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Jüdische Presse · 1922-09-29 · 35-36 (29.9.1922) · page 2

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Journal
Jüdische Presse
Volume
8 (1922)
Issue
35-36 (29.9.1922)
Date
1922-09-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 214 JÜDISCHE PRESSE Nr. 35/36 Jüdische Eltern, rettet den Sabbat eurer Kinder! Schicket sie in die Jüdische Schule! haben sich denn nicht die ganzen Grundlagen, auf denen der gesamte Schulunterricht aufgebaut ist, verschoben; ist nicht die ganze Unterrichtsmethode seit den Tagen als wir in der Schulbank saßen eine ganz andere geworden? Und müssen wir nicht bedacht sein, das Kleinod unserer Thora, das sich in allen Zeitverhältnissen und in allen Weltgegenden bewahren ließ, auch unter den heutigen Verhältnissen für unsere Kinder zu retten, obwohl oder weil der Unterricht in allen anderen Fächern anders geworden ist? Heute wird viel mehr praktisch als theoretisch gelernt, es gibt viel Anschauungsunterricht; die Kinder werden in der Schule zu Kinovorstellungen, zu Theateraufführungen, zu gemeinsamen Ausflügen, zu Spielen und Turnübungen erzogen, die heutigen Kinder lesen bei weitem weniger als wir gelesen haben; Unsere Kinder, dieinsolcherGesellschaft aufwachsen, die nolensvolens in die Gedankenkreise aller anderen Kinder hineingezogen werden, müssen also auch in Thora und Awoda anders erzogen werden als bisher; der Unterricht muß lebhafter, muß greifbarer gestaltet werden als bisher, damit der Unterrichtsstoff der Thora nicht vor dem anderen, der in immer abwechslungsreicheren Formen geboten wird, erblasse. ,Und nichts ist leichter als dies, wenn man vom Hause aus den Lehrer unterstützt, nicht durch bloßes mechanisches Wiederholen des Schulunterrichtsstoffes, sondern indem man dem Kinde bei jeder Gelegenheit Thora-Unterricht beibringt; praktischen Unterricht gibt beim Essen, beim Spaziergang, beim gemeinsamen Gottesdienste in der Synagoge; bei jeder Gelegenheit auf den Zusammenhang des in der Schule Gelernten mit dem praktischen Leben hinweist. Sache des Vaters vor allem ist es, auf die Bedeutung des Jomim Towim hinzuweisen, dem kleinen Kinde zu erzählen, dem größeren die Besonderheiten der Mizwos und Minhogim eines jeden Jomtow zu erklären, später die Dinim für den Jomtow durchzunehmen und schließlich mit dem erwachsenen Kinde eine Sugjo schel jomtow in allen Details durchzuarbeiten. Denn nun wenn das Kind den Vater immer wieder lernen sieht, wird es selbst zum Lernen hingezogen; nur dann empfindet es das Lernen nicht als Last zu den anderen Gegenständen des Schulpensums, sondern ist stolz darauf, sich durch besondere Kenntnisse vor den Schulkameraden hervorzutun. Man wende nun nicht ein, daß ein solcher häuslicher Unterricht den Schulunterricht des Religionslehrers oder des Melamed stört, weil vielleicht die Methode eine andere ist. Ich glaube, daß eine kräftige Unterstützung vom Hause her auch dem Schulunterrichte nützt, daß ein vernünftiger Lehrer aus den im Hause gewonnenen Kenntnissen des Kindes neue Gesichtspunkte für den Weiterunterricht erhalten wird. Und der Unterricht wird dadurch auch weit mehr individualisiert; denn wenn die Kenntnisse der Schulkinder in einer Klasse aus Geographie oder Sprachen für gewöhnlich auf ungefähr gleich hohem Niveau stehen, so wird dies bei Ghumesch gewiß nicht der Fall sein, wenn jeder Vater seiner ersten Pflicht des Weschinantom Lewonecho zu Hause nachkommt. Und auch in dem Kinde selbst wird die Thorakenntnis viel fester, wenn sie individualisierter wird; das Kind wird sich etwas von der Lernweise des Vaters aneignen und sei es auch nur der „Nigun" zum Lernen; und es wird diesen induviduellen Teil seiner Kenntnisse