Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 8 (1922)
- Issue
- 33-34 (22.9.1922)
- Date
- 1922-09-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2629891-2629953-2629985--0702-2632373- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 202 JÜDISCHE PRESSE Nr. 33/34 und nach derselben leben zu können, die alles Menschliche turmhoch überragt, erhält dieses Yolk. Daß unsere Ethik, durch den furchtbaren Weltkrieg, der die nichtjüdische und unjüdische Welt einein Grade der Verrohung, der krassesten Gewinn- und Genußsucht preisgegeben hat, die die Firniß-Kultur des 19. Jahrhunderts als unmöglich erschienen ließ, hat im Kreise der gläubigen Judenschaft G. s. D. eine bedeutende Steigerung der religiösen Gefühle verursacht. Diese Steigerung äußert sich nun in einem ungewöhnlichen Anwachsen des Studiums unseres heiligen Schrifttums, dieser Urquelle der reinsten Ethik und der werktätigsten Bruderliebe, sie äußert sich in einer grenzenlosen Opferwilligkeit für alles was G-ttes und Bruderdienst an Arbeits- und Geldopfern erheischt. Doch wo die großartigen Leistungen der Orthodoxie durch Organisation in die Erscheinung treten, sind sie ein wirklicher Kiddusch-Haschem, auch unsere Gegner müssen anerkennen „Kischem Haschern nikroh Olecho". Der Name G-ttes wird über dir genannt werden. Mögen unsere Gesinnungsgenossen auf diesem Wege fortfahren und durch Dir Beispiel auch Fernerstehende dem echten und rechten Judentum gewinnen. Das letzte Halbjahr hat der Orthodoxie Gelegenheit gegeben, sich in ihrer ganzen Größe zu zeigen. Die Möglichkeit, den erhu ngernden Brüdern in Rußland einige Erleichterung zu gewähren, hat in den valutaärmsten Ländern einen Geldstrom entsendet, der alles auf diesem Gebiete je Geleistete weit hinter sich läßt. Diese Aktion, die unter den jetzigen wirtschaftlichen Verhältnissen eine Großtat ist, möge allen Spendern und all unseren Freunden eine Schonoh Tauwoh bescheeren, daß sie Kraft finden, G-tt und Menschen auch weiterhin ohne Grenzen zu dienen. Bin Wort zur Zeit. Bevor man sich in dem jüdischen Herzen rüstet, sich empfänglich zu machen für die Mahnung und Verheißung, die aus den Tönen des Schofar zu uns sprechen, verlangt es die heilige Sitte im Beten von Psalm-Worten und eigens dazu verfaßte Bitten alle die fremden und feindlichen — Gedanken- Mächte von uns zu stoßen, die gewillt und geeignet sind, sich zwischen uns und dem Herrn der Welt zu stellen. Aber auch abgesehen von der Stunde des Schofars ist es das ganze Jahr hindurch das schwerste Problem, die Gefahr der zerstörenden Gedanken rechtzeitig zu erkennen. Wählen wir dafür ein Beispiel aus unseren Tagen. Je schwächer der Mensch ist, desto mehr betet er den Erfolg an und man klammert sich allgemein gerne an solche Menschen, deren Wollen scheinbar von Erfolg begleitet ist, weil man im Stillen hofft, sich dadurch einen Platz an der Sonne zu erobern. Auf diese Weise entsteht zumeist die sogenannte Massenbewegung. Wenn daher irgend eine Idee von vornherein von ihren Anhängern verlangt, daß sie von risches Vorgehen zum Vorwurf machte und wie aus dem geringfügigen Anlaß allmählich eine Judenhetze entwickelte, die alle auf dem Marktplatz anwesenden Juden arg bedrohte. Der Sohn Rabbi Jisraels erfaßte mit seiner herkulischen Kraft ein Füllen bei den Beinen und verjagte mit diesem — den Simsonschen Eselsbacken an Wucht weit überragenden Waffe — um sich schlagend die gegen die Juden losstürmende Bauernschar vom Platz. Der jüngste Sohn Rabbi Jisraels war Rabbi Gabriel Hakohen, der nachmalige