Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 8 (1922)
- Issue
- 26 (21.7.1922)
- Date
- 1922-07-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHE V. b. b. 5 «"> >i" („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion und Administration: Wien, II.. Obere Donaastr. 91. — Telephon 48.142. Tschechoslowakei: Bratislava, Postfach 140. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluß: Für Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Österreich K 4000, Ungarn K 350--, Tschechoslowakei Kö. 70--, Deutschland Mk.150--, Schweiz Frcs. 10' — , Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 70, Lei, Jugoslawien 70 Dinar, Polen Mk. 1500-—. Einzelnummor d.-ö. K 80 -, Kc. 1*50. Zahlungen für Oesterreich: Postsparkassenamt Wien, Konto Nr. 13.458; für Polen! 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Was daher die Gesinnung betrifft, herrscht in allen Kreisen der thoratreuen Judenheit der verschiedensten Länder, eine moralisch hoch zu wertende Gleichmütigkeif. Ganz anders verhält es sich aber mit dem anderen Faktor der jüdischer* Schule, mit dem Wissen. Hinsichtlich der Bestimmung des Lehrstoffes können wir einschneidende Differenzen feststellen. Wohl werden die Differenzen nicht so sehr von inneren als von äußeren Umständen bedingt. Denn darin sind sich alle wirklich thorati;euen Kreise einig, daß die oberste Aufgabe der thoratreuen Schule in der Vermittlung der Thora und Tradition, also der „schriftlichen" und der „mündlichen" Lehre liegt. Doch die äußeren Verhältnisse, kulturejlen, wirtschaftlichen und politischen Momente, vor allem aber der Staat, der in den meisten europäischen Ländern einen Schulzwang eingeführt hat, dem alle Bürger unterworfen sind, bestimmen und beeinflussen den Lehrstoff der judischen Schule in einer nicht zu unterschätzenden Weise. Der Schulzwang kann auf Vermittlung von jüdischen Kenntnissen wenig RückliliettPjiliLiflii^' ■ f^ifi ii ■ llt»i^tJ•'X;jttiriH»^^!P''*^ ataiinnwg1 schon ganz und gar nicht. Unter diesen Umständen haben die verantwortlichen Faktoren der thoratreuen Judenheit verschiedene, Versuche unternommen, um' dem hochstehenden jüdischen Erziehungsideal, so weit als möglich zu entsprechen. Da jedoch'die Forderungen des Staates, die wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnisse in den verschiedenen Ländern verschiedenartig sind, .so haben sich auch in den verschiedenen Ländern verschiedene Formen von jüdischen Schulen ausgebildet. Wir wollen da ein Beispiel anführen: Die schulpflichtigen Kinder besuchen, dem staatlichen Schulzwange gehorchend, eine nichtjüdische Schule. Um die jüdische, Ausbildung sorgt die jüdische Gemeinde oder Privatvereine. Selbst dort, wo es gelingt, den Kindern ein reichhaltiges jüdisches Wissen beizubringen, ist es kaum möglich, die verheerende Wirkung, die der Schulbesuch am Sabbat und die fortwährende Einwirkung eines nichtjüdischen Milieus auf die Kindesseele übt, zu verwischen. Um diese Gefahr zu beseitigen, konzentrieren die thoratreuen Führer ihre ganze Anstrengung darauf, jüdische öffentliche Schulen zu schaffen, welche den Sabbat heilig halten und dem Kinde ein jüdisches Milieu bieten, die aber, um die Konzession der Regierung zu gewinnen und um die Zöglinge auch wirtschaftlich zu ertüchtigen und für einen Beruf vorzubereiten, auf die Forderungen des Staates und die Bedürfnisse der Umwelt Rücksicht nehmen müssen. Selbstverständlich bedeutet dies im Sinne eines maximalistischen Standpunktes eine Konzession. In jüdischen Kreisen, die die Möglichkeit haben und willens sind, in ihren eigenen Schulen bloß die rein jüdische Kultur und Tradition im