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Jüdische Presse · 1922-09-29 · 35-36 (29.9.1922) · page 1

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Journal
Jüdische Presse
Volume
8 (1922)
Issue
35-36 (29.9.1922)
Date
1922-09-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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% V. b. b. JUDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. '* * Redaktion und Administration: Wien, II., Malzgasse 12 a. — Telephon 40.054. Tschechoslowakei: Bratislava, Postfach 140. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluß: „ Für Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. Ahonnementspreise: Ganyg'ährig: Für Österreichs48.000, Ungarn K 350'—, Tschechoslowakei Kö. 70'—.Deutschland Mk.150-—, Schweiz Frcs. 10*—, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 70 Lei. Jugoslawien 70 Dinar, Polen Mk. 1500«—. Einzelnummer d.-ö.'K 1000, Kc\ 1'50. ■ Zahlungen für Oesterreich: Postsparkassenamt Wien, Konto Nr. 13.458; für Polen: Postsparkassenamt Warsehan, Konto Hr. 190.409; für Ungarn: Postsparkassenamt Budapest, Konto Nr. 60.170; für Tschechoslowakei: Postsparkassenamt Prag, Konto Nr. 63.386; für Jugoslawien: Postsparkassenamt Agram, Konto Nr. 40.217; für Rumänien: Banca Marmarosoh Blanc A Co. für Josef Floren« * Co., Bukarest. 1 ' Nr. 35/36 | Wien-Bratislava, 29. September 1922 »renn nrcn ' nnDDjns " nri rrpa | 8. Jahrg. Auch unserer glaubenstreuen, jüdischen Jugend gehört die Zukunft! Und wenn diese ernsten Tage uns zur Rückkehr und Rückschau mahnen und anspornen, so ist es unsere oberste Pflicht, aus den Erfahrungen der Vergangenheit, für unsere teuerste Zukunft zu schöpfen. Was nützt das schönste Vorbild im jüdischen Hause und im engen Kreise der Familie, wenn die öffentliche Schule keine Pflanzstätte ist, für jene Ideale, auf denen das jüdische Familienleben aufgebaut ist? Schule und Haus in harmonischen Einklang zu bringen, ist das erste Gebot einer vernünftigen Pädagogik. Als vor mehr denn achtzig Jahren die Talmud Thora-Volksschule in Wien, unter den schwierigsten Verhältnissen gegründet wurde, entsprach sie diesem obersten Prinzip einer erfolgreichen, jüdischen Erziehung, die dem Zwang der Verhältnisse folgend, wohl den kulturellen Bedürfnissen der Zeit Rechnung tragend, die Kenntnis von Talmud und Thora als die gewichtigte Grundlage des Gesamtunterrichtes betrachtete, ohne die profanen Lehrgegenstände außer acht zu lassen. Die Ausdehnung des Schulzwanges bis zum 14. Lebensjanre, die durch das Wirtschaftsleben bedingten, steigenden Anforderungen an weltliche Bildung, wie überhaupt die endenz. der^ zumindest äußerlichen Assimilation, "äSer'';^ war, brachte es mit sich, daß der Bestand der Talmud Thora-Schule, nicht als so wichtig und bedeutsam angesehen wurde, wie dies von einer zielbewußten jüdischen Gemeinschaft zu erwarten gewesen wäre. Wohl wurde die Talmud Thora-Schule auch in dieser Epoche ausgebaut und ausgestaltet, und weist mit Stolz einen modernen Schulbau, mit allen erforderlichen hygienischen Einrichtungen auf. Doch das Schulprogramm ist auf halbem Wege stehen geblieben, indem die Talmud Thora-Schule eine fünfklassige Knaben,Volksschule blieb. Dann wurden die Erfolge dieser Volksschule durch den späteren Besuch der öffentlichen Schulen, welche durch den staatlichen Schulzwang in Anspruch genommen werden mußten, verwischt und vermindert. Für die Mädchenerziehung wurde gar nichts getan. Erst der allmählich erstarkende, jüdische Geist ^M^^mm^mr^ welcne spezie im echt jüdischen Hause hat es bewirkt, daß der Gegensatz zwischen jüdischem Haus und unjüdischer Schule bis zur Unerträglichkeit fühlbar wurde. Der Ausbau des jüdischen Schulwerkes wird nunmehr in allen Kreisen der bewußten Judenheit als unerläßliches Bedürfnis empfunden. Wir dürfen unsere Kinder nicht den Gefahren einer interkonfessionellen Schule aussetzen! Aus dieser Erkenntnis heraus hat es sich die Leitung der Wiener Talmud Thora-Volksschule zur obersten Pflicht gemacht, nicht nur das bestehende