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Jüdische Presse · 1922-10-06 · 37-38 (6.10.1922) · page 2

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Journal
Jüdische Presse
Volume
8 (1922)
Issue
37-38 (6.10.1922)
Date
1922-10-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 222 JÜDISCHE PRESSE Nr. 37/38 unbeträchtliche Verminderung der Bedürftigen. Doch auch jetzt stand ihre Zahl in keinem Verhältnis zu der örtlichen Leistungsfähigkeit, der Haushalt der lokalen Fürsorge blieb in beispielloser Weise überlastet — mehr als je vorher mußte Wien die humanen Geschäfte der jüdischen Welt auf sich nehmen. Und dämit nicht genug*. Jene scheinbare Erleichterung durch die Zahl der Abgewanderten brachte nur eine Erschwerung der Aufgabe gegenüber den Zurückgebliebenen. Eine fundamentale Neuorientierung der sozialen Fürsorge wurde notwendig. Die ungezählten Juden, die im Kriege Haus, Hof und Bürgerrechte verloren hatten, waren jetzt dauernd an Wien gebunden. Die soziale Fürsorge mußte sich danach einrichten, sie mußte dauernde, tiefgreifende Wirkungen ins Auge fassen, sie mußte sich planmäßig organisieren. Die Pflicht, die ihr die Zeit jetzt auflegte, hieß: ans einer flüchtigen Ambulanz eine aufbauende Institution zu werden. Das „Jüdische Hilfswerk" in Wien ist eine völlig unpolitische, ist eine soziale Einrichtung. Es dient keiner Partei. Es gibt jedem und darf deshalb von jedem nehmen. Daß es sich an die „Agudas Jisroel" angeschlossen hat, entkräftet nicht, sondern bestärkt nur diese Richtung aufs Allgemeine. Denn nur in einem Rahmen, der auch dem strengsten rituellen Anspruch genügen kann, lassen sich die Bedürfnisse aller hilfesuchenden Juden restlos befriedigen. Das „Jüdische Hilfswerk" umfaßt zwei Arten von Einrichtungen: die eigenen und die subventionierten Institute. Erst durch die Kontrolle über beide Kategorien, womit es sogleich die Verantwortung für deren zweckmäßige Führung trägt, wird das „Jüdische Hilfswerk" ein Zentralorgan der sozialen Fürsorge. Den Auftakt zur eigenen Arbeit brachte das „Waisenhaus in Baden" (Germergasse 48). Schon während des Krieges von seinem. Besitzer, dem „Kriegswaisenfonds" der Agutfa geplant, ist es im Frühjahr 1921 eröffnet worden und birgt seither 42 Knaben, die in dem schönen und gesunden Gartenhause am Weinhügel vortrefflich gedeihen. Die Prüfung über das erste Schuljahr haben alle, die Mehrzahl mit Vorzug bestanden und das, trotzdem ihrer religiösen Erziehung besondere Zeit und Sorgfalt gewidmet wird. Um die Unzahl der obdachlosen Waisen, namentlich solcher aus den Pogromfeldern der Ukraine, wenigstens teilweise unterzubringen, haben wir mit Hilfe des „Schweizer Kriegswaisenfonds", welcher uns dafür einen Beträfe von 40.000 Franken zur Verfügung gestellt hat, ein zweites geräumiges Haus in Baden (Eppsteingasse 10) erworben. Es geht seinem Umbau und einer gründlichen Adaptierung entgegen, und so. dürfen wir hoffen, inykurzer Z|eit weiteren 100 Knaben, Kindern von erschlagenen Vätern . und geschändeten Müttern, dieselbe Erziehung und Pflege gewähren zu können wie den Schützlingen des ersten Badener Waisenhauses. Aber außer den unversorgten Waisen stehen noch andere Elendskinder einlaßheischend vor unserer Tür. Wie jene. Opfer des Krieges, sind diese nicht minder unschuldige Opfer der Großstadt. Von ihren Eltern verlassen, schwärmen sie verwahrlost in den Gassen, werden gelegentlich von der Polizei aufgefangen und in Sammelstellen gebracht, die bei ihren völlig unzureichenden Mitteln den köperlichen Verfall der Kinder nur noch beschleunigen, oder sie geraten auf irgendwelchen Wegen in eine dürftige Privatpflege — gehen aber jedenfalls dem Judentum verloren. Wir haben ein erstes und ein zweites Mal mit Erfolg versucht, diese Aermsten, im Ganzen Rechten ausgestattet waren und den Juden zwar recht bedeutende