Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 8 (1922)
- Issue
- 33-34 (22.9.1922)
- Date
- 1922-09-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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•>% Seite 206 Schülern an staatlich nicht anerkannten Feiertagen in keinem Fall mehr Unterrichtsbefreiung zum Zweck der Teilnahme an religiösen Feiertags- Handlungen erteilt werden darf. In der Verordnung heißt es u. a.: Auch die den Israeliten durch Verordnung 7. März 1878, 29. November 1894, 2. April 1913 bisher zugestandenen Begünstigungen erledigen sich hiemit. In Dresden ist bereits bei allen jüdischen Eltern die schriftliche Mitteilung eingegangen, daß ihre Kinder an den Feiertagen erscheinen müssen und sich am Schreiben und den Handarbeiten zu beteiligen haben. Neben den Juden sind vor allem auch die Katholiken betroffen worden, aber auch religiöse protestantische Kreise sind in Mitleidenschaft gezogen. Zur Frage des Schulzwanges an den hohen jüdischen Feiertagen. (J. C. B.) Ein großer Teil der sächsischen liberalen Presse sowie der übrigen deutschen Pressen nimmt Stellung zu der mitgeteilten Verordnung des sächsischen Kultusministeriums vom 1. September 1922, wonach an staatlich nicht anerkannten Feiertagen Lehrer wie Schüler in keinem Falle Unterrichtsbefreiung zur Teilnahme an den G-ttesdiensten erhalten dürfen. Neben Katholiken und Protestanten wird bekanntlich ganz besonders die jüdische Bevölkerung durch diese Maßnahme getroffen, da jüdische Lehrer wie Schüler an den kommenden hohen Feiertagen zur Arbeit in den Schulen gezwungen werden. Die liberale Presse ist der Meinung, daß die Verordnung im Widerspruch der Art 135 der Reichsverfassung steht, der die ungestörte Religionsübung gewährleistet und unter staatlichen Schutz stellt. Der volksparteiliche sächsische Landtagsabgeordnete Voigt hat an die sächsische Regierung die Anfrage gerichtet, ob sie zur Aufhebung der Verordnung bereit ist. Polen. Der Minderheitsblock in Polen. Wie bereits gemeldet, finden die auf den 5. November festgesetzten Wahlen zum p o 1 n i s c* h u n 8ey in unter dem Zeichen eines Wahlgesetzes statt, das durch eine raffinierte Wahltechnik die Minderheitsparteien, insbesondere die Nationalitäten, wie Weißrussen, Ruthenen, Deutsche, vor allem aber die Juden in die Unmöglichkeit versetzt, eine ihrer Stimmenzahl auch nur halbwegs entsprechenden Vertretung im neuen Seym zu erlangen. Gegen diese Gefahr des völligen Mundtotwerdens gibt es im Rahmen des Wahlgesetzes nur ein Abwehrmittel: Der Zusammenschluß mehrerer Parteien zu einem Block, der gemeinsame Listen aufstellt und die einzelnen Mandate nach Schätzung und Uebereinkommen unter sich verteilt. Diese Erwägungen führten zwangsläufig -zu der Idee eines einheitlichen j ü d i s c h e n M i n d e rheitsblocke s, auf den einzugehen, angesichts der drohenden Gefahren die Orthodoxie in Polen, die in der Landesorganisation der Agudas Jisroel stramm organisiert ist, sich sofort geneigt zeigte. Inzwischen ist man aber in Polen noch einen Schritt weiter gegangen. Man hat nicht nur die jüdischen Parteien, sondern alle M i nd e r h e i t s n a t i o n e n, also Weißrussen, Rutlienen, Deutsche und Juden zu einem einheitlichen Block zu vereinigen sich bemüht. Ob die Verhandlungen über diesen Block bereits zu einem e n d g ü 11 i g e n Ergebnis geführt haben, ist nach den vorliegenden Nachrichten nicht ganz klar. Es ist davon die Rede, daß zwischen den Zionisten und der Orthodoxie einerseits, von denen jede Gruppe G Mandate bekommen sollte und den übrigen jüdischen Parteien Zwistigkeiten ausgebrochen seien, während sowohl die A s s i m i 1 a n t e n als auch die Poale Zion und Zeire Zion ebenso wie der Bund selbst ä ndig vorgehen wollen. Unter diesen Umständen scheint es uns doch geboten, auf die Bedenken