Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 8 (1922)
- Issue
- 27 (28.7.1922)
- Date
- 1922-07-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 170 JÜDISCHE PRESSE Nr. 27 orthodox gesinnte Bevölkerung der judischen Gemeinden des Burgenlandes voll Vertrauen an die Staatsregierung gewandt mit der Bitte, ihr die Möglichkeit 7ä\ geben, das, religiöse Gemeinschaftsleben in der unbedingten Klarheit fortzuführen, welche die alte Zeit auszeichnete. In konkreter Form bedeutet dieser Antrag, die Zusammenfassung der orthodox gerichteten Gemeinden zu einer orthodoxen Landeskanzlei zu gestatten. Wie wir erfahren, steht dieser Antrag unmittelbar vor seiner Genehmigung, nachdem alle Faktoren des Staatslebens die wohlwollendste Berücksichtigung zugesagt haben und nun ist wieder einmal das Burgenland vorbildlich führend für Wien geworden. Die Sammlung. Bisheriges Ergebnis: 990 Millionen Kronen. Diese Woche ist die Sammlung der Agudas Jisroel nahe an die Milliarde herangekommen. Die Sammlung wird in allen Ländern ungeschwächt fortgesetzt. Die Linderung der Not erfordert immer größere Beträge. Wir bitten alle diejenigen, die etwas erübrigen können, nicht zu .vergessen, daß Hunderttausenden nach Möglichkeit geholfen werden soll und ein Lebensmittelpaket 10 Dollar, das heißt 350.000 Kronen kostet und daß damit bloß einer Familie für die Dauer eines Monats geholfen werden kann. DieAguda-Landesorganisation in Po 1 en veröffentlicht einen neuen Aufruf, die Sammeltätigkeit fortzusetzen. Mehrere hundert der hervorragendsten Rabbis und Rabbiner in Polen geben eine Proklamation heraus, worin sie sämtlichen Juden des Landes es zur Pflicht machen, die Kosten des Lebensunterhaltes für die beiden Trauertage — 17. Tammus und 9.Aw — als Kopfsteuer zugunsten der Hungernden in Rußland zu widmen. Dieser Verpflichtung unterliegen alle Erwachsenen, ob Männer oder Frauen, sobald sie das achtzehnte Lebensjahr erreicht haben. Es ist zu hoffen, daß durch diase Steuer der Sammlung größere Beträge zufließen werden. Kaum hat der Völkerbund die völkerrechtliche Regelung der Palästina-Frage zu einem gewissen Abschluß gebracht und den Zionisteti nach Innen immerhin ein klein wenig Luft verschafft, da versuchen sie jedes friedliche Zusammenwirken der jüdischen Organisationen abermals durch Verbreitung falscher, jeder sachlichen Grundlage entbehrender Nachrichten unmöglich zu machen. Das Zeichen geben auch diesmal das J. G. B. und die „Wiener Morgenzeitung". Um jeder Legendenbildung vorzubeugen, geben wir im Folgenden das Communique wieder, das das Londoner Exekutiv-Bureau der Agudas Jisroel am 23. Juli der englischen Presse übermittelt hat: „Auf Anordnung des Zentral-Rates der jüdischen Weltorganisation ,Agudas Jisroel' wurde von deren Londoner Exekutiv-Bureau eine Delegation ernannt, um den Rat des Völkerbundes die Wünsche der Aguda hinsichtlich des Palästina-Mandates zu unterbreiten. Die Delegation bestand aus den Herren Rabbiner J. Horovicz (Jerusalem), Rabbiner Dr. P. Kohn (Wien),, Heinrich Eisemann (Rom) und H. A. Goodman, Ehrensekretär des Exekutiv-Bureaus in London. sam ihrer S'traße zogen. Da finden wir die Ahnfrau der> berühmten Eisenstädter Familie Wolf, die Tochter des Preßburger Vorstehers Samuel Berlin, der Frumet Frau Chaim halewi Wolf. Ihr Grabstein trägt die Inschrift: „Vor qhesem Stein vereinigen sich Arme und Dürftige zu einem Klagelied. Er deckt ihre Hilfe und Stütze. Diese Frau, die da im Schutthaufen liegt, wer könnte ihr Werk schildern? Und