Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 8 (1922)
- Issue
- 28 (4.8.1922)
- Date
- 1922-08-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 28 JÜDISCHE PRESSE Seite 175 Jüdische Gedanken. vi. Es ist keine Phrase: wir danken den Antisemiten \loch auch Gutes. Wie viele Juden hätten längst vergessen, daß sie Juden sind und von Juden abstammen, wenn sie nicht immer von den Antisemiten'daran erinnert worden wären. * Die Juden haben es schon aufgegeben, laut darauf zu pochen, daß sie nach den Worten der Bibel „das auserwählte Volk" sind. Aber in den Kirchen wird es immer wiederholt: „Der du dein Volk Israel hast auserwählt." — Allerdings leugnet die Kirche, daß jetzt die Israeliten das Volk — Israel sind. * * Wie Historiker feststellen, hat einmal ein Fürst, die von ihm anbefohlene Judenvertreibung mit den Worten gefeiert: „Bis hiebet* hat uns G-tt geholfen." Man sollte vielleicht an Juden verübte Schändlichkeiten wenigstens nicht m i f Wort en eines ,j ü d i sehen Propheten f e i ern. * Was mußten die Juden alles erdulden, damit ihnen endlich Duldung als eine hehre Wohltat erscheine? * Die H e 1 i g i o n d e r .luden g eh i e t e t nicht, de n Feind zu lieben, sie verbietet nur, ihm ein Unrecht zuzufügen und fordert bloß, daß sie nicht nur ihm, sondern selbst seinem Tiere in der Not helfe. Wie armselig nimmt sich also die Ethik der Juden gegenüber .jener der — J u d e nhasset* aus! * Die Rassentheorie der Bibel lautet: Von einem Menschenpaar stammt die ganze Menschheit ab. Es ist ...aber auch für den gläubigen .Israeliten beachtenswert, daß die großen wissenschaftlichen Autoritäten der Gegenwart diesen Standpunkt teilen. So sagt Ratzel: „Es gibt bloß eine einzige Menschenart, deren Abwandlungen zahlreich sind, aber nicht tiefgehen." Dasselbe lehren Tinot, R. Hartmann, Luschan, Max Müller (der anfänglich anderer Anschauung war) usw. usw. Da darf es wohl niemand wundernehmen, daß die echten Rassenfanatiker weder von dem Alten Testament, noch von der modernen Wissenschaft etwas wissen wollen. * •» Wir beten zu dem Gott unserer, Väter. Aber ach, wie viele Juden gibt es, die nicht sagen können, daß sie zu dem Gott ihrer — Sühne beten können. * Am IG. Jänner des Jahre's 1605 sollten auf dem Marktplatze zu Lissabon 160 Menschen, Männer und Frauen, die zumeist unter der Folter gestanden hatten, heimlich nach dem jüdischen Gesetze gelebt zu haben, verbrannt werden. Das forderte das Gewissen des Königs, das nur durch ein Lösegeld von 800.000 Dukaten für Seine Majestät und 600.000 Cruzaden für die geistlichen Minister so weit beschwichtigt werden konnte, daß er ihnen päpstlichen Ablaß und somit Erhaltung des Lebens bewirkte. Nicht immer duldete die Inquisition so viel Erbarmen. In den meisten Fällen galt es ja als selbstverständlich, daß man die Güter jener, die dem Autodafe nicht entgingen einfach konfiszierte. * -j Der blinde D ü h r i n g und der taube T r e i t s c h k e gehörten zweifellos zu den hervorragendsten Nährvätern des Antisemitismus in Deutschland. Dühring schwur, man sehe nichts Gutes bei den Juden und Treitschke versicherte, man h ö r e nichts Gutes von den Juden. Gegenüber all den grauenhaften Beschuldigungen, die man im Mittelalter gegen die Juden erhob, um den Vorwand zu ihrer Verfolgung zu haben, hätten sie sich nur mit Einem wirksam verteidigen können: mit einer furchtbaren Anklage gegen ihre Peiniger. Aber freilich hätte das zur Voraussetzung haben müssen, daß man im Mittelalter auch nur eine Ahnung von Gerechtigkeit gegen Juden gehabt hätte; * Der alte jüdische Friedhof von Mantua wurde auf Anstiften