hinzuweisen, die das geplante Wahlbündnis für die jüdischen Interessen in sich birgt. Gewiß ist es in Polen an und für sich nichts Auffallendes, wenn die jüdischen Parteien insgesamt sich als nationale Minderheitsgruppen fühlen und die entsprechenden politischen Konsequenzen aus dieser Tatsache insoweit ziehen, als es sich um den Schutz ihrer politischen Interessen handelt. Trotzdem müßte gerade die Orthodoxie es sich dreimal überlegen, bevor sie der von zionistischer Seite ausgegebenen Parole folgt und sich in einen durchaus nicht vorwiegend kulturell und religiös charakterisierten, als vielmehr rein staatspolitisch orientierten Block der nationalen Minderheiten einmauern läßt. Die Orthodoxie in Polen hat es von jeher vermieden, sich zum Programm der nationalen Autonomie zu bekennen, sondern es vielmehr verstanden, ihren Bestand als keineswegs rein konfessionelle Gruppe, doch im Rahmen der konfessionellen Charakterisierung zu schützen. Sie hat diesen Standpunkt vertreten, nicht nur weil die nationale Autonomie — wie am besten das Beispiel Litauens zeigt — sehr leicht zur völligen Entkonfessionalisierung des Judentums führt, sondern weil sie auch die politische und wirtschaftliche Existenz der Juden unter dem JÜDISCHE PRESSE Schutz der konfessionellen Charakterisierung besser geborgen glaubte als in der Arena des nationalen Wettkampfes. Wird die wohl erwogene Eigenart dieser Politik nicht um vorübergehender Vorteile willen preisgegeben, wenn die Judenheit sich nun einschließlich der Orthodoxie in ein Wahlbündnis mit ganz ungleichartigen, rein national orientierten Minderheiten hineintreiben läßt V Wird infolgedessen nicht unnötigerweise der ganze Ingrimm der nationalen Chauvinisten in Polen auf die jüdische Masse hingelenkt, die doch schon genug unter den Folgen jüdischer Wahlpolitik gelitten hat? Wir sind sicher, daß unsere Freunde in Polen die hier mehr angedeuteten als ausgeführten Gesichtspunkte selber reiflich erwogen haben. Aber der Außenstehende ist oft gerade wegen der größeren Entfernung eher in der Lage, die Ruhe zu wahren und populären Strömungen Widerstand zu leisten, die in der Politik oft zu gefährlichen Augenblicksentschlüssen führen. Die (> Mandate der Orthodoxie in einem künftigen Seym wären, so möchten wir glauben, jedenfalls eine dauernde Verschlechterung der Beziehungen zwischen der orthodoxen Masse und den maßgebenden politischen Kreisen Polens nicht wert. Mindestens müßte mit noch größerer Entschiedenheit als bisher betont werden, daß es sich bei dem Block um ein reines Wahlbündnis ohne jede weitere Bindung handelt. (Israelit.) Der jüdische Wahlblock in Polen. (J. C. 15.) Der dem Hlock der nationalen Minoritäten angehörende jüdische Wahlblock hat momentan eine gewisse Krise zu überstehen, da sich die jüdischen Volkisten wegen Nichtannahme ihrer überspannten Forderungen mich einer größeren Kandidatenanzahl aus ihrer Mitte, vom jüdischen Üürgerblock zurückziehen wollen. Die Volkisten treffen bereits Vorbereitungen für eine separate Wahlorganisation, doch scheinen sie im letzten Momente mit der gegen sie gerichteten Stimmung der jüdischen (»Öffentlichkeit, soweit rechnen zu wollen, daß sie einen Parteirat rasch einberiefen, um doch noch ein Einvernehmen mit dem jüdischen Bürgerblock zu ermöglichen. Der Zentralverband der kleinen jüdischen Kaufleute beschloß seinen Anschluß an den jüdischen Bürgerblock. Wahlblock der Minderheits-Arbeiterparteien in Polen. (J. G. B.) Die rechten Poale-Zion haben mit der Zeire Zion einen Wahlblock geschlossen mit dem Programm des Schutzes der bürgerlichen Freiheiten. Es wurde ein gemeinsames Wahlkomitee eingesetzt, welches unter anderem die Aufgabe hat, mit den sozialistischen Gruppen der anderen nationalen Minderheiten ein Wahlbündnis, einzugehen. Die linken Poale-Zion und der „Bund" wollen bei den Wahlen ganz selbständig vorgehen und lehnten den Vorschlag der Kommunisten, mit ihnen ein Wahlbündnis einzugehen, ab. Die jüdische Assimilantengruppe tritt gegen den zustandegekommenen allgemeinen Minderheitsblock auf und hat ihr eigenes Wahlkomitee geschaffen, ihre Chancen werden aber als gering beurteilt. Die Chederfrage in Polen. (J. G. B.) Im Zusammenhang mit der bevorstehenden Einführung der allgemeinen Schulpflicht in Polen, überreichte die Agudah eine Petition an die polnischen Unterrichtsbehörden, den Gheder als Elementarschule anzuerkennen, dessen Besucher unter die Bestimmungen der Schulpflicht fallen sollen. Auf Erkundigung des J. G. B.- Vertreters bei der Regierung, hatte diese eine aus zwei Regierungsvertretern und zwei Aguda-Mitgliedern bestehende Kommission bestimmt, die ein einvernehmliches Girriculum für die Ghadarim ausarbeiten soll, das den Erfordernissen der Bildungsbehörden zu entsprechen hätte. Die Regierung ist bereit, hernach den Gheder offiziell anzuerkennen Die Anerkennung des Cheders in Polen. (J.G.B.) Der polnische Unterrichtsminister gibt offiziell bekannt, daß alle jüdischen Schulen und Ghedarim, die beim Kreisschulinspektorat registriert sind, von nun ab als ordentliche öffentliche Schulen anerkannt sind. Die diese Schulen und Ghedarim besuchenden Kinder werden zum Besuche der staatlichen Schulen nicht verhalten werden. In diese Kategorie der staatlich anerkannten jüdischen Schulen fallen die yiddischistischen und die modernen hebräischen Tarbuth-Schulen sowie eine Anzahl von Talmud- Thoras und Jeschiboth. Nebst den jüdischen Lehrfächern muß der Lehrplan dieser Schulen auch den Unterricht der polnischen Sprache, Geschichte, Geographie und anderen übrigen Schulgegenstände umfassen. Mr. Morris Engelmunn in Polen. (J. C. B.) In Warschau ist soeben Mr. Morris Engelmann, einer der Gründer des Central-lielief in New York und des Joint Distributions- Committees eingetroffen. In einer Unterredung mit dem Warschauer J. 0. 13.-Vertreter sagte Herr Engelmann, daß er nach Polen im Auftrag des Central-lielief gekommen sei, um die Ii eidausgaben für die Organisation „Ezrath Thora" zu prüfen. Der Centrai-Relief hatte der Organisation eine Summe von über 45.000 Dollar gesandt, für welche bisher keine genaue Abrechnung gegeben wurde. Ferner sei er beauftragt, die Vereinigung der „Aguda" und der „Misrachi'' zu gemeinsamer Arbeit in der Talmud Thora in Polen zu fördern. In keinem Hause fehle die Don bin tks Büchse! Nr. 33 34 Der jüdische Wahlblock in Polen in Gefahr. (J.G.B.) Auf einer Konferenz sämtlicher an dem Minderheitswahlblock beteiligten jüdischen Parteien kam es zwischen den Vertretern der einzelnen Parteien zu schwerwiegenden Differenzen in der Frage der Mandatsverteilung. Die „Folkisten" (Jüdische Volkspartei und Anhang) beantragten, daß die auf den Anteil der Juden entfallenden ungefähr zwanzig Mandate zwischen den drei jüdischen Hauptparteien auf drei gleiche Teile geteilt werden. Die Zionisten hingegen hatten sich bereits mit den Orthodoxen dahin geeinigt, daß die Zionisten sechs Sejmsitze und vier Sitze im Senat, die Misrachi drei Sitze im Sejm und einen Sitz finden unparteiischen Dr. Weinzieher und die Orthodoxen sechs Sitze erhalten sollten. Für die „Folkisten" wurden nur zwei Sitze in Polen und einer in Wilna reserviert. Das zwanzigste Sejm-Mandat wurde finden Poale-Zionisten Dr. Schipper bestimmt. Die „Folkisten" drohten für den Fall des Weiterbestehens der zionistisch-orthodoxen Abmachung mit dem Auseinanderreißen des Blockes und verließen unter Protest die Konferenz. Der polnische Staatschef in Kattowitz. (J. C. B.) Die polnische demokratische Presse bringt ausführliche Nachrichten über den Empfang, der dem Staatschef Pilsuclzki in Kattowitz zuteil wurde. Besonders in der