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Jüdische Presse · 1922-10-06 · 37-38 (6.10.1922) · page 3

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Journal
Jüdische Presse
Volume
8 (1922)
Issue
37-38 (6.10.1922)
Date
1922-10-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Denn noch sind wir erst am Beginne unseres Weges und das Ziel ist noch fern. Noch brauchen zwei unserer neuen Häuser die komplette Einrichtung und für die übrigen springt die steigende Teuerung den verfügbaren Mitteln tagtäglich voraus. Noch muß eine Reihe von Bedürfnissen, namentlich die Armenpflege und die Durchleitung der Auswanderer, ambulatorisch, also vorderhand völlig unzureichend gedeckt werden. Noch haben wir — um nur ein besonders trübes Beispiel zu erwähnen — die organisierte Fürsorge für verwaiste und verlassene Mädchen, im Bewußtsein unserer Verantwortung, bisher nicht einmal aufgreifen können. Das alles und vieles andere wartet auf die Ausbreitung jener Auslandshilfe, wie wir sie im Rahmen unseres Arbeitsplanes auffassen. Und sie wird kommen. Denn das Ausland wird uns verstehen lernen, es wird inne werden: daß wir mit unserer Arbeit nicht nur unsere, sondern auch seine Pflicht erfüllen, daß wir hier bloß eine Art Exekutive für die allgemeine jüdische Humanität sind. Wir in Wien stehen an der Grenze des jüdischen Ostens und Westens. Wir bauen den Damm um das Reservoir des jüdischen* Massenelends, das unter unwiderstehlichem Zwange aus dem Osten nach dem Westen strömt. Bricht der Damm, dann wandert dieses Elend weiter nach dem Westen, dorthin, von wo wir für seine Bekämpfung Hilfe erwarten. Materielle Hilfe — denn die soziale Arbeit leisten ja wir. Und leisten sie freudig, wie soziale Arbeit im Dienste des Volkes getan sein will. An allen Brüdern ist es, uns zu helfen! Max Eisler. Das russische Hilfswerk. Am Sonntag, 4. Nisah (3. April), kam Herr Rabbiner Dr. Pinchas Kohn ins Bureau der Aguda mit den Worten: Meine Herren, von heute ab ist die ' Möglichkeit gegeben, nach Sowjetrußland, wo Hunderttausende Juden hungern, viele Tausende Hungers sterben, Lebensmittel zu senden, was ' machen wir? Wir beriefen telephonisch vier Herren zu einer Konferenz, die uns zwei Millionen Kronen (damals ' 300 Dollar) und 60 Dollar zur Verfügung stellten. ' Ein Kollege aus Rußland gab uns Adressen von : Vertrauensmännern. Am Montag ging ein Aufruf an sämtliche Landesorganisationen der Agudas Jisroel hinaus. Dienstag gingen die ersten Pakete ab, Mittwoch \ erschienen Aufrufe im Warschauer „Jud" und im „Israelit" sowie in der „Jüdischen Presse". Heute, nach genau sechs Monaten haben die Samrnlungen. vier Milliarden österreichische Kronen überschritten. Dieses Ergebnis ist nahezu ausschließlich aus : orthodoxen Kreisen — Polen hat den Löwenanteil, dann folgt Deutschland, Tschechoslowakei, Wien 1 und das Erfreulichste, unser Erez Jisroel mit vielen Hunderten Pfunden. All diese bedeutenden : Summen sind gegenüber dem furchtbaren Elend, dem Massenhunger ein Tropfen auf heißen Stein. Daß das Werk .fortgesetzt werden könne, daß'dem Hungertode nach Kräften Einhalt getan werde, ' dazu ist die äußerste Anstrengung aller Kräfte nötig. \ Gebet rasch, gebet viel und das Bewußtsein, jüdische Leben gerettet zu haben, wird euch durch das ganze Leben als Segen geleiten. Möge jeder an den bevorstehenden Freudenfesten : sich aufraffen, die größten Opfer zu bringen, um [ dene« einen Trostesstrahl zu senden, welche die gräßlichste Furcht empfinden, ihr Teuerstes, ihre Kinder dem Untergange geweiht zu sehen. So sind sie . .. Bekanntlich hat der von gewisser Seite systematisch betriebene Verleumdungsfeldzug gegen die Aguda und ihre Hilfsaktionen es dazu gebracht, daß ein der Aguda fernestehendes unparteiisches Komitee eingesetzt wurde, um die Berechtigung dieser Hetzkampagne, welche sich besonders gegen die Aktion der Aguda für die Hungernden in Rußland richtete, zu prüfen. Als Ergebnis der Ueberprüfung dieser Aktion durch dieses