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Jüdische Presse · 1922-09-29 · 35-36 (29.9.1922) · page 4

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Journal
Jüdische Presse
Volume
8 (1922)
Issue
35-36 (29.9.1922)
Date
1922-09-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 216 JÜDISCHE PRESSE Nr. 35/36 stand inneren Glückes, oder das Wilde abtönen lassen zu einem Versuch des Ausgleiches. Das ist der musikalische Wert des Schlußakkordes. Doch auch in der Welt der inneren Erlebnisse verlangt der Mensch einen befriedigenden Ausklang. Nun wissen wir. daß Leser im allgemeinen in ihrer Zeitung nicht gerne einer Aeußening begegnen, die auch nur im entferntesten Aehnlichkeit mit einer Predigt hat. Aber warum sollte es uns nicht gegönnt sein, am ersten Sabbate des Jahres die Blüte aller inneren Erlebnisse des Menschen zu pflücken, nachdem wir ein ganzes Jahr gezwungen waren, äußere Ereignisse an unserem Wollen und unser Denken an äußeren Ereignissen zu messen? Warum sollte es uns nicht gelingen, all das Wilde und Zerrissene des dahingeschwundenen Jahres denn doch in einem freundlichen Schlußakkord ausklingen zu lassen? Rückschauend und vorschauend möchten wir feststellen, daß trotz aller Kämpfe, trotz des mehr und mehr sichtbar und fühlbar werdenden Zusammenbruches der Kultur künftige Zeit auch aus diesem Jahr manches Große zu melden haben wird. Denn es ist ein Großes, wenn in solchen Zeiten es noch Augen gibt, die das Schöne im Dasein zu schauen vermögen, es noch Herzen gibt, die sich in dem Hunger ihres Körpers die Begeisterung für das Edle und die Opferfähigkeit für irgend ein Ideal abzuringen wissen, es noch Seelen gibt, die trotz ihrer Gebundenheit an das Irdische sich noch klar bewußt sind, daß sie den Schauer der Ewigkeit in sich tragen, heiße Sehnsucht nach der Wahrheit. Diese Sehnsucht ist das £iel der ersten Tage des neuen Jahres, welche im Zeichen der Umkehr stellen: seit der ersten Verfehlung eines Menschen, also seit den Tagen des Paradieses ist so viel geschehen und gedacht, so viel gedichtet und empfunden, teils in herzzerreißendem Seufzer, teils in knappem Wort des Gesetzes über den Weg zu diesem Ziele. Fast sechs Jahrtausende stellen uns zur Seite, wenn wir diesen Weg beginnen. Aber wie immer diese Melodie anhebt und verläuft, sei es in dem Stöhnen zerknirschter Sünder, sei es in dem Lallen vertrauensvoller Kinder, sie endet immer in einem Dreiklange, den als ein inneres Erlebnis von wunderbarer Stärke das Wort des Ewigen uns prophezeit. Erster Ton: „Du kehrst ein in das Innere deines Herzens!" Ist das nicht ein Ereignis von ragender Größe? Dieses Herz, das man so oft übertäubt hat, dessen Regung man erstickt hat, dem man nicht Folge geleistet hat, wenn es rascher schlug vom. Mitleid bewegt gegen. Hungernde und Leidende, oder von Treue erfüllt gegen seinen Schöpfer, und damit sich selbst entdeckt zu haben! Der Weg zu Selbstachtung führt durch das Herz und lehrt den Unterschied erkennen zwischen wahrer Bescheidenheit und dem Verbrechen schaler Selbstironisierung. Wiederum ist Selbstachtung demütige Erkenntnis der eigenen Größe, die, wenigstens der Fähigkeit nach, in jedem Menschen liegt, die unerläßliche Voraussetzung wahrer Umkehr. Nicht erkenne dich selbst, sagt der Jude, sondern komme zu deinem besseren selbst. Darin aber liegt die frohe Gewißheit, daß dieses bessere Selbst nicht erstickt, nicht verschüttet werden kann, trotz aller Schlacken, die der Alltag um uns und auf uns häuft. Zweiter Ton: „So wirst du kommen bis zu den Ewigen deinem G-tt!" Klipp und klar ist es