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Jüdische Presse · 1922-11-10 · 42 (10.11.1922) · page 4

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Journal
Jüdische Presse
Volume
8 (1922)
Issue
42 (10.11.1922)
Date
1922-11-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 248 JÜDISCHE PRESSE Jfr. 42 Empfang der Orthodoxie beim Minister Kailay. Am 22. Oktober erschien eine Deputation, bestehend aus dem Präsidium der orthodoxen Landeskaözlei und dem Präsidium der hiesigen orthodoxen Kultusgemeinde mit dem Oberrabbiner an der Spitze, beim Minister Kailay. Präses Oberrabbiner Weber begrüßte und beglückwünschte den Minister anläßlich seiner Ernennung zum bevollmächtigten Minister der Slowakei und sagte unter anderem: Die ersten Worte, die wir an Sie, Herr Minister, richten, sind Worte des Dankes für das Wohlwollen, daß Sie uns bis nun als Chef der Administration entgegengebracht haben und nebst dem zurückgetretenen Minister Micura bestrebt waren, uns Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, indem Sie namentlich unsere konfessionelle Autonomie auf der ganzen Linie respektierten. Wir möchten nun die Bitte unterbreiten, unsere Angelegenheiten auch in Zukunft wohlwollend zu behandeln, denn wir haben keinen einzigen Wunsch, der nicht ihm Rahmen des tschechoslowakischen Staates befriedigt werden könnte. Die Judenheit Slovenskos will in der Republik und mit der Republik ihr Auslangen finden und versichern wir Sie der Treue und Loyalität der Judenheit. Hierauf richtete Oberrabbiner Schreiber im Namen der Kultusgemeinde eine herzliche Ansprache an ihn und bat um Förderung der Wohlfahrts- und kulturellen Institutionen dieser ältesten Gemeinde der Slovakei und wünschte dem Minister ein erfolgreiches Wirken zum Wohle der Republik und zum Aufblühen dieser Stadt. Der Minister dankte für die freundliche Begrüßung und erwiderte: Wir arbeiten ja schon längere Zeit mit Ihnen zusammen, wenn wir auch nicht jedesmal an das Ziel gelangen konnten und alle Ihre Wünsche nicht zu erfüllen vermochten, lag die Schuld nicht an mir. Nehmen Sie die Versicherung entgegen, daß ich auch in Zukunft bestrebt sein werde nach Möglichkeit Ihnen entgegenzukommen. Der Minister setzte fort: Das Wort Loyalität ist nur eine Formel und hängt es vom Inhalt ab, welche Redeutung diesem Worte zukommt. Sie wissen, es werden noch immer Stimmen laut, daß noch nicht alle Juden von diesem Gedanken ganz erfüllt sind. Gewiß der Umsturz und die Revolution sind ein Werk von Stunden, Während das Umlernen und Einfühlen in die neuen Verhältnisse eine geraume Zeit in Anspruch nimmt. leh bin überzeugt, daß Sie, der Sie einen so ernsten Teil der Judenheit vertreten, in diesem Sinne ihr Möglichstes tun werden. Oberrabbiner Weber verwies auf die Antwort, die der Herr Minister nach Zeitungsberichten den Vertretern der Jüdischnationalen gegeben hätte und bemerkte: Wir vertreten jene Richtung, die nicht jüdischnational orientiert ist, sämtliche bisherige Minister haben den Standpunkt eingenommen, daß die Frage der politischen Orientierung eine rein innere Angelegenheit des Judentums ist, in welche sich die Regierung absolut nicht einzumengen wünscht. In diesem Saale hat Minister Benesch folgendes gesagt: Ich habe die beiden Richtungen im Judentum bereits in Paris anläßlich der Friedenskonferenz kennen gelernt und können Sie versichert sein, daß wir schon vermöge unserer demokratischen Verfassung die eine Richtung nicht auf Kosten der anderen favorisieren werden. Wir erklären nun, es hat sich bloß unser Verhältnis als Staatsbürger geändert, wir waren bis zum Umsturz ungarische Staatsbürger und haben als solche unsere Pflicht erfüllt. Heute sind wir tschechoslowakische Staatsbürger und werden wir vorbehaltlos unsere Pflichten der Republik gegenüber erfüllen. In bezug auf Judentum und Religion hat sich bei uns nichts geändert. Wir waren keine Assimilanten und sind heute keine Nationaljuden. Oberrabbiner Hirschler