der Geistlichkeit weggenommen und die Gebeine der Toten wurden aus den Gräbern geworfen. Aber wäre es nicht ungerecht von Menschen, die keine Menschlichkeit für Lebende hatten, Pietät für Tote zu fordern? * Wird unter den Andersgläubigen einer Herr über die Vorurteile gegen die Juden, dann muß er gefaßt darauf sein, J u d e n k n e c h t geschimpft zu werden. Moses — so rühmt, die Bibel von 'ihm — war der b es c h e i d e n s t e aller Menschen. Sehr begreiflich. Denn kein Mensch hatte noch wie Moses die Größe Gottes erkannt. Im Jahre 1H(L' sigte in der Budeii'schon Kammer der Präsident des Ministeriums des Innern (ieheitner Rat Laney, es seien zwei Hauptgründe gegen die Km a n z i p a t i o n d e r .1 u d e n vorgeb-racht worden. Die einen behaupten: „Die Israeliten sind nicht reif dazu." Die anderen: „Die Christen sind nicht reif dazu." Der Minister begnügte sich damit, die letztere Behauptung zu widerlegen. Kr meinte: „Die christliche Becölkemng müsse reif dazu sein, denn es ist ein bloße r A k t d e r (J e r e c h t i g k e i t." Von diesem Minister, der vor tiü Jahren im Amte war, könnte vielleicht mancher jetzt lebende Minister lernen, der mit der Unreife der -Bevölkerung jede — Ungerechtigkeit, j.ede. llcvv a 111 a t gegen Juden gerechtfertigt f i n d e f. Kin christlicher Historiker, Salvador war es, der den Satz niederschrieb: «„Seit 1800 Jahren erleiden die Juden die — Kreuzigung!" Selbst ein,, Gott der Rache" hätte nach so vielen Jahrhunderlen den Juden der Gegenwart verzeihen dürfen, was sie — nicht verübt haben. •Y- Der große Dichter Ibsen nannte un einem Briefe an Brandes vom 1. Februar 1871) die Juden „den Adel des Menschengeschlechtes"'. Einem echten Antisemiten gilt aber das Zeugnis jedes versoffenen Zeitungshetzers höher als das Urteil eines Ibsen! , Als beim ersten Kreuzzug die Kreuzfahrer Jerusalem eroberten, feierten sie dieses Ereignis zunächst dadurch, da Ii sie die Juden in eine Synagoge sperrten und diese in Brand setzten. G l ü h e n d e r konnten sie wohl nicht das auch auf den Feind ausgedehnte Gebot der Nächstenliebe (dessen Fehlen im Alten Testament den Juden immer vorgeworfen wird) betätigen. Was hat man nicht alles entdeckt, um die Juden geringschätzen zu dürfen. Selbst ihr Glaube an einen Gott sollte als Beweis für die Enge und Dürftigkeit ihres Geistes gelten! Als ob Vielgötterei es wäre, die viel Geist und Denkfähigkeit voraussetzte! Der Glaube an Wunder soll schwer sein? Ja, gibt es denn überhaupt in dieser Welt anderes als — Wunder? Nie wieder , Krie g! Der erste Weibgeborene hat den zweiten gemordet: der Bruder den Bruder. Und seither hat sich die Menschheit hübsch weiter in dieser Richtung enfwickelt, denn ist der Krieg etwas anderes als Mord von Brüdern an Brüdern? Wir sind noch immer in der Kai n -Periode d e r M e n s c h h e i t. die nach der Verheißung des Gottes Israels, erst durch das Erscheinen des Messias ein Ende finden wird. Maleachi. Das erste zionistische öffentliche Gebäude in Jerusalem. Das Preßbureau der zionistischen Leitung in Palästina veröffentlicht folgende Kundmachung: Das hebräische Gymnasium in Jerusalem, das im Jahre 1909 gegründet wurde und sich seither in steter Entwicklung befindet, entbehrt eines seiner Bedeutung entsprechenden Schulhauses. Die zionistische Leitung hat nun beschlossen, -den zum Bau notwendigen Betrag zu bewilligen. Der jüdische Nationalfonds hat einen sehr schönen Bauplatz kostenlos zur Verfügung gestellt. Somit ist diese wichtige Frage nahe ihrer Lösung und das hebräische Gymnasium in Jerusalem wird das erste zionistische Gebäude in der Hauptstadt