aus hervorragenden Persönlichkeiten bestehende unparteiische Komitee, erläßt nun das Aktionskomitee der polnischen La'ndesorganisation der Aguda, Schlome Ernune Jisroel, folgernden von allen zu beherzigenden Aufruf, der die grundlos und tendenziös erlogenen Anschuldigungen gegen die Aguda ins richtige Licht stellt. Aufruf .an die jüdische Orthodoxie. Endlieh haben alle die Lügen und Verleumdungen, mir, denen eine £*ewispe Partei einen heftigen Kampf gegen uns unternommen hatte, ein Jinde gefunden. Jetzt liegt, es klar zutage, daß alle die Verdächtigungen > und .niedrigen Verleumdungen, welche gegen die Leitung unserer Hilfsaktion für die hungernden Juden Kußlands erhoben wurden, bewußt erlogen und nur in der Absicht ausgestreut worden waren, das Mißtrauen der jüdischen Massen gegen die Aguda wachzurufen und so ihre i o r t s e h r e i-t e n d e Entwicklung aufzuhalten. Ein Komitee, daß sieh aais einer Reihe unparteiischer, der Aguda fer.nstelietid«n Männer, A n g e h ö r i g e der Finanzwelt und p o p u 1 ä- .ren Per« ö.n 1 i c h k e i te.n, zusammensetzte, war es, das die Bücher der Aguda-Hilfsaktion aufs genaueste .untersucht, keine Summe, keinen Posten-unbeachtet und unkontrolliert gelassen hat und das nach p e d a n t es t e r Revision aller irgendwie in Betracht kommender Bücher und Dokumente'festgestellt und öffentlich b es tat igt hat, daß alle Rechnungen bis auf Heller und P f e„ri n i g stimmten, daß alle Spenden ihrem wohltätigen Zwecke p ü n kl 1 i c h und ungemindert zugeführt worden waren und daß von einem Mißbrauch der eingelaufenen Hilfsgelder gar nicht die Rede sein kann. Durch iliese Feststellung seitens eines unbestrittenen kompetenten und gewiß .unparteiischen Komitees sind alle Verdächtigungen hinfällig geworden und haben ihr wahres tiesieht erhalten, nämlich: das gemeiner t e n d e 117, i ö s e r Verleumdung ein. Tatsächlich war es unseren Gegnern fast schon gelungen, einen Teil der jüdischen Massen gegen uns aufzubringen. Wir aber hialten es für richtiger, das entscheidende Urteil einer unparteiischen Kommission geduldig abzuwarten und den — wenn auch so arg — provozierten .Debatten aus dem Wege zu gehen und sie so lange zu-meiden, bis die wolle Wahrheit vor aller Augen sonnenklar dastehen würde; dieser, den Sieg der Wahrheit darstellende Moment nun ist gekommen und wir können mit Recht über, unser©JBeinde.triumphieren. Ein Resultat aber, ein xecht \ o n k r e t e s haben die Aktionen unserer Feinde doch gezeitigt, nämlich: es ist ihnen .trefflich gelungen, das sonst so rege Mitleidsgefühl der jüdischen Welt abzulenken und abzud ä m p f e n, so daß die -Spenden die frühere Reichlichkeit bei weitem nicht erreichen. Wichtig und aufklärend w i.r k e n d sei dieser Moment für die jüdische Orthodoxie! Sie möge erkennen, welch niedriger Mittel, sich gewisse Elemente gegen die Aguda bedient haben und .wie unumgänglich notwendig eine Vereinigung aller ortho- ■ doxen Juden zur Verteidigung ihrer eigenen Ehre und vor allem der der Thora ist! Die kommenden Jomim-noiroim mögen einen neuen Impuls für unsere heilige Arbeit bieten und uns die •Hungersnot unserer russischen Brüder nicht vergessen lassen, dehn noch immer erhalten wir sch a u r i g e Berichte von ihrer Pein und ihrem Leid! Freunde der Aguda! T r o t z allen Anfeindungen wollen wir auch in diesem neuen Jahre unserer notleidenden Brüder in tätigem Mitleide gedenken! Wir wollen das tiefste Erbarmen für unsere Mitmenschen bezeugen, denn nur durch dieses wenten wir ,.R a chmei- H a s c h o m a i m" für uns alle erwirken und wir werden würdig werden, die Erhöhung der Thora und die unseres leidenden Volkes zu erleben. Jewish Agency und Agudas Jisroel. Der Geschäftsfahrende Ausschuß der Agudas Jisroel schreibt uns: In englischen und palästinensischen Blättern werden seit einigen Wochen Meldungen .