wollten wir es versuchen, ihre frommen Taten zu preisen, so steht uns hindernd ihr Verbot entgegen. Bevor sie starb, verbat sie sich ausdrücklich die Lobpreisungen. Wir aber möchten inniglich ihr gutes Angedenken erhalten, so haben wir wenigstens diese Worte eingesetzt." Sie muß in der Tat eine geistig hochbegabte Frau gewesen sein. Ihr auf Seite 254—262 mitgeteiltes Testament erinnert an die Glückel von Hameln. Nebst der Entzifferung und Deutung der Steine enthält das Werk viel Lesens- und Wissenswertes über die Entstehung und Entwicklung der Gemeinde, der Gasse, der Ghewra und Jeschiwa, über das Leben und Wirken derer, die unter diesen Steinen endlich Ruhe gefunden haben. Das Werk bildet eine sehr wertvolle Bereicherung der jüdischen Familienforschung. Für uns aber, beinhaltet die Familienforschung die Lehre, den in uns geweckten Ahnenstolz, dahin zu pflegen, uns unserer Ahnen wert zu machen, indem wir unseren Vorfahren in ihrem Leben und Werke nachahmen, ihren Geist aber in unsere Kinder weiter verpflanzen. Gr. Wenn sich erst einmal in irgend einem Land die Erkenntnis von der Wahrheit und Reinlichkeit des religiösen Gemeindelebens durchgesetzt hat, dann müßte allüberall der Versuch gemacht werden, kampflos, friedlich und schiedlich diese Möglichkeit zu erreichen und dann ist vielleicht die orthodoxe Landeskanzlei des Burgenlandes das Ferment, aus dem heraust sich die Genesung auch der Wiener Verhältnisse entwickelt. Das dürfte aber dem gesamten Judentum zum Heile und Segen gereichen und man wird stets dankerfüllt der Regierung gedenken, die in einem Akt weitschauender Weisheit diesen Weg erschlossen hatte. P. K. Die Sammlung in Polen hat bereits 175 Millionen ergeben. Gedenket der Hungernden und sammelt!;!; Spendenausweis für jüdische Hungernde in Rußland. (Fortsetzung.) Philipp Ernst (Budapest) K 10.000'—, Jacob ötraim K 500-—, N. N. durch Samuel Stern pol. Mk. 1.040—, Sammlung Eduard Schlesinger und David Löw-Beer, Velke Tapolcany d. Jugendgruppe, Wien cK 600 —, Lappin und Hurwitz (Jaffa) £ 15/7/6, Sammlung Aba Goldfeld (Osias Gnesin K 2000—, H. B. Kunes K 500—, M. Rojak K 400-—, Rib Herschali, David Mayer Willner ä K 200*—, Leblang, N. N. a K 100 —) K 3.500-—; Direktor David Schlesinger Dollar 10-—, Metall u. Erz G. A. N. N. Schlesinger Dollar 40-—, N. Rosenfeld (Warschau) cK 100 —," Rabbiner H. L. Rosen - zweig (Pilawa) durch N. Rosenfeld (Warschau) cK 200"—, Alfred Meissner K 80.000-—, N. N. durch Fischhof K 10.000-—, A. S. in B. d. Dr. Pollak ung. K 4000-—, Zimmentstark Emil IC 2 000-—, Gruppenverband der Agudas Jisroel in Deutschland (Halberstadt) Mk. 23(i.OOO-—, Dollar 250—, franz. Frcs. 250-—; Agudas Jisroel (Jerusalem) zweite Sammlung £ 65/—/—, Sammlung Kaffee Rappaport, Franz Josefs-Kai, durch Josef Brody K 7.000-—, Adas Jisroel (Spenden in der Synagoge K 177.713-—, K. Deutsch K 5.000-—, Philipp Mayer Dollar 10 —) K 182.713'—, Dollar 10 —; Jüdische Gemeinde (Nagyvarad) K 1,693.600-—, Boris Kaminka (Paris) K 100.000—, S. Gottheit" (Kristiania) .Mk. 1.0P0 —, S. Komet K 20-000. Zusammen: K 2,059.313-—, Mk. 32.000-—, poln. Mk. 1.040-—, cK 900 —; ung. K 4.000-—, franz. Frcs. 250-—, Pfund Sterling 70/7/6, Dollar 310-—. Kinder für Kinder. Felix Bondi K 710 —. Berichtigung. Im Ausweis der letzten Nummer soll es richtig heißen: Agudas Jisroel (Jerusalem) £ 90/—/—. Die Delegation hatte Gelegenheit, ihre Anträge mit den italienischen, japanischen und anderen Vertretern der den Rat des Völkerbundes bildenden Mächte zu