Rechnitzer Oberrabbiner, der schon als Kind durch seine außerordentlichen Geistesgaben die Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Mit 14 Jahren bereits hielt er öffentlich Vorträge über talmudische Themen, die durch Scharfsinn und Gelehrsamkeit Aufsehen unter den vielen namhaften Talmudgelehrten erregten, die zu jener Zeit in Wag-Neustadtl lebten. Er war ein Schüler des damaligen Hochgelehrten R. Mordechai Schachtin, des Oberrabbiners in Wag-Neustadtl; nach dessen Tod er die Jeschiba des Hirsch Broda, des Verfassers des „Theume Zewi", aufsuchte, an der der Sechzehnjährige jedoch nur ein Jahr lang verblieb. Die Sehnsucht der Eltern, die mit der größten Liebe an dem jüngsten Sohne hingen, rief ihn so rasch zurück. Er war aber trotz seiner Jugend bereits so tief in das Meer des Talmuds eingedrungen, daß er nunmehr ohne Lehrer seine Studien in seiner Heimatsstadt fortsetzte. Als er 18 Jahre alt geworden, hatte er den ganzen Talmudbabli gründlich mit allen Kommentaren durchgenommen und gleichzeitig mit der Feier dieses Abschlusses fand seine Hochzeitsfeier statt. Er heiratete die Tochter einer nah verwandten Familie (die später in den österreichischen Adelstand erhoben wurde) und widmete sich nun einer doppelten Tätigkeit. dem Glänze des äußeren Erfolges Abstand nehmen und ihre Gefolgschaft lediglich von der Treue zur Idee bemessen lassen, so ist die Aufgabe eine außerordentlich schwierige. Man wird zum Verräter an der Idee, wenn man ihre Wahrheit an den Erfolg anderer Gedankengänge zu messen versucht, man wird ebenso zum Verräter an der Idee, wenn man zugunsten der Massenbewegung Erfolg vortäuscht. In wie weit dies innerhalb der Geschichte des Zionismus sich zur Tatsache verdichtet hat, soll in diesem Zusammenhange nicht beleuchtet werden! Wohl aber liegt es uns schwer am Herzen, wie die ganze innere Einstellung eines großen Teils der Orthodoxie zu dieser sich vollzogen hat. Man könnte, wenn man trivial sprechen wollte, sagen, daß im Bewußtsein sehr vieler die leise Frage sich rege: Vielleicht doch! Damit aber hat man vergessen, was uns von der ersten Stunde an zum Gegensatz gegen den Zionismus gebracht hat. Man vergißt, daß es eigentlich nicht die Erez Jisroel Frage war, daß es eine direkte Entstellung ist, wenn man das Motiv des Gegensatzes in einer Fremdheit gegen Erez Jisroel sucht. Man vergißt, daß es ein Weltanschauungs-Gegensatz von tiefster religiöser Bedeutung war und ist. Leider können wir nicht gewiß sagen: „Sein wird", denn die Spuren mehren sich, daß man beginnt sich vor dem „Erfolg" zu neigen. Und es klingt fast grausam lächerlich, vor dem Erfolg zu einer Zeit, in welchem die unerträgliche Einwanderungsbeschränkung gegen den Juden fast den Blinden erkennen läßt, welch ein Verhängnis es war, daß man in der Empörung gegen den Golus-Gedanken politische Machtgelüste entwickelte und das Unglück der Menschheit, die Die Sammlung. Bisheriges Ergebnis: eine Milliarde und 750 Millionen Kronen. Traurig und erfreulich zugleich ragt 'die Hilfsaktion für die Opfer der Hungersnot in Rußland unter den Ereignissen des zur Neige gehenden Jahres hervor. Seit Menschengedenken wurde das Judentum noch niemals von einer so furchtbaren Katastrophe heimgesucht, wie diese Hungersnot. Und noch niemals hat ein Ungemach so viele Opfer an jüdischen Menschenleben gefordert, wie dieses. Noch konnte der Umfang der Not nicht zahlenmäßig genau festgestellt werden. Noch weniger können die Mittel angegeben werden, die erforderlich sein werden, um das Leben der Entronnenen