über angebliche Beschlüsse und Maßnahmen der Agudas Jisroel zur Jewish Agency-Frage veröffentlicht, die sich in einem dieser Blätter zu der Behauptung verdichten, unsere Organisation habe bereits einen „hervorragenden Rabbiner" als ihren Vertreter für die Jewish Agency benannt. Um weiterer Legendenbildung vorzubeugen, erklären wir folgendes: Der Zentralrat der Agudas Jisroel hat am 29. März 1921 in Wien die bekannte Entschließung gefaßt, in der gegen die öffentlich-rechtliche Anerkennung der zionistischen Partei als Jewish Agency aus Gründen der Gerechtigkeit protestiert und die Umbildung der im Mandatentwurf vorgesehenen Agency gefordert wird. Nachdem dieser Forderung weder von Seiten der Mandatarmacht entsprochen, noch auch vom Rate des Völkerbundes die Initiative ergriffen worden ist, um die in dem zionistischen Monopol liegende Rechtsverletzung gegenüber dem Kerne des jüdischen Volkes gutzumachen, sieht sich die Exekutive der Agudas Jisroel im Rahmen ihrer Vollmachten außerstande, über ihre Teilnahme an der vorläufig zur Tatsache gewordenen Zionistischen Agency auch nur zu verhandeln. Der auf Ende Cheschwan einberufene Zentralrat der Agudas Jisroel wird darüber zu befinden haben,, auf welchem Wege die unveräußerlichen Rechte der auf dem Boden der Thora stehenden jüdischen Volksmassen auf Erez Jisroel am besten gewahrt werden können. Wenn wir das geschrieben hätten! Es würde schon lohnen, wenn man von Zeit zu Zeit unter dieser Rubrik manches wiedergäbe, was in ernsten zionistischen Zeitungen zu lesen ist und das wir, nicht etwa aus Mangel an Mut, sondern in dem Gefühl des Ekels ob der Verdrehungen und Entstellungen, denen unsere Worte begegnen, selbst nicht schrieben. Und doch wäre auch der anderen Seite sehr gedient mit der klaren Erkenntnis der Lage und ihrer Konsequenzen. Da berührt nun „Jewish Chronicle", ein ehrliches Organ/ welches als die erste öffentliche Stimme, des Zionismus die Tatsache der durch Churchillsche Feststellung bewirkte Zerstörung und Aufhebung der Balfour-Erklärung' gekennzeichnet und seitdem unermüdlich die temporäre Inhaltslosigkeit der nationalistischen Träume predigt, eine sehr ernste Frage. Wir geben in fast wortgetreuer Uebersetzung wieder, was „Jewish Chronicle", Seite 9, in seiner Ausgabe vom 8. September in einem Artikel über die Zukunft des Zionismus sagt: ... um so mehr, als der Aufbau Palästinas, als einer britisch-arabischen Kolonie, was jetzt offenkundigerstrebt wird, ausgesprochen entgegengesetzt ist den Interessen des jüdischen Nationalismus. Kurz, Zionisten können in bezug auf Palästina nur den Kurs einhalten, der jüdischen Interessen dient. Unsere diesbezüglichen Verpflichtungen als britischer Untertan dürfte nicht verwechselt werden, mit unserer Verpflichtung als Jude. Wenn die Politik der Regierung der Aufbau Palästinas als eine britisch-arabische Kolonie ist, dann müssen die Juden als britische Bürger gemeinsam mit allen Bürgern ohne Unterschied des Glaubens und der Rasse dabei mitwirken. Daß ist aber etwas ganz anderes für eine jüdische Organisation, die die Juden aus allen Landern vertritt, mitzuhelfen an einem Werk, welches seitdem im Dienste der englischen und nicht der jüdischen Politik steht, eben eine englische und nicht eine jüdische Politik ist. Wir würden dacht war auf der Straße ausnahmslos jedem mit dem Gruße zuvorzukommen. Als er im Alter von über 80 Jahren, nach einem kurzen Unwohlsein einen sanften, schmerzlosen Tod fand, durfte man, wenn auch sein Leben von schwerem Herzensleid nicht verschont geblieben, doch sagen, daß ein g-ttbegnadetes Dasein geendet habe. Der Mann, der im Erforschen der G-tteslehre und ihrer Verkündung seine höchste Freude und seinen Beruf gesucht und gefunden, hatte sich bis zur äußersten Grenze seines Greisenalters die ungebrochene Geisteskraft und das ungeschwächte Gedächtnis bewahrt. Er konnte lernen und forschen bis zuletzt. Das war sein stetes Gebet zu G-tt gewesen und das ward ihm erfüllt. Als er im Alter von 60 Jahren von einer schweren Krankheit heimgesucht worden war, hatte er, als ihm der Arzt das Bett zu verlassen