Mannheim
Compact Memory

Jüdische Presse · 1922-09-01 · 31-32 (1.9.1922) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Presse
Volume
8 (1922)
Issue
31-32 (1.9.1922)
Date
1922-09-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2629891-2629953-2629984--0697-2632361
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Seite 198 JUDISCHE PRESSE Nr. 32 kaufmann in Veazprim und wohnen seit dem Jahre 1878 in Wien. Jüdische Pogromwaisen in Wien. (J. C. B.) Auf dem Weare nach Palästina befinden sich jetzt in Wien zwei Transporte jüdischer Pogromwaisen ans der Ukraina. Der eine aus 50 Waisenkindern bestehende Transport gehört dem Joint; sie sollen in Wien einigermaßen „gefuchst" werden und nach wenigen Tagen nach Paliistina Weiterreisen, um dort in einer Waisenanstalt auf Kosten des Joint erzogen zu werden. Der zweite Transport zählt 189 Pogromwaisen, im Alter von 3 bis 17 Jahren, die von Israel Beikind nach Palästina überführt werden. Der Belkind-Transport dürfte zur Erledigung gewisser Paßformularitäten. einige Wochen in Wien verbleiben- Ungarn. BOjähriges Jubiläum eines Oberrabbiners. Die altehrwürdige Soproner israelitische orthodoxe Kultusgemeinde feierte vor kurzern im Rahmen eines ebenso innigen als imposanten Festgottesdienstes das 50jährige Jubiläum ihres verdienstvollen Oberrabbis Emanuel Grün wald. Die Gemeinde wollte den denkwürdigen Tag, an welchem vor einem halben Säkulum der einstige Hörer der Preßburger Talmudschule als Leiter der kaum 40 Mitglieder zählenden kleinen Gemeinde hieher berufen wurde, nicht vorüberziehen lassen, ohne jenen Mann zu feiern, der seither ununterbrochen an dieser heiligen Stätte segensreich wirkend, diese zu einer der mächtigsten und angesehensten Ungarns auszugestalten verstanden hat. Die Art und Weise, mit welch inniger, enthusiastischer Verehrung, mit welcher Herzlichkeit die ganze Gemeinde mit dem allgemein hochgeschätzten Präses, Kammerrat Isidor Friedmann an der Spitze, ihren Oberhirten feierte, wird jeden Teilnehmer unvergeßlich bleiben. Der Oberrabbi, von sechs heule noch am Leben befindlichen Mitbegründern der Gemeinde eingeholt, wurde am Eingang der aus diesem Anlasse reich dekorierten Synagoge von der Repräsentanz mit den der Bundeslade entnommenen Thorarollen in den Händen empfangen und an seinen Ehrensitz geleitet. Hier hielten dann der Gemeindepräses Kammerrai Fried mann namens der Gemeinde, Siegfried Goldschmied, Wcingroßhändler und Ludwig Müller, Rabbinats-Verweser namens vieler Wohlfahrtsanstalten, die mit dein Namen Grünwalds verbunden sind, schwungvolle Ansprachen, welchen dann die gedankenreiche Festrede des Jubilars folgte. Es war ergreifend, wie der nahezu 80jährige Greis —- bekannt als einer der grüßten Talmudgelehrten — der göttlichen Vorsehung für die Gnade dankte, daß sie ihn diesen Freudentag erleben ließ und schließlich den Segen Gottes auf alle Gemeindemitglieder und ihre Familien herabflehte. Die Festlichkeit, an welcher die Soproner Status quo- G e rn e i n d e unter Führung ihres Präsidenten Dr. Moriz Breuer teilnahm, endete mit einem Festmahl, bei welchem Oberrabbi Grünwald, dessen zwei Söhne als Rabbiner in Luzern und Meran wirken, in vielen Toasten herzlich gefeiert und mit schönen Ehrengeschenken bedacht wurde. Um das glänzende Arrangement des Jubiläumsfestes haben sich außer der Vorstellung, die Herren Bela Rosenberger, Sigmund Mayer, Ludwig Müller und Julius Gellis besonders verdient gemacht. Polen. Zionistische Hezze gegen die Hilfsaktion für die Russischen Hungernden. Seit einigen Wochen wird im zionistischen „Neuen Haint" eine gehässige Kampagne geführt gegen die seitens der Aguda inaugurierte und mit großem Erfolg geführte Hilfsaktion für die Hungernden Brüder in Rußland. Diese ebenso niedrige wie aller Menschlichkeit hohnsprechende Wühlarbeit, deren erste Leidtragende eben die russischen Hungernden