einigermaßen erträglich zu gestalten und die Wunden zu heilen, die dieses Maasenunglück tf&f in den Volkskörper gerissen hat. Es hat vieler Orten Monate bedurft, um die Gemüter zu einer Hilfeleistung aufzurütteln und es wird vielleicht Jahre währen, bis alle Kreise des Judentums sich klarmachen, welch schwere Verantwortung auf die jüdische Gesamtheit lastet, wenn nicht unausgesetzt an einer Verringerung der Not gedacht und gearbeitet wird. Es ist ohne Zweifel das betrübendste Erlebnis des jüdischen Volkes nicht nur des Jahres, sondern der letzten Zunächst dem Talmudstudium, deren er in seinen Jugendjahren mit geradezu fabelhaftem Fleiße oblag. Er schlief nie mehr als vier Stunden und zwei Nächte in der Woche durchwachte er beim Studium bis zum Frühgottesdienst. Nebenbei aber war er die Stütze seines Vaters in dem großen weitverzweigten Geschäfte, das er in späterer Zeit selbständig weiterführte. Aber auch in diesen Jahren erkannte er seinen Hauptberuf im Lernen und Lehren, wofür wohl überzeugend die Tatsache spricht, daß er bereits in seinem zwanzigsten Lebensjahre an der Spitze einer eigenen Jeschiba stand, die zeitweilig von 200—300 Bachurim frequentiert wurde, die seinem Namen zu weitreichender Berühmtheit verhalfen. (Als unter Kaiser Josef die Juden in der Monarchie sich deutsche Namen beilegen mußten, wählte die Familie den Namen „Engelsmann"). Schon in Wag-Neustadtl, wo R. Gabriel nach der völligen Aufgabe der geschäftlichen Tätigkeit offiziell als Rosch-Beth-Din wirkte — als Rabbiner der Gemeinde fungierte der Gelehrte R. David Deutsch — (Verfasser des „Ohel David") war von ihm bekannt, daß er den Talmud fast wörtlich auswendig kenne. Dies war natürlich nicht dem außerordentlichen Fleiße des noch jugendlichen Gelehrten allein zuzuschreiben, sondern ebenso sehr seiner Gedächtniskraft, die phänomenal genannt werden muß. Auch jedes andere Werk, das er einmal durchgenommen, blieb in seinem Gedächtnis derart haften, daß er selbst die Seite, auf der diese oder jene beachtenswerte Bemerkung zu lesen war, auch nach Jahren aus dem Kopfe anzugeben wußte. Als er — schon als Rabbiner in Rechnitz — als Mitglied einer aus den großen Rabbinern Ungarns bestehenden orthodoxen Delegation, die beim Kaiser Franz Josef in Audienz erschien — in Wien weilte, sagten die Rabbiner, wenn sie auswendig, nicht ganz sicher nationalistische Entartung, zu einem Gegenstand der Diskussion und Ziele in jüdischen Dingen macht. Das Unglück begann, als man der Phrase zu liebe sich kühn unterfing, den lieben G-tt zu interpretieren, wenn das Wort gestattet ist, und ihm zu unterstellen, daß nach seinen Worten die Juden eine Nation sei, gleich allen anderen. Wenn das Menschen taten, deren Wege fernab von der Thora lagen, so haben wir mit ihnen nicht zu rechten, denn es ist ein Verbot, sich in Diskussion einzulassen mit einem Leugner des Allmächtigen und seines Wortes. Wenn dies aber in unseren Reihen geschieht, so regt sich da eine finstere Gedankenmacht, die alle großen Taten eines Exils von 2000 Jahren in den Staub zieht und das Wort des Allmächtigen in das Gebet und das rituale Leben verweiset, es aber verjagt von der Betätigung des Lebens in seinen großen Zügen. Und wenn heute in irgend einem Organ ein außenstehender Herr es wagen darf von einer Neuorientierung der Orthodoxie zu sprechen, so wäre es ein bitteres Leid, wenn dem nicht widersprochen würde. Klarheit ist jetzt dringend von Nöten, man soll nicht buhlen um den Jammererfolg, daß man aus der Gnade eines geldbedürftigen Zionismus