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Jüdische Presse · 1922-10-06 · 37-38 (6.10.1922) · page 1

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Journal
Jüdische Presse
Volume
8 (1922)
Issue
37-38 (6.10.1922)
Date
1922-10-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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JÜDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion and Administration: Wien, II., Malzgasse 12 a. - Telephon 49.054. Tschechoslowakei: Bratislava, Postfach 140. Erscheint jeden Freitag-. — Redaktionsschluß: Für Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Österreich K48.000,Ungarn K 350«-, Tschechoslowakei K6.70--, Deutschland Mk.150--, Schweiz Frcs. 10*—, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 70 Lei. Jugoslawien 70 Dinar, Polen Mk. 1500-—. Einzelnummer d.-ö. K 1000, Kc. 1*50. Zahlungen für Oesterreich: Postsparkassenamt Wien, Konto Nr. 13.458; für Polen: Postsparkassennmt Warschau, Konto | Nr. 190.409; für Ungarn: Postsparkassenamt Budapest, Konto I Nr. 50.170; für Tschechoslowakei: Postsparkassenamt Prag, Konto Nr. 53.386; für Jugoslawien! Postsparkassenamt Agram, Konto Nr. 40.217; für Rumänien: Banea Marmarosch Blanc ä Co. für Josef Florenz & Co., Bukarest. Nr. 37/38 | Wien-Bratislava, 6. Oktober 1922 ^snn nwi.T nnnDjna " nm rrp- | 8. Jahrg. «UKKOSi Als der Tag* der Sühne sich zu seinem Ende neigte, da wich in der Neilastunde, wie fromme Kunde meldet, Esau und Esatigedanke von uns und ging seines Weges. Wir aber taten, wie Jakob tat, und bauten eine Sukkoh. In dieser muß es sich bewähren, ob wir den Abschied von Esau überwunden haben. Das ist nicht, so leicht, es bedeutet einen Verzicht auf schrankenlose Ausnutzung der Macht, auf stolzes Bewußtsein des Besitzes, auf herzlose, nach außen abschließende Umfriedung des eigenen Ileims. Und doch ist es leicht, wenn man auch nur ahnt, was es bedeutet, wenn altjüdische Weisheit Sukkaus den Tag nennt, an dem zwei Welten sich im Kuß begegnen. Und darum verlangt der Prophet für die Zeit des Weltfriedens, daß alle Völker der Erde kommen, um das Fest des Sukkoh zu feiern. Ob wohl der Völkerbund diese Prophezeiung kennt? Noch hat er den Weg zur Vereinigung jener zweier Welten nicht beschritten. Er würde dies auch nur dann leisten, können, wenn vorher die Menschen sich mehren, die in sich diese Vermählung vollzogen haben, wenn vorher wir, wir Juden, vor -edlen Dingen*- diesen Zauber ausströmen ließen. Zwei Welten werben um uns, die Welt der Ewigkeit, die wir in der Neilastunde mit unserer Seele umfassen und die Welt der Vergänglichkeit, die wir also nennen, weil wir vergänglich sind und nicht gedenken des Koheleswortes, daß im Wechsel der Generationen die Erde bestehen bleibt. Weil nur die zweite Welt Geltung gewann, kam so bitteres Leid und man verschließt sich allenthalben dem einzigen Gedanken, der Heilung bringen könnte, auch in weiten jüdischen Kreisen. Es ist nichts leichter, als heute eines verstiegenen Idealismus geziehen zu werden. Wage es nur einmal, Emst zu machen mit dem Abschied an Esau und Esaugedanken! Aber wir könnten es, da unser vergänglicher Weg über die Erde geschmückt ist mit jenen Geboten und Gedanken, die auch das Irdischste verklären, den Besitz veredeln, den Genuß zu einem G-ttesdienst gestalten, das Leben mit Werten ausstatten, den Tod überwinden. Wenn aber erst 15 Millionen jüdischer Menschen diese Durchdringung des Irdischen mit dem Ewigen vollzogen hätten, dann, und nur dann wären wir ein Faktor, mit dem die leidende Welt rechnen würde und rechnen müßte, dann würden die Völker der Erde gerne kommen um mit uns das Sukkausfest zu feiern als das Ende jeglichen sozialen Kampfes. Es wären fröhliche, heitere Menschen die da kämen mit einem inhaltsreichen Leben. Wie Schuppen wäre es von ihren Augen gefallen, daß es so spielend leicht ist, an das Tun des Alltags die Ewigkeit zu fesseln. Dann würden die Menschen nimmermehr sagen, mein Haus