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Jüdische Presse · 1922-09-22 · 33-34 (22.9.1922) · page 1

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Journal
Jüdische Presse
Volume
8 (1922)
Issue
33-34 (22.9.1922)
Date
1922-09-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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V. b. b. JUDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") >. ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDF t --Stet»- , e Redaktion und Administration: Wien, II., Malzgasse 12 a. — Telephon 49.054. Tschechoslowakei: Bratislava, Postfach 140. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluß: Für Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. Ahonnementspreise: Ganzjährig: Für ÖsterreichE 48.000, Ungarn K 350*—, Tschechoslowakei Kö. 70'—, Deutschland Mk. 160-—, Schweiz Frcs. 10* — , Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 70 Lei, Jugoslawien 70 Dinar, Polen Mk. 1500-—. Einzelnummer d,-ö. K 250 -, K6. 1-50. Zahlungen für Oesterreich: Postsparkassenamt W\«n Konto Nr. 13.458; für Polen.' Postsparkassenamt Warschau, Konto Nr. 190.409; für Ungarn! Postsparkassenamt Bndapost, Konto Nr. 50.170; für Tschechoslowakei: Postsparkassenamt Prag, Konto Nr. 53.386; für Jugoslawien: Postsparkassenamt Agram, Konto Nr. 40.217; für Rumänien: Banca Marmarosch Blanc * Co. für Josef Florena & Co., Bukarest. Nr. 33/34 | Wien~Bratislava, 22. September 1922 o-sin b)bx do rrcaDDjriD - rrvz | 8. Jahrg. 'XT w -"V Rosch-haschono. Welt — Geschichte Mensch. Heilige Tage des Innenlebens, die wir die erhabenen, die Tage des Gerichtes nennen. So klein ist keine Seele eines Juden, daß ihr nicht diese Tage etwas brächten, daß sie nicht selbst diesen Tagen etwas zu sagen hätte. Da scheiden sich zwei Wege; es suchen die einen den Weg aus der Welt zu sich selbst, andere wieder finden den Weg aus den Tiefen ihres Inneren in die Weiten der Welt. An beiden Wegen stehen drei Marksteine, redende, klingende, mahnende Marksteine. Sie werden uns gezeigt, im seltsamen Rätselwort aus alten Zeiten, das uns erzählt von drei Stimmen, welche die Welt erfüllen — und niemand hört sie: die Stimme des Sonnenballs, die Stimme der Menge, welche die Straßen Roms erfüllt, die Stimme der Seele, so sich vom Körper löset, — drei Stimmen, singend, brausend, weinend — und niemand hört sie. Niemand, das ganze Jahr hindurch, doch wenn an der Jahreswende aus Tränen und Reue der Sieg der Wahrheit geboren wird, dann hört mit geschärftem Ohr der jüdische Mensch diese drei Stimmen. rra^to Vom Druck des Erwerbs niedergebeugt, von der Gier des Genusses übertäubt, hören die armen Mi&s^rfeil^ Sonnenballs, hören nicht die herzbezwingenden Harmonien, die sich durch das Weltall ziehen. Aber am Tage, an dem die Wiederkehr des Schöpfungstages uns die Knie vor dem Königtum des Allmächtigen beugen heißt, vermählen wir uns seiner Welt und fühlen uns emporgetragen als ein Glied dieser Größe; und durch das Lied der Welt vernehmen wir ein helles Klingen eines milden Lächelns, mit dem der Richter der Ewigkeit diejenigen Menschen straft, die da selbst vermessen glauben, man dürfe durch den Mißton der durch die Unmenschlichkeit entarteter Sieger Hungernden die Stimme der Welt ersticken. nura So hat einst eine entartete Zeitfolge in öder Taubheit gegen die Melodien des Weltalls sich in Rom eine Stätte ihrer Kultur errichtet und in der Massensiedlung einer Großstadt, einer Weltstadt ihre Vollendung gesehen. Jahrtausende sind seitdem dahingegangen, — ein neues Ideal hat aber die Menschheit bei allem Fortschritt der Technik nicht gefunden. Noch immer ist ihr die Blüte der Kultur die große Stadt mit ihrem gleißenden Glanz nach außen, mit ihrem menschenverzehrenden Gewühle. Und dabei verhallt, ungehört die Stimme der Sehnsucht, welche in jedem Einzelnen dieser gequälten, ruhelosen Menge nach einem Augenblick des inneren Glückes ruft. Es gehet diese Stimme von einem Ende der Welt zum'anderen und