sehr fest im Gedächtnisse behalten; so fest, daß einerseits sich alle anderen gelernten Materien besser reproduzieren werden, andererseits aber, daß es später, wenn es selbst eigene Kinder zum Thöralernen anhalten wird, etwas Individuelles aus frühesten Kindheitstagen Uebernommenes haben wird, das weiter fruchtbringend angelegt werden kann. So kann man nur durch gewissenhaften Selbstunterricht die Mizwoh halten: Wehodaatom lewonecho weliwnej wonecho. Dr. L—n. Spendet für den leschivafonds! Jugend vom dritten Lebensjahre an schon gesorgt sein, denn es darf für die weitere religiöse Belehrung nicht gleichgültig sein, welcher Geist den Kindern in der Kinderstube eingeimpft wird. »Sind Schabboth, Berochaus oder das tägliche Beten den Kindern ins Fleisch und Blut übergegangen, das nur dann erreicht werden kann, wenn man von zartester Jugend an, daran gewöhnt ist, so hat die Schule, in der das Kind später seine Ausbildung in den verschiedenen .Fächern jüdischen Wissens erhält, bei ihrer Erziehungstätigkeit einen bedeutenden Vorspnmg, so daß die kostbare Zeit den wichtigsten Gegenständen zugewendet werden kann. Diese Erwägung veranlaßte die Gründung eines Kindergartens, in der Kinder beiderlei Geschlechts zu wahrhafter G-ttesfurcht herangebildet werden. Mit dem sechsten Lebensjahr können die Kinder die „Jesod Hathora" besuchen. Da mußte man die Eigentümlichkeit des Schülermaterials, das die Wiener Schulen besticht, besonders berücksichtigen. Den zahlreichen Schülern, die den lehrplanmäßigen Religionsunterricht (wöchentlich ein bis zwei Stunden) in den städtischen Schulen erhalten, kann dies schon wegen der viel zu geringen Stundenzahl unmöglich genügen, um sie zu bewußten Juden zu erziehen, deshalb mußte die „Jesod Hathora" ihren Lehrplan derartig ausgestalten, daß am Unterrichte alle, die sich ein größeres Wissen aneignen wollen, beteiligen können. Aus diesem Grunde wurde im allgemeinen der Nachmittagsunterricht eingeführt. Das Schulwerk ist für Knaben in sechs Abteilungen mit Nachmittagsunterricht und in zwei Abteilungen mit ganztägigem Unterricht eingeteilt. In den Nachmittagskursen wird mit den Anfängen jüdischen Wissens begonnen und in den höheren Klassen dieser Unterricht bis Mischna und Gemoroh fortgeführt. Nach erfolgreicher Absolvierung der Nachmittagskurse, hat der Schüler bereits soviel Wissen sich aneignet, daß er nun befähigt wird den ganztägigen Kurs zu besuchen. Die ganz hervorragende Leistung dieser Abteilung wird wohl in allen Kreisen unserer Orthodoxie bekannt sein. Es ist keine Ueberschätzung, wenn man behauptet, daß hier zumindest so viel als auf den Jeschiwoth gelehrt wird. Es wird nicht nur besonders viel von Gemoroh, Täusfäus und Meforschim mit großer Gründlichkeit durchgenommen, sondern auch ein großer Teil der Zeit zum Studium des Schülchan-Aruchs verwendet, um so unsere Jugend mit den Dinim des praktischen Lebens vertraut zu machen. Die Mädchenschule besteht aus sieben Abteilungen. Das Lehrziel, das hier angestrebt wird, ist die Erziehung der Schülerinnen zu begeisterten Jüdinnen, die vermöge ihres Wissens befähigt werden, dereinst als Stützen des Hauses den jüdischen Geist in ihr Heim zu pflanzen und es zu einem wahren Heiligtum G-ttes zu gestalten. Es soll aber auch durch gründliche Belehrung den Schülerinnen ein derartiges Wissen gegeben werden, daß sie die Möglichkeit haben, sich beim G-ttesdienst im Tempel zu orientieren, denn nur in diesem Fall kann von einer wahren Andacht gesprochen werden. Schülerinnen die alle Abteilungen mit Erfolg besuchen, werden fast alle Religionsgesetze kennen, die zur Führung eines jüdischen Hauses nötig sind. Große Bedeutung wird dem biblischen und jüdischen Geschichtsunterricht beigelegt, denn