Schulwerk, wie es seit Jahrzehnten segensreich wirkt, zu erhalten und fortzusetzen, sondern den Ausbau der Schule mit aller Energie zu fördern. Schon in diesem Schuljahr wurde eine Mädchenschule eröffnet, womit der Anfang gemacht ist, für eine planmäßige jüdische Mädchenerziehung, ein Gebiet, welches bisher vollständig vernachlässigt wurde! Es wäre nur halbe Arbeit geleistet, wenn die Schule bei der 5. Klasse stehen bleiben würde. Deshalb wurde auch mit Beginn dieses Schuljahres eine Bürgerschule eröffnet, an die sich Handelskurse und fachliche Ausbildung in Werkstätten anschließen sollen. Wenn es auch unsere Aufgabe sein soll, die jungen Menschenknospen zu nützlichen Mitgliedern der laens.Qhlipheri .Gesellschaft heranzubilden, wW das höchste Ziel im Auge haben, die Jugend zu glaubenstreuen Kennern und Bekennern des überlieferten Judentums heranzuziehen! Die Leitung der Talmud Thora ist sich bewußt, daß sie mit dem Ausbau des Schulwerkes einem tief empfundenen Bedürfnis der breiten Oeffentlichkeit Rechnung trägt, ihr Ziel jedoch nur dann erreichen kann, wenn jeder Einzelne unserer Gemeinschaft voll und ganz seine Pflicht gegenüber unserer Jugend, unserer Zukunft erfüllt. Wer seine Kinder liebt, schicke sie in diese Schule, wer seinem Glauben Treue hält, fördert dieses Schulwerk. Dann wird sich das Wort erfüllen: Ma tauwu auholecho Jaakob, mischkenausecho Jisroel. Die harmonische Uebereinstimmung von Schule und Haus! Unsere schwerste Pflicht. Ich will sie gleich nennen; sie heißt: weschinantom lewonecho. Dusollst sie einprägen deinen Kindern. Keine Aufgabe ist so verantwortungsvoll uns gegenüber, unseren Kindern gegenüber, ja für die ganze Zukunft und den Bestand des Judentums überhaupt. Und keine Aufgabe ist schwerer; denn wenn wir bei Ausübung aller Mizwos nur unseren eigenen Jezer hora zu besiegen haben, der uns von der Mizwo-Uebung abhält, so haben wir bei der Ausübung des weschinantom lewonecho auch den Jezer hora des Kindes zu überwinden; die Besiegung unserer selbst gelingt uns durch Energie, durch objektives Sich-vor-Augen-halten unserer vom Sinai her in Form des Schwures übernommenen Treue, wir sind ja muschboh weomed; aber die Bezwingung des Widerstrebens beim Kinde, von dem wir wissen, mibeis mekom sefer tinok boreach, ist eine Kunst, welche durch eigene Erfahrung gelernt sein will. Jeder Vater, jede Mutter muß es erst lernen, wie am besten dem Kinde die Anfangsgründe der Thora beigebracht werden müssen, wie es beim Weiterfortschreiten beaufsichtigt werden muß; ja, das genügt aber noch nicht; denn bei jedem Kinde muß es der Vater von neuem lernen, sich den zarten Falten der kindlichen Seele anzupassen; und wehe ihm, wenn er sein ältestes Kind zu unterrichten gelernt hat und alle anderen schablonenhaft ebenso zu Thorä und Awoda erziehen will! Es gibt viele Familien, wo sich die Folgen einer solchen Erziehung so zeigen, daß das älteste Kind, das nicht immer das willigste und begabteste sein muß, weit irrtensivift^tiunr iterneia ^^gehal^^w^s4«n is tv als., seine Geschwister; viel Thoramöglichkeit geht c|urch allzubequeme und allzuunbedachte Erziehung verloren. Ja aber, ich höre die Frage von allen Seiten und lese sie auf den Lippen -der meisten Leser, wozu muß man sich denn so viel mit dem Unterrichte abgeben? Wir haben ja Lehrer die dazu da sind; wir haben Talmud-Thora-Schulen, die uns ja alle Pflicht abnehmen; wo können wir, die wir mitten im Berufsleben stehen, uns mit dem Unterrichte unserer Kinder abgeben? Haberi wir doch auch die Vorschrift des Schulchan Aruch Jore Dea für uns, die den Thoraunterricht durch Einzellehrer und durch klassenweises Lernen bis ins kleinste Detail regelt! Wozu dann noch eigene Arbeit? Ueberlegen wir uns nur, liebe Leser, ganz ruhig, ob für unsere Kinder heute der Schulunterricht genügt. Ich will über letzteren selbst kein Wort sagen und annehmen, daß er der Beste ist. Aber Kalenderbetrachtungen. Ein Kalender, ein unscheinbares kleines Büchlein, wird mit jedem Jahresschluß wieder aus den Händen gelegt und