keiner hört sie. Wenn aber am Tage des Gedenkens die Schlacke der Lüge von uns fällt und wir grübelnd dem Sinne des Geschehens nachforschen, dann hören wir diese Stimme. Heiß wallt es auf in unserem ä4^i^<^&Qi^MS^ nnairo Daß dieses Bundes Säule der einzelne Mensch ist, daß in einem ragenden Einzelmenschen alle Regung dieses Glückes ihre Wurzel hat, wird nur allzuoft und allzugerne vergessen. Und deshalb überhört man die klagende Stimme der Seele, die sich vom Körper löst. Das ist ein gewaltiges Zeugnis, daß die Seele klaget ob der Trennung von einem Wesen, das in sich die Fähigkeit zur wahren Größe hat, Welterbauendes zu leisten berufen, nicht immer zwar diese Fähigkeit nutzend, aber doch stets wieder das Antlitz gewandt zum Quell des Guten; darob weint die Seele und ihre Tränen sind der Siegel auf dem Wert des Lebens, welches in der Verbindung von Seele und Körper in jedem Augenblick neue Welten schaffen könnte. Niemand sieht diese Tränen, niemand höret diese Stimme das ganze Jahr hindurch, wenn wir aber bei den Tränen des Schofar Leben und Tod, Zeit und Raum überwinden, dann hören wir die Gegenstimme, die Stimme des Jubels, wenn dereinst Körper und Seele ihre Wiedervereinigung feiern. Und also werden jüdische Kinder am Rosch haschono des Höchsten teilhaftig. Als aufrechte Menschen lernen sie Geschichte bauen und fügen die Welt zur Stätte des Ewigen. P. K. Schlamme einer Kulturlüge Erstickenden, sjölz reift in uns die Erkenntnis, daß wir als Träger der wahren Kultur einen Widerhall auf jene Stimme der Sehnsucht haben, indem wir künden, daß einziger Sinn der Geschichte jener Bund ist, dessen der Allmächtige stets zu gedenken auf Moria verheißen hat. Jörn hasikoron. Von Wolf Pappenheim (Wien). Ein Jahr ist abgelaufen und Jisroel seufzt weiter im Exil. Abgrundtief sind seine Leiden. Verfolgt, geächtet, geplündert, geschlagen und erschlagen an zahlreichen Punkten des Erdballs. ___________, „ „.......................id.. Abextausenc..... lpifHlf I Iii Hl '»t&i'l^IlC* W'jTjPCSyrg*^ ^^^p^^^lM^l" [imaerttaüseiraö Wäisemdnaer aer unglucKlicher Opfer menschlicher Bestialität schreien zum Himmel und Jisroel ist unerlöst. Nur die felsenfeste Hoffnung, daß der Allgütige sich endlich doch seines Volkes erbarmen wird, die seelische Genugtuung G-tt dienen zu können, seine Gebote zu erfüllen, eine Ethik zu besitzen Ans dem Leben des letzten Gaons von Rechnitz. (Mit Benützung von Familienpapieren.) Die Einverleibung des Burgenlandes in den österreichischen Staat lenkt neuerlich das erhöhte Interesse auf die alten jüdischen Gemeinden, die auf diesem Gebiete seit Jahrhunderten bestehen und durch die vielen gefeierten rabbinischen Autoritäten, die an ihrer Spitze standen, einen ruhmvollen Namen in Israel erlangt haben. Wiederholt war schon Gelegenheit, in diesen Blättera von der großen geschichtlichen Bedeutung der Schewa-Kehilath zu sprechen, die ja bekanntlich auch in zahlreichen Monographien eingehende wissenschaftliche Würdigung gefunden. Heute möchten wir einen, wenn auch nur flüchtigen Blick auf die etwas stiefmütterlicher behandelte uralte jüdische Gemeinde Rechnitz werfen, die doch bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts zu den größten und angesehensten Gemeinden Ungarns gezählt hatte und insbesondere auch die Erinnerung an die letzte überragende talmudische Größe wachrufen, die den Rabbinersitz in Rechnitz innehatte. Das ist Rabbi Gabriel Hakohen, zumeist in Gelehrtenkreisen nach seinem zweibändigen Hauptwerke, der „Ejne Jisroel" genannt, welches Werk im Jahre 1822, also gerade vor hundert Jahren, erschienen ist und umfangreiche Novellen zu den Traktaten „Schewuoth", „Baba Bathra", „Chulin" enthält. Rabbi Gabriel Hakohen war geboren im Jahre 1771 in Waag-Neustadtl als Abkömmling einer der angesehensten durch Wissen, Reichtum und vornehme Abstammung ausgezeichnete Familie, die ihren Stammbaum bis zum Propheten Esra zurückführt. Sein Vater, Rabbi Jisroel Hakohen, war ein großer