hier ausgedrückt, daß es der Mensch vermag, dieses Ziel zu erreichen. Gewiß, wir haben Zeiten hinter uns, in der man an dieser Möglichkeit fast hätte verzweifeln können, denn die Menschheit mit ihren Kriegen und Friedensschlüssen, mit ihren Verträgen und Beratungen schien wahrmachen zu wollen »das Wort, das von den Schlechten gilt, des Inhaltes, daß alle seine Pläne und Entscheidungen wurzeln und gipfeln in dem Gedanken, daß es keinen G-tt gäbe. Leider, leider ist es nicht zu leugnen, daß auch die Judenheit zum größten Teil diese Pfade ging. In dem Staatsakt, der von einer fremden Macht ausging und von den Juden gut geheißen wurde, der bestimmt ist auf das Schicksal der Juden und seiner Lehre Einfluß auszuüben, stellt kein Wort von G-tt den Allmächtigen. Und der Versuch, diesem Staatsakt diese Note hinzuzufügen, scheiterte an der Entg-ttung der Mächte und der Juden, die fern von G-tt sich von jenen emportragen lassen wollen. Wahrlich, es ist nicht ödes Partei-Wollen, das uns am Schlüsse des Jahres, in welchem dieses Verbrechen geschah, bittere Tränen abzwingte, die nur Linderung finden in der Hoffnung, daß es denn doch noch auf unserer Seite Juden gibt, die dem zweiten Ton des Dreiklangs ihr Ohr nicht verschließen. Darum freuen wir uns mit jedem Zeichen, und wenn es keusch und sichtbar aus noch so ferner Weite klingt, daß es uns ahnen läßt jene Zeit, in der die jüdischen Kinder in ihre ureigendsten Gebiete zurückkehren werden, und das ist die Hoffnung unserer Zukunft. Dritter Ton: Und dann wird dein G-tt zu dir zurückkehren! Menschliche Sprache ist zu schwach, um dieser Verheißung weitere Deutung zu geben. Menschlicher Geist ist zu klein, um auch in kühnsten Phantasien ein wahres Bild dessen sich zu gestalten, was es heißt, wenn der Allmächtige nicht mehr seine Liebe aus der Ferne bekundet, sondern seine Welt so führt, daß, wie einst zu den Zeiten der ersten Ahnen, auch der Unwilligste in beziig auf jüdisches Schicksal anerkennen muß. daß hier G-ttes Wille waltet. Allerdings bedarf die Vorbereitung für diese Zeit eines gewaltigen Mutes, des Mutes, der Versuchung zu widerstehen und alles von uns zu weisen, in dem deshalb sichtbar G-ttes Wille nicht waltet, weil es das Gepräge der Lüge trägt. Die Ereignisse des verflossenen Jahres heischen diesen Mut. sie fanden ihn nicht immer, doch sie werden ihn finden, wenn der Menschheit umspannenden und weltumfassenden Dreiklang der Jude willig sein Uhr leiht. So kann sich das innere keusche Erlebnis des einzelnen gestalten zum weltbeglückenden Erlebnis der Erlösung. s.7 n. Für die Opfer der Hungerkatastrophe in BnBland. Keine Zeit des Jahres ist so geeignet, Herz-und Gemüt des Juden auf die Leiden unserer Mitmenschen zu lenken, wie diese Tage der Einkehr. Wir halten Einschan in unser Innerstes und messen unser Leben und Wirken an den Maßstäben, die der g-ttliche Wille uns gegeben hat. Wir begreifen jetzt und lernen angesichts des heiligen „Gerichtstages" immer mehr begreifen, daß nur das Leben wirklich gelebt ist, das nicht selbstisch die Befriedigung der eigenen Genußsucht erstrebt, sondern von dem idealen Streben erfüllt ist, Wohltäter Anderer zu sein. Wenn es bei uns Juden als Axiom anerkannt ist miöto bwr\ npis „Wohltun rettet vom Tode", so gilt dies in höherem Maße von jenem Tode, dem unser Leben bei lebendigen Leibe verfällt, wenn wir nur für unserem und nicht zugleich für die leidenden Brüder und Schwestern unser irdisches Streben weihen. Die Hungersnot in Rußland fordert an diesem Tage von allen Juden Erbarmen heraus. Wir bitten im Namen der vielen