Palästinas sein. Soweit die offizielle Kundmachung. Da wir erst jüngstens von der öffentlichen Sabbatentweihung, begangen von Lehrern ufnl Schülern des hebräischen Gymnasiums in'Jerusalem, gelesen haben, da der Geist, in welchem diese Schule geleitet wird, sattsam bekannt ist, kann man jetzt gespannt sein auf die zu erwartende Kundgebung des Misrachi und des Oberrabbiners Kuck. Wird sie ein flammender Protest sein gegen eine derartige Verwendung der jüdischen Nationalfondsgelder, für die die Misrachim und Oberrabbiner Kuck so eifrig werben, oder ein Jubelruf für den Eifer, den .Geist der Wiederbelebung in der Hauptstadt Jerusalem würdig zum Ausdruck zu bringen. Man kann bei ihnen, wo Zionismus plus Religion verkündet wird, nie sicher wissen, welcher der beiden Komponenten den Sieg davon tragen wird. Rabbi Kuck im Kampfe gegen Rechts. Das I. C. B. meldet aus Jerusalem, daß Oberrabbiner Kuck über die annonymen Verfasser einer Broschüre, welche die »Freigeisterei" beweisen sollte, der er angeblich huldigt, den Bann verhängt hat. Gleichzeitig rief er auch die Hilfe der Regierung an, die nach einigem Zögern die Fortsetzung des Druckes verbot." Als unverbesserlicher Agudist pflege ich Meldungen aus zionistischer Quelle nicht ohne den Gedanken zu lesen, welche Absicht eigentlich der obgenannten Korrespondenz bei Verbreitung von Nachrichten vorschweben mag und nie ohne den Nebengedanken, was unsere thoratreuen Brüder im Misrachi sagen würden, falls Agudisten eine ähnliche Tat vollbrachten. Ich verschweige diesmal meine Gedanken, nur meine Nebengedanken mögen hier Ausdruck finden. Ich denke mir so nebenbei, was für ein Geschrei von Chilul Haschern von Intoleranz seitens gewisser thoratreuer Kreise ertönen würde, von den anderen gar. nicht zu reden, falls nicht der wundersame Rabbi Kuck, sondern der zelotische Agudist Rabbi Sonnenfeld Polizei und Bann in Anspruch nehmen würde. Was für Gezeter aber dann entstehen würde, falls Oberrabbiner Kuck solche Mittel ausnahmsweise einmal gegen die Frevler von Links gebrauchen würde, daran — daran kann man einstweilen noch gar nicht denken. Infolge der in den letzten Tagen wieder ganz ungeheuer gestiegerien Herstellungskosten der „Jüdischen Presse" sehen wir uns genötigt, die Bezugsgebühr für Oesterreich vom 1. August an auf K 8000 ganzjährig hinaufzusetzen. Diese Erhöhung ist im Vergleich zu den tatsächlichen Mehrkosten überaus bescheiden' — und bleibt ganz offensichtlich weit hinter dem Ausmaß der sonstigen Freiserhöhungen im Handel und Industrie zurück. Ä Die Administration. Dcuf$cDo$lerrcicb. Beendigung der heurigen „Kurfürsorge" der Aguda. Die „Soziale Fürsorge der Aguda Wien" beendet mit 1. August programmgemäß ihre Kurfürsorgeaktion. Ihre Arbeit war nicht nach der leider allseits üblich gewordenen Art, viele Tausende mit geringen Beträgen zu unterstützen, sondern sie war darauf bedacht, eine intensive, somit weniger auf die breite Masse gerichtete Hilfstätigkeit zu entfalten und hat die stattliche Summe von zehn \ M i 11 i o n e n Kronen verausgabt. Die einzelnen Fälle wurden genau ärztlich'und sozial recherchiert und es sind bereits durch die Aerzte der „Sozialen Fürsorge" einige von den Kurorten zurückgekehrte Rekonvaleszente untersucht urtd erfreuliche Erfolge konstatiert worden. Förderung des Aguda-Waisenhauses in Baden. Der Vorstand der altberühmten israelitischen Kultusgemeinde in Przemysl hat beschlossen, für das Aguda-Waisenhaus in Baden eine Subvention von pol. Mk. 20.000 zu bewilligen. Nebst der materiellen Bedeutung dieser Subvention, ist der moralische Wert dieses Beschlusses