engsten Sinne des Wortes zu pflegen, wird diese Konzession scharf getadelt. Mat hat, behaupten diese, in den Lehrplan der Schule solche Wissenschaften aufgenommen, welche die reine Kindesseele, unter Umständen das ganze thoratreue jüdische Erziehungsideal gefährden können. Dies Beispiel zeigt klar das tiefe Problem, das die Auseinandersetzung mit einer nichtjüdischen Umgebung in den thoratreuen Kreisen der verschiedenen Länder geschaffen hat. Agudas Jisroel, eine Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, 'alle Tagesfragen im Geiste der Thora zu lösen, mußte sich vor allem mit diesem brennendsten aller ' jüdischen Probleme auseinandersetzen. Es war vom Anfang an klar, daß das Erziehungsproblem nicht einheitlich gelöst werden kann. Man hat daher von vorherein bestimmt, daß die befugten religiösen Führer der einzelnen Länder und Provinzen ganz autonom und unabhängig über Einrichtung und Form ihrer Schulen zu-entscheiden haben. Um selbst den Schein von Illoyalität zu vermeiden, welchen die Unterstützung von verschiedenen Erziehungsanstalten durch eine Zentrale, wohin die Gelder aus verschiedenen Ländern zusammenströmen, auslösen könnte, hat die Preßburger Konferenz im Vorjahre beschlossen, daß von der Zentrale aus nur solche Lehranstalten zu unterstützen sind, von denen es im Vorhinein feststeht, daß sie sich ausschließlich auf "die Vermittlung von jüdischen Wissenschaften beschränken, und zwar in einer Art, die in keiner Weise beanständet' werden kann. Diese zarte Rücksichtnahme auf die Eigenart einzelner Länder beweist, daß man in den führenden Kreisen der Agudas Jisroel sich dessen wohl und ganz bewußt ist, daß die richtige jüdische Erziehung der Kinder die wichtigste Aufgabe der jüdischen Gesamtheit ist. Ein Mißgriff auf diesem Gebiete könnte Verheerungen von tiefgehender Wirkung verursachen, daher ist und bleibt das oberste Prinzip des Erziehungsprogramms der Agudas Jisroel, von einer Zentralstelle aus nur solche Erziehungswerke zu schaffen und zu fördern, die ^alle thoratreuen Kreise ohne Unterschied befriedigen können, im Uebrigen aber den verantwortlichen Führern in den einzelnen Ländern zu überlassen,. auf diesem Gebiete das zu tun,' was die höchste jüdische Pflicht von ihnen fordert. Für die Opfer der Hungerkatastrophe in Rußland. Die Sammlüng. Bisheriges Ergebnis: ca. 800 Millionen Kronen. In Polen ist die Sammlung auf 150 Millionen Mark gestiegen. Die Opferbereitschaft der Aguda in Jerusalem muß besonders hervorgehoben werden. Von dort werden weitere ansehnliche Beträge avisiert. Unsere Brüder im Heiligen Lande zeigen damit, daß Armut von der Erfüllung der Bruderpflicht keinen entbindet. Möge Jerusalem vielen wohlhabenderen Gemeinden in Europa beispielgebend sein! Aus einer Anzahl gutsituierter jüdischer Gemeinden in Oesterreich' und aus der Ostslowakei werden Spenden zur Lebenserhaltung Tausender Brüder in Rußland immer nochvermißt. Wir empfehlen den Säumigen folgenden Reisebericht, den wir einem Artikel von Colin Roß in der „Neuen Freien Presse" entnehmen, zur Lektüre: Zur Geschichte der Ritualmordbeschuldigungen in Polen. In Polen wird gegenwärtig von der antisemitischen Presse die Rituaimordhetze eifrig betrieben. Es hat sich in dieser Sache eben seit einem Jahrhundert nicht viel geändert. In den Jahren 1829—1844 wurden die Juden in Polen durch eine lange Reihe von Ritualmordbeschuldigungen in steter Aufregung und Angst', gehalten. Kaum daß es gelungen war, die verbrecherischen Fäden, die zur Konstruierung einer solchen Anklage geführt hatten, bloßzulegen und die Unschuld der verleumdeten Angeklagten festzustellen, ereignete sich in