Steuern auferlegten, ihnen aber schon in alten Zeiten das Aufenthaltsrecht einräumten und durch einen Schutzbrief die Sicherheit des Lebens und des Eigentums gewährleisteten. In dem beglückenden Gefühl, eine Macht hinter sich zu haben, die sie gegenüber Angriffe und Eingriffe seitens des Staates und auch des — Pöbels schützte, konnten die Juden im ganzen und großen ein ruhiges, friedliches und arbeitsames Leben führen. Es ist daher auch ungemein bedeutsam, daß der große Rechnitzer Tempel im Jahre 1718 freistehend auf einem Hügel errichtet Averden durfte, nicht durch Vorbauten dem Auge der Welt entzogen und noch dazu, natürlich in entsprechender Entfernung, gegenüber der katholischen Kirche. Das war in Rechnitz im Jahre 1718 möglich, während in Wien noch im Jahre 1826 der Tempel in der Seitenstättengasse, ein Prachtwerk kunstvoller Bauart, seine Fassade vor der Außenwelt peinlich verstecken mußte und von der Straße aus gesehen nur den Eindruck eines nüchternen Zinshauses machen durfte. Hundert Jahre später hielt man in Wien noch nicht, wo man in Rechnitz- 1718 hielt! Es verlautet zwar, daß seinerzeit auch in Rechnitz die Geistlichkeit Protest bei den Gutsherren dagegen erhob, daß der Synagoge durch diese Aeußerlichkeit derselbe Rang wie der Kirche eingeräumt werde, aber der regierende Graf Batthanyi, ein sehr gebildeter Magnat — bei dem auch Samson Wertheimer, der große Finanzier und nicht minder große Talmudist, der auch den Titel des Landrabbiners vc;:i Ungarn und Mähren führte, in großem Ansehen stan^ ... sich von etwa hundert, ihrem Untergange zu entziehen und sie dem Schutz von Menschenfreunden zugeführt. Aber auf die Dauer erwies sich diese Privathilfe den laufenden Ansprüchen nicht gewachsen und entsprach auch nicht mehr unseren strengeren Zielen. So haben wir auch hier an Stelle der Nothilfe die Organisation gesetzt. Wir haben in Wien (III. Schimmelgasse 6) ein Haus mit einem freundlichen Gartenhof erworben, das schon bisher als Kinderkrippe ähnlichen Zwecken gedient hatte und so nur einer neuen Einrichtung bedurfte. Dieses „Knabeninternat" gibt fürs erste die Möglichkeit, jeweils 40 verlassene Kinder solange bei uns heranzupflegen. bis wir für sie dauernde und verläßliche Unterkunft in jüdischen Häusern des In- oder Auslandes gefunden haben und sie ihren Platz anderen kleinen Leidensgenossen räumen können. Die Verfassung ist — bis auf den öffentlichen Schulbesuch — dieselbe wie in unseren Waisenhäusern: Wirtschaft und religiöser Unterricht im Hause. Aber das „Knabeninternat" dient nur zu einem Teile als Sammel- und Durchgangsstelle für verlassene Kinder, zum andern Teil dient es als Lehrlingsheim. Denn — es ist schon gesagt worden — wir wollen aufbauen, wir wollen nicht helfen, sondern retten. Wir müssen also konsequenterweise für die Verlassenen und Verwaisten auch nach der Ueberschreitung ihres schulpflichtigen Alters Sorge tragen. Nun . ist nur ein geringer Teil dieser Kinder für eine höhere geistige Bildung geeignet, den wir dann den jüdischen Schulen im Burgenland und in der Slowakei überantworten können. Die weitaus überwiegende Mehrzahl aber müssen wir — denn auch das ist ein Ziel unserer Organisation — praktischen Berufen zuführen. Das „Lehrlingsheim" gibt ihnen ein Dach, das Brot, die Pflege, den fortlaufenden Abendunterricht und die verantwortliche Aufsicht. Aber es gibt ihnen nicht die Erziehung zur Arbeit. Das geben ihnen die „Jüdischen Werkstätten". Wir haben in Wien, XII. Edelsinngasse 20, ein weitläufiges Fabriksgebäude im Ausmaße von drei Baracken mit drei großen Sälen, vier großen und vier kleinen Arbeits-und mehreren Nebenräumen erworben und sind eben daran, hier unterschiedliche Werkstätten, zunächst für Tischler, Schlosser, Tapezierer und Schuster, jede unter Leitung eines tüchtigen Meisters, einzurichten und ihnen im Hause ein