Mannheim
Compact Memory

Jüdische Presse · 1922-09-29 · 35-36 (29.9.1922) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Presse
Volume
8 (1922)
Issue
35-36 (29.9.1922)
Date
1922-09-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2629891-2629953-2629986--0719-2632399
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 218 JÜDISCHE PRESSE Nr. 35/36 Jörn Eippur. Von W. P. Denn an diesem Tage' wird er euch versöhnen, um euch die Reinheit wiederzugeben. Vor dem Ewigen werdet ihr rein dastehen. Der Haß der Völker, sagt Maimonides, ist unbewußter Neid. In dem Kampfe zwischen Geist und Fleisch, auf gut Jüdisch dem Jezer tow und Jezer Horrah, hat der gläubige Jude in der Thauroh eine Waffe, die ihresgleichen nicht hat. Die unbestrittenen Stammtugenden der Juden: Keuschheit, Nüchternheit, Opferwilligkeit im Dienste G-ttes und der Mitmenschen, Familiensinn (die Kindersterblichkeit ist unter den Juden eine geringere, obgleich die Not unendlich größer ist), sind nur zum Teile angeborene, hauptsächlich aber eine Folge der Erziehung durch die Lehre Moses und deren Interpreten, den Talmud. Diese Waffe ist ausschließlicher Besitz der Judenschaft und das neiden uns die anderen Völker und dieser Neid äußert sicli in dem glühenden Haß, mit dem wir vielseitig verfolgt werden. Leider haben nahezu alle diese Stammestugenden auch bei jenen unserer Volkgenossen, die der Lehre Moses den Rücken wenden, starken Abbruch erlitten. Was wir arbeiten, um die Lehre Moses zu verbreiten und deren Studium ' zu verbreiten, dient dazu, um wieder auf das hohe sittliche Niveau zu erheben, das allein uns durch zwei Jahrtausende des härtesten Golus erhalten hat. Wenn wir an die Stelle der Nächstenliebe Sport, an die Stelle des Gemeinsinnes Genußsucht setzen, so gehen wir dem sicheren Untergange entgegen. Wenn Genießen und Körperpflege unser ganzes Streben ausmachen, wenn wir die wichtigsten Gebote der Erhaltung und Stütze,unserer leidenden Glaubensbrüder vernachlässigen, die persönliche Fürsorge für Arme und Hilfsbedürftige verlernen, den persönlichen Kontakt mit den Elenden meiden, wenn wir unsere Religionsübung vernachlässigen, verlieren wir unsere Daseinsberechtigimg. Wenn wir aus unserer heißen Liebe für Erez Jisroel, das uns vor allem teuer ist. als Pflanzstätte der reinsten G-ttesverehrung ein Politikum machen, dann haben wir unsere Lebensaufgabe verfehlt. Gewiß ist die Besiedlung des Heiligen Landes für uns ein Gebot der Religion und der Pietät, das werktätig zu üben, die orthodoxe Judenschaft seit Jahrhunderten befließen ist. Aber in erster Linie ist uns Erez Jisroel teuer, als das Land in welchem die Pflege der geistigen Güter des "Judentums, des Thora-Lernens und Wissens am besten zu üben ist. Ein Jischuw Erez Jisroel, in dem das Thora-Studium nicht die Hauptsache ist, ist ein Schemen ohne Wert und ohne Zukunft. Erez Jisroel erträgt kein religionsloses Judentum und hat wiederholt das irreligiöse Judentum ausgespien und wird es ausspeien. Um diese felsenfeste, historisch begründete Ueberzeugung zu dokumentieren, müssen wir in erster Linie die religiöse Judenschaft in Erez Jisroel unterstützen. Am Jörn Kippur wollen wir in reichstem Maße jener Märtyrer gedenken, die seit Jahrhunderten in Erez Jisroel in drückender Not leben, ein Leben der G-ttgeweihtheit. Das ist dringendste Augenblickspflicht. Dabei wollen wir auch all unsere Kräfte, die uns die erdrückende Notlage unserer Glauljensbrüder im Exil freiläßt, die es gilt von Hunger und Untergang zu retten, daran wenden, Erez Jisroel aufzubauen. Erste Bedingung für unsere Erez Jisroel- Wiederaufbauarbeit muß aber sein, daß unsere Tätigkeit sicli frei entfalten kann ohne unter die Botmäßigkeit religionsloser Juden gezwungen zu sein. Katholische „Nationaljuden". Will man sich einen Begriff von der Demoralisation machen, die