Tausende, die ihr Leben erhalten wissen möchten und es nur können, wenn ihnen Nahrungsmittel zur Verfügung gestellt werden: Helfet! Spendet für die Rußland-Aktion der Agudas Jisroel! :J: « Spendenausweis für jüdisciie Hungernde in Rußland. (Fortsetzung.) Sammlung J. Klinger (Baden bei Wien) K 38.400, bei Minjan Baden-Weikersdorf durch Nathan Hertzka 15.000, Direktor Kuhner 2000, S. Bettelheim- Stern (Bielitz) 5000, Frau Ella Schreiber 200.000, Sidonie Koppel durch Salomon Danzinger 20.000, Sammlung durch N. N. 80.000, durch Gruppenverband Agudas Jisroel (Halberstadt) 1,300.000, N. N. 2000, Sammlung am Semmering durch Samuel Schreiber (Bratislava) 376.000, gesammelt durch Aba Goldfeld (Wilhelm Fiala, Tuchabfallhändler, 10.000, Wilhelm Baiin 5000, Neumann, Goldenberg, Samuel Wittels, Weinberger, Salomon Kornblum, Abromowicz, Maver, Hecht je 1000) — 8000, Maver Lauterbach 1210, Elchone Katz 440, N. N. 490, N. N. 600, Bilei junior, M. Landau, Leblang und Schwager, Henoch Reichel je 500 2000, Neumann 1400, Ch. Gabel, Mannes, Spatz je 200 — 600,jPinkas Liebermann, N. 1SL je 100 200, N. N. 400, Man# Horowitz 300, N. N. 150 div. 3110, zusammen 34.000, durch Gruppenverband Agudas Jisroel (Halberstadt) Dollar 210, Leopold Lederer ung. K 1000, .Herr Friedmann (Reichenhall) durch S. Schreiber Mk. 54, Dr. Josef Capiro durch Daniel ßonyhady (Salzburg) K 5000, gesammelt bei Isaak Fein (Christiania) bei Bar-Mizwoh seines Sohnes Sissel durch Rabb. Sch. J. Lewithan Mk. 8000. Gesammtsumme der Spenden: K 1.972.400, Dollar 210, Mk. 8054, ung. K 1000. * Für die Hungernden in Rußland. Die Agudas Jisroel-Ortsgruppe in Galant a hat auf Anregung ihres rührigen Präsidenten Herrn S u ßm a n n eine Sammlung für die Opfer der Katastrophe in Rußland veranstaltet. Die Ortsgruppe und alle Baalebätim, die sich an der Sammlung beteiligten, haben damit dem Wohltätigkeitssinn dieser ehrwürdigen Gemeinde das beste Zeugnis ausgestellt und zugleich bewiesen, daß sie der Intention der Agudas Jisroel zu folgen verstehen. Der Erfolg der Sammlung hat — an hiesigen Verhältnissen gemessen — alle Erwartungen übertroffen. Es gingen tsch. K 4208 ein, außer den Beträgen, die aus der Sammlung in der Seydl'schen Gemeinde bereits früher an die Zentrale abgeführt wurden. Spendenausweis der Sammlung. Max Kaiisch tsch. K 500, IBaruch Spitzer tsch. K 499, Ignaz Kaiisch tsch. K. 200, Leopold Ehrenwald tsch. K 180, Chewra Tiferes Bachurim tsch. K 125, Moriz Löwinger, Aron Müller, Mano Läufer, IVIoriz Kaiisch, Anton Steiner, Wilhelm Stern je tsch. K 100, Ignaz Löwinger tsch. K 80, Rudolf Weiß tsch. K 54, Hermann Klein, Samuel Schuler, Bernhard Markstein, Adolf Löwinger, Isidor Müller. Adolf Ehrenwald, Wolf Gansl, Ignaz Goldstein, Ignaz Goldstein, Ignaz Messinger, M. D. Weiß, Adolf Stern, Ede Löwinger, Lajos Gründhut, Bernhard Kaiisch, Simon Kaufer, Josef Neumann, Anton Bruck, David Friedmann je tsch. K 50, Gerson Bruck, Aron Sando, Kövari, Fülop Kramer je tsch. K 40, Leopold Kaiser, Ignaz Maytin, J. D. Hirsch, Moriz Neumann, Abraham Lefkowitz je tsch. K 36, B. Lichtenstein, Adolf Müller, Adolf Fischhof, Mano Friebert, Markus Stern je tsch. K 30, Jakob Schmelz, Sandor Ruhig, Sandor Kovacs, David Petenyi, David Löwinger, Kubi Löwinger, Jakob Kolmann, Max Fleischer, Ignaz Kaiisch jun., I. Sußmann je tsch. K 25, Figdor Steiner, Gerson Löwinger, Wolf Müller, Simon Fleischer, Simon Weiß, Josef Deutsch, Wilhelm Steiner, Gyula Löwinger, Moriz Löwinger, Esriel Müller, Max Weiß, Jechiel Tauber, Moses Stern je tsch. K 20, S. Kaiisch, Markus Löwinger, A. Kaiisch, Simon