nur wenn unsere Jugend die Vergangenheit unseres Volkes genau kennt, wird sie, gestärkt durch das g-ttgefällige Leben der Großen Israels, sich bemühen in ihren Fußstapfen zu wandeln und die Thora, die sie von ihren Vorfahren ererbt, immer von neuem für sich zu erwerben. Es ist dies deshalb ein ganz wichtiges Mittel zur Erziehung zu wahrhafter Jiras Haschern. Der Schule steht ein ganz modern eingerichteter Bau (II. Nestroygasse 11) zur Verfügung, wo allen Gesetzen der Hygiene Rechnung getragen wird und so ist die „Jesod Hathora" in jeder Beziehung ein mustergültiges Schulwerk und ist es im Interesse der jüdischen Eltern, ihren Kindern die Erziehung in Thora und Jiroh an dieser Schule angedeihen zu lassen. Thoralehranstalten in Wien. v Es freut sich das jüdische Herz, feststellen zu können, daß in Wien das Bedürfnis, Thora zu lernen, von Jahr zu Jahr eine steigende Tendenz zeigt. Besonders unsere Brüder aus Galizien haben dieses Bedürfnis empfunden, da die Thoralehranstalten von Wien wie die Talmud-Thora-Volksschule und Jesod-Hathora für sie nicht genügend Raum leisten. Agudas Jisroel, die in den verflossenen Kriegsjahren unvergeßliches für die Flüchtlinge geleistet hat, sorgte auch für die Errichtung und Erhaltung von Chadarim, deren Zahl 25 erreicht hat. Als die finanziellen Lasten der Erhaltung immer größer und größer wurden, haben die religiösen Führer der galizischen thoratreuen Judenheit.» besonders die Großrabbiner aus Czortkow und Husiatyn, die Sorge auf sich genommen, die finanziellen Mittel für diese Chadarim herbeizuschaffen. So entstanden die großen Lehranstalten. Tomche-Thora und Or. Thora. die hauptsächlich für die Erhaltung des Thora Wissens unter den Flüchtlingskindern sorgen. Da die Besucher dieser Anstalten zum größten Teil aus armen Familien herkommen, sorgen die Leiter dieser Lehranstalten auch für die Bekleidung und sonstigen materiellen Bedürfnisse der Zöglinge. Beide Lehranstalten befinden sich im II. Bezirke. Der immer größer werdende Wunsch, auch in den anderen Bezirken entsprechende Thoralehranstalten zu gründen, veranlaßte die agile Leitung der Adas Jechurun im IX. Bezirk, eine Talmud-Thora-Schule unter dem Namen Thoras Chaim zu gründen. Diese Lehranstalt steht unter der Leitung von Rabbiner Benedikt und erfreut sich eines großen Zuspruches. Die Prüfungskommission, der auch IJerr Oberrabbiner Fürst und Bezirksrabbiner Ivatz (Borszow) angehörten, war anläßlich der Schlußprüfung am Ende des vorigen Schuljahres überrascht von dem gutem Erfolg, der an dieser Lehranstalt erzielt worden ist. In den westlichen Bezirken wirken die Talmud-Thora-Anstalten unter der Leitung von Rabbiner Flesch und im XIV. Bezirke unter der Leitung von Rabbiner Weiß segensreich. Es ist dies in diesen Bezirken ein besonders hoch einzuschätzendes Verdienst, da sie abseits vom großen Zentrum der thoratreuen Judenheit leben. Es ist zu hoffen, daß die ungeheuer steigende Teuerung diesen Lehranstalten nichts anhaben wird. Es reicht der Wiener thoratreuen Judenheit zu großer Ehre, daß sie bis zum heutigen Tage die großen Summen für die Erhaltung dieser Thoralehranstalten aufgebracht hat. Und wenn sie auch gezwungen .ist, an die Geberfreudigkeit unserer Brüder im Auslande zu appellieren, so wird sie nach wie vor ihre besten Kräfte daransetzen, für I^imud-Hathora in immer zunehmendem Maße zu sorgen. Zur jüdischen Mädcbenerziehung. In den Festestagen, die jetzt an uns vorüberzogen, und heilige Empfindungen mannigfacher Art in uns auslösten, wurde uns auch wieder vor Augen geführt, wie eine jüdische Frau eine Hannah, in den Stunden ihres tiefsten Leids, in den Augenblicken höchster Glückseligkeit ihre Zuflucht zum Tempel nimmt, um dort vor dem, der der