Arbeiterschaft soll der Enthusiasmus über den Besuch Pilsudzkis groß gewesen sein. Obwohl die Anwesenheit des Staatschefs mit den antijüdischen Ausschreitungen nicht direkt in Zusammenhang gebracht wird, so hat doch sein Erscheinen in Kattowitz insofern beruhigend gewirkt, als es* die demokratische Arbeiterschaft auf den Plan rief und das dunkle Element verdrängt hat. Ukraine. Ein Hilferuf aus dem Poltawa-Gebiet. (J. C. L>.) Die Föderation ukrainischer Juden hat folgende telegraphische Mitteilung von der jüdischen Gemeinde in Kremantschuk (Poltawa-Oouvernement) erhalten: Hungertyphus und Cholera wüten unter uns und töten täglich Hunderte von Menschen. Zehntausende Witwen und Waisen irren gleich Schatten durch die Straßen. Helfen Sie das J.t hen der großen Massen des jüdischen Volkes retten. Senden Sie uns Lebensmittel. Prozeß gegen Angehörige der Zeire-Zion-Partei in Kiew. (J. C. B.) In diesen Tagen begann vor dem Kiewer Revolutionstribunal ein Prozeß gegen 37 Angehörige der Zeire-Zion-Partei, die vor einiger Zeit während einer Versammlungen der „Moriah"-Schule verhaftet wurden. Die Anklageschrift wirft den Inhaftierten konterrevolutionäre Tätigkeit vor, sowie Beziehungen zu den Regierungen Englands und Frankreichs. Dem Ausgang des Prozesses wird in Kiew mit großer Spannung entgegengesehen. Verurteilung der Zeire Zion in Kiew. (J. C. B.) Der Prozeß gegen die Angehörigen der Zeire-Zion-Partei in Kiew, hatj wie die hiesigen Blätter melden, mit der Verurteilung der Angeklagten zu je zweijähriger Zwangsarbeit geendet. Wie die kommunistische „Fahne" mitteilt, wurde der Verlauf des Prozesses in Kiew mit ungeheurer Spannung verfolgt. Vor den Türen zum Revolutionstribunal waren ständig hunderte Menschen angesammelt. Wie das kommunistische Blatt weiter berichtet, wurde das Verhör mit den Angeklagten auf einer sehr ausgedehnten Basis geführt. Die Angeklagten wurden über Dinge verhört, die fernab von dem Gegenstand der Anklage lagen, so zum Beispiel über die ehemaligen jüdischen Religionen auf Gallipoli, über darf Palästinamandat, über die Angelegenheit Jabotynski- Petlura usw. Die Angeklagten hielten sich die ganze Zeit sehr mutig* und wußten ihre Würde zu waren. Dies wird von der kommunistischen Presse ausdrücklich hervorgehoben. Estland. Wahlblock jüdischer Parteien in Lettland. (J. G. B.) Auf der in Riga stattgefundenen Konferenz sämtlicher jüdischer Parteien in Lettland ist nach längeren Debatten bloß ein Wahlbündnis zwischen den drei Parteien: „Nationaldemokraten", „Zionisten" und „Misrachi" zustande gekommen. „Agudas Jisroel", „Zeire Zion", »Volkspartei" und „Bund" nahmen am Bündnis nicht teil und werden wahrscheinlich bei den Wahlen selbständig auftreten. Die Kandidatenliste des jüdischen Blocks weist folgende Namen auf: 1. L. Fischmann, 2. Trau, 3. Rabbiner Nurok, 4. Landau, 5. Dr. Nurok, 6. Dr. Joffe. Litauen. Der Walilkampf ist im vollen Gange. (JPZ) Alle Parteien mobilisieren ihre Kräfte. Im ganzen sind 19 Kanditatenlisten überreicht worden, unter diesen 3 jüdische: 1. die Liste „für die nationale Autonomie", welche von den zion. Gruppierungen aufgestellt worden ist, 2. die Liste der „Achduth" (eine Vereinigung der orthodoxen Organisationen „Agudas Jisroel" und „Zeire Jisroel"), 3. der „Volksliste", aufgestellt von der Volkspartei und den Hand werkern. Die Parlamentswahlen in Litauen. (J. G. B.) Wie bereits feststeht, werden die Wahlen in den litauischen Sejm am 10. und 11. Oktober stattfinden. Die jüdischen Parteien machen zu diesen Wahlen sehr große Vorbereitungen. Zwischen den jüdischen Parteien wurden Verhandlungen eingeleitet, um eine einheitliche jüdisch-nationale Kandidatenliste aufzustellen. Es scheint jedoch, daß die rechten und und extrem linken Gruppen separat zur Wahlurne schreiten wollen. Die Zionisten gaben eine Er-