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Jüdische Presse · 1922-07-21 · 26 (21.7.1922) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Presse
Volume
8 (1922)
Issue
26 (21.7.1922)
Date
1922-07-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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« Seite in 6 JÜDISCHE PRESSE Nr. 20 Hunger! Wir fahren und der Hunger kommt uns entgegen. In Deptschland glauben wir während der letzten Kriegsjahre den Hunger kennen gelernt zu haben, aber nach hiesigen Begriffen war es noch immer Wohlleben. Hier spricht man vom Hunger erst dort, wo effektiv kein Brot mehr vorhanden ist, nicht einmal das halbe Pfund Brot, das als Existenzminimum gilt. Ein halbes russisches Pfund, das sind 200 Gramm. Man mag noch so viel von dem Hungerschrecken gelesen haben, klar macht man sich die Katastrophe in ihrer ganzen Furchtbarkeit doch erst, wenn man die ersten „ Hungernden * gesehen hat, diese jämmerlichen Skelette in sehmutzstarrenden Lumpen. Sie haben nichts weiter an als einen alten zerrissenen Pelz, der nachschleppt, und ihre Augen verschlangen das Brot, das sie in den Händen der Satten sehen. Aus dem Schmutz suchen sie jede einzelne Krume. Das Brot, das in den Hungergebieten gebacken wird, besteht ja selbst zum größten Teile aus Schmutz. Kartoffelschalen und Sonnenblumenkerne sind noch seine besten Bestandteile. Man schaudert, wenn man es sieht und kann sich nicht entschließen, es auch nur zu kosten. Und doch ist glücklich, wer auch nur ein solches Brot hat. Es geht einem durch und durch, wenn man sieht, wie zur Miftagsmahlzeit der Vater oder die Mutter das Brot unter die zahlreichen Kinder verteilt, in herzlich kleinen Portionen. Und diese machensich über die schmutzig-grauen Brocken her, die aussehen, wie aus Sand und Steinen zusammengebacken. Und ist das letzte Stückchen verzehrt, so wird sorgsam jede einzelne Krume zusammengekehrt und in den Mund gesteckt. Der Hunger ist über das Land gegangen wie ein gefräßiges ,Tier und hat es leer und kahl gefressen, als seien ungeheure Heuschreckenschwarme eingefallen. Die Felder sind ohne Halm, die Baume ohne Rinde, die Hauser ohne Dächer; längst wurde das letzte Strohdach an das Vieh verfüttert, in das Brot verbacken. Und wenn die letzten Surrogate verzehrt, Hunde, Katzen, Ratten und Mäuse lange nicht mehr genossene Leckerbissen geworden sind, dann beginnt jener Zustand, wo Menschen sinnlos schreiend hin und her laufen wie jenes Mädchen, das, ein halbnacktes, schmutzötarrendes Lumpenbündel, unseren Zug entlang" schlich, nur mehr ein einziges grauenhaftes Wimmern und kaum mehr fähig, die Brotreste anzunehmen, die man ihm reichte. Dann beginnt das zweite Stadium des Hungers, wo die dürren Leiber plötzlich aufzuschwellen anfangen, zuerst die Füße und Beine und dann der ganze Körper, bis schließlich das dritte Stadium einsetzt, in dem der Leib hart wie Leder wird und das mit.dein Tode endigt, Die Fälle von Kannibalismus und Leichenfraß hat man in Europa als etwas Ungeheuerliches empfunden. Hier ist das Ungeheuerliche, daß in den schlimmsten Hungergebieten derartige Fälle bereits das. Alltägliche sind. Eltern schlachten ihre Kinder, Kinder fressen ihre Eltern, der Bruder die Schwester. Ein häufig vorkommender Fall ist, daß sich der Vater auf die Reise nach dem Norden machte, um Brot herbeizuschaffen. Irgendwo am Wege verendet er. Inzwischen stirbt zu Hause die Mutter und die Kinder machen sich über die Leiche her. In einem Dorfe fand man einen Jungen tot vor der Leiche seines geschlachteten Bruders, das Messtfr in der