ergänzte, daß Loyalität dem Judentum religiöses Gebot und unerläßliches Bedürfnis ist, wie es die Geschichte der Juden aller Länder beweist. Das Judentum hat überall treu und redlich an dem Aufbau des Staates mitgearbeitet. Der Minister entgegnete, welche Richtung die Oberhand gewinnen wird, ist eine Frage der Zukunft. Er wollte nur so viel gesagt haben, daß nachdem im Friedensvertrage auch von der Gewährleistung der Rechte der Juden die Rede ist, kann die jüdischnationale Orientierung niemandem verweigert werden. Er hat aber absolut nicht die Absicht gehabt, eine Richtung der anderen vorzuziehen und gibt ohne weiteres zu, daß Minoritätsrechte kein Plus gegenüber der Rechte der übrigen Staatsbürger bedeuten. Ihm sei Hauptsache, daß beide Richtungen volle Loyalität dem Staate bekunden. Hierauf verabschiedete sich der Minister freundschaftlich von jedem Mitgliede der Deputation. Sorget, daß die „Jüdische Presse" In iedes orthodoxe Haus Einsang findet Sine heilige Pflicht, eine doppelte Pflicht. Von Rabbiner Dr. Felix Kanter in Zwittau (Mähren). Der deutsche Abgeordnete der tschechoslowakischen Nationalversammlung Kostka leitete Vor kurzem in der deutschen Presse der tschechoslowakischen Republik eine Sammlung für die notleidenden Kinder in den notleidenden Gegenden des Deutschen Reiches ein. Abgeordneter Kostka verweist in seinem Aufrufe darauf, daß in diesem Jahre viele Deutsche der tschechoslowakischen Republik ihre Ferien in Deutschland verbrachten und infolge des sinkenden Markkurses äehr billig gelebt oder Einkäufe zu sinkenden Preisen gemacht haben. Es sei, meint er, somit ein Gebot der Anständigkeit, für die in Deutschland genossene Gastfreundschaft in Form einer Spende zur teilweisen Linderung der Not der deutschen Jugend sich zu revanchieren. Es gibt aber in der tschechoslowakischen Republik viele Juden, die dem deutschen Judentum noch mehr verdanken: ihre geistige Ausbildung, ja ihre ganze Existenz und die schon deshalb moralisch verpflichtet sind, ihren Brüdern in Deutschland in dieser Zeit der furchtbaren Not und Teuerung ihre — man darf es ruhig sagen — Dankesschuld abzustatten. Das deutsche Judentum war zu allen Zeiten bemüht, allen zu helfen, und so ist es Pflicht und Schuldigkeit aller, die das Glück haben, in einem Lande günstigerer valutarischer Verhältnisse zu leben, dem deutschen Judentum in dieser kritischen Zeit zu helfen und es nicht untätig seiner Not zu überlassen. Das deutsche Judentum, an Geben und Helfen gewöhnt, kann sich trotz seiner geradezu verzweifelten Lage nicht entschließen, seine Notlage in die Welt hinauszuschreien und das Judentum des Auslandes zu alarmieren. Wie alle Bewohner des Deutschen Reiches die Leiden und Qualen des furchtbaren Krieges, so ertragen und ertrugen unsere deutschen Glaubensbrüder alle Leiden und Sorgen der Nachkriegszeit mit einem Stolz und Heroismus, wie er beispiellos dasteht. Das deutsche Judentum klagt nicht und bettelt nicht, trotzdem sickern zuweilen in der jüdischen Presse kurze Bemerkungen durch, die mehr als ganze Leitartikel besagen. So ist es kein Geheimnis mehr, daß viele jüdische Beamte, namentlich in kleinen jüdischen Gemeinden, buchstäblich Not und Hunger leiden; viele jüdische Institutionen sind in ihrem Fortbestand gefährdet; Kranken-, Siechen- und Waisenhäuser führen infolge der täglich überhandnehmenden Teuerung einen Verzweiflungskampf um ihre Existenz; große, ehemals notorisch reiche Gemeinden bitten um Ueberlassung von Gebetbüchern, Chumoschim mit Raschi- Kommentar, T'nach und Gemoraus, die sie nicht für ihre Gemeindekinder, sondern für arme, von auswärts zugereiste ausländische Kinder, für ihre Talmud-Tauros brauchen. Denn darin besteht eben die wahre Größe des deutschen Judentums, daß es trotz der herrschenden Not seine Ideale zu retten und sich zu erhalten sücht, daß es nicht für sich allein und seine materiellen Bedürfnisse, sondern auch noch für aridere sorgt. Sollen wir unsere