zweites Lehrlingsheim samt Küche und Schule anzugliedern. Die dem schulpflichtigen Alter entwachsenen Kinder aus dem Badener Waisenhaus und aus dem Wiener Knabeninternat, aber auch andere Ankömmlinge sollen hier je nach ihrer Eignung einem redlichen Handwerk zugeführt werden. Die „Werkstätten" siijd+also ein Teil unserer schon seit Jahren bestehenden „Gewerbeförderung", die durch Bereitstellung von Werkzeugen und Gewährung von Darlehen notleidenden jüdischen Handwerkern planmäßig aufhilft. Durch beides meinen wir nicht nur wirtschaftlichen, sondern auch moralischen Zielen zu dienen. Denn wir dienen der sittlichen Aufrichtung unseres Volkes, indem wir möglichst viele seiner Kräfte der produktiven Arbeit gewinnen. Das ist die bisherige Leistung des „Jüdischen Hilfswerkes" im Bereiche seiner eigenen Institutionen und das Programm für seine künftige Tätigkeit. Es beginnt mit dem vereinsamten Kinde und es endet mit dem geschulten und arbeitsfähigen jüdischen Manne. Aber darüber hinaus hat das „Jüdische Hilfswerk" als eine Zentrale der sozialen Fürsorge seinen diesem Proteste nicht anfechten. Dem zumeist wohlwollenden und von dem Geiste der Gerechtigkeit erfüllten Gesinnungen der Batthanyis hatte die Rechnitzer Gemeinde von ihrem Ursprung an es zu verdanken, daß sie sich allmählich zu hoher Blüte entwickeln konnte. Die ersten Begründer der Rechnitzer Gemeinde stammten aus Polen und Mähren und aus den in den Schutzbriefen verzeichneten jüdischen Namen (der erste von dem wir Kenntnis haben, stammt aus dem Jahre 1687) ergibt sich zweifellos, daß auch Familien aus den Schewa Kehiloth hiezu ihr Kontingent beigestellt hatten. Die schweren Steuerlasten, die allerdings den Rechnitzer Juden von ihren Schutzherren auferlegt wurden, erfuhren zwar durch Einführung der staatlichen Toleranzsteuer — diesem schreienden Zeichen der höchsten Intoleranz eine fast bis zur Unerträglichkeit gehende Verschärfung, was aber doch nicht hinderte, daß die Mitglieder der Rechnitzer Gemeinde ihren Stolz dareinsetzten, nichts zu unterlassen, was zur kv'iftigen Förderung der Institutionen einer echt jüdiscnen Kehila dienlich und nötig ist. Die noch erhaltenen alten, sorgfältig ausgearbeiteten Statuten der Gemeinde, die darauf schließen lassen, daß ihre Urheber Männer voll G-ttesfurcht und Klugheit waren, erbringen dafür den deutlichsten Beweis. Rabbi Gabriel Hakohen wurde der würdige Nachfolger seiner großen Vorgänger, in deren (*eist er lehrte und wirkte, und auch die Gemeinde Rechnitz erreichte während seiner dreißigjährigen Wirksamkeit den Höhepunkt ihres Glanzes, den Gipfel ihrer Blüte, die nicht lange nach seinem Tode beeinflußt durch viele auch äußerliche Umstände zu Wirkungskreis folgerecht erweitert, daß es die Förderung einer Reihe von bewährten lebenswichtigen Einrichtungen — Anstalten für die Erziehung der jüdischen Jugend, Armen-, Mittelstands- und Studentenküchen, endlich den „Krankenhausverein" für die Beköstigung der jüdischen Kranken in den Wiener Spitälern — auf sich genommen hat. Das „Jüdische Hilfswerk" steht mit den genannten Institutionen in fortlaufender Verbindung, beteilt sie nach Maßgabe seiner Mittel mit Subventionen und sorgt dafür, daß diese sinn- und zweckmäßig verwendet werden. - Außerdem hat das „Jüdische Hilfswerk" von der sozialen Fürsorge der Aguda eine Reihe von Hilfsstellen übernommen und sie zu regulären Einrichtungen ausgebaut. Das sind: die „Säuglings-", „Wöchnerinnen-" und „Kurfürsorge", die schon erwähnte „Abteilung für Gewerbeförderung" und mit ihr verbunden das „Stellenvermittlungs- und Rechtsschutzbureau *, ferner die „Abteilung für Repatriierung" und endlich jene „Hilfskasse für durchreisende Auswanderer", an die jeweils bei Oeffnung de;- palästinensischen und amerikanischen Grenzen immer wieder plötzliche und enorme Ansprüche gestellt werden. In