sind, wird in maßgebenden Kreisen der polnischen Orthodoxie einzig und allein auf parteipolitische Erwägungen zurückgeführt. Die von despotischer Machtgier und Größenwahn erfüllten „Führer" der Zionisten können es nicht verwinden, daß die Orthodoxen allein und selbständig eine Aktion, die schon bisher, dem unermeßlich großen russischen Hungerelend entsprechend, alle bisherigen Dimensionen verschiedener Wohlfahrtswerke überschritten hat, in Angriff genommen hatten und mit immer besseren Resultaten weiterführen. Nachdem alle geheime Wühlarbeit, die Aktion zum scheitern zu bringen, vergeblich war, nachdem die breite jüdische Masse in Polen der von zionistischer Seite sehr spät und lendenlahm eingeleiteten russischen Hilfsaktion wenig Beachtung und noch weniger Geldmittel schenkte, blieb dem „Neuen Haint" nichts anderes übrig, als die Leitung der Agudahilfsaktion mit den niedrigsten Machinationen auf Kosten der Hilfsaktion zu beschuldigen. Die Leitung der Hilfsaktion antwortete auf diese Verdächtigungen mit der Einsetzung einer Kommission, der die angesehendsten und ehrenwertesten Führer der polnischen Orthodoxie angehören. Die Kommission hat einen ausführlichen Bericht veröffentlicht, nach welchem die Aktion und alle Bücher in der peinlichsten Ordnung geführt wurden. Die Warsehauer Kultusgemeinde und die Agudahilfsaktion für die Hnngernden Bußlands. Die zionistischen Gegner der Agudahilfsaktion für die russischen Hungernden haben sich auch mit dem detaillierten Bericht der Revisionskommission, die seitens der Agudaleitung eingesetzt war, nicht zufrieden gegeben und ihre Hetze gegen die Hilfsaktion weiter fortgesetzt. Um den skandalösen Quertreibereien ein Ende zu machen, hat sich das Warschauer Rabbinat entschlossen, in der leidigen Angelegenheit zu intervenieren. Es wendete sich an den Kultusvorstand mit der Bitte, eine Kommission zur Ueberprüfung der ganzen Aktion einzusetzen. Die zionistischen Mitglieder des Vorstandes, die gleichfalls der Parleidisziplin gehorchend die Hilfsaktion kompromittieren und die Aguda vernichten möchten, haben in diese Ueberprüfungskommission ihrerseits die verbissensten und gehässigsten Gegner der Aguda entsendet. Bei der Sitzung dieser Kommission haben die Vertreter der Aguda erklärt, so angenehm ihnen das Urteil einer neutralen Kommission ist, so müssen sie doch von vorneherein ablehnen die Hilfsaktion und ihr Gebaren von einer Kommission prüfen zu lassen, unter deren Mitglieder bekannte verbissene Feinde der Aguda sitzen. So wird man nicht zur Ruhe sondern zu neuen Kämpfen kommen. Sie beantragten, das Rabbinat zu ersuchen, über die Zusammensetzung der Kommission neuerdings schlüssig zu werden. Judenexzesse in Kattowitz. (J. C. B.) Die wachsende Teuerung im polnischen Oberschlesien hat gestern und heute zu Ausschreitungen geführt, die gegen die aus Galizien und Polen eingewanderten Juden gerichtet waren. Jüdische Händler wurden durch die Straßen gejagt und verprügelt. Auch einzelne Lebensmittelgeschäfte wurden gestürmt. In den Abendstunden drang eine Menschenmenge in verschiedene Gastwirtschaften ein, warf die Gäste auf die Straße und verprügelte sie. Erst nach Mitternacht trat Ruhe ein. Heute vormittag kam es wieder zu Exzessen, besonders in den Stadtgebieten, in denen die Polizei nicht anwesend war. Die Intervention vom Sejmdeputierten Mendelsohn anläßlich der Kattowitzer Exzesse. Abgeordneter Mendelsohn sprach beim Innenminister Kamienszky vor, um ihn zu energischen Maßnahmen gegen die Exzedenten gegen die Juden in Kattowitz zu bewegen. Abgeordneter Mendlsohn lenkte die Aufmerksamkeit des Ministers auf den Umstand, daß solche wohlorganisierte Massenangriffe zumindest nicht ohne Duldung der Behörden und Polizei durchgeführt werden können. Der Minister hat rasche Intervention versprochen. Eine neue 5 Millionen Dollarkampagne für Einderhilfe. (J. G. B.) In