der sogenannte „jüdische Nationalismus" angerichtet hat, so genügt ein Blick auf den jüngsten Ausweis über das Ergebnis der Volkszählung in Prag. In dem bezüglichen Bericht wird erzählt, daß es in Prag 5950 Nationaljuden gibt. Davon sind 11 katholisch, M9 konfessionslos und 5900 israelitisch. Wir sind also schon mit katholischen „Nationaljuden" beglückt. In den furchtbaren Tagen der Inquisition in Spanien gab es allerdings katholische Juden, die sogenannten „Marannen", die unter dem Zwang der Verhältnisse das Christentum angenommen haben, heimlich aber Juden blieben und bei der ersten sich darbietenden Gelegenheit die Maske abzuwerfen und offen zum Judentum zurückzukehren pflegten. Es soll noch heute in Spanien, Portugal und im ehemaligen spanischen Südamerika Nackkommen dieser Marannen geben, die aber im großen und ganzen vollkommen Christen sind und nur noch einige jüdische Gebräuche beobachten. Gerade dies beweist, daß selbst diejenigen, die nur zum Schein das Judentum verlassen haben, im Laufe der Zeit demselben vollständig verloren gingen. Es gibt kein halbes Judentum und diesbezüglich heißt es .,Jehorog weal ja&wor!" Eine andere Art katholischer Juden gab es in den letzten Jahrzehnten in Rußland. Die unerträglichen Ausnahmsgesetze, unter welchen die Juden im ehemaligen Zarenreiche gelebt halten, veranlaßten gar manche nicht besonders standhafte Juden, zur russischen Kirche überzutreten, um außerhalb der berüchtigten „Tscherta" wohnen zu dürfen, die Universität besuchen zu können usw. Wie man sich in den jüdischen Kreisen zu diesen Renegaten verhielt, beweist der Umstand, daß wenige Jahre vor dem Kriege die zionistischen Studenten in Rußland eine Konferenz abgehalten haben, in welcher die Frage behandelt wurde, ob man mit diesen Leuten, die mit größten Eifer versicherten, sie seien trotz der Taufe ..gute Juden" (sie!) geblieben, gesellschaftlich verkehren soll. Mit erdrückender Majorität wurde die Frage verneint, mit der Motivierung, es werde durch diese Art Taufen das Judentum demoralisiert und das böse Beispiel könnte Nachahmer finden, wenn man den Täuflingen irgendwelche Konzessionen machen werde. Der bekannte jüdisch-nationale Dichter S. Frug, war kein frommer Jude, aber am Pesach pflegte er den Seder nach allen Vorschriften abzurichten und die jüdische Intelligenz Petersburgs, die das ganze Jahr hindurch dem jüdischen Leben ferne standen, pflegte immer zu Frug zum Seder zu kommen. Eines Pesach kamen hierbei auch drei Studenten, die sich jüngst getauft haben, zum Frug-Seder. Als sie das Zimmer betraten, ließ der erboste Dichter die Türe öffnen und rezitierte ihnen gegenüber das Schefoch-Chamoschu mit einer derartigen Vehemenz, daß die Täuflinge unter dem Einfluß dieser Entrüstung fluchtartig das Haus verließen. So geschehen in Rußland, wo die leichtsinnigen Täuflingo sich zumindest hinter der Ausrede verschanzen konnten, sie wären Zwangstäuflinge. In Prag gab es unter der früheren österreichischen Regierung und gibt es heute in der tschechoslowakischen Republik keine Ausnahmsgesetze für Juden. Wer da dem Judentum den Rücken kehrt, der hat keine wie immer geartete Ausrede, höchstens seine Abtrünnigkeit. Und doch wagen es elf Täuflinge, sich zur jüdischen Nation zu bekennen! Sicherlich rinden, sie hierbei die Zustimmung derjenigen jüdischen Nationalisten, die bereits „konfessionslos" sind, also vorläufig an der Vorstufe der Taufe stehen, und auch derjengen, die noch Juden sind, da sonst.dieses merkwürdige Bekenntnis keinen Sinn hätte. Man weiß wahrlich nicht, worüber man mehr staunen soll: über den Mut der Täuflinge, sich fernerhin Juden zu nennen, oder über die Gesinnungstüchtigkeit der Nationalisten, die hierzu Ja und Amen sagen. Der Begründer des modernen Zionismus, Dr. Herzl, sagte einmal: „Der Zionismus ist die Rückkehr zum