hervorzuheben. Hoffentlich wird Przemysl beispielgebend sein für die übrigen Kultusgemeinden, die durch solche Subvention den Fortbestand einer Institution ermöglichen, welche Kriegs- und Pogromwaisen vom Verderben rettet und sie zu guten Juden und nützlichen Menschen erzieht. Erste Jahrzeitabhaltnng im Aguda-Waisenhause Baden. Am 29. Tamus wurde die Jahrzeit des verstorbenen Rabbi Moische Thumim s. 1., Sohn des allbekannten Gaon Chessed Leawroham s. 1. und Bruder des Präses vom Kriegswaisenfonds der Aguda, Herrn J. J. Thumim n. j\, feierlichst abgehalten. Seine Frau hatte,. wie seinerzeit berichtet, das erste „Keren Kajemes" für den „Eisernen Fond" des Badener Kriegswaisenhauses, mit dem Betrage von K 200.000 gestiftet. Alle Waisenknaben versammelten sich des abends irrf Lehrsaale des Hauses, drei Knaben trugen einen Perek Mischnajos vor, worauf eines von den älteren Kindern den Kadisch sagte. Es ist gewiß für die Neschamoh ein besonderes Verdienst, wenn solch unschuldige Waisenkinder für sie eine Mischne lernen und möge es vielen zum Beispiel dienen, für ihre Eltern und Verwandten im Badener Aguda-Waisenhause ein Keren Kajemes zu machen. Geregelte wirtschaftliche Verhältnisse müssen eintreten, wenn Staat und Volk in einigem Zusammenwirken den Wiederaufbau stützen. Die Geldentwertung anfzuhalten ist unser nächstes Ziel. Schon arbeiten berufene Stellen an der Stabilisierung der Währung, die nicht ohne Einführung von Sparmaßnahmen durchzuführen ist. Sparen ist die gemeinsame Losung aller Oesterreicher. Und wer hier dem Staate in seiner Bedrängnis die Treue halten will, muß neue Schatzscheine der Emmiasion 1922 erwerben, die bei ungekündigtem Jahresbesitz 7*4 Prozent an Zinsen tragen. Alles Nähere über Rentabilität und Sicherheit geben das Postsparkassenamt, die Banken und Sparkassen bereitwilligst bekannt. DetmcDfand. Der bayrische Staatszuschuß für den jüdischen Gemeindeverband. Der Staatszuschuß für den Verband bayerischer Gemeinden ist vom Landtag auf Mk. 300.00 festgesetzt worden. Der demokratische Antrag auf Erhöhung fand keine Annahme, nachdem der Kultusminister ausgeführt hatte, daß die jüdischen Kultusgemeinden leistungsfähig genug seien, um ihre Bedürfnisse selbständig zu decken. Polen. Vereinigung orthodox-jüdischer Arbeiter und Angestellten. Die vor kurzem gegründete neue Organisation „Poale Emune Isroel", die den Zweck hat, die thoratreuen Arbeiter- und Angestelltenkreise zur Pflege ihrer■ spezifisch-jüdischen Interessen zusammenzuschließen, erfreut sich bereits einer guten Entwicklung. Man hat Kurse sowohl in den religiösen Unterrichtsfächern, als auch in polnisch Lesen und Schreiben, Rechnen und sonstigen Elementarfächern eingerichtet. Für die älteren Arbeiter sollen Vorlesungen, Leibibliotheken Schiurim, sowie Aussprache-Abende eingerichtet werden. Der Zugehörigkeit der Arbeiter zu ihren professionellen Verbänden zwecks Wahrung ihrer Standesinteressen, will der neue Verband keine Schwierigkeiten bereiten. Karaiten in Wilna. Die Karaiten in Wilna wandten sich an die polnische Regierung mit der Bitte, die Organisation einer Karaiten-Gemeinde im Wilna-Gebiet zu legalisieren. Die „Miesiwta" in Warschau. Der Krieg und die Folgen des Krieges haben bekanntlich in Pojen nicht nur das ökonomische Leben vom Grund auf geändert, sondern auch in der religiösen Betätigung und in den geistigen Beziehungen der polnischen Juden tiefgreifende Wandlungen verursacht. Das TELEPHON 40.324 EN GROS^s EN DETAIL INDUSTRIE WIEM, IL, TflBORSTRflSSE 39 (HOTEL BAYRISCHER HUF) gj*o«äk axjäwahiv iiv j^ivrciivE: idj&riv FERTIG und ISC^VOH JVtÄ«» »