Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 8 (1922)
- Issue
- 37-38 (6.10.1922)
- Date
- 1922-10-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2629891-2629953-2629987--0726-2632413- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
glücklich sein, finden zu können, daß in diesem Punkt kein Konflikt besteht, zwischen englischen und jüdischen Interessen; wenn aber dies der Fall wäre, dann wäre es die Pflicht der Zionisten, den jüdischen und nicht den englischen Interessen zu helfen. Der britischen Politik geht sie nichts an. Soweit „Jewish Chronicle*. Das was selbst die wenigen Eingeweihten und die Nüchternen schon seit langer Zeit wissen, ist damit deutlich und klar ausgesprochen. Man täusche sich ja nie darüber, daß die Hinneigung gewisser Regierungen zum Zionismus aus zweierlei Motiven entsprang; entweder war es die in der allgemeinen Lage bedingte Unterstützung des englischen Wollens, oder es war der Wunsch, im eigenen Lande der gerechten Regelung der jüdischen Fragen überhoben zu sein, und unter Entwurzelung und Entrechtung der Juden des eigenen Landes die ganze Verantwortung für das Schicksal einer Menschengemeinschaft von fünfzehn Millionen, England zu überantworten. Auch die politische Leitung des Zionismus geht diesen Weg. Wir nehmen an, im besten Wollen, jedoch in kurzsichtige: Verkennung der wirklichen Lage. England kann und wird nicht die Judenfrage der Welt lösen, wird es vor allen Dingen dann nicht, wenn dadurch irgendein Ziel der britischen Weltpolitik berührt oder sogar erschüttert würde. Auch die Juden der Welt können es nicht, sie können auch nicht nur ihr materielles Interesse in den Dienst der Politik eines Landes stellen, geschweige denn, daß sie, was übrigens niemals England, sondern nur die zionististische Idiologie fördert, ihr einziges Gemeinschaftsband, ihre Ideale und ihre Religion zugunsten irgendeiner Politik preisgeben. Schon sehen wir, nicht etwa mit prophetischen Blick, sondern lediglich, dank einer nüchternen Betrachtung der wirklichen Lage, die Spuren des Augenblickes, in dem es wieder die Aufgabe des Juden sein wird, in seiner jeweiligen Heimat sich einzuwurzeln. Dann beginnt man wieder im neuen Kreislauf bis zur Stunde der nur durch den Allmächtigen zu bringenden Erlösung die Sammlung unter der Flagge, die Jeremia für den Zug der Juden in alle Länder entfaltet hat, auf der die Worte verzeichnet sind: „Nur im Frieden eurer jeweiligen Heimat ist euch Friade." S. N. Die drei Väter. Präs. Dr. Weizmann schlägt vor, drei Begrüßungstelegramme im Namen der Jahreskonferenz abzusenden, und zwar an „den Vater des Baseler Programms und Präsidenten des ersten Zionistenkongresses" Dr. Max Nordau, an „den Vater der jüdischen Kolonisation in Palästina" Baron Eduard von Rothschild und an „den Vater des Mandates" Lord Balfour. (Lebhafter Beifall.) Es ist die höchste Zeit, daß das jüdische Volk von den neuesten Errungenschaften seiner politischen Führer endgültig Kenntnis nehme. Es leben in ihm Vorstellungen, die nach so vielen Zionistenkongressen und Jahreskonferenzen, nach Balfour-Deklaration und San-Remo nicht mehr adäquat sind. Hört ein Jude von den drei Vätern des jüdischen Volkes, so denkt er in seinem verstockten Konservatismus noch immer an Abraham, Isak und Jakob. Die letzte zionistische Jahreskonferenz in Karlsbad hat nun den Versuch gemacht, der Vorstellungswelt des jüdischen Volkes das Bewußtsein von seinen neuen drei Vätern einzuprägen. Es ist nun zu erwarten, daß die große Trennungslinie die durch den politischen Zionismus zwischen jenen gezogen ist, die einerseits dem Glauben der Väter Treue halten und Thora und Tradition zur alleinigen Richtschnur, ihres