gewände ihnen als der Weisheit letzter Schluß erscheinen, vor dessen blendendem Glänze die Weisheit der Alten verblaßt. So hat eine tiefe Kluft sich aufgetan zwischen den Alten und Jungen, zwischen moderner Bildung und religiöser Tradition. Der alte Gegensatz von Glauben und Wissen ist wieder in voller Schärfe zu Tage getreten und übt einen, dem etwas tiefer Blickenden wohl erkennbaren, in seiner Gefährlichkeit nicht zu unterschätzenden Einfluß auf die Gestaltung der Dinge in Palästina aus. Sollten die Religionsphilosophen des Judentums, die mit dem Problem des Glaubens und Wissens rangen, umsonst gelebt haben? Der Gegensatz von Glauben und Wissen, dieser weltgeschichtliche Dualismus der Kultur, hat seinen Ort in der außerjüdischen Welt; in den Zelten Jakobs hat er keinen Raum. In unserer heiligen Religion und Philosophie herrscht Einheit, nicht Dualismus. Wir wollen von den Völkern lernen und dankbar die Erfahrungen nutzen, die Bie auf allen Gebieten der Kultur uns schenken, allein den Dualismus ihrer Kultur wollen wir nach Palästina nicht importieren. Es war mein Traum seit vielen, vielen Jahren, daß einmal in Jerusalem eine Universität erstünde, von deren Warte aus, hörbar unserem Lande und über seine Grenzen hin, die Symphonie der Einheit von Glauben und Wissen, von Wissenschaft und Religion hinausträte. Ich habe diesen Traum nicht aufgegeben, und ich glaube, daß ein wissenschaftliches ' Institut, das den Einheitsgedanken des jüdischen Idealismus in sich verkörpert, eine Notwendigkeit für das Land wie für alle Welt darstellt. Der Bau der Universität braucht nicht sofort in Angriff genommen zu werden, andere, dringendere Aufgaben liegen vor, aber daß er einmal kommt und daß er allein im Sinne der Versöhnung jenes großen Gegensatzes errichtet werden und die Harmonisierung der Kultur als eine Hauptaufgabe autoritativ durchsetzen wird, davon bin ich fest durchdrungen. Wenn ich die Meinung hege, daß der gegenwärtig in Palästina herrschende Geist dem heiligen Lande und seiner Tradition gegenüber gleichsam stilwidrig ist, und die Forderung erhebe, daß Palästina ein Land jüdischer Kultur werden muß, daß wir ein jüdisches Palästina bekommen müssen, so soll das nicht heißen, daß alle Methoden, die das Goluthjudentum ersonnen und angewendet hat, um das jüdische Volk gegen den übermächtigen Ansturm der außerjüdischen Kultur zu schützen, nun auch auf die Verhältnisse im neuen Palästina anwendbar seien. Ich bin von der Ueberzeugung erfüllt, daß die Thora die Grundlagen der Verfassung auch im neuen Palästina in sich birgt, ich bin ferner der Auffassung, daß das Rückgrat der jüdischen Erziehung auch im neuen Palästina das Thorastudium bleiben darf und soll, darum bin ich doch weit davon entfernt zu fordern, daß Jeschiboth und Chedarim das Ganze des palästinensischen Schulsystems ausmachen. Das Land soll wirtschaftlich erschlossen werden. Diese große und schwere Aufgabe allein bedingt, daß die Jugend in allen für den Aufbau des Landes notwendigen Fächern und Fertigkeiten unterwiesen werden muß. Ich bin mir bewußt, mit dieser Meinung nur die Ansicht unserer Lehrer zu vertreten, welche den Grundsatz der Verbindung von HT)]"! u°d au^~ gestellt haben. Daß durch die Berücksichtigung des y*"\$ "J^H die Beschäftigung mit der HTiri nicht leiden darf, ist mir ebenso gewiß, wie daß die |i"lin Schaden nehmen würde, wenn ihr Studium nicht durch die Beachtung des tt*^ "rTl glücklich ergänzt würde. ' Ich resümiere: Nüchternste Wirtschaftspolitik muß Palästina aufbauen. Ueber aller Arbeit des Tages aber darf nicht vergessen werden, daß der Aufbau Palästinas eine Aufgabe bedeutet, deren Lösung wir uns selbst und allen Völkern schuldig sind: Von neuem unsere reine, innerhalb der Menschheit führende Kultur auszuleben, Grundlagen einer neuen Ordnung und Verfassung der Welt zu legen, der prophetischen Verheißung gemäß, daß „von Zion die Thora ausgehen wird, das Wort Gottes von Jerusalem". Zur Frage der Leichenverbrennung. Es ist bezeichnend für die Verhältnisse in Wien, über diese aktuelle Frage beziehungsweise über die Stellungnahme der religiösen Autoritäten zu dieser Frage das Publikum zunächst einmal durch ein Interview zu informieren. Ueber den Geschmack läßt sich nicht streiten, allein wir halten die Frage für eine so tief einschneidende, daß man glauben sollte, es gebührt ihr im ersten Stadium auch schon eine andere Behandlung. Sie ist wie jede andere Frage rein halachisch zu behandeln und von dem religiösen Forum zu entscheiden. Die Frage ist nicht neu. Sie wurde vor eineinhalb Jahrzehnten in Deutschland aktuell und man richtete damals eine Anfrage an die religiösen Autoritäten der ganzen Welt. Die Antworten lauteten damals übereinstimmend, daß die Leichenverbrennung nicht etwa bloß dem jüdischen Geiste widerspricht,