schwerer Zeit haben wir unsere Organisation begründet, in weit schwererer noch — in einer Zeit, da ein Laib Brot K 7000, ein Kinderbett 3 Millionen kostet — haben wir sie ausgebaut. Das hätte ohne die brüderliche Hilfe des Auslandes nicht geschehen können. Aber auch nicht ohne die Hilfe unserer nächsten Wiener Umgebung. Zwei verschiedene Beispiele werden genügen, um dieses Wiener Wohltun, welches seit jeher die Grundlage unserer Arbeit gewesen ist, für jedermann ins rechte Licht zu setzen. Der letzte Sammeltag für das Badener Waisenhaus hatte — an einem Tage, an einem Orte — ein Ergebnis von rund 50 Millionen; das stattliche Objekt für unsere Werkstätten verdanken wir einer Gruppe von nur drei Wiener Gesinnungsfreunden. Das Ausland hat Großes für unser Werk getan, aber es soll wissen, daß auch Wien Großes, daß es das Menschenmögliche dafür tut. Das „Commite für jüdische Kinder im Haag", die „Alliance universelle israelite in Paris" und der „Schweizer Kriegswaisenfonds" haben uns in jeder Hinsicht entscheidend gefördert. Sie sind uns in kritischen Augenblicken freigebig beigesprungen und sie haben uns den Ausbau der Institute ermöglicht. Schon für das und jenes können wir ihnen nicht genug danken. Aber ihre Hilfe hat eine noch wichtigere, eine grundsätzliche Bedeutung. Denn sie geschah und geschieht nicht durch einmalige, außerordentliche ' Spenden, sondern durch regelmäßige Zuschüsse. Undgerade das brauchen wir, um unsern Haushalt ordentlich zu führen, ihn den wachsenden Notwendigkeiten automatisch anzupassen. Wir haben jetzt endlich eine Organisation, die Dauerndes leisten will und die deshalb auch dauernd leben muß. Dementsprechend muß auch die Hilfe des Auslandes — soll sie unserm Werke richtig dienen — organisiert sein. Schon sind in der Schweiz, in Holland und in Frankreich glückliche Anfänge da. Aber wir müssen auch in den anderen Ländern, wo Juden heute in besseren Verhältnissen leben und mit einer geringen Gabe in der Währung ihres Staates nicht nur eine märchenhafte Kronensumme spenden, sondern damit auch eine tatsächlich ausgiebige Hilfe für unsere Schützlinge leisten können, den festen, regelmäßigen Anschluß finden. welken begann und schließlich dem unaufhaltsamen Niedergang Platz machte. Als fünfzigjähriger Mann war er nach Rechnitz gekommen, aber der unermüdliche Fleiß, sowie die Spannkraft seines Geistes, die ihm bis in seine letzten Lebenstage unvermindert blieben, ermöglichten ihm neben der Leitung einer großen Jeschiba und der sich steigernden Inanspruchnahme durch die Pflichten des Seelsorgers einer großen Gemeinde eine bewunderungswürdige, umfangreiche literarische Tätigkeit zu entwickeln. In Waag-Neustadtl noch hatte er den ersten Band des „Ejne Jisroel" zum Drucke befördert. Den zweiten Band und Novellen zu weiteren sieben Traktaten des Talmuds brachte er druckfertig nach Rechnitz mit, wo er dann umfangreiche Abhandlungen zu sämtlichen Traktaten des babylonischen Talmuds und zu einzelnen Teilen des Schulchan-Aruch verfaßte und für die Drucklegung vorbereitee. In seinem literarischen Nachlasse befanden sich auch eine große Anzahl von Responsen, deren Veröffentlichung sein heißer Wunsch war, dessen Verwirklichung ihm aber nicht vergönnt war. Mit ganz besonderem Eifer hatte sich der fromme Gelehrte, eingedenk seiner kohanitischen Abstammung zeitlebens in das Studium jener Materien im Talmud vertieft, die sich auf die Priesterwürde, die levitischen Reinheitsgesetze usw. beziehen. Der sonst überaus bescheidene Mann äußerte auch einmal einem seiner vertrauten Schüler gegenüber, er habe über diese Themen so viel gelernt und geforscht, daß er, wenn das Beth-hamikdasch in seiner Zeit wieder erstünde, den Aufgaben und Pflichten eines Kauhen hagodaul gerecht zu werden vermöchte. Auch in das

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