besprechen; auch die Gesandten mehrerer Oststaaten in London sowie insbesondere der Leiter der Mandat-Section des Völkerbundes, Prof. Rappart, wurden über die V^ünsche der Aguda unterrichtet. Es darf ausgesprochen werden, daß diese Wünsche auf allen Seiten Sympathie'und Verständnis fanden. Dem Sekretariat und den Mitgliedern des Völkerbundrates wurde ein Memorandum überreicht, in dem die historischen Ansprüche der orthodoxen Judenheit auf Teilnahme an dem Werke des Wiederaufbaues Palästinas klargelegt und die Entwicklung der, Agudas Jisroel sowie die Gründe, welche die Orthodoxie zur Aufrechterhaltung ihrer organisatorischen Unabhängigkeit zwingen, dargelegt. Auf Grund der historischen Verknüpfung der orthodoxen Judenheit mit Palästina wird der Antrag gestellt, daß der Rat des Völkerbundes es als ratsam anerkennen möge, allen an dem Wiederaufbau Palästinas als jüdisch-nationales Heim interessierten jüdischen Weltorganisationen entsprechende Vertretung in der Jewish Agency zu gewähren, insbesondere der in der Agudas Jisroel organisierten orthodoxen Judenheit der Welt. Der Entwurf für einen neuen Text vom § 4 des Mandates, der diese Redingungen formuliert, wurde dem Rate unterbreitet. In einer Sitzung, welche diev Delegation am 19. Juli in St. James Palace abhielt, wurde alsdann naoh sorgfältiger Erwägung einstimmig beschlossen, dem Sekretariat des Völkerbundes eine ergänzende Mitteilung zu übermitteln. Es wird darin angeführt* daß die Aguda unter Aufrechterhaltung ihres Standpunktes, wonach die Gewährung eines Monopols auf die Jewish Agency für irgendeine einzelne Partei ungerecht sei, dennoch angesichts der kritischen aktuellen Lage der Verhandlungen im Völkerbundrat, die eine einheitliche jüdische Front erfordern, für den Augenblick nicht auf einer Aenderung des gegenwärtigen Mandat-Textes besteht, sondern vielmehr die sofortige Ratifikation des vorliegenden Entwurfes wünscht. Zum Schutze der Rechte der Orthodoxie wird jedoch ersucht, daß der Völkerbund-Rat eine autoritative Erklärung abgebe, des Inhaltes, daß frühmöglichst die Gelegenheit ergriffen werde, die jüdische Agentur so zu rekonstruieren, daß sie auch Vertreter der unabhängig organisierten, orthodoxen Judenheit und anderer großer jüdischer Weltorganisationen, die historisch an dem Werke des Wiederaufbaues eines jüdisch-nationalen Heimes in Palästina interessiert sind, umfasse. Auf Ersuchen von Lord Balfour, des britischen Vertreters im Völkerbundrat wurde diesem ein Memorandum überdie Wünsche der Aguda eingehändigt." ■ ■ Grand Sanatorium (Ua$$erbeilan$talt Bratislava (PrtPurg) Erst8tlsissi$6 Universalheilanstali für Nerven* und innere Krankheiten i Ahteilungen für Chirurgie, Gynäkologie Geburtshilfe, Orthopädie, Urologie, Augen-, Ohren-, Kehlkopf- und Nasenkfankheiten. Täglicher Pauschalpreis von ÖK 83 aufwärts Freie Ärztewahl Wasserkuren, Freiluft und Sonnenkuren auch für Auswärtige Streng rituelle Küche unter Aufsicht des Preßburger Oberrabhinates M i Die Londoner „Times" vom 19. Juli veröffentlichte über die Forderungen der Aguda folgende Mitteilungen aus dem Bureau des Völkerbundes: Eine geschlossene Sitzung des Völkerbundrates soll heute vormittag stattfinden. Es wurde gestern nicht angekündigt, ob das Palästina-Mandat heute zur Diskussion kommen werde, aber es wird allgemein angenommen, daß es behandelt wird. Die Aussichten eines glätten Durchgehens des Mandates haben sich beträchtlich verbessert. Es wird berichtet, daß der Marquise Imperiali, der italienische Vertreter im Rate gestern eine Aussprache mit Kardinal Bourne hatte. Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Opposition des Vatikans gegen den umgearbeiteten Artikel 14 des Mandates nicht aufrecht erhalten werden wird, da nun entschieden worden ist, daß der. christliche Vertreterin der Kommission durch die Ueberwachung der heiligen Stätte römisch-katholisch sein soll. Die Dauer der Kommission wird unbeschränkt sein und es wird erwartet, daß dank der vielen und komplizierten Fragen, die sie beschäftigen werden, ihre Arbeiten jahrelang dauern wird. § 4 des Mandat-Entwurfes für Palästina bestimmt, daß die zionistische Organisation als die jüdische Agentur für Palästina anerkannt werden soll. Die „Agudas Jisroel", die internationale Organisation der orthodoxen Judenheit weist darauf hin, daß die zionistische Organisation nur einen Teil des jüdischen Volkes repräsentiere. Die jüdische Agentur sollte daher aus Vertretern aller jüdischer Weltorganisationen gebildet werden, die an dem Aufbau Palästinas interessiert sind. Die „Agudas Jisroel", von der gestern mehrere Vertreter in St. James-Palace anwesend waren, begünstigt die Ratifikation des Palästina- Mandates, aber sie wünscht, daß vom Völkerbund eine Erklärung abgegeben werden sollte, dahingehend, daß die orhodoxe Judenheit die Gelegenheit haben soll, auf legalem und öffentlich-rechtlich anerkanntem Wege in voller Gleichberechtigung mit anderen Organisationen an dem Werke des Wiederaufbaues Palästinas teilzunehmen. Jüdische Gedanken. v. In der Hagadah von Pesach wird jedem Juden gesagt, er müsse denken, daß auch er in Aegypten gewesen. Es gehörte aber wirklich nicht viel Phantasie dazu, daß sich Jahrhunderte hindurch die Juden sogar denken konnten: sie befänden sich wieder in Aegypten. * Wahre Reue birgt schon die härteste Buße in sich selbst. * Im englischen Unterhause wurde vor einem halben Jahrhundert etwa nachdem ein Antrag, die Frauen gegen rohe Behandlung ihrer Männer zu schützen, gefallen war. von dem Antragsteller der Vorschlag gemacht: die Frauen sind zumindest unter das Tier Schutzgesetz zu stellen. In manchem europäischen Lande haben in unseren Tagen Juden als Opfer grausamen Judenhasses Mißhandlungen erlitten, welche ungeahndet nur an Menschen, nicht an Tieren verübt werden durften. * Fast von jedem Antisemiten konnte man hören: „Ich kenne brave Juden, aber die meisten sind usw." Aber kein Jude ist in der Lage, zu sagen: „Ich kenne auch brave Juden- Ii a s s e r!" * * „Die Jüden kennen nur einen Gott der Rache." Man kann diese Behauptung immer wieder lesen, denn Tausende Ignoranten und Tausende Lügner schreiben sie einer dem anderen nach. Und die Juden beten weiter ruhig zu ihrem Gotte, der sich ihrer „wie ein Vater seiner Kinder erbarmt". * Der große jüdische Gelehrte und Staatsmann Abarbanel schreibt (in seinem Kommentar zum I. B. Samuel): „Ein unbeschränkter König ist dem Volke durchaus nicht nützlich. Nichts ist im Gegenteil gefährlicher als wenn ein Mann ungestraft alles tun kann. Ist es nicht wahrscheinlich, daß ein Einzelner, von Zorn, Unwissenheit und anderen Leidenschaften hingerissen, viel leichter in Pflichtvergessenheit fallen kann als eine Versammlung von Männern, die sich gegenseitig auf dem Wege der Tugend erhalten?" Wo ist der moderne Staatsmann, der weisere politische Grundsätze vertritt als dieser Rabbi, der im 15. Jahrhundert solche Ansichten über die Königsmacht äußerte V Für die Opfer der Hungerkatastrophe in Bußland. Die neue Hetzkampagne. $