Mannheim
Compact Memory

Jüdische Presse · 1922-07-28 · 27 (28.7.1922) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Presse
Volume
8 (1922)
Issue
27 (28.7.1922)
Date
1922-07-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2629891-2629953-2629980--0670-2632330
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

JÜDISCHE U V. b. b. („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FOR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion and Administration: Wien, II., Obere Donanstr. 91. - Telephon 48.142. Tschechoslowakei: Bratislava, Postfach 140.v Erscheint jeden Freitag. — Bedaktionsschlnß: Für Artikol Sonntag, für Nachrichten Montag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Österreich K4000, Ungarn K 350«—, Tschechoslowakei Kö. 70'—, Deutschland Mk.150«—, Schweiz Frcs. 10*—. Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 70 Lei, Jugoslawien 70 Dinar, Polen Mk. 1500'—. Einzelnummer d.-ö. K 80 —, Kö. 1*50. Zahlungen für Oesterreich: Postaparkassenamt Wien, Konto Nr. 13.468; für Polen: Postsparkaasenamt Warschau, Konto Nr. 190.409; für Ungarn: Postsparkassenamt Budapest, Konto Nr. 50.170; für Tschechoslowakei: Postsparkassenamt Prag, Konto Nr. 53.386; für Jugoslawien: Postsparkassenamt Agram, Konto Nr. 40.217; für Rumänien: Banca Marmarosch Blanc * Co. für Josef Florenz h Co., Bukarest. Mr. 27 i Wien-Bratislava, 28. Juli 1922 »sann j rwDDjnö - m rrpa | 8. Jahrg. Jewish Ägency und Agndas Jisroel. Mit allen jüdischen Parteien hofft ..Agudas Jisroel"', daß in diesem..Augenblick der Völkerbund-] i'at trotz der zwischen Frankreich und England noch immer vorhandenen Schwierigkeiten das Palästina-Mandat endgültig in Engtands Hände gelegt haben und damit einem politischen Schwebezustand ein Ende bereitet haben wird, der sich'als Nährboden der gefährlichsten Beunruhigung im Lande selbst erwiesen hat und unmöglich länger andauern kann. Die politischen Delegierten der , .Agudas Jisroel" deren Aufgabe es in den letzten «»Wochen war. beim Völker b u n d e in G enf und in London wie bei den einzelnen Mächten die bekannte Forderungauf Umbildung der Jewish A g e n c y erneut zu vertreten, haben bis in die letzten Tage hinein, .ihrer Instruktion gemäß, kernen Zweifel darüber gelassen, daß sie j e d e n A u f s c h u b der Mandatbestätigung', selbst wenn er der sofortigen Durchsetzung ihrer Forderungen günstig wäre, für verhängnisvoll halten und ihn aus höheren Erwägungen venverfen. Auf Grund der geführten mündlichen Verhandlungen ist den im Rate vertretenen Mächten in präziser Formulierung der Antrag überreicht worden, die Jewish Agency aus V e r t r e t e r n aller a n d e m A u f bau V a 1 ä s t i n a s interessierten und z u r Mitarbeit gewillten jüdisch e.n We Itorganisat i o n e n zusammenzusetzen. Die innere Gerechtigkeit dieser Forderung, die das zionistische Monopol als schwere Kränkung des historischen Judentums und als ebenso schwere Gefährdung des wirklichen Aufbaus grundsätzlich bekämpft, ist von den meisten Mächten a n e r k a n n t worden. Man darf heute schon aussprechen, .daß die Gerechtigkeit aufdem Mar sc beistund d i e v o m Zionismus j a h r e 1 a n g w e i d 1 i c h a u sgebeutete "Anonymität des geschichtlichen, ort h od oxen Jude ntums auch in der Weltpolitik allmählich der richtigen Erkenntnis von der w a h r e n Struktur der Jiidenheit, der Erkenntnis vom wirk- 1 i c h e n C h a r a k t e r d e s j ü d i s c h e n Volkes Platz machen wird. Indessen: gut Ding will Weile haben. Die Leitung der .,Agudas Jisroel" hat sich niemals einem Zweifel darüber hingegeben, daß es angesichts der heute noch recht weitgehenden Bindung der englischen Regierung an die zionistische Partei schwer möglich sein werde, gerade in der Agency-Frage eine Zurückweisung der zionistischen Monopolgeliiste heute bereits durchzusetzen. Je mehr das Colonial-Office sich genötigt sah, in der ä u ß e r e n Palästinapolitik (gegenüber Arabern und Vatikan) die Zionisten zu