einem Gespräch mit dem hiesigen Vertreter des J. G. B. erklärte der Leiter der erfolgreich gewesenen 17 Millionen Dollar- Werbekampagne des amerikanisch-jüdischen Joint- Distribution-Commitees, David Brown, er werde sofort, nach seiner Rückkehr nach den Vereinigten Staaten eine Aktion einleiten, um 5 Millionen Dollar zur Hilfe an die jüdischen Kinder in Osteuropa, hauptsächlich in Polen, aufzubringen. Herr Brown erklärt weiter, daß die wenig befriedigende Lage in der Ernährung und in der Unterrichtserteilung der jüdischen Kinder in Polen auf ihn einen niederdrückenden Eindruck gemacht habe. Er würde alle Anstrengungen zur Beschaffung der nötigen Geldmittel machen, um eine Besserung dieser traurigen Zustände herbeizuführen. Er gab auch der Hoffnung Ausdruck, daß die wirtschaftlich gut gestellten Juden in Polen auch ihrerseits zu dieser Kinderhilfsaktion möglichst beitragen werden. Ectfland. Riga. Der Gesundheitszustand vom Dwinsker Raw Rabbi Meir Simcha befindet sich auf dem Wege der Besserung. Rabbi Stephen Wise besuchte während seiner Anwesenheit in Jerusalem auch die ungarische Siedlung. Er hat seiner Ueberraschung und Freude Ausdruck verliehen über die wunderbaren Leistungen und ausgezeichneten Institutionen des ungarischen Kollels. (So manchem ist bereits so ergangen.) Professor De Haan wurde an Stelle von Oberrabbiner Horowitz mit der Vertretung der Pekidim und Amarkelim (die deutsch-holländische Palästinaverwaltung) betraut. Herr Professor De Haan versieht die Stelle ehrenamtlich. Jerusalem. Dienstag abends wurde zu Ehren einiger amerikanischer Gäste aus der Brandeisgruppe ein glänzendes Festmahl bereitet. Nach vielen Toasten ergriff Herr Rosenbloom das Wort und er gab der festen Ueberzeugung Ausdruck, daß Erez Jsroel nicht so sehr durch materielle Mittel als durch jüdisch-religiösen Geist erbaut werden soll. Für die Hungernden Rußlands hat die Jerusalemer Ortsgruppe der Aguda Jsroel bereits 325 Pfund gesammelt. Die Sammlung wird fortgesetzt. Oberrabbiner Kuok im Kampfe. Die zwei Talrriudgelehrten Schemnitzer und Hottmann, die auf Antrag Rabbi Kucks vor ein nichtjüdisches Gericht gestellt und zu 50 Tage Arrest und 20 Pfund Strafe verurteilt worden sind, wurden Freitag, den 6. Ab ins Gefängnis geführt. Dieser beispiellose Akt in der jüdischen Geschichte hat bei dem jüdischen Publikum in Jerusalem ohne Parteiunterschied eine gewaltige Erregung hervorgebracht. Beim Transport ins Gefängnis hat eine große Menge die Häftlinge unter lebhaften Sympathiekundgebungen begleitet. Samstag darauf hat man in vielen Synagogen Sympathiekundgebungen für die Gefangenen veranstaltet. Als Protest gegen das unerhörte und unjüdische Vorgehen des zionistischen Oberrabbinates hat man in Synagogen, wo Mitglieder des Oberrabbinates beteten das Thora-Vorlesen verhindert. — Der greise Vater von Meir Schemnitzer veröffentlicht einen offenen Brief an seinen Sohn, in dem er seiner großen seelischen Befriedigung Ausdruck gibt, daß er es erleben durfte, seinen Sohn als mutigen Kämpfer gegen eine Richtung zu sehen, wie sie jetzt in dem neuerrichteten zionistischen Oberrabbinate zur Geltung kommt. Daß sein Sohn für seine religiöse Ueberzeugung leiden und im Gefängnis schmachten muß, erfüllt sein Vaterherz nebst Wehmut mit jüdischer Freude, welche Väter erfüllt, wenn sie Gelegenheit haben, auf ihre Kinder stolz zu sein. Das orthodoxe Organ in Jerusalem „Kol Jisroel" wendet sich in einem scharfen Leitartikel „Schande" betitelt gegen die Vorgangsweise des Oberrabbinates, dasseine Schwäche gegen Linksmit solchen unjüdischen Waffen gegen Rechts wettmachen will. Mit solchen Gewaltmitteln wird die äußerst schwache Position des Oberrabbinates in orthodoxen Kreisen sicherlich nicht befestigt. Dieselbe Zeitung wird mit Zuschriften aus dem Kreise der Leser überflutet, die mit Protesten gegen die Vorgangsweise