Judentum, vor der Rückkehr ins Judenland." Wie die Anhänger und Nachfolger des Dr. Herzl diese Parole verstehen, dafür zeugen die katholischen „Jüdisch-nationalen". Noch nie und noch nirgens ist ein Gedanke derart ad absurdum geführt worden. Als die Zionisten ihre Arbeit begonnen haben, gaben sie das Schlagwort aus: Die Assimilation führe zur Massentaufe, der Zionismus soll dem abhelfen. Die Assimilation ist sicherlich verwerflich, aber sie kämpft zumindest mit offenem Visirl Die modernen Jüdisch-nationalen heucheln Judentum und fördern die Taufe. Denn darüber darf man sich keiner Täuschung hingeben. Wenn man die These proklamiert, das Judentum sei eine Nation und habe mit der Religion nichts gemeinsames, dann öffnet man dem Abfall Tür und Tor. Wenn man es/, duldet, daß die einflußreichen Führer Mischehen eingehen, wenn man es duldet, daß unter der Fahne des Zionismus eine „Kultur" betrieben wird, die die Jüdischkeit völlig negiert, dai-.n ist zur völligen Taufe bloß ein Schritt. Die Prager Statistik ist geeignet, auch dem Blinden die Augen zu öffnen. Mögen es diejenigen, die trotz religiöser Ueberzeugung mit dem Nationalismus nur kokettieren, mögen es besonders die Herren vom „Misrachi" sehen, wohin der Weg führt. Noch ist es Zeit zur Umkehr. Schuwu, schuwu bonim schauwowim! J. K. Trennung von Kirche und Staat. Das Problem der Trennung von Kirche und Staat beschäftigt seit Jahr und Tag die Oeffentlichkeit und die dazu kompetenten Kreise der Tschechoslowakischen Republik. Was wird geschehen nach der Trennung? Welche Umgestaltung wird das Gemeindeleben durchmachen müssen? Ist das schwere Rätsel, deren Lösung verantwortliche Persönlichkeiten — sehr reserviert — nur in dem Hinweis auf die Unzeitmäßigkeit dieses Problems geben wollen. Docli finden sich hie und da Stimmen, die die Lüftung dieser Frage — ob richtiger oder unrichtiger Weise, das soll nun dahingestellt werden — für notwendig erachten. Einen für uns Orthodoxe besonders sehr beachtenswerten Artikel unter dem Titel „Gedanken über Trennung von Staat und Kirche" von Dr. I. Eisenberg finden wir in der Brünner J. V., den wir teilweise wörtlich wiedergeben. Der Wunderrabbi L e v i Izchak aus B e rd i t s c h e w, erzählten seine Verehrer, befand sich eines Tages auf einem Ausflug außerhalb der Stadt. Da erblickte sein Wagenlenker einen herrlichen Obstgarten, dessen mit Früchten beladenen Bäume, die den Zaun überragten, jeden Vorbeiziehenden anlockten. Er hielt den Wagen, stellte sich auf den Bock kerzengerade auf, zog die Zweige an sicli und pflückte deren Früchte ab. Den Rabbi berührte die Rücksichtslosigkeit ihm gegenüber höchst peinlich. Er schrie plötzlich auf: „Reb Jidd, me sieht!" Kaum hatte der Kutscher das Wort „me sieht!" gehört, als er schnell die im Wagen befindlichen Früchte in den Garten zurückwarf, die Pferde antrieb und so schnell es ging davontrabte. In der Stadt angekommen, wagte er an seinen ehrwürdigen Fahrgast die Frage, wer es denn gesehen hätte. Darauf der Rabbi: „Wer? Gott hat es gesellen!"' — Die tschechoslowakische Republik hatte den alten Herrgott seines Amtes enthoben. Sie erklärte ihn für überflüssig. Atheisten, Gott- und Kopflose weisen nun sämtliche Schichten der Bevölkerung auf. Unter Christen und Juden. — Es waren Zeiten, da der geistliche Herr als erste Person seiner Gemeinde galt. Das Wort: „Wo Thora (Wissen) dort ist Chochma (Verstand)!'' hatte zur Folge, daß der Seelsorger, der an Wissen alle Mitglieder seiner Gemeinde überragte, eben als wirklicher Führer derselben angesehen wurde. Jede Not, jeder Schmerz, die irgend ein Mitglied bedrückte, wurde dem geistigen Oberhaupt mit der Bitte um Rat, um Hilfe, vorgeleegt. Sein Wort fand aber auch volle Anerkennung, denn er kannte schon seine Leute und wußte für jeden Bittsteller den richtigen Weg, das richtige Mittel, um