Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 8 (1922)
- Issue
- 31-32 (1.9.1922)
- Date
- 1922-09-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 32 JÜDISCHE PRESSE Seite 197 umfassendes Programm für die Arbeit, im heiligen Lande ausgearbeitet und im Laufe der Zeil wäre auf diesem Gebiete sicherlich (iroßes geleistet worden. Der Ausbruch des Krieges hat die?e Absichten vereitelt und auch die ersten Jahre nach dem Kriege ließen bekanntlich gar keine Tätigkeit in Palästina zu. Kaum aber war der Weg einigermaßen offen, da wurde der „Keren-Erez-.lisroel" im Rahmen der Agudaarbeit gegründet* und mit der Hilfe desselben sind zahlreiche jüdische Familien nach Paliistina befördert worden. Kreilich, es waren dies die sogenannten „Flüchtlinge", die die Kriegsereignisse _ von Heim und Herd vertrieben haben und welche die Zionisteu nicht nach Palästina zurückschicken wollten, weil sie . . . orthodoxe Juden sind. Die jüngsten Ereignisse, worunter man wohl die Ratiiizierung des Palastinamandats zu verstehen hat. haben die Haltung der Aguda nicht im geringsten beeinflußt. Die Aguda besteht nicht aus „Ralfour-Zionisten", die seitens der ernsten Zionisten selbst als „Erew-Raw" bewertet werden. Es ist die heiligste Ueberzeugung eines jeden gläubigen Juden, daß das jüdische Volk im Sinne der g-ttlichen Verheißungen wieder in das Land seiner Väter zurückkehren werde und dieser Glaube ist derart unerschütterlich, daß kein Ereignis, wie die Verzögerung oder die Ratifizierung eines Mandates, irgend welchen Einfluß ausüben kann. Was die Bemühungen der Aguda, an der „Jewish Agency" teilzunehmen, betrifft, so wird dieses Bemühen zionistischerseits falsch gedeutet. Es handelt sich der Aguda weder um Prestige, noch um Ehrenstellen, noch hat sie schließlich erst jetzt ihr Herz für Palästina entdeckt. Die Aguda, deren heilige Aufgabe es ist, dafür zu sorgen, daß Erez-Jisroel ein heiliger Land bleibe, strebte nur deswegen die Beteiligung an der „Jewish Agency" an, um innerhalb derselben im Sinne ihrer Aufgaben wirken zu können und nicht von der Gnade gewisser zionistischer Herren abhängig zu sein. Die Gestaltung der Dinge hat es mit sich gebracht, daß diese Bemühungen vorläufig erfolglos geblieben sind. Aber die Herren Weizmann und Sokolow sollten nicht übermütig werden. Der Wiederaufbau Palästinas kann nur dann zustande kommen, wenn sich das ganze Volk an der Arbeit beteiligen wird. Die breiten orthodoxen Massen, die ja das Gros des Judentums bilden, von der Arbeit auszuschließen, das heißt, die auf Palästina gerichteten zionistischen Bestrebungen durchkreuzen. Zionistischerseits wird ja gerade in der letzten Zeit (erst diese Tage hat Dr. Ruppin bei der Jahreskonferenz dasselbe Lied angestimmt) bitter darüber Klage geführt, daß die Einnahmen derart knapp sind, daß selbst die wichtigsten Ausgaben nicht gedeckt sind. Das ist nur natürlich, denn für kulturelle und soziale Experimente gibt das Volk kein Geld her. Der Aufbau Palästinas wird nur dann erfolgreich sein, wenn sich auch die orthodoxen Massen an der Arbeit beteiligen werden. Das kann aber nur dann der Fall sein, wenn diesen jedes religiöse Bedenken genommen wird. Der Sieg der zionistischen Organisation hinsichtlich der „Jewish Agency" ist somit ein Pyrrhussieg. Wenn es den zionistischen Führern ernst ist, so müßten sie selbst dazu streben, die Orthodoxie zur Mitarbeit heranzuziehen und nicht übermütig behaupten: Wir sind die „Jewish Agency* und werden es bleiben. Diese Behauptung, die im jüngsten zionistischen Bulletin besonders breitgelreten wird, stimmt mit den