Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 8 (1922)
- Issue
- 25 (14.7.1922)
- Date
- 1922-07-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 160 JÜDISCHE PRESSE Nr. 25 Organisierung' der Orthodoxie hat seit zwei Jahren eingesetzt. Sie hat in dieser kurzen Zeit auf dem Gebiete der Organisation, des jüdischen Unterrichts, Verbreitung der Thorakenntnis und der religiösen Erstarkung mit den unglaublichsten Anstrengungen Großes geleistet. Allerdings ohne Reklame, ohne Tamtam, ohne zahllose Agitatoren, die das Klarste der Einnahmen aufzehren und edleren Zwecken entziehen. Wie weit die Opferfreudigkeit der gläubigen Judenschaft geht, beweist wohl der Umstand, daß die Aktion zur Rettung v e r hungernder Juden in drei Monaten 5 0 0 Millionen in Mitteleuropa und Polen ergeben hat. Ohne Kosten, ohne Lärm, nur weil jeder gläubige Jude für eine Sache, die ihm Die Sammlung. Bisheriges Ergebnis: ca. 600 Millionen Kronen. Eine halbe Milliarde K rone n ü b e rschreitet die S am m 1 u n g d e r A g u d a s J i s r o e 1 mit dem heutigen Ausweis u m ein E r h e b 1 i e Ii e s. Es waren einfache, schlichte, -jede Uebertreibung geflissentlich meidende Worte, mit denen die Leitung der Agudas Jisroel diese Hilfsaktion für die notleidenden Brüder in Sowjetrußland einleitete; sie wandte sich an das jüdische II e r z, an das M i tg e f ü h 1 mit dem leidenden M e n s c Ii e n, an das Gewissen derjenigen, die mehr besitzen als der verhungernde Bruder in Rußland und der Ukraine und rief die Bruderpflicht wach. Und viele hunderte der jüdischen Brüder in allen Ländern der Diaspora verstanden diese Sprache. Denn sie strich über eine Saite einer Laute, deren zauberhafte Töne mystisch weich und leise wie die Dämmerstunde eines Frühlingstages die jüdische Seele in ihrer innersten Tiefe zu erfassen vermögen. Eine h a 1 b e Milliarde ist auch im Zeitalter der hohen Ziffern und selbst in den Ländern der entwerteten Geldwähriing ein Betrag, der Zeugnis davon ablegt, daß es. G-tt sei Dank der Menschen noch recht viele gibt, deren Sinn die moralische Belastungsprobe des Weltkrieges und der damit verknüpften wirtschaftlichen Umschichtung bestanden hat, deren II e r z e rschauert, wenn de r Hungertod seine Sichel über G-t tes Geschöpfe schwingt. N i c h t volle drei Monate sind verflossen, seitdem der erste Aufruf des Zentralrates der Agudas Jisroel das jüdische Volk zur Hilfeleistung an die russischen Glaubensgenossen aufforderte und schon kann mit Befriedigung festgestellt werden, daß aus den eingegangenen Geldern