einem anderen Orte ein Vorfall, der abermals fanatischen oder schurkischen Judenhassern den ersehnten oder künstlich herbeigeführten Vorwand'bot mit der Anklage: die Juden brauchen zu ihrem Osterfest Ghristenblut, hervorzutreten. Zum Glücke der beschuldigten und auf eine bloß$ Anzeige hin verhafteten Juden hatte sich be^ der gerichtlichen Untersuchung in mehreren Fällen herausgestellt, daß das angeblich von Juden ermordete Kind entweder von der eigenen Mutter getötet worden war — die auf so bequeme Weise die Schuld auf die Juden zu wälzen versuchte — oder. aber, was die beste Lösung ergab — das angeblich ermordete Ghristenkind wurde noch rechtzeitig lebend und heil aufgefunden, bevor noch der fanatisierte Pöbel zu einer Judenverfolgung oder die Justiz zu einem Justizmord gelangt war. Aber abgesehen davon, daß in jedem dieser Fälle zunächst erst unschuldige Menschen in den Kerker geworfen wurden, wo sie unter Angst und Bangen dem Verlaufe der Angelegenheit entgegensahen, drängte die Fülle der verleumderischen Beschuldigung die Tarnower Judengemeinde dazu, im Jahre 1844 ein Majestätsgesuch zu unterbreiten, in welchem, nach Darlegung der gerichtsordnungsmäßig geschilderten Vorfälle, der Monarch um Schutz gegen solche Anklagen gebeten wurde. Von den vier Fällen auf die in dem Majestätsgesuch hingewiesen wurde, mag der letzte als besonders charakteristisch hier nach dem Wortlaut in dem Majestätsgesuch mitgeteilt werden: „Am •25. März 1844 brachte W. Ritter v. D., Auskultant des k. k. hierortigen Landrechts, beim hiesigen löbl. Magistrate die Klage vor, daß er mit einem elternlosen Knaben, welcher bei ihm im Dienste gestanden und 8 Jahre alt war, namens J. G., aus dem hierortigen Dorfe Globikowka in die Judengasse gegangen wäre und als er denselben dort auf sich warten ließ, bis er Einkäufe machen würde, dieser in der Judengasse verschwunden, und bereits zwei Tage vermißt wäre, welchen die Juden aufgefangen haben, um von demselben Bl.ut zu ihrem heran u ah enden Osterfest zu erhalten. Infoige dieser Anzeige wurde eine ämtliche Revision angeordnet, welche am Abend desselben Tages um 7 Uhr von vielen hiezu delegierten Beamten, bei Absperrung der Judengasse in allen jüdischen Häusern der Stadt und den nächst angrenzenden Ortschaften, mit geladenen Gewehreh versehenen 80 Mann Militär, dann der Finanz- und Polizeiwache, welche alle Ausgänge der Häuser schlössen, vorgenommen, wobei alle Zimmer, Kammern, Keller, Kisten und Schränke auf das strengste untersucht und in manchen Fällen sogar die Erde aufgewühlt wurde. D. aber sich mit diesem noch nicht begnügend, klagte hierüber noch beim Rzeszower k. k. Strafgerichte, wobei er die Damaszener und andere Blutgeschichten als Beweis anführte. Dieses löbl. Strafgericht ordnete sogleich eine Untersuchung an. Zehn Tage verflossen und der Knabe wurde noch nfcht gefunden. Der Haß und die Aufforderung zur Rache wurde beim christlichen Publikum immer lauter. Wir verlebten eine angstvolle Zeit; Schmach und Schande, Furcht und Verzweiflung lastete auf uns: kummervoll sahen wir jeden Morgen anbrechen, der uns noch keine Spur des Vermißten zeigte. Wir waren verhöhnt und konnten keinennoch so befreundeten Christen begegnen, ohne Vorwürfe üb er unser kannibalisches Treiben zu vernehmen. Nur mit Schauer sahen wir dem herannahenden Osterleste entgegen. In ihrer Bestürzung sah die Israelitengemeinde wohl ein, daß nur die Auffindung des vermißten Knaben das einzige Mittel sei, Felzwarcnhaus Engros und Erzeugungs I., Bauernmarkt 24 (Ecke Fleischmarkt) i-rTelephon 67-302 Detail verkauf s - Niederlage: I., Grabfön 28 ' Filiale: Karlsbad, Alte Wiese.