Tatsachen nicht überein. Die bezüglichen Bestimmungen des Mandats besagen ausdrücklich, daß die Anerkennung der zionistischen Organisation als „Jewish Agency" bloß provisorischen Charakter habe, die Mandatsmacht kann da anders entscheiden, wenn die zionistische Organisation ihrer Meinung nach nicht mehr als die Vertreterin des jüdischen Volkes anerkannt werden könnte. Diese Wendung wird über kurz oder lang eintreten, wenn die Herren Zionisten ihre gegenwärtige Taktik beibehalten. ** Die Orthodoxie wird sich einer gemeinsamen Arbeit für den Aufbau Palästinas nicht entschlagen, wenn ihr die Garantie gebpten werden wird, daß Erez-Jisroel ein heiliges Land bleibt. Sonst wird sie fernerhin ihren eigenen Weg gehen, ohne Rücksicht auf zeitweilige Erfolge der Zionisten und auf gewisse Erscheinungen äußerer Natur. J. K. * Gemeint ist wohl die Wiener Sektion des K. E. J., denn der allgemeine „Keren-Erez-Jisroel" der Aguda ist bereits 1912 noch während der Kattowitzer Versammlung ins Leben gerufen worden. Ked. ** Es erscheint notwendig in Erinnerung zu bringen, daß alle zur Diskussion der Palästinafrage in unserer Zeitung veröffentlichten Aeußerungen lediglich die Meinung der Einsender wiedergeben. Red. Infolge der in den letzten Tagen wieder ganz ungeheuer gestiegenen Herstellungskosten der „Jüdischen Presse" sehen wir uns genötigt, die Bezugsgebühr für Oesterreich vom 1. September an auf K 12000 ganzjährig und entsprechend die Insertionspreise hinaufzusetzen. Diese Erhöhung ist im Vergleich zu den tatsächlichen Mehrkosten überaus bescheiden — und bleibt ganz offensichtlich weit hinter dem Ausmaß der sonstigen Preiserhöhungen im Handel und Industrie zurück. Die Administration, Deu!$€l)o$urreicb. Abschied. Herr J. J. Thumim, Präsident des Kriegswaisenfonds und Vizepräsident der Agudas- Jsroel Wien, beabsichtigt im Laufe der nächsten Woche nach seiner Heimat nach Przemysl zurückzukehren. Er kam mit der groüen Schar der Kriegsflüchtlinge und er ward ihnen ein Helfer in ihrer Not. Als Vorkämpfer der Agudas-Jsroel-Bewcgung in Galizien hat er auch in Wien die galizische Landesorganisation aufrecht erhalten und weiter ausgebaut. Als Präsident derselben hat er OJelegen- Nenorientiermig'. Unter dem Schlagwort „Neuorientierung in der Aguda" bringt die Wr. M.-Z. einen längeren Aufsatz, aus dessen Inhalt wir folgende Sätze festhalten wollen. „Sie war gewillt, soweit es die überaus schwachen Mittel der Aguda erlaubten, aktive Palästina-Arbeit und Palästina-Politik zu betreiben. Zunächst wurde der Keron Hojischub gegründet. Die palästinensische Aguda errichtete ein Emigrationsbureau in Jerusalem sowie eine Informationsstelle für industrielle und sonstige Auskünfte. Von bedeutenderen kolonisatorischen Arbeiten der A. J. sei die Tabakpflanzung in Gederah erwähnt. Die A. J. gründete ferner die Baugesellschaft Binjan Haarez, die bereits einige tausend Dunam Landes angekauft hat. Und ferner: Der inneren Palästinapolitik, die besonders von der A.-J. Jugend aller Orten stürmisch gutgeheißen wird, entsprachen die äußeren Manifestationen dieser Neuorientierung". Die braven aber nicht besonders urteilsstarken Leser der Wr. M.-Z. haben sicherlich den angeführten Aufsatz mit nicht geringem Staunen gelesen. Waren sie doch seit Jahr und Tag von der Redaktion der Wr. M.-Z. verwöhnt. Zum Auneg Sabbos wurde fast in jeder Samstagnummer die Aguda beschimpft. Ihre Führer, ihre Intentionen verdächtigt und niedriger Motive geziehen. Ihre Leistungen auf dem Gebiete der Erez-Jisroelarbeit karikiert und ihr großangelegtes Chinuch-Waisen- und Soziale-Fürsorge- Werk boshaft totgeschwiegen. Wie mußten da jüngsten Samstag die mit Gehässigkeit gegen die Aguda genährten braven Leser ihre erstaunten Augen gerieben haben, als sie den Aufsatz über die Neuorientierung in der Wr. M.