Hand, Reste der schauerlichen Mahlzeit noch auf den Lippen. All das wird festgestellt, protokolliert, photographiert mit einer grauenerregenden Häufigkeit. In manchen Gegenden, so in den griechischen Kolonien am Schwarzen Meer, haben sich richtige Menschenfresserbanden gebildet, die auf das kostbare Wild Jagd machen, um es zu schlachten und zu fressen, während sich in den Leichenfraß die Hungernden mit den verwilderten Hunden teilen. Spendenausweis für jüdische Hung-ernde in Kußland. Sammlung durch Aba Goldfeld (Wilhelm Fiala K 3000, Sabarsky, Stein a 1000, David Feldschuh, Herz Perlmutter, David Traub, Heinrich Reichel ä 500, Krunauer 800, Naftalie Meiseis, Ebenstein ä 400, J. Segall, Goldeck, S. M. Ehrlich, Heinrich Reichel, Frl. Gisela Fiederer, Arnold Rubinslein ä 300, Max Balsam 340, *Simün Frankl 250, Herman Blumenstock, Fritz und Ida Brotbart, Pollak, Stefan Krall, Herman Feldschu, Theodor ftaschkus, Emil Rohs, Bernstein, Leo Papier ä 200, Elchonon Kalz 150, Chaim Meisl, Israel Schlosser, Schwebel, H. Hoft'enberg, Jakob Fuchs, Samuel Segall, Ester Goliger, Mechel, Brun, Nüssen Segall, Berl Low, Tauber ä 100, I. I. Kneller 70, Kersch Kanrier, Berisch;i 50, N. N. 20, Aron Mandl 200) 14.430, Josef Frankl durch A. Löwv 500, Gruppen verband der Agudas Jisroel in Deutschland (Halberstadt) Mk. 341.758, Dollar 360, Schweiz. Frcs. 120, franz. Frcs. 300, Agudas Jisroel. Jerusalem Landesorganisation der Agudas Jisroel für Ostgalizien (Lemberg) K 8,000.000, N. Sternbuch (St. Gallen) Dollar 10, Gh. I. Eiß (Zürich) 17, Sammlung Josef Engelsrath K 38.377, Dinar 31/.,, Lire 1, Mk. 20, Sammlung Fit. Thea Stern K 4570, Silber- Krone 1, Tcmpelverein XIII K 1000, Bethaus „Montefiore* 7120, Isaak Nußbaum (Halberstadt) Mk. 55.000, Schubes Schönfeld Dinar 2, Lazar Kern (Sauerbrunn) K 25.000, Sammlung durch Jlax Adler (Abraham Schreiber, Siegmund Schreiber ä 10.000, Ignaz Schwarz 3000, Sieginund Schreiber 2000) — 25.000, Sammlung durch Restaurateur Max Kokisch (Badgastein) (Spende \ 10.000, M. Kaufmann 3000, N. N., Karl Sulzbacher, N. N., N. N., Jacob Pfeffer (Chemnitz), L. Herzog (Chemnitz), M. L. ä 2000, T. D. H. W., Lolla Singer, Oskar Groß, N. N., Samuel Keller, N. W„ L. F., I. L. Kroofeld, Goldstein, Morer, Hermine Goldmann, N. N. ä 1000. B. S. 500. N. N. 300, Ergänz 200) j 41.000, Walter Joachim (Jokl) durch Franz Fischhof 10.000, Kinder für Kinder. Saly, Maly, Isidor Weinstein K 3000. Berichtigung. Im Spendenausweis der Nummer 25: statt Aguda-Ortsgruppe Wr.-Neustadt K 20.000, richtig K 200.000. Die Summierung richtig K 3,004.898. Mk. 43.330, Dollar 201, ßK 1000. — Kinder für Kinder: Moses und Lea Schreiber richtig je K 10.000 K 20.000. Zusammen K 8,100.9117, Mk. 396.778, Dollar 387, Pfund Sterling 90. Schw. Frcs. 120, Frz. Frcs. 300, Dinar 5501, Lire 1, Silber K 1. Sorget» d jedes ort! aß die „Jßdiscbe P h®doxeHau$Ein$a resse" in m findet iSi (tont läge* HS Zionismus der „Tat". Ist die Zionistische Organisation wirklich nicht mitschuldig an der Demoralisation, die unter ihren Anhängern immer weitere Kreise zieht? — Gewiß sind viele Tausende von Zionisten frei von jeder Schuld und persönlich von unantastbarer Ehrenhaftigkeit und es liegt uns sicher nichts ferner, als die Männer und Frauen, die im Zionismus ein Ideal erblicken und ihn deshalb organisatorisch oder finanziell unterstützen, auch nur in einem Atemzug zu nennen mit jenem Abschaum unseres Volkes, der sich der Hefe anderer Völker schon so weit assimiliert hat. daß er unte.r dem V o r vv a n d e der nationalen Leidenschaft Haß und Mord predigt