des Oberrabbinates und Sympathiekundgebungen den Verurteilten gegenüber erfüllt sind. Rabbi Kuck kämpft weiter. Das Oberrabbinat ließ noch sieben alte vornehme Mitglieder der orthodoxen Gemeinde vor Gericht laden. Die Anklage lautet auf Ehrenbeleidigung. Die Anzeige und Anklageschrift ist von Rabbi Kuck selbst gezeichnet. Oberrabbiner Jakob Meir besuchte Mittwoch voriger Woche die Herren Oberrabbiner Sonnenfeld und Diszkin in Angelegenheit der Verurteilung von den Talmudisten Schemnitzer und Hoffmann. Oberrabbiner Meir hat seinem tiefen Bedauern Ausdruck gegeben, daß während seiner Abwesenheit die Dinge so weit gekommen sind und ersuchte die beiden Rabbiner zur Schlichtung der beschämenden Sachebeizutragen. Oberrabbiner Sonnenfeld und Diszkin haben sich hiezu bereit erklärt, falls die ganze Angelegenheit dem nichtjüdischen Gerichtshof entzogen und einem Besz-Din vorgelegt wird. (Doar Hajom) Der neue Führer.'der antizionistischen Araber. (J. C. B.) Der Vorsitzende der muaelmanisch-christlichen Vereinigung in Jaffa, Omar Beitar, wurde zum Präsidenten des antizionistischen arahischen „Congresses" gewählt. Omar Beitar ist als extremer Feind der zionistischen Bewegung bekannt, er besitzt eine großartige Organisationsfahigkeit und gilt allgemein als eine sehr energische Persönlichkeit, die auch vor einer Gewalttätigkeit zur Durchführung notwendiger Ziele nicht zurückscheut. Amerika, Dr. Drachman in Europa. Rabbiner Dr. Bernard Drachman aus New York, Ehrenpräsident * der Vereinigung der orth. Gemeinden Amerikas und Prof. am Rabbiner-Seminar New Yorks, befindet sich gegenwärtig auf einer Europareise, um möglichst genaue Informationen über die Lage und Bedürfnisse der notleidenden Juden zu sammeln. Dr. Drachman ist einer der Mitbegründer des „Joint Distribution Committee" und des „Central Relief Committee". Er bereiste im Jahre 1915 ge meinsam mit Morris Engelman den größten Teil der Vereinigten Staaten und hat durch Propagandareden den Grundstein zu diesem grandiosen Hilfswerk der amerikanischen Judenheit gelegt. In diesem Jahr benützt Dr. Drachman seine Ferienzeit, um mit prominenten jüdischen Persönlichkeiten in Europa über die Lage der europäischen Judenheit zu konferieren. Hinsichtlich der orthodoxen Judenheit Amerikas machte Dr. Drachman dem Herausgeber der „J. P. Z." folgende Aufsührungen: Das Judentum ist in Amerika numerisch sehr stark vertreten und demgemäß auch in allen Schattierungen und Variationen von der strengsten Orthodoxie bis zur äußersten Reform vorhanden. Die Orthodoxie Amerikas ist echt und den Traditionen der Väter treu ergeben, differiert aber doch in einigen Punkten, durch die verschiedenen Umstände des neuen Landes beeinflußt, von der Orthodoxie in Europa, überhaupt in den östlichen Ländern. Von den Verschiedenheiten in Tracht und äußerer Erscheinung ist in Amerika äußerst wenig zu merken. Und auch der Jargon, oder die sog. jüdische Sprache, trotzdem sie noch von hunderttausenden Juden osteuropäischer Abstammung gesprochen wird, verschwindet immer mehr. Von der Jugend wird sie überhaupt kaum mehr gebraucht oder gesprochen. Aber was die wesentlichen Bestandteile des orthodoxen Judentums sind, wie etwa Sabbat-Heiligung und rituelle Speisegesetze und das Thora-Studium, nicht zu sprechen von den altehrwürdigen Gebräuchen von Zedokoh und Gemillath-Ohessed, werden diese noch mit größter Hingebung von großen Massen auch der jüngeren Generation beobachtet und energisch fortgesetzt. Allem Anschein nach wird das auch in Zukunft so bleiben, denn es bildet sich, und hat sich sogar schon ausgebildet, ein notier Typus. Der Typus des amerikanischen orthodoxen Juden, der durch und durch ein amerikanische Jude in Sprache und Erscheinung ist, aber trotzdem mit wahrer Hingebung dem orthodoxem Judentum ergeben. Ueberhaupt werden

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.