-Z. gelesen haben. Ja diese Neuorientierung soll nicht geleugnet werden. Wir haben da aber scheinbar mit der Neuorientierung der Wr. M.-Z. oder gar mit jener der zionistischen Organisation zu tun. Die Pariser Mode im Dienste der jüdischen Tradition. „Mult es Jövö" in Budapest bringt in ihrer jüngsten Nummer ein interessantes Report über die neueste Pariser Haarmode, die das Tragen der Perücke begünstigt. Die elegantesten Friseurlüden sind mit noch eleganteren Jüdinnen gefüllt, die der neuesten Pariser Modezuliebe ihre Haare kurz schneiden und mit einer kostbaren, der letzten Mode entsprechenden Perücke verhüllen. Ach wie manches jüdische Mutterhorz hüllte sich in Trauer, weil die „moderne" Tochter um keinen Preis der Welt das Haupt vor der geheiligten, züchtigen jüdischen Tradition beugen wollte. Die eitle, moderne, innerlich leider so schwache Jüdin fühlt sich von der Tradition der Beharrlichen und Starken abgeslossen, aber willig folgt sie allen Schwächen und Torheiten der Mode. Noch immer ist eine Törin willig, wo ein Tor es will. Jüdische Gedanken. ix. Die Mohammedaner stellen die Lehre Moses höher als die des Evangeliums. Die Kirche stellt das Alte Testament unendlich höher als den Koran. Man sieht daraus, welchen Platz eigentlich der jüdischen Religion selbst von den anderen Religionen eingeräumt wird. * Die Juden in Spanien und Portugal standen Jahrhunderte hindurch vor der Wahl, was ihnen lieber sei: das Wasser der Taufe oder das Feuer des Autodafe. Für sie war das Wort: die Wahl tut weh — nur zu wahr. * Wäre es nicht grauenerregend, so könnte man herzlich über die Art und Weise lachen, in der die Diener der Religion der Liebe die Juden darüber belehren wollen, daß ihr G-tt nur ein G-tt der Rache sei. * Die Glaubens-Disputationeu zwischen jüdischen und christlichen Gelehrten hatten im Mittelalter wiederholt den Erfolg, daß Christen sich zum Judentum bekehrten. Ludwig XI. pflegte daher zu sagen: Man soll mit Juden nicht disputieren, sondern ihnen statt mit Worten mit dem Schwerte antworten. So kann man allerdings den blutigsten Sieg davontragen. * Frage man einen modernen Hillel: Sag' nur in einem Satze: Wie denkt das Judentum über Adel und über Wissen? so braucht er nicht in Verlegenheit zu geraten. Er kann den talmudsehen Satz zitieren, wonach der aus den entsetzlichsten Niederungen stammende kenntnisreiche Mensch den Vortritt vor einem unwissenden hohen Priester hat. Die alten Größen im Jisroel wurden häufig nur unter dem Titel ihrer Bücher genannt; aber auch in unseren Tagen werden viele Bücher geschrieben, die ihren Autoren keinen Namen machen. Dühring und seine Jünger behaupten, daß Lessing, der Dichter des ,Nathan der Weise", entweder von jüdischer Abstammung war oder zumindest von jüdischem Geld bestochen, dieses Werk verfaßt hat. So geben echte Antisemiten lieber ihre größten Denker und Dichter preis, bevor sie den blöden Judenhaß aufgeben. Mnlcachi. Jüdische Kriegsgräber auf dem Görzer Schlachtfelde. Wir erhalten von Herrn M. Kaiisch, Galanta, folgende Mitteilung, die weitere Kreise interessieren dürfte: Laut einer mit dem Präses und dem Direktor der Görzer fcWHp X*"On gepflogenen Rücksprache befinden sich in den christlichen Friedhöfen und auf freiem Felde der um Görz liegenden Ortschaften sehr viele mit Inschriften versehene Einzelgräber gefallener und verstorbener