gegen diejenigen, von denen er mit sicherem Instinkte fühlt, daß sie nichts mit ihm gemein haben können. Aber die Organisation als verantwortliche Körperschaft, die Führer der Organisation als Träger ihrer Ideale und besonders die zionistische Presse, die reich subventionierte Künderiri dieser Ideale, sie allesamt trifft schwere Schuld an der Verworfenheit vieler ihrer „Mitkämpfer", an der Verwilderung und Roheit, die in ihren Reihen in bedenklicher Weise um sich greift. Warum schweigen sie? Noch sind die meuchlerischen Anfälle von zionistischen Buben in der Heiligen Stadl gegen ehrwürdige Rabbiner, die sich erlaubt hatten, vor Vertretern der Oeffentliehkeit für die Rechte des religiösen Judentums ein Wort zu reden,' in frischer Erinnerung. Noch hat man die Versuche der zionistischen und misrachislischon Zeitungen in Polen,, ihren Mob zu. gleicher edler Handlungsweise aufzuhetzen, * nicht vergessen. Noch ringt man mit sich selber und zwingt sich seelisch, diese Vorfälle als „Einzelerscheinungen" hinzustellen, sie der „Unkultur" ihrer Helden zuzuschreiben und — in Anlehnung an Rabbiner Kuck auf die „Atmosphäre von Erez Jisroel" eine leise, letzte Hoffnung zu feetzen. Und schon begegnet man abermals in einer großen (diesmal amerikanischen) zionistischen Zeitung einem Artikel, worin der Orthodoxie des Heiligen Landes, in einem Tone, der sich von der blutrünstigen russischen Huligan-Pre^se weder im Stile noch in der Ausdrucksweise unterscheidet, der Pogrom angedroht wird für den Fall, daß sie fortfahr e n s o 111 e, sich dem 1) i k t a t d e r Z i o n i s t e n zu entziehe n. Wohlgemerkt: Der Pogrom gegen Juden durch jüdische Hände. Allerdings, es fand sich eine zionistenfreundliche (konservative) Zeitung, das „Newyorker Jüdische Tagblatt", die diesen Pogromartikel gebührend brandmarkte, und eine solche Kampfesweiso von sich wies. Die gesamte übrige sonst so redselige zionistische Presse aber schweigt beharrlich und zollt durch dieses Schweigen. eine stille Huldigung ihrem Schwesterorgane, das sich auf eine solche Höhe nationalistischer Vollkommenheit emporschwingen darf. „Amerika ist ein Kapitel für sich", — sagt ein Ziouist, einer von denen, die jüdische und menschliche Moral in Erez Jisroel nicht missen möchten — „was geht es uns hier in Europa an, wenn >,h'gend' eine Zeitung ,irgendwo' in der Welt .irgend' etwas schreibt? — „Wir wollen nach unserer europäischen Presse beurteilt werden und da auch nur mit gewissen Einschränkungen." . So «nehmen wir denn die im Herzen Europas, in der Hauptstadt der Tschechoslowakei in deutscher Sprache an europäische Leser sicli wendende, von „kultivierten" Schekelzahlern erhaltene zionistische Zeitung, das h o ch o ffizie lle Organ sämtlicher Zionisten in der Kesamten Grand Sanatorium Wasserheilanstalt Bratislava (Pr^bura) Erstklassige llniversalheilanstaltfQir Nercen- und innere Krankheiten Abteilungen für Chirurgie, Gynäkologie Geburtshilfe, Orthopädie, Urologie, Augen-, Ohren-, Kehlkopf- und Nasankrankhaitcn. Täglicher Pauschalpreis von cl< 83 aufwärts Freie Ärztewahl Wasserkuren, Freiluft und Sonnenkuren auch für Auswärtige Streng rituelle "1^3 Küche unter Aufsicht des Preßburger Oberrabbinates tschechoslowakischen Republik, die ,,Selbsl\vehr Jüdiscses Volksblatt", Nr. 28, vom 14. Juli 1922, zur Hand und bald vorne auf der ersten Seite fordert ein zweispaltiger Artikel unsere Aufmerksamkeit heraus. Die Ueberschrift lautet: Die Mordtat der C - O r fr a n i s a t i o n und die Aguda". Diese Ueberschrift zeigt schon zur Genüge, welcher Geist sich >in den Spalten