irgend ein verstecktes Plätzchen in der Jewish Agency erhält. Man soll nicht spielen mit dem Gedanken, bei einem Weltkongreß zur spielenden Behandlung der allerwichtigsten Fragen die Weltanschauung der Thora aufs Spiel zu setzen. Das sind äußerlich lockende und innerlich morsche Gedankengänge, die in falschen Tönen die Erlösung vorgaukeln und uns taub machen würden gegen den Geulathon, der uns aus der Schofar entgegentritt. s. n. Jahrhunderte. Erfreulich allerdings ist anderseits die Feststellung, daß schließlich der Hilferuf der Agudas Jisroel doch an vielen Orten Gehör gefunden hat und viele jüdische Männer und Frauen, ja sogar Kinder es als ihre Pflicht ansahen, ihren Ueberfluß denen zur Verfügung zu stellen, die des Allernötigsten entbehren müssen. Es wird jedenfalls in den Annalen der Geschichte verzeichnet werden können, daß es im Jahre der großen russischen und ukrainischen Hurigersnot der jüdischen Brüder eine Menge gab, die ihre Pflicht erkannt hatten. Was Amerika, England und die anderen Länder mit vollwertiger Valuta für die Opfer der Hungersnot getan haben, gehört in ein eigenes Kapitel und wird sich dem würdig anschließen, *was besonders die Vereinigten Staaten auch sonst zur Heilung der Kriegsschäden beigetragen haben. Hier soll jedoch anerkennend hervorgehoben werden, mit welch hingebungsvoller Anteilnahme sich gerade die Juden der Länder dem Hilfswerk gewidmet haben, die selber noch mitten drin in der Kriegsnot stecken und ihr Sinnen und Trachten auf die Konsolidierung der; eigenen Verhältnisse richten müssen. Deutschland schreitet neben Polen an der Spitze des Hilfskorps. Die Schlußrechnungen liegen noch nicht vor, denn noch kann an einen | über den Wortlaut irgend einer talmudischen Stelle, dispudierten: „Warten wir, bis der Rechnitzer Raw unser „Sforimkasten" kommt. Es ereignete sich wiederholt, daß der berühmte Gedächtniskünstler, sogenannte „Schaßpolaken", die mit brillanten aber nur mehr äußerlichen Gedächtnisleistungen sich produzierten, korrigierte und Recht behielt. Die in Frage stehende Stelle befand sich auf der von ihm angegebenen Seite. In Wag- Neustadtl war es noch, als R. Gabriel Hakohen mit einigen hervorragenden Talmudisten die Gelegenheit, daß der Landrabbiner R. Mordche Benedikt auf der Durchreise einige Tage in einer benachbarten Stadt weilte, benützten, um ihn zu begrüßen und kennen zu lernen. Man erzählte sich damals wahre Wunder von der talmudischen Gelehrsamkeit R. Mordche Benets und scherzhaft bemerkte einer der zu seinem Besuche fahrenden Talmudisten: Man werde ja sehen, ob der Ruf nicht übertreibe, ob diese Gelehrsamkeit und Genialität wirklich so unerhört seien, denn in diesem Falle würden „wir anderen" kaum einen „Pilpul" zwischen ihm und R. Gabriel folgen können. Das was scherzhaft gesprochen war, ergab sich dann tatsächlich. In schweigendem Staunen, aber nicht mehr mit vollem Verständnis folgten die Anwesenden der Diskussion, die sich zwischen dem damals auf der Höhe des Lebens stehenden Landrabbiner und dem Rabbi Gabriel entwickelte, die aber damit endete, daß Letzterer, ein damals noch ganz junger und auch sonst ungemein kräftiger Mann infolge der geistigen Ueberanstrengung, die die talmudische Unterhaltung mit Rabbi Mordche Binet erfordert hatte, fast ohnmächtig auf das Sopha zurückfiel. Und da zog R. Mordche Binet seinen Ueberrock aus, deckte damit den eingeschlummerten R. Gabriel mit den Worten zu: „Auf diesen Juden muß man acht geben." (Fortsetzung folgt.) Für die Opfer der Hungerkatastrophe in Rußland.