jüdischer Soldaten der frühereu österreichisch-ungarischen Armee. Durch das lobenswerte Entgegenkommen der italienischen Behörden unterstützt, ist die Görzer ntt^Hp KlDfl bereit, die Exhumierung der im Görzer ß e z i r k ' begrabenen jüdischen Soldaten und deren Beerdigung im Görzer DvlJ? fTS kostenlos vorzunehmen und ist hiezu behördlicherseits bloß eine schriftliche Einwilligung der nächsten Angehörigen der Toten erforderlich. Nachdem die Bezeichnungen der Gräber allmählich in Verfall geraten (manche sind schon verschwunden), ist es geboten, je früher die nötigen Gesuche respektive Einwilligungen einzusenden und sind dieselben an H. E u g e n i o P i n c h e r 1 e, Gorizia (Görz), Präses der p"f7, zu adressieren. Grand Sanatorium (U asserb eilanstal t Bratislava (Preßburg), Cicfcr Oleg Abteilungen für Chirurgie, Gynäkologie, Geburtshilfe, Orthopädie, Urologie, Augen-, Ohren-, Kehlkopf- und Nasenkrankheiten. Täglicher Pauschalpreis von 6K 83 aufwärts Röntgen-Durciileuchtungen, -Photographie, -Bestrahlungen. 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Um die Existenz dieses Heimes zu sichern, hat Herr Thumim anläßlich der feierlichen Eröffnung derselben die Gründung eines „Eisernen Fonds" beantragt, der als Keren-Kajemeth-Stiftung bereits eine ansehnliche Flöhe erreicht hat. — Der Vorstand des Kriegswaisenfonds hielt zu Ehren des scheidenden Präsidenten Montag, den 4. Elul eine Sitzung ab, die mit herzlichen Ansprachen der einzelnen Mitglieder ausgefüllt war, worauf Herr Präsident Thumim tiefergriffen antwortete. Es wurde beschlossen, ihm zu Ehren auf seinen Namen eine Eiserne Fonds- Stiftungstafel im Waisenhaus Baden zu errichten, ferner in der Hoffnung, daß Herr J. J. Thumim bald nach Wien zurückkehren wird die Präsidentenstelle einstweilen unbesetzt zu lassen. — Herr J. J. Thumim ist voriges Jahr mit Rücksicht auf seine großen Verdienste um die Agudas-Jsroel vom Zentralrat ins Präsidium der Organisation gewählt worden. Wir hoffen, daß er in seiner alten — neuen Heimat die Fahne der Agudas-Jsroel zu neuen Siegen tragen wird. Unser Schulwerk. Der Vorstand der Talmud- Thora-Volksschule beschäftigte sich in seiner Sitzung vom 4. Elul mit den notwendigen Maßnahmen, die noch zu treffen sind, um beim Schulbeginn die neue Mädchen-Volks- und Knabenbürgerschule, ferner einen Handelskurs zu aktivieren. Das Schulhaus wurde bereits renoviert und für die neuen Aufgaben in Stand gesetzt. Die Einschreibungen für den Kindergarten der „Jesod Hathora* finden Sonntag, den 3. September (10. Elul) zwischen 10 und 12 Uhr vormittags im Schulgebäude, II., Nestroygasse 11, statt. Es können Knaben und Mädchen nui vom vollendeten 3. bis zum vollendeten G. Lebensjahre, die in Begleitung der Eltern oder des Vormundes erscheinen müssen, Aufnahme finden. Mitzubringen sind der Geburtschein, Impfzeugnis, wenn möglich auch eine Bestätigung eines Arztes über den Gesundheitszustand des Kindes. Der Vorstand. Goldene Hochzeit. Im Bethause der israelitischen Versorgungsanstalt, Wien, IX. Seegasse 9, lindet am Samstag, den 9. September, 9 Uhr vormittags, die goldene Hochzeitsfeier des Ehepaares Josef und Anna Weiß statt. Das Ehepaar Weiß befindet sich seit dem Jahre 1917 in Pflege der israelitischen Versorgungsanstalt, der üatte ist 77, die (Jattin 71 Jahre alt, erfreuen sich beide der besten Gesundheit und sind vollständig rüstig. Das Ehepar ist kinderlos, der Gatte ist gewesener Klein TELEPHON 40.324 EN GROS s: EN DETAIL GROSSE RIEH, IL, TaBORSTROSSE 39 (HOTEL BAYRISCHER HOF) AUSWAIUv IJV HBRREJVKIvEIDBHN lMiHTKi IIIV Ii NACH MASS