Lenker der Geschicke ist, ihr Herz auszuschütten. Sie, die jüdische Frau, weiß und fühlt, daß der Urquell allen Heils von dort ausströmt, von dort, wo die Heimstätte des g-ttlichen Wortes und Gesetzes ist und gleich ihr, sollte jede jüdische Frau von diesem Hochgefühl durchdrungen sein. Aber leider ist dies in unserer Zeit nicht der Fall, und daß dies nicht ist, das ist euer Verschulden, ihr Väter und Mütter, das ist euer Verschulden, ihr Erzieher, die ihr euren Töchtern sicher das Beste auf den Lebensweg geben wollt, die ihr ihnen aber nur das Gold äußerlicher Freuden und nicht die Nahrung inneren Herzensfriedens reicht. Gewiß, es gibt kein jüdisches Elternpaar, das nicht gern Opfer für seine Kinder brächte, das nicht zugäbe, daß die Töchter auf jedem Gebiete des Wissens belehrt werden müssen, das nicht alles täte, um dem jungen Mädchen Freuden, Abwechslung, Weltkenntnis usw. zu schaffen, da fehlt es nicht an Lehrern, an Reisen, an,Büchern. Sind aber, so möchte ich fragen, zum Beispiel bei diesen Büchern auch solche, aus denen eure Tochter lernen kann, daß sie ein Recht hat, als Jüdin, stolz auf ihre Geschichte zu sein, ersieht sie daraus auch die Literatur ihres Volkes, tönen ihr daraus auch die blutenden Leidgesänge und die jubelnden Dankeshymnen ihrer Ahnen entgegen? Das alles wird unbeachtet" gelassen, als überflüssig betrachtet, man huldigt der Ansicht, es genüge, wenn der Knabe über das, was er zu glauben habe, unterrichtet sei. Und doch haben unsere Alten gesagt: „lscho su habajis", „Die Frau ist das Haus". Als die Engel zu Abraham kamen und fragten, wo Sara sei, da weiß der Fürst in Israel nichts besseres zu antworten als „hinie boauhel". Sie ist im Zelt, dort schaltet und waltet sie, dort bereitet sie echtem G-ttvertrauen die Heimstätte, dort gestaltet sie ihren Tisch des Hauses, zum Altar. Das wäre die Aufgabe, die sich jede jüdische Frau setzen sollte, für die, ihr Mütter, eure Töchter erziehen solltet. Wie ist dies aber möglich, wenn diese Töchter, die da draußen, im brausenden Weltgetriebe alles erraffen und erjagen lernen, was vergänglich ist, die aber in. bezug auf Unterweisung über ihre jüdischen Pflichten darben müssen, wie ist es möglich, so frage ich, daß diese Töchter ihr Heim zu einem geweihten, ihren Tisch zu einem Altar gestalten, ohne daß sie wissen, wie sie /dies machen sollen, ohne zu ahnen, was das Gesetz über Sittlichkeit und Enthaltsamkeit, über Genuß erlaubter, über das Verbot unreiner Speisen vorschreibt. Sie, diese Töchter sind wahrlich nicht zu verurteilen, daß, wenn sie einst Häuser bauen, nicht der Geist darin waltet, der unsere Mütter getragen, der ihnen in allen Kämpfen des Lebens Kraft gab, der sie jede Freude als g-ttliche Gnade doppelt genießen ließ. Aber von euch, ihr Eltern, werden einst diese Seelen gefordert, ihr sollt es verantworten können, wenn, leider oft schon nach Das Schalwerk der „Jesod Hathora" der „Adas Jisroel". Von Rabb. S. Neuwirth, Direktor der „Jesod Hathora". Wenn wir die Bedeutung der „Jesod Hathora" der ,.Adaß Jisroel" für die Erziehung unserer Jugend ins richtige Licht stellen wollen, so müssen wir sie erst mit anderen Schulen, die gewöhnlich mit dem Namen „Jesod Hathora" bezeichnet werden, vergleichen. Während unter diesem Namen solche Schulen verstanden werden, in welchen die reifere männliche Jugend, die bereits einen gründlichen Unterricht in den Anfängen der jüdischen Disziplinen, wie Chumisch und Gemoroh erhalten haben, sich fortbildet, um die Fähigkeit zu erlangen eine Jeschiwah zu besuchen, sind die Aufgaben die sich die „Jesod Hathora" gestellt, viel weitgehendere. Hier soll für die Erziehung der männlichen und weiblichen

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