Goldstein, Ignaz Schulz, Fülop Fleischmann, Elias Lunzer, Rudolf Löwinger, N. Friedmann (Budapest) je tsch. K 10, Bernhard Hirsch, M. Schwarz, S. Grünhut, H. Goldstein je tsch. K* 5, zusammen tsch. K 4208. Allen Spendern wird hiemit Dank ausgesprochen. Dcutschoskrrcicb. Rosch-haschono in der Wiener Orthodoxie. Wir geben nachstehend uns zugekommene Berichte über den Verlauf des Rosch-haschono in orthodoxen Bethäusern: Sohiffsohnl. Wie gewöhnlich, kein Plätzchen leer. Die andächtige Menge wurde durch die ergreifende Würdigung der hohen Bedeutung des Tages durch Herrn Oberrabbiner Fürst in ihren Tschuwoh- Gedanken bestärkt und die zum Gemüte sprechenden Tefdaus des Herrn Oberkantors Braun, der sich wieder alle Herzen im Sturm eroberte, steigerten die Andacht zur höchsten Stufe. Für die Adas Jisroel und alle affilierten Vereine gingen bedeutende Summen ein. Im Beth hamidrasch Thora Ez Chajim und bei der Jugendgruppe der Agudas Jisroel, in der Zabner Klaas war der Verlauf ein ähnlicher und wurde der Mangel einer Drascha lebhaft empfunden. Auch hier überall war die Stimmung eine echt Tschuwoh. Mäßige, überall zum Herzen sprechende Baal-Tülaus. Und großzügige Spenden zur Bekräftigung der Freude am Wohltun und des großen Interesses für die Institutionen der organisierten Orthodoxie. Achdus Jisroel, IL, Rembrandtstraße 32. Roschhaschono versammelte wie immer ein andächtiges Publikum, um nach diesem schweren Jahre für ein besseres Jahr zu beten. Die Gebefreudigkeit für verschiedene Wohlfahrtsanstalten war erfreulicherweise sehr groß. Am zweiten Tage vor TßW DJTpfi sprach Rabbiner Dr. Pollak über die erhöhte Pflicht, heute, wo die materielle Folge der wirtschaftlichen Verhältnisse alles an sich reißt, auch für den edlen Teil im Menschen für Geist und Seele zu sorgen. Im isr. Bethause, I., Lazenhof, wurden während des Rosch-haschono-Festes für verschiedene Wohltätigkeitszwecke größere Summen gespendet. Herr Rabbiner S. Neuwirth sprach in seiner Roschhaschono-Predigt über die Wichtigkeit des Thoralernens und wie verfehlt es ist, wenn man sich von dem modernen Götzen unserer Zeit, Beruf genannt, die wenigen Stunden, die man dem Thoralernen geweiht, nehmen läßt. Auf Initiative des Obmannes, Herrn B. Hofbauer, stellte der Vorstand einen geeigneten Raum als Beth-hamidrasch zur Verfügung und es ist zu hoffen, daß auch im I. Bezirk Limud- Hathorah seinen Aufstieg nimmt. Der Abschied des „Brodyer Raw". Oberrabbiner Abraham Mendl Steinberg aus Brody zählt zu denhervorragenden Personlichkeiten des Judentums, die während der Kriegsjahre in Wien Zuflucht suchen mußten. Während seines Aufenthaltes in Wien genoß er in allen Kreisen, die zu den „Fürsten der Thora1' Beziehungen unterhielten, allgemeine Verehrung. Viele Schüler sammelten, sich um ihn, bei jeder Gelegenheit wandte man sich an ihn, um Beleh rung aus seinem Munde zu schöpfen und seine Entscheidung in schwierigen Fragen des jüdischen Rechtes und des religiösen Lebens einzuholen. Er und noch wenige Thoragelehrten ersten Ranges aus Galizien bildeten so ohne jede Absicht und ohne jemals offiziell von irgend einer Seite damit betraut worden zu sein ein oberstes Rabbinatskollegium in Wien von höchstem Ansehen und von tiefgreifendem Einfluß auf die Gestaltung des jüdischen Lebens. Als Mitglied des „Rabbinischen Rates" der Agudas Jisroel hatte er während dieser Jahre des öfteren Gelegenheit, auch in Gesamtheitsfragen des Judentums ein entscheidendes Wort zu sprechen. Wer Rat bei ihm einholte, war von seiner Bescheidenheit und

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