demütigen und zu enttäuschen, desto mehr mußte England daran gelegen sein, das zionistische Prestige wenigstens nach innen, den Jude n gegenüber, unangetastet zu lassen. So wird das Mandat wohl zunächst ohne Aenderung des anstößigen § 4 Rechtskraft erlangen und es wird weker eine der wichtigsten Aufgaben der organisierten Orthodoxie bleiben, f ü r i h r R e cht a u f E r e z Jisroel d a s R e c h t d e r j ü d i s c h e n G e s a m t h e i t, vor den Völkern der Welt den Kampf zu führen. Je mehr ..Agudas Jisroel" dabei ihrem positiven Erez Jisroel-Programm getreu bleibt, ohne Verärgerung pund ohne Schwäche ihre P o s i t i on e n i n E r e z .Jisroel mit dem Einsatz aller Kräfte im Geiste der ewigen Mizwas jischuw Erez Jisroel geduldig zu stärken sucht, desto sicherer wird es ihr gelingen, die verhängnisvolle politische und geistige Herrschaft des z i o n is t i s c h e n Wahns nach i n n e n und sein Monopol n a c h a u ß e n zu brechen und auch die misrachistischen Brüder eines Tages zu der Erkenntnis zu bringen, daß man das große alfbeherrschenden Thoraideal des jüdischen Volkes * nicht in dem Winkel einer Parteifraktion lebendig erhalten kann. ■ Der Zentralrat der „Agudas Jisroel" wird wohl nicht säumen, nach völliger Klärung der politischen Situation seine Stellungnahme zu der nun beginnenden neuen Aera der Erez Jisroel-Politik m ebenso klarer programmatischer Entschiedenheit wie bisher, zu verkünden. Ein Akt der Staats Weisheit! Die Angliederung des Burgenlandes an den österreichischen Bundesstaat hat speziell in der Wiener Judenheit gewaltige historische Erinnerungen ausgelöst. Als noch im 19. Jahrhundert die Juden in Wien kein Recht hatten, eine eigene jüdische Gemeinde zu begründen/ da waren es die benachbarten Gemeinden des Burgenlandes, die dem religiösen Wollen der in Wien wohnhaften Juden eihe Heimstätte boten. Eine gewisse Entfremdung mußte jedoch Platz greifen, als eigentlich Sofort nach der-legttimen- Gründung einer Kultusgemeinde in Wien diese im Bezug auf die Betätigung des religiösen Wollens, in Kezug auf die Erfüllung "der Gesamtheitsaufgaben einer Gemeinde ganz andere Bahnen zogen. So wurde sehr rasch den Juden der „sieben Gemeinden" Wien ein fremdes Ding und erst nach der Gründung der Schiffschul ergaben sich wieder neue Zusammenhänge, die allerdings das frühere Zusammenarbeiten nach Lage der Dinge kaum ermöglichen konnten. Angesichts der neuen politischen Gestaltung der Verhältnisse stand der österreichische Staat vor einem neuen Problem, das allerdings neben den anderen politischen Fragen allergrößter Tragweite geringfügig erscheint, das aber in moralischer Bedeutung von keinem anderen übertroffen wird und dessen Lösung als Akt außerordentlicher Staatsweisheit betrachtet werden muß. Es lag die Gefahr nahe, daß das österreichische Judengesetz vom Jahre 1893-ohne weiteres auf den neuen Bundesstaat übertragen werde, namentlich da durch den Wegfall Oedenburgs die übrigen Gemeinden ein einheitliches Gebilde darstellen. Es ließe sich nicht leugnen, daß dieser Schritt verwaltungsmäßig den Vorzug der Vereinfachung gehabt hätte, allein, abgesehen von dem feierlichen und ernsten Willen Oesterreichs, die inneren Verhältnisse des neuen Staatsgliedes möglichst eng im Anschluß an die überkommenen Zustände zu regeln, hatte sich die Der alte jüdische Friedhof in Eisenstadt.* Eisenstadt weckt historische Erinnerungen. Unter den „schewa Khilos", den sieben Judengemeinden, denen die Fürsten Eszterhazy Schutz verliehen, galt Eisenstadt als die größte und einflußreichste. In den ärmlichen, ebenerdigen, gewölbten Häusern der Judengasse lebten und wirkten Koryphäen der Thora, Träger der jüdischen Kultur im 17. und 18. Jahrhundert, die ihrem Zeitalter moralische Kraft und Größe liehen. Da lebten redlich und kümmerlich Ahnen großer jüdischer Patrizierhäuser, deren genealogische Erforschung ein Gewimi für die heutige Generation wäre. Die winklige Eisenstädter Judengasse, mit ihrer