deutschen Brüder, weil sie nicht klagen und uns mit Bettelbriefen nicht überhäufen, einfach ihrem Schicksal überlassen und uns um sie nicht weiter kümmern? Dürfen wir ruhig zusehen, wie die Besten und Frömmsten unter unseren Glaubensbrüdern im Deutschen Reiche sich in der Sorge verzehren, die heiligsten Institutionen des Judentums zu erhalten und denen zu helfen, die der Hilfe so dringend bedürfen? In der Tschechoslowakei leben, wie eingangs erwähnt, viele, die dem deutschen Judentum viel, sehr viel verdanken, darunter manche, die dank der Hilfe unserer deutschen Glaubensbrüder heute in geachteten und gesicherten Lebensstellungen sich befinden. Ihre Pflicht ist es in erster Reihe, ihr Scherflein beizutragen, um die Not und das Elend der größeren und kleineren Gemeinden zu lindern und zu mildern. Infolge des günstigen Standes der tschechoslowakischen Valuta wäre jede, noch so scheinbar kleine Spende geeignet, in Deutschland viel gutes zu stiften und den führenden Männern viele Sorgen abzunehmen. Ebenso wäre es Pflicht, aller im Auslande lebender Glaubensgenossen, die ihre Ausbildung mit Hilfe unserer Glaubensbrüder in Deutschland genossen oder von ihnen Förderung in ihren Studien oder in ihrer geschäftlichen Betätigung erfahren haben, nicht nur selbst ein kleines Geldopfer zu bringen, sondern auch andere zum spenden zu veranlassen. Auf diese Weise könnte viel Segen gestiftet, viel Not und Elend gelindert und gemildert werden. Unsern deutschen Glaubensbrüdern in ihrer furchtbaren Notlage zu helfen, ist nicht nur eine religiöse Pflicht, sondern auch eine Pflicht der Dankbarkeit und des Anstandes. Die Agudas Jisroel in Wien wäre die berufenste Instanz, diese Aktion ins Leben zu rufen und zu fördern, Spenden entgegenzunehmen und sie nach Deutschland zu befördern. Des Dankes aller, die gerne geben und helfen, kann die Agudas Jisroel im voraus sicher sein. Als bescheidenen Anfang überweise ich mit gleicher Post den Betrag von 1000 Mark in der Hoffnung, daß meine Anregung in allen Kreisen der Tschechoslowakei Anklang und Verständnis finden werde. Der Zentralrat der Agudas Jisroel in Wien unterstützt den Appell des geehrten Verfassers aufs wärmste und ist gerne bereit, Gaben für diesen notdringlichen Zweck entgegenzunehmen und ihren Bestimmungen entgegenzuführen. (Die Red.) Eine neue Schul in Preßburg. Die orthodoxe israelitische Kultusgemeinde in Bratislava schrieb eine Konkurrenz zum Bau einer Synagoge, Bes- Hamidrasch und Schachtplatzes aus, an welcher die Ingenieure Brüll & Lebovitsch, Quastler, Salatnai, Skutezky und Weinwurm teilnahmen, von denen Ing. Salatnais unter „Menorah" eingelaufener Plan den ersten, Quaetler unter „Hebron" den zweiten und Ing. Brüll & Lebovitsch unter „Sonnenstrahl" den dritten Preis erhielten. Die Jury bestand aus den Herren Architekten Dr. Gyurkovitsch im Ministerium für öffentliche Arbeiten, Baurat Dabis, Chef des städtischen Bauwesens, Architekt Skutezky; seitens der Kultusgemeinde die Herren Repräsentanten Pappenheim, Ungar und die Vorsteher Rosenbaum und Fürst. Der Plan des neuen Tempelbaues wird allseitig mit größter Freude begrüßt, da es damit ein heute schon unumgängliches Uebel, die Synagogennot die sich besonders in der Stadt fühlbar macht, wo man in kleinen Bethäusern sich zusammenpferchen muß, behoben sein wird. Die Schul soll in der Preis-Kristofgasse mit einem Ausgang in der Schöndorfergasse gebaut werden. Dieses Werk, das dem richtigen Verständnis und der agilen Mitarbeit des Vorstandes zuzuschreiben ist, soll im nächsten Monat begonnen werden. KoSice. Unser Berichterstatter aus Kosice meldet uns, daß der Erlauer Oberrabbiner Herr Simon Schreiber vor wenigen Wochen in Kosice weilte. Während seines kurzen Aufenthaltes nahm er Gelegenheit den hiesigen Oberrabbiner, wie auch den seit längerer Zeit hierwohnenden berühmten Radomischler Rav zu besuchen. — Er besichtigte auch die unter seiner Aufsicht stehende Franksche Zichorienfabrik, wo er