ein neues Jahresverzeichnis wird zur Hand genommen. Unsre Blicke schweifen zunächst fast achtlos darüber hin und faßen kaum, wie unendlich viel uns so ein Büchlein zu sagen hat. Birgt es doch Tage in sich, denen unser Herz entgegenjubelt, schließt es doch Tage in sich ein, in deren Rückerinnerung unsere Seele in herbem Leid erzittert. Wird der neue Kalender unser Freund werden, wird er uns ernste Stunden bringen? Das ist die Frage, mit welcher sicherlich auch der jetzt neu vom Vorstande der Talmud Thora-Schule herausgegebene Jahreskalender von manchem Freunde in die Hand genommen werden wird. Wie alljährlich, so erschien auch zu diesem Jahresbeginn wieder ein neuer Kalender (Luach) von dem wir hoffen, daß er der Talmud Thora-Schule einen Kreis neuer Gönner schaffen wird, denn ach, gar schwer ist die Not die jetzt an unsere Tore klopft und bei der es sich um unendlich viel Schwereres handelt, als um die Beschaffung des täglichen Brotes, es handelt sich um die Möglichkeit auch fernerhin hunderten von jüdischen Kindern die Geisteskost echten Thora-Wissens reichen zu können, oder sie ihnen versagen zu müssen. Und der Kalender ruft uns zu: Auf zur Pflicht! Wir wollen doch nicht umsonst die Zeit entfliehen lassen. Wir wollen die Tage zählen, damit wir weise werden, gut leben, das heißt Gutes vollbringen und fortleben. Fortleben aber können wir einzig und allein in unsern Kindern, indem wir uns mühen den Geist des Glaubens und G-ttvertrauens in ihr Herz zu pflanzen. Es ist eine Zeit, in der die Welt in ihren Angeln erzittert, in dieser Wüste des Leids und Kampfes heißt es nicht einer Hagar gleich erschauernd in der Ferne stehen, wenn unser Kind durstet,, es ertönt vielmehr an jeden Einzelnen mächtig der Ruf, nehmt die Kinder an die Hand und führt sie hin zu den lauteren Quellen echten Thorageistes. Eingedenk dieser hohen Aufgabe, möchte der Vorstand des Talmud Thora- Vereins auf den neuen Kalender hinweisen und darum bitten, daß ein jeder der ihn zur Hand nimmt davon durchdrungen ist, daß auch er dazu beitragen kann die Talmud Thora-Schule zu erhalten und das begonnene Werk weiter auszubauen. Es ist dem Kalender ein Artikel beigefügt, „Unser Schulwerk8, aus dem die Aufgabe, die sich der Vorstand der Talmud Thora gestellt hat zu ersehen ist, aber es ist auch daraus zu erkennen, wie unsagbar mühsam es ist, einen solchen Bau im Grundriß zu erhalten und zur Höhe hinauf zu bauen. Dazu bedarf es gar vieler und treuer Weggenossen und Handlanger und darum ergeht heute an euch alle, ihr jüdischen Schwestern und Brüder, in diesen tiefernsten Stunden ernsten Rückblicks und hoffnungsvoller Ausschau der Ruf, reicht uns stützend die Hand, damit wir nicht bei dem Aufsteigen einhalten müssen, ehe der Gipfel erreicht ist. Ihr alle, für die mit G-ttes Beistand der neue Kalender ein neues Jahresverzeichnis nur froher Tage sein soll, könnt Euer Scherflein dazu beitragen, die Talmud Thora zu erhalten und mit der Begeisterung echter Thoraweisheit erfüllte Schüler daraus hervorgehen und als gefestigte, aufrechte Glaubensbekenner im Leben stehen zu sehen. Das Titelblatt des neu herausgegebenen Kalenders ziert das Bild des leider nur allzu früh dahingegangenen Malers David Kohn. Es mag davon erzählen, daß auch der Verklärte ein Kind unserer Talmud Thora-Schule war, daß er ihr bis an sein Lebensende Treue gewahrt und obwohl er ein Auserlesener und Großer war, oder wohl gerade weil er es war, bis zum letzten Hauche für die Schule gekämpf und gerungen hat. Eine Schule aber, die selbst den Besten unserer Zeit ans Herz gewachsen war, die für den Fortbestand jüdischen Wissens und Fühlens, jüdischer Ueberzeugung und wahren G-ttvertrauens wirkt, ist wohl des Fortbestandes wert. Diese Betrachtungen mögen alle Gönner und Freunde, die den von dem Vorstand der Talmud Thora neu herausgegebenen Kalender zur Hand nehmen sagen, sie mögen dazu beitragen, daß sich der Freundeskreis der Schule erweitert, damit uns Beistand und Hilfe wird. E. G.

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