Kaufmann, der aber, was in jener Zeit keineswegs zu den auffallenden Ausnahmen gehörte, gleichzeitig als ein tüchtiger Talmudist galt. Die hohe Achtung, die er nicht nur in seiner Gemeinde, sondern weit über dieselbe hinaus genoß, kam auch darin zum Ausdruck, daß ihn seine Glaubensgenosseen zum Rosch-Medinah erwählten, eine damals auch von den Behörden respektierte hohe Würde, mit der, einer Familientradition zufolge, auch die Auszeichnung verbunden war, daß vor dem Hause des Rosch- Medinah eine Wache postiert war.. R. Jisrael, der ein hohes Alter erreichte — er wurde 96 Jahre alt — muß aber überhaupt eine ganz ungewöhnliche Erscheinung gewesen sein, wofür so manche Züge aus seiner Lebensgeschichte, die in den erwähnten Familienpapieren aufbewahrt werden, sprechen. Hier sei nur eines Vorfalles gedacht, der sicherlich weit über den Rahmen einer Familiengeschichte hinaus, auch in kulturhistorischer Beziehung höchst beachtenswert ist, so daß man nur darüber staunen kann, daß er bisher noch in keiner auf die Geschichte der Juden in Ungarn bezüglichen Arbeit erwähnt wurde. R. Jisrael war bereits ein alter Mann, als in Waag-Neustadtl sich ein bis dahin beispielloser Fall ereignete, der die gesamte Judensehaft des Komitates in Aufregung versetzte. Ein kaum den Kinderschuhen entwachsenes, einer frommen jüdischen Familie angehöriges Mädchen wollte, betört von den Verlockungen eines jungen Mannes, die Taufe annehmen und diese sollte an einem Sonntag in der großen Stadtkirche unter großem Pompe vollzogen werden. Die Kirche war, wie begreiflich, gedrängt voll von Frommen und Neugierigen, die dem seltenen Schauspiele beiwohnen wollten, als gerade in dem Momente, in dem das jüdische Mädchen vor den Altar trat, die mächtige Gestalt des greisen R. Israel in der Kirche auftauchte, stürmisch sich Platz durch die verblüffte Menge machte, das bei seinem Anblick fast olmmächtig gewordene Mädchen bei dem lang herabwallenden Haar erfaßte und buchstäblich aus der Kirche schleifte. Die Erscheinung des alten Mannes, der in seinem religiösen Feuereifer, vielleicht auch von dem sprichwörtlichen heißen Blute der Kohanim gestachelt, sich zu einem solch tollkühnen, gesetzlich schwer verpönten Akt der Religionsstörung hatte hinreißen lassen, mußte offenbar fast lähmend auf die Menge gewirkt haben. Sonst wäre es wohl unbegreiflich, daß keine Hand sich regte, um diesem aufreizenden, das Gesetz mißachtenden Eingriff in eine kirchliche Handlung zu wahren und R. Jisrael ungefährdet den Weg aus der Kirche finden konnte. Aber als noch bemerkenswerter muß es bezeichnet werden, daß auch nachträglich die Tat des eifervollen Mannnes, noch dazu begangen zu Anfang des 18. Jahrhunderts, nicht die nur zu begreifliche furchtbare Ahndung nach der vollen Strenge des Gesetzes fand, und daß R. Jisrael mit einer hohen Geldstrafe davonkam. Mögen die sonstigen Verdienste dieses Mannes noch so ansehnliche gewesen sein, so müssen es doch nur sehr hochstehende, mächtige Presönlichkeiten gewesen sein, die für ihn mit solchem Erfolge mildernde Umstände geltend machen und eine solche Gnade erwirken konnten. Haben über diese Affäre aber auch die Bücher geschwiegen, so haben —■ saxa loquuntur — die Steine gesprochen. Auf dem Grabe R. Jisraels erheben sich zwei mächtige Mazewoth, auf denen verzeichnet steht, daß der Mann, der hier ruht, von glühendem Glaubenseifer erfüllt, mauser nefesch, sein Leben preisgegeben hatte, um eine jüdische Seele zu retten. Als charakteristisch für die Familie des Rabbi Jisrael, von deren Mut und Heldenstärke heute noch viele Leute interessante Episoden in Wag- Neustadtl erzählen, die sie von ihren Eltern gehört, sei noch kurz eine kleine Geschichte berichtet. Rabbi Jisrael hatte mehrere Söhne, überaus kraftvolle junge Männer. Eines Tages war einer derselben Zeuge, wie auf dem Markt ein Bauer einem armen alten Juden beim Abschluß eines Handels ganz unbegründet ein betrüge-

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