eines offizielen jüdisch-nationalen Preßorgans entladen darf. Wir lassen nun die Hauptstellen dieses famosen Artikels folgen: . „Wenn man die Zeitgenossen so von innen vermauert findet, ohne Resonnanz für das, was uns unerhörtes Erlebtiis, wenn die jüdischen Faktoren in der Maschinerie des heutigen Lebens das an Gemeinheit jedem Meuchelmord gleichartige Vorgehen unserer Aguda-Orthodoxie und seines Effektes, den Beschluß des Hauses der Lords — von Balfour alte Trottel genannt —, weniger beachtenswert finden als die Erhöhung der Valutenumsatzsteucr oder die Tratschereien irgend eines Filmstars — dann packt einen die Wut erst und dann der Ekel. Dann begreift man jene, denen Krieg und Folgezeit jede Lust zur Gemeinschaftsarbeit geraubt und die aus entgegengesetzten Beweggründen den Weg in die bürgerliche Maschinerie fanden, aus extremster Verneinung all dessen, was Staat und Volk heißt, ihre ganze Energie der heutigen Korruption zu Diensten stellten, um statt Volksführern Devisenprokuristen und Arbitrageure zu werden ..." „. . . Offen gilt es festzustellen: Selbst bei möglichster* Korrektur des Effektes muß jedem ehrlichen Beurteiler die Tat jener feigen, nights riskierenden Meuchelmörder in Palästina die aus blöder Roschhakohl-Politik Vergifter der englischen öffentlichen Meinung wurden, die — selb9t satt und ohne Durst — den Brunnen für tausende Verdurstende auf Jahre verschütten wollen, muß die Tat der „Aguda1" verächtlicher erscheinen als der gedungene Mord der „C-Organisation in Deutschland. * Hier junge Burschen, die sich mit den Veränderungen der Welt nicht abfinden -können und für ihre Energie irgendein ♦ Objekt sich einreden lassen und selbst einreden, Jugend unteranderen Umständen in ihrer Opferbereitschaft, unentbehrliche Aktivpost der Menschheit — ein Ziegelstein, der statt eine Funktion zu erfüllen, mutwillig vom Dache losgelöst wird und zufällig einen der Besten der Welt erschlägt! Dort erfahrene Männer, ohne den Milderungsgrund hemmungslosen Triebes, Greise, unfähig aktiver Triebentladung, höchstens Objekte Heißhunger vortäuschender Perversität. ■Wir verdammen jene Lausbubentat verhetzter Gymnasiasten (infantil, deshalb trotz des Widerspruches im Alter), vv»r bedauern Deutschland, das so leichtsinnig seine Besten preisgibt. Aktive Reaktion aber kann nicht unsere Sache sein, denn er war nicht mehr unser, als andere Große anderer Völker! Zum Mitleid kann sich nicht Furcht gesellen! Jene Tat aber in Palästina und deren Effekt in London ist ganz unsere Sache! Täter und Opfer sind wir, ,das jüdische Volk! Auch die Abwehr, Schutz vor kommenden Meuchlern, wird kein anderer für uns leisten! |, Was uns fehlt, ist also nicht der große tragische Moment; was wir zuviel besitzen, sitid jene feigen Schleicher mit krummen Rücken und geschneckeltem Gehirne! Was uns nottut, ist, daß irgendein Geschehen zu jenem großen Erlebnis wird, das auch unsere Masse aufzurütteln versteht, vielleicht eine Tat, Vielleicht e i n Mensch, ein Mens ch." d as ihr e Un s ch u 1 d 'un d R e inh e i t b e w äh r en und sie vor den Insulten und Verfolgungen des durch diesen Vorfall im höchsten Grade aufgereizten Pöbels schützen könne. Sie beschloß daher über den' Aufenthalt des Knaben Nachforschungen anzustellen, obgleich sie nicht verpflichtet ist, einen vermißten Christenknaben aufzusuchen. Als man endlich in Erfahrung brachte, daß derselbe im hierkreisigen Dorfe Ruzza sein sollte, schickte sie ein Gemeindemitglied in Begleitung eines Magistratsbeamten dahin, um den Vermißten einzubringen. Dort angelangt, erfuhren die