ist meine Burg, sondern sie würden sagen, meine Sukkoh ist mein Haus. Und dann würden wir ihnen noch ein seltsames Rätselwort aus alten Zeiten erzählen. Als nämlich, so lautet die Künde, einmal Hiob mit banger Frage seinem unermeßlichen Leid gegenüberstand, da zeigte* ihm -der &m\^^mmi*wkmi^^& wmmwt& ist das Höchste, auch in grimmiger Pein sich nicht scheu verkriechen, die Pforte zu öffnen und zu bekennen, daß den Menschen durch Menschen geholfen werden kann, die Menschen zu rufen, daß sie im Anschauen des Leides demütig die Grenzen ihrer Macht erkennen und auch erkennen, daß über den Wänden, die in die Erde gefügt sind, Sechach sich wölbt als Eingangspforte für die Ewigkeit. In der Ueberwindung des Leides im Kuß mit dem Unvergänglichen zu begegnen, das ist Trost und Kraft. Dann aber werden die Menscnen sich nicht mehr scheiden wollen nach engen nationalen Gesichtspunkten und Zion wird die Heimstätte sein aller, die von Abrahams Enkeln in der Sukkoh erlauschen werden' das süße Geheimnis beglückender Hilfe. P. K. Das „Jüdische Hilfswerk" in Wien. Andere werden in diesem Blatte die mannigfache innere Bedeutung des Festmonates würdigen. Und es wird dabei auch nichtan Hinweisen auf die Pflicht werktätiger Hilfe fehlen, die gerade in diesen Tagen der religiösen Besinnung jedermann besonders lebendig empfindet. Aber das „Jüdische Hilfswerk" in Wien, von dessen Leistungen und Plänen hier berichtet wird, braucht einen solchen Anlaß nicht. Denn wie die Not, die es lindern will, einförmig durch das Jahr hinläuft, ist seine Arbeit nicht an eine bestimmte, noch so festliche Zeit gebunden, sondern ist alltäglich. Und so muß es auch die Mitarbeit unserer Freunde sein — nicht Festtags-, sondern Alltagssache. Aus demselben Grunde geht unser Bericht einer lamentablen Schilderung des Massenelends, das wir bekämpfen, aus dem Wege. Jedermann kennt die Größe und die Schrecken dieses Elends, jeder hat es auf seine Weise miterlebt. Und so dürfen wir uns die ohnehin verlorene Mühe ersparen, die grauenvollen Bilder jener Menschenschicksale — Schicksale-von verwaisten Kindern und verwitweten Müttern, von Kranken, Hungernden und Heimatlosen — mit ein paar dürftigen Worten nochmals vor ihm aufzustellen. Wir dürfen schlicht und sachlich bleiben. Denn wir wissen, daß wir auch nur mit dem nackten Gerüst von Daten und Zahlen die Herzen treffen werden. Seit jeher ist Wien eine Stadt der schärfsten materiellen. Gegensätze —. des stattlichsten,, wohllebenden, allerdings,, auch, wohltätigenuBeichturnf; iii»^^ von Flüchtlingen, namentlich aus dem Osten, in abenteuerlichem Maße vermehrt. Die Sensation des jüdischen Kriegselends auf dem Schauplatze Wien war so groß, daß sie über Länder und Meere hinweg bis in die fernsten Gegenden gewirkt und überall brüderlich tätige Teilnahme hervorgerufen hat. Aber angesichts dieser plötzlichen Massennot, die wie ein Elementarereignis hereingebrochen war, erschien nichts anderes möglich als eine Art ambulanter Abhilfe. Die soziale Fürsorge mußte sich begnügen, über den Tag hinwegzukommen, sie lebte damals sozusagen von der Hand in den Mund. Sie hat viel geholfen, aber sie hat nicht gerettet. Das Kriegsende und was ihm folgte hat die soziale Situation nun gründlich verändert. Zwar blieb Wien, was es von jeher gewesen, ein Sammelbecken des jüdischen, besonders des ostjüdischen Elends. Aber ein Teil der Flüchtlinge fand in die alte Heimat zurück und so ergab sich eine nicht Ans dem Leben des letzten Gaons von Rechnitz. (Mit Benützung von Familienpapieren.) (Schluß.) Doch kehren wir wieder nach Waag-Neustadtl zurück. Mehr als zwei Jahrzehnte waren vergangen und schwere Schicksalsschläge hatten den Gelehrten getroffen. Die große Finanzkrisis der Monarchie hatte ihn um den größten Teil seines Vermögens beraubt, wozu allerdings seine für einen Kaufmann etwas seltsame Geschäftsführung beitrug. Nach der dem Staatsbankrott folgenden Einführung des Scheingeldes war es selbstverständlich, daß alle Welt nur mit diesen Noten zahlte, während R. Gabriel allen seinen geschäftlichen Verpflichtungen in voller Münze nachkam. Den Verlust des Geldes ertrug der fromme Mann mit aller Gemütsruhe; aber tiefe Wunden wurden seinem Herzen durch den Tod von zwei Söhnen und zwei Töchtern geschlagen, die ihm nacheinander alle im blühenden Alter von 19 Jahren geraubt wären. In dem Vorwort zu dem eisten Bande seines 1822 erschienenen „Ejne Jisroel" gibt er in ergreifenden, poetisch beschwingten Worten dem Schmerze Ausdruck, den der Verlust geistig hochbegabter — und wie ihre im Manuskript zurückgebliebenen wissenschaftlichen Arbeiten bewiesen, hochstrebender Söhne — der Tod blühend schöner Töchter, den zärtlichen Herzen der Eltern zugefügt hatte. Dazu kam noch die bange Sorge um das Leben des einzigen Sohnes, der ihm geblieben' war. (Derselbe erreichte ein hohes Alter, wie auch die Söhne und Töchter, welche ihm später in einer zweiten Ehe geboren wurden.) Um diese Zeit war es, wo ihm der Ghatam Szofer, zu dem er in herzlich freundschaftlichen Beziehungen stand, dringend den Rat ans Herz legte, er möge seinen Geburtsort verlassen und der Berufung auf einen Rabbinatssitz, an der es nicht fehlen werde, Folge leisten. Die Kunde, daß der Rosch-Beth-Din Waag-Neustadtl verlassen werde, erregte schmerzliches Bedauern in der Gemeinde, in der alle mit Verehrung und Liebe an ihm hingen und in welcher schon der Nimbus legendarischer Bewunderung sein Haupt umstrahlte. Als der Schreiber dieser Zeilen vor drei Dezennien in Waag-Neustadtl weilte, hörte er aus dem Munde greiser Leute.allerlei wundersame Geschichten, die sich an den Namen des R. Gabriel Hakohen knüpften. Aber man begriff und würdigte die Gründe,' die den Rat des Ghatam Szofer veranlaßt hatten. Bald darauf berief die Rechnitzer Gemeinde, die damals zu den größten und angesehensten Gemeinden Ungarns zählte, Rabbi Gabriel Hakohen auf ihren Rabbinerposten, der seit drei Jahren, seit dem Tode des gefeierten R. Alexander Meislis erledigt war. Die ganze Waag-Neustadtler Gemeinde, von Alt bis Jung und auch die Glaubensgenossen aus der Umgebung waren erschienen, um dem verehrten Manne bei seiner Abreise das Geleite zu geben unter lautem Weinen und Schluchzen, das bis in weite Ferne vernehmbar war. Die Rechnitzer Gemeinde, deren Bestand auch dokumentarisch seit Anfang des 17. Jahrhunderts nachweisbar ist, war durch eine lange Reihe hervorragender rabbinischer Autoritäten, welche an ihrer Spitze standen (darunter Männer wie R. Arje Jehuda Lob, R. Isaak Proßnitz — auch als Kabbaiist hochgefeiert — 'R. Elesar ben Elasar Kalir, Verfasser des „Aur chodosch" und anderer wichtiger Werke usw., usw.), zu hohem Ansehen gelangt und war eifrig bemüht, diesen Ruhm durch die Wahl ihrer Rabbinen, durch Pflege ihrer Institutionen und durch die Erbringung finanzieller Opfer zur Erhaltung einer großen Jeschiba zu erhalten und zu mehren. Rechnitz galt damals als Zentralpunkt mehrerer Komitate.- Die Gemeinde, die selbst an dreihundert Familien zählte, hatte auch viele außenstehende steuerzahlende Mitglieder in weitentfernteren Orten, die zu den hohen Festtagen nach Rechnitz pilgerten. Der herrliche Tempel, erbaut 1718 — nach der Restauration 1855, einer der schönsten seiner Zeit, der auch die Zierde der größten Stadt gewesen war — bot auch Raum für die vielen Frommen aus der Fremde. Es hieß damals und auch noch in den Zeiten des Rabbi Gabriel Hakohen, man ist auleh regel nach Rechnitz, wie einst nach Jerusalem. Dieser Tempel war aber nicht nur wegen seiner Größe und Schönheit ein steinernes Denkmal für die Größe der Gemeinde, sondern auch ein charakteristisches Wahrzeichen der eigenartigen verhältnismäßig günstigen politischen und sozialen Verhältnisse, unter denen speziell die Judenschaft in Rechnitz lebte. Der Ort stand unter der Herrschaft der Grafen Batthanyis, welche fast mit souveränen

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