legendärumflossenen Geschichte, die bis ins 14. «Jahrhundert hinaufreicht, bildete zu Zeiten die jüdische Metropole und ist für den sehnsuchtsvoll Zurückschauenden weit mehr, als eine interessante topographische Lokalität. Eisenstadt ist eine in der jüdischen Seele tief verankerte Kulturstätte, und deren Erforschung ein sittliches Gebot. Es ist daher auf das freudigste zu begrüßen, daß, dank der unermüdlichen Arbeit Sandor Wolf und Dr. Bernh. * '„Die Grabschriften des alten Judenfriedhofes in Eiseustadt", bearbeitet von Dr. Bernh. Wachstein aus einer Studie: »Die Entwicklung des jüdischen Grabsteines und die des Eisenstädter Friedhofes, von Sandor Wolf aus' 77 Abbildungen. Wien 1922. Wachstein, der alte jüdische Friedhof in Eisenstadt der aufstrebenden jüdischen, Familienforschung erschlossen wurde. -Die verwitterten Steine des bis vor ungefähr vierzig Jahren, während zwei Jahrhunderte, in Benützung bestandenen Begräbnisortes, wissen viel zu erzählen und bilden geradezu eine Fundgrube für die Ahnenforschung, deren moralischer Wert nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Denn die Ahnenforschung ist ein Bollwerk gegen die leider um sich greifende Zersetzung und Fäulnis im Judentume und ein Mittel zur Selbstzucht. Sie hält den Geist der Ahnen in uns wach. An Hand des vorliegenden Werkes, in dem der Großteil der ungefähr 800 noch vorhandenen Grabdenkmäler konserviert ist, werden wir durch die Reihen der Gräber geführt. Wir lernen da gleichsam die Geschichte dieser hervorragenden Gemeinde kennen und gewinnen einen tiefen Einblick in das Seelenleben unserer Ahnen. Wir durchleben da den Kuruzzenaufstand 1704—1707, in welcher Zeit die kleine Judengemeinde nicht weniger als dreimal ausgeplündert und vertrieben wurde. Samson Wertheimer, Oberhof- und Kriegsfaktor des Kaisers Leopold I., gebührt das unsterbliche Verdienst, die Gemeinde wieder neu errichtet zu haben. Wir lernen ein Zeitalter kennen, in welchem Ehe und Vermehrung amtlich kontrolliert wird. Wir bewundern die überlegene Klugheit der „Schtadlanim8, die in Zeiten der Gefahr stets ihren Mann zu stellen wissen. Ein solcher war zum Beispiel Hirz Komen — ein Sohn des Koppel Komen Dayan in Wien — beim Fürsten hoch angesehen, wußte er seinen großen Einfluß dahin zu verwenden, seine Glaubensgenossen vor drohenden Gefahren zu schützen oder Leid und Schädigung zu mildern. Dies erzählt uns in schlichten Worten ein Grabstein aus dem Jahre 1679, der sich genau in der abgemessenen Mitte des Friedhofes erhebt. Wir lernen den Erzieher der damaligen Judenheit kennen, einen Mahram Asch, von dem sich jüdische Gemeinden in weiter Ferne Entscheidungen in ihren religiösen oder weltlicher! Streitfragen erbaten. Bezeichnend für die besondere Verehrung dieses ungewöhnlichen Mannes ist der Brauch, daß in Fällen, wo der Gemeinde Epidemien oder Elementarereignisse drohen, seine ' Grabstelle, die vier Ellen im Umkreise eingezäunt ist, von Betenden aufgesucht wird, die dem toten Rabbi die Stelle eines Fürsprechers beim Ewigen zuweisen. Der schmucklose Stein trägt die knappe Inschrift: „Hier ist geborgen der bedeutende Rabbiner R. Meier, Oberrabbiner der Gemeinde Eisenstadt und des Kreises. Er starb und wurde begraben am Sonntag, den 27. Siwan 584". Wir begegnen da den Ahnen der berühmten Familien Austerlitz, Güns-Schlesinger, Abkömmlinge des berühmten Frankfurter Oberrabbiners Abraham Brody, der von Wertheimstein, Spitzer, Pollak und vieler anderen, die als Exulanten des Wiener Ghetto über Nikolsburg zwischen 1671 — 1680 nach Eisenstadt kamen. Wir begegnen da den Ahnen weitverzweigter Adelsfamilien, deren Nachkommen dem Judentum den Rücken gekehrt haben, aber auch vom Schicksal Verlassenen, die unbeachtet und ein- Schiff' Pelzwarenhaus Engros und Erzeugung: I., Bauernmarkt 24 (Ecke Fleischmarkt) :-: Telephon 67-302 Detailverkaufs-Niederlage: I., Graben 28 Filiale: KarlsstoacV Alte Wiese. 9

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.