Aufsucher, daß der Knabe auf die Nachricht von ihrer Ankunft seinen Aufenthaltsort bei dem dasigen Bauer Wielonga verlassen und nach seiner Heimat nach Stobikowa sich begeben habe. Sie verfolgten also seine Spur und trafen ihn auf dem Wege bei der Ueberfuhr von Dombien, brachten ihn am 3. d. M. mit Einbruch der Nacht in die Stadt, worauf er dem hiesigen Polizeirevisor, dem Herrn Gubernialrate übergeben wurde. Dieser ließ den Knaben sofort unter amtliche, Aufsicht bringen und am folgenden Tage von einer eigens hiezu^usammengesetzten Kommission beim löbl. Stadtm™istrate über alle erforderlichen Unistände vernehmen, nachdem seine Identität durch den Kläger D. und seinen Dienstboten bestätigt wurde. Er sagte in seiner Naivität, daß er von D. und dessen Frau mehrere Male mißhandelt und schlecht verköstigt wurde, und hierdurch veranlaßt, als er von denselben zum hiesigen christlichen Handeismanne H. um Kaffee und Zucker zu kaufen geschickt wurde, er auf dem Wege allein geltend — und nicht wie D. verleumderisch angab, daß er mit ihm gegangen wäre— beschlossen hatte, zu entfliehen. Infolge dieses Entschlusses auch fortlief, wo er auf dem Wege einen fahrenden Bauern traf, der ihn aufnahm und nach dem Dorfe Ruzza brachte, wo er bis am 3. d. M. bei dem dorf igen'Bauer \V. sich aufhielt, welcher Letzterer aber, als er das Vorhaben der angekommenen Nachforscher, den Knaben nach Tarnow zurückzubringen erfuhr, ihn fortschickte, welche alle Umstände im gerichtlichen Wege erhoben wurden. Uebrigens ist dieser Knabe nicht Avie D. angab acht, sondern vermöge Matrikels zwölf Jahre alt. . „Allem Anscheine nach sollte bei so günstigem Erfolge die erwünschte «Versöhnung der Herzen dfer jüdischen Gemeinde und des christlichen Publikums die Folge sein. Leider aber ist dem nicht so, denn das durch diesen Vorfall bei dem christlichen Publikum wieder erzeugte Vorurteil, als ob die Juden zu ihrem Osterfeste Ghristenblut gebrauchen, zu dessen Verscheuchung von Seite der hoben Behörde bis nun noch nichts vorgekehrt worden ist, ist noch immer in den Gemütern der Christen vorherrschend, so daß dieselben nichts unterlassen, den Juden allenthalben Vorwürfe dieses Verbrechens zu machen und die Persekulionen und Schikanen gegen die Juden in allen unffiegenden Gegenden, denen der Ausgang der Sache noch unbekannt ist, und auch .ferner bleibe n d ü r f t e, nehmen immer mehr überhand." Also auch die Tatsache, daß das angeblich ermordete Christcnkind lebend herbeigestellt wurde, genügte nicht, das christliche Publikum von Tarnow und Umgebung in seinem Ritualmordglauben zu erschüttern! Die Tarnower Judengemeinde bat schließlich in dem Magistratsgesuch, die hohe Regierung möge, ähnifch dem Artikel 38 der ungarischen Reichsgesetze vom Jahre 1791 ein Gesetz promulgieren, wonach (angesichts dos Unistandes, daß die jüdische Religion den Genuß von Menschenblut strengstens verbietet) „im Falle einer von Juden verübten Mordtat, diese mit irrigem Rechte der ganzen jüdischen Nation zur Last gelegt werde, als man wegen solcher Fälle, wenn sich unter Christen dergleichen ereignet, die ganze Christenheit beschuldigen könnte". Die Hofkanzlei riet davon ab, im Gesetzesfalle etwas ähnliches wie der angeführte Artikel 38 für Ungarn bestimmt^ zu erlassen. Sie meinte, es wäre der Zeit zu überlassen, den in dieser Beziehung gegen die Juden „teilweise noch gehegten Wahn und die Vorurteile allmählich zu vertilgen". Nun, die Zeit läßt sich, wie es scheint, noch Zeit, diesen „Wahn" völlig zu vertilgen. — n. u. —

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