alles sehr befriedigend fand. Bei seiner Abfahrt geleiteten ihn zahlreiche Gemeindemitglieder zur Bahnstation und verabschiedeten sich von ihm in der herzlichsten Weise. Aus der Prager jüdischen Gemeinde. Zu Beginn der letzten Sitzung der Kultusgemeinde-Repräsentanz vom 19. v. M. stellte Dr. Lasch namens der Demokratischen Partei an den Präsidenten Dr. Stein eine Anfrage über seine Behandlung der Sprachenfrage. Präsident Dr. Stein antwortete darauf in deutscher Sprache: Er halte sich, wie er bereits in seiner Antrittsrede ausgeführt habe, an das Suum cuique. Nach dem Gesetz sei für die Anerkennung der Berechtigung einer bestimmten Sprache in einem bestimmten Gebiete der Grundsatz maßgebend, daß die betreffende Minorität mindestens 20 Prozent der Bevölkerung ausmache. Innerhalb der Gesamtbevölkerung Prags sei dies nun für die Deutschen gewiß nicht der Fall. Anders liegen die Verhältnisse soweit nur die Kultusgemeinde in Betracht kommt. Hier müsse auf das Verhältnis der deutschen Juden zur Gesamtzahl der Juden Rücksicht genommen werden. Nach der letzten Volkszählung ist dieses Verhältnis 25 Prozent. Damit wäre also das gesetzliche Erfordernis für die Anerkennung der deutschen Sprache gegeben. Aus diesem Grunde stehe es jedem Mitgliede der Repräsentanz frei, sich seiner Sprache, also auch der deutschen zu bedienen; die Ausführungen werden auch in derselben Sprache protokolliert. Eine jüdische Konferenz in Mährisch-Ostrau. Wie die „Preßburger Zeitung" zu berichten weiß, fand dieser Tage in Mährisch-Ostrau eine Konferenz der tschechoslowakischen Juden statt, die sich eingehend mit der „Issur-Frage" befaßte und gegen das diesbezügliche Vorgehen der slowakischen Rabbiner aufs energischeste protestierte. Der Bratislavaer Delegierte dieser jüdischen (sie!) Konferenz, Herr Dr. Leo Lipos, referierte in dieser Frage eingehend in einer Versammlung, wobei er es als Illustration hervorhob, daß die diesbezügliche Resolution gar nicht zur Abstimmung gebracht werden müßte, da all' die Anwesenden dem Proteste beistimmten. Daß zum Präsidenten Herr Dr. Singer gewählt wurde, ist nicht wunderlich. Vielmehr ist die Tatsache zu registrieren, daß anschließend an dieses Thema eine Frage zur Abstimmung gebracht wurde, die in den Annalen dieser (wir wollen es wagen, den Deckmantel zu enthüllen) Zionisten- Konferenzen als einzig dasteht. Die Presover Misrachi- Ortsgruppe ersucht um moralische (!) und finanzielle Unterstützung zur Errichtung einer Misrachi-Jeschiwa, welches Projekt von der Ortsgruppe schon ernstlich in Angriff genommen wurde. Der Referent hebt es als besonders erfreuliches Symptom hervor, daß vom größten Posche-Jisroel bis zum frömmsten Juden (!) diesem Unternehmen das größte Verständnis entgegengebracht wurde und (selbstredend nach erfolgter Abstimmung) die Unterstützung desselben zugesichert wurde. Fraglich ist es jedoch noch, wie artig diese moralische Unterstützung einsetzen soll. Denn ein solches Unternehmen ist eine Novität und wenn es recht deutsch ausgesprochen werden soll, heißt dies: eine Antirabbinische Rabbinatsschule (Tendenz Misrachi) unter dem Patronage des Nationalrates (oder der zionistischen Exekutive). Im Zusammenbange dieser beiden Punkte ließe sich behaupten, daß die zionistische, beziehungsweise misrachistische Organisation der Slowakei auf Grund der trüben Erfahrungen mit den jetzigen Rabbinismus (die ihnen ins Handwerk pfuschten) eine in ihrem Geiste (!) erzogene Rabbinerzucht erstreben (Zelach urchaw). Präses Oberrabbiner Weber in Wien. Oberrabbiner Weber, Präses der Landeskanzlei der orthodoxen israelitischen Kultusgemeinden der Slowakei, weilte dieser Tage in Wien und hat Gelegenheit genommen mit dem G. A. der Agudas Jisroel in Fühlung zu treten. Die wichtigen Beratungen umfaßten alle aktuellen Probleme der Orthodoxie sowohl in Erez Jisroel wie in der Diaspora. In keinem Hause fehle die pi*ta»Büchse!

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