erlaubte, nur einen bangen Gedanken, ob seine geistigen Fähigkeiten keinen Schatten, seine Talmud-Kenntnis keine Einbuße erlitten hätten. Er ließ den gelehrten Dajan der Gemeinde zu sich bitten, der die zwölf Bände des Talmuds vor sich ausgebreitet, ihn prüfen mußte, ob er noch auswendig den Wortlaut der Stellen in allen Traktaten rezitieren könne, die gerade aulgeschlagen wurden. Erst als er diese Prüfung tadellos bestanden hatte, fühlte sich der Greis, mit einem heißen Dankgebet zu G-tt, wieder genesen. Auch der achtzigjährige „Ejne Jisroel" war im Vollbesitze seines Wissens als er die Augen für immer schloß und die Erde verließ, auf der sein Andenken als ein gesegnetes zurückblieb, als das des letzten Gaons von Rechnitz. Maleachi. Studium der Kabbala hatte er sich mit heißem Bemühen versenkt, war aber dabei sorgfältig darauf bedacht, daß niemand davon etwas erfahre. Bloß sein ältester ,Sohn aus zweiter Ehe, der sich auch dem Rabbinerstande widmete, hatte aus dem Munde seines Vaters davon Kunde erhalten. Aus den Jeschibas, die R. Gabriel Hakohen früher in Waag- Neustadtl und nachher in Rechnitz leitete, waren viele bedeutende Männer hervorgegangen, die später große Rabbinatssitze einnahmen und das Ansehen seines Namens in der Welt verbreiteten. Er war erst einige Jahre in Rechnitz als die Abgesandten einer großen Gemeinde in Polen bei ihm erschienen und ihm unter sehr lockenden Bedingungen die Uebernahme des Rabbinats anboten, das einst einer seiner Urahnen bekleidet hatte. Unter anderem sagten sie ihm auch die Uebergabe des Jichusbriefes seiner Familie zu, der im Archiv ihrer Gemeinde aufbewahrt sei. Er lehnte die Berufung ab, was die Gemeinde in Polen derart verletzte, daß sie nun ihrerseits auch die Bitte um eine Kopie des Jichusbriefes zurückwies. In Rechnitz wirkte Rabbi Gabriel Hakohen als Rabbiner im Geiste der Milde und Friedfertigkeit, die überhaupt charakteristisch für seine Persönlichkeit waren und mit jener überlegenen Weisheit und Klugheit, die ganz besonders ihm nachgerühmt wurden und die wohl mit Ursache waren, daß die Gemeindemitglieder in Prozeßsachen immer an sein Urteil und nicht an das der Gerichte appellierten. Seinem gütigen, mahnenden Worte gelang es aueh im privaten Leben versöhnend zu wirken, wo Streit und Hader entstanden war. Er war ein Freund der! Armen, die allen Grund hatten zu glauben, ihr Rabbi sei — reich. Die Rechnitzer Gemeinde hing auch mit nie wankender Verehrung und Liebe ah ihm. Streitigkeiten und Kollisionen in und mit der Gemeinde, die auch in alten Zeiten oft den Rabbinern Kummer und Leid bereiteten, störten während der dreißig Jahre niemals das harmonische Verhältnis zwischen ihm und der Rechnitzer Gemeinde. Ein einzigesmal drohte eine aufsteigende Wolke dieses schöne Verhältnis zu trüben. Durch einige neue Tempelbauten in großen Gemeinden angeregt, plante auch der Vorstand der Rechnitzer Gemeinde einmal die Verlegung d^s Almemors vor die Bundeslade. Als der Plan dem Rabbiner zur Begutachtung vorgelegt wurde, sagte dieser bloß: „Gut, aber wenn ihr heul3 den 'Almemor verlegt, so verlasse ich morgen Rechnitz." Der friedliebende, milde, für die Fragen der Zeit verständnisvolle Rabbiner hatte auch die volle Energie, wenn es galt einen Angriff auf die geheiligten Traditionen abzuwehren, aber auch die Klugheit, solchen Versuchen vorzubeugen. Der Almemor blieb an seiner Stelle und auch der | greise Rabbiner. j Aber nicht nur die jüdische Gemeinde, auch die | christliche Bevölkerung in Rechnitz bezeugte dem I R. Gabriel Hakohen bei jeder Gelegenheit hohe .! Achtung und Sympathie. Sehr oft kam es vor, daß; Christen zu ihm kamen seinen Rat zu erbitten.; Die Erscheinung des Rabbiners, mit dem von Geist I und Güte strahlenden Antlitz, hatte, wie seine Zeitj genossen berichteten, so Hoheitsvolles, Ehrfurchtj gebietendes, daß sich diesem Eindrucke niemand ' entziehen konnte, obwohl er sorgfältig darauf be-

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