Lebens nehmen und zwischen denen andererseits, die in Herzl den Messias und Nordau, Weizmann und Sokolow seine großen Propheten erblicken; auch in der Anerkennung und Verehrung der drei Väter sich zeigen wird. Der treue Teil des jüdischen Volkes wird unter den drei Vätern, wie seit vier Jährtausenden Abraham, Isak und Jakob verehren, jene wiederum, denen der Zionistenkongreß und die Jahreskonferenz die höchsten Instanzen sind, haben fortan unter den drei Vätern Nordau, Rothschild und Balfour zu verstehen. Ob die neuen drei Väter ihre Kinder verstehen werden, ob sie sich von ihren neuen Kindern werden erbitten lassen, bleibt einstweilen noch abzuwarten. Chomez und Mazoth an der Jahreskonferenz. In der düsteren und errögten Abfertigung der Opposition nach der Debatte über die Politik der zionistischen Exekutive hat sich Herr Weizmann mit De Lieme besonders eingehend beschäftigt. Selbstverständlich ist Herr De Lieme sehr schlecht weggekommen. Doch in einem Punkt hat ihm Herr Weizmann recht gegeben. Gewiß pflichtete Weizmann Herrn De Lieme bei: „Wenn man Pesach machen will, muß man das Chomez ausräumen. Aber nicht sie allein Herr De Lieme können bestimmen was Pesach und was Chomez ist." Aus dieser auf Klassizität Anspruch erhebenden Wendung des Präsidenten der Zionististschen Organisation ist ersichtlich, sicherlich zur großen Befriedigung der Misrachi, daß nun das Thoragesetz von der Jahreskonferenz mindestens im Prinzip respektiert wird. Selbstverständlich mit der Einschränkung, daß das Wesen der Thoravorschriften zu bestimmen, erst der Jahreskonferenz oder dem Zionistenkongreß vorbehalten ist. Etwa in dem konkreten Falle ist Leitung und Oppostion darin einig-, daß wenn man Pesach machen will, man das Chomez ausräumen muß. Doch über die nähere Bestimmung dieser Vorschrift ist schon eine weitauseinander gehende Differenz wahrzunehmen. Herr De Lieme und die Opposition hat unter Chomez Herrn Weizmann mit der Exekutive verstanden, das erst weggeräumt werden muß bevor das Pesach der Opposition gefeiert werden kann. Herr Weizmann hat natürlicherweise dieses Alleinbestimmungsrecht der Opposition bestritten. Doch keine der streitenden Parteien hat daran gedacht, daß die von ihnen anerkannten Axiome; „Wenn man Pesach machen will, das Cohmez ausgeräumt werden muß," auch für die öffentlichen Chaluzim-Ausspeisungen der Zionistischen Organisation in Jerusalem und in Palästina zu gelten hat, sonst würden sie nicht zugelassen haben, daß die heilige Stadt Jerusalem am Pesach durch Chomez öffentlich entweiht wird, wie es noch letzten Pesach geschehen ist. Wa8 kriegt sich: Der Dalles. Seit die klaffende Leere der Parteikassa der Zionistischen Organisation nicht mehr eine temporäre Erscheinung ist, sondern einen chronischen Charakter angenommen hat, so daß nebst allen Posten auch das Erziehungsetat gekürzt werden mußte * und infolgedessen die Misrachiorganisation auf eigene Faust zu arbeiten gezwungen wurde, hat dieselbe anläßlich der Jahreskonferenz xlen Mut aufgebracht, nach vielen Wenn und Aber das Vertrauen zur Leitung nicht zu besitzen. Das Heilwasser aus dem langsamer fließenden Geldstrome hat die Augen der Misrachi geöffnet gegenüber der jüngsten Leistung der Exekutive auf religiösem Gebiete. Nämlich um die eigene Schöpfung, das zionistische Oberrabbinat in Palästina ja nicht erstarken zu.lassen (es könnte ja das löbliche Oberrabbinat gegenüber der religiösen Desolation in Palästina einmal doch ernst machen), hat die Exekutive der englischen Regierung den Vorschlag gemacht, in Palästina nicht das jüdische, wie es die Regierung geplant hat, sondern das englische Ehegesetz in Kraft treten zu lassen. Herr Weizmann hat selbstverständlich rasch die Peitsche geschwungen und die Misrachi der politischen Feigheit geziehen, weil sie sich von Sir Stuart Samuel nicht öffentlich losgesagt hat. Diesen Vorwurf ließ nun Herr Struck nicht auf der Organisation sitzen bleiben. Er hat den Fehler rasch gut gemacht mit der Behauptung, daß Sir Stuart Samuel (mit dem die Misrachim sich so oft gebrüstet haben) nie Präsident der Organisation war. Er protestierte noch schärfstens gegen die Beschuldigung der politischen Feigheit. Wir glauben mit guten Recht, die Proteste gegen die selbständige Orthodoxie, gegen Rabbi Chaim Sonnenfeld in Jerusalem, die Schlägereien in den Synagogen Warschaus sind alle Beweise, daß sie Mut besitzen; immerhin meistens nur im,Kampfe gegen Rechts. An unsere Jugend! Die Zeit des Sammeins ist herangebrochen. Das große Sterben in der Natur ruft uns alle, die wir in den leichtbeschwingten Sommermonaten das Freie gesucht haben, zur Ein- und Heimkehr. Schon mit den ersten Herbststürmen, die in die sommerlichen Straßen das welkende Laub der Bäume streuen, beginnt jenes Gefühl, das aus dem Bewußtsein des neigenden Tages, so stark in unserem Innern erwacht, jenes Gefühl, dem nur die unvergleichlich traute und klangvolle Sprache der Judengasse in einem Ausdruck verleihen konnte. Elulstimmung! Und wenn dann noch des morgens der Schofar seine mahnende Stimme ertönen läßt, erwacht mit mächtiger Gewalt das Heimweh der jüdischen Seele, der jungen jüdischen Seele, die während der Monate des hellen Sonnenscheins^ so allzusehr vernachlässigt von ihrem Herrn war. Erst in den Selichothtagen, in jener äußerlich so schlichten, in ihrer inneren Gewalt aber unvergleichlich mächtigen Woche, fordern die herannahenden Joihim Hanauroim gebieterisch ihr Recht. Gebieterisch insbesondere, von jenen — und wer von unseren Jungen war nicht dabei — die in den Sommermonaten so ganz an ihr besseres Ich vergaßen. Und heute, nachdem wir alle den ganzen Tag des Gerichtes mit der nötigen Weihe und mit den dazu gehörigen Gefühlen und Gedanken begangen haben, führt uns das jüdische Gesetz in seiner märchenhaften Anschaulichkeit in die Sukkoh, um uns zu zeigen, daß das leichteste Gebäude felsenfest' ist, wenn es in G-tt erbaut, und daß uns dagegen das festgefügteste Palais ein Kartenhaus, wenn es nicht gleichzeitig ein G-tteshaus ist. Die Zeit selbst drängt uns, sollen nicht die guten Vorsätze wieder in Nichts verlaufen, zur raschen und großen Tat. So wie sich jeder Einzelne gesammelt, um dem großen und mächtigen Tag gerecht zu werden, müssen sich alle sammeln, um den schwarzen Tagen der Zukunft, trotzen zu können. Auf die Zeit der Erholung, folgt die der Arbeit, auf die Zeit der Rede, die der Tat. Mit doppeltem Eifer und mit doppelter Kraft müssen wir an die Erfüllung unserer großen Aufgaben schreiten. Ungern, aber dem Gebote der Wahrheit gehorchend, wollen wir uns gestehen, daß die Arbeit in den letzten Monaten vernachlässigt wurde. Umso mächtiger muß sie jetzt einsetzen, wenn wir das Versäumte nachholen und Neues schaffen wollen. '■ Möge es jeder mit sich 'selbst austragen, wäs! ihn bisher gehindert hat, seine Pflicht zu tun. Für die Zukunft genügt ein ehrlicher Vorsatz und der aufrichtige Wille, mit uns im neuen Jahr, habo elenu letauwo, zu neuen Taten zu schreiten, für G-tt und seine Lehre! Jüdische Zeitglossen. Es gibt so viele Glaubensbrüder, die nichts glauben. * Der Monotheismus konnte nicht die Welt erobern, er ist zu monoton. * Das meiste, was als „echt jüdisch" bezeichnet wird, ist leider nicht echt jüdisch. * Es liegt in der Politik, die Juden zu verfolgen. Die Juden verfolgen nur die Politik. * Mit unseren Zionisten können wir keinen Staat machen. * Der Religion geht es wie den Zeitungen. Es wird so viel geschrieben und so wenig gehalten. * Manches nicht illustrierte Blatt wird von Scherenschnitten gerade richtig illustriert. * Es gibt jetzt wenig gute Ehen. — Was Wunder, daß auch die Treulosigkeit Israels solche Fortschritte macht! * Die modernen Rabbiner sind Standesbeamte, die nicht standesgemäß leben. * Für manchen Titel, der verliehen wird, werden Wucherzinsen gefordert. + t Seit Jahrhunderten gibt es eine Gebetordnung. Wie wenig macht sich diese beim G-ttesdienst bemerkbar. Im Osten gibt es bessere Lerner wie Lehrer. * Selbst die Beschaffung des ungesäuerten Brotes wird uns jetzt sauer gemacht. * Man bezeichnet die Juden als die schwärzesten, die sich den Strahlen der Thora am meisten aussetzen. * Die moderne Predigt bedeutet den Schlaf der Gerechten. * Die moderne, jüdische Frau will nicht entzünden, sondern entflammen. * Die Zeit ist längst vorbei, wo jeder Jude seinen eigene n Schulchan aruch hatte. Früher war unsere Devise „Glaubensmut". — Jetzt äußert sich Glaubensmut in Devisen. * Die Jugend will die Zukunft erobern und die Vergangenheit verleugnen. Zum modernen G-ttesdienst gehört ein guter Kantor und Prediger, nur der G-tt fehlt. * Unsre Tempel zeigen die ausgeprägte Richtung nach dem Osten. * Man betet nicht nur das goldene Kalb, auch das goldene Rindvieh an. * «* Es ist der schönste Trost für den modernen Rabbiner, daß noch Leichenbegängnisse gehalten werden. * Der Rabbiner ist entweder das Oberhaupt oder überhaupt nichts in der Gemeinde. * Mancher Prediger hat nur eine sprechende Aehnlichkeit mit Moses. * Beim Oren sollte man auch auf die Ohren des Nachbarn Rücksicht nehmen. * Die rituellen Gasthäuser dienen nicht; zum Preise des Höchsten, sondern bedienen sich nur der höchsten Preise. Die Taufe ist die modernste Abfallverwertung. * Die Juden sind das Volk des Buches, weil sie auch im Drucke erscheinen. * Die Orthodoxie will nicht zurück ins Ghetto, sondern zurück zum G-tte. * Manche Eheschließung beruht auf Bestimmung der Mitgift. •"(! Der rote Faden, der sich durch die Geschichte zieht, ist mit dem Blute der Juden gefärbt. * Man zählt die Gemeinden nach ihren Seelen. Die Zählung nach ihren Köpfen würde ein zu schlechtes Resultat ergeben. Man will die gesetzestreuen Juden unter einen Hut bringen. Es ist nur noch nicht geklärt, ob unter einen Zylinder oder Stramel. Früher trieb die jüdische Jugend Geistesgymnastik, jetzt erschöpft sich ihr Geist in Gymnastik. * Es gibt zu viel drückende Armut und gedruckte Wohltätigkeit. * Zwischen Judentum und Judenheit besteht derselbe Kontrast . wie zwischen Menschheit und Menschlichkeit. Statt das Haus zum Tempel zu gestalten, benimmt man sich jetzt im Tempel wie zu Hause. * Die Antisemiten beschäftigen sich mehr mit dem Judentum wie die Juden selbst. * Wie gut es uns geht, erfahren wir nur von unseren Feinden. * Die einzige Beförderung, die man dem Juden gönnt, ist die in ein besseres Jenseits. * Nie wieder Krieg! Der Versöhnungstag müßte Gemeingut aller Völker werden. Jeder Tempel trägt seiner Besucher Stempel. * Der Almemor steht nicht im Mittelpunkt der Tempelreform. Rituelles Gasthaus. — Die Speiseopfer haben noch nicht aufgehört. * Bei mancher Predigt sieht man auch eine gähnende Fülle. Manche Kanzel verbreitet die —■ Leere. Auch in der Schule des Lebens wird der Religion zu Avenig Bedeutung geschenkt. Pietät, die sich in Kadischsagen erschöpft, ist bald erschöpft. * Man spricht jetzt so viel von der Geldentwertung. Es wird noch immer zu hoch gewertet. * Rausch haschono hat mit dem Neujahrsrausch nichts gemein. G-tt ist noch immer der beste Arzt, wenn seine Rezepte befolgt würden. 0. N.!