Schwierigkeiten zu beseitigen und Mißverständnisse aufzuhellen. Das Volk zollte seinem Lehrer Anerkennung, dessen verständnisvolle Entscheidungen ihm zum Heile gereicht e n. Jeder Streit wurde von ihm geschlichtet. Vernahm er einmal, daß irgend jemand vom richtigen Weg abweiche, oder ein Unternehmen schaffen wolle, das gegen die Religion verstoße, so genügte seine Warnung: „Reb Jidd, me sieht!", um diese Absicht zu vereiteln. Beide Teile hatten also zu einander Vertrauen. Die Nachkriegszeit hat aber dieses Vertrauen gründlich zerstört. Der Seelsorger ist nicht mehr „p e r s o na g r a t i s s i m a" in seiner Gemeinde. Jeder Kaufmann, jeder Bauer usw., dem die Krieszeit ein Vermögen eintrug, glaubt ja, er sei geschickter als der Mann des Wissens. Denn dieser blieb so arm, wie er war, und seine Ware erwies sich im und nach dem Kriege vollständig entwertet. Ja, er hat sogar mit seiner Familie einen schweren Kampf ums uasein zu bestehen,, um sich über Wasser zu halten. Ist es dann ein Wunder, daß das kleine Volk, welches gewöhnt ist, den Wert einer Wissenschaft oder Kunst nach dem Ertrag derselbeen zu taxieren, nun das Vertrauen in den Mann des Wissens verloren hat? Bisher genügte e i n warnendes Wort des Seelsorgers „Gott sieht e s!", um eine beabsichtigte häßliche Tat abwendig zu machen. Jetzt aber vermöchten keine Warnungen und keine Ermahnungen, irgend eine Wirkung zu zeitigen. Handwerker, manuelle oder geistige Arbeiter und andere mehr erklären sich konfessions- (vulgo: konfektion-) los und glauben schon dadurch einen höheren Bildungsgrad erreicht zu haben. Sie lehnen den Religionsunterricht der Schule ab und fordern, ihn durch einen Moralunterricht zu ersetzen. Diese schlichten, aber wahren Worte möchten wir zur Beachtung unseren Jüdisch-Nationalen in deren Zeitung ja dieser Artikel ursprünglich erschienen ist, empfehlen. Die politischen Schlagworte „Jüdische Volksgemeinde", die „Demokratisierung der Gemeinden" streben eben hin, das feste Band, daß das Judentum mit seinen geistigen Führern, mit seinen Rabbinern verbindet, loszulösen. Wie oft hört man von gutbesoldeten zionistischen Parteimachem mit einer Unverfrorenheit verkünden, „wir müssen das jüdische Volk von den Fesseln der Hierarchie befreien, wir müssen ein gesundes Judentum schaffen, das sich von dem Bannkreis der Rabbiner, die das Volk aus Egoismus im Finstera halten, emanzipieren. Bis nun sind die wahren Führer des Judentumes den Wühlarbeiten der Nationalisten viel zu gelinde entgegengetreten. Wir wollen auch hoffen, daß die Zerstörungswut der Zionisten an dem festen Band, das Rabbiner mit Gemeinde verbindet, zerschellen wird, denn wir vertrauen auf die besonnene Urteilskraft des Juden, denn „Gott sieht es." Einrückung zum Militär. Wie uns vom Kommando der 9. Division mitgeteilt wird, haben die jüdischen Soldaten des hohen jüdischen Feiertags wegen (Jörn Kippur) erst am 4. Oktober einzurücken. SchlußprUfungen in den Preßburgcr Thora-Institutio-. nen. Vergangene Woche wurde das Verhören in der Talmud-Thora, Jesode-Hatohra und Jeschiwah-Ketanoh (Vorbereitungsschule) abgehalten. Die Talmud-Thora ist für Kinder der Elementarschule. bestimmt und hält auch in den Ferienmonaten den Unterricht aufrecht. Die Kinder hatten einen überraschend schönen Erfolg aufzuweisen. In der Jesode-Hatorah, die sechs Klassen zählt, wurde das Verhören Donnerstag, Schabbos und Sonntag, den 21., 23. und 25. Elul abgehalten. Bereits vor einem Jahr wurde diese Schule mit einem großen Kostenaufwand und modernen hygienischen. Anforderungen entsprechend, neu umgebaut. Daß diese Institution ihrer Aufgabe vollauf entspricht, zeigt der große Zuspruch, dessen sie sich von allen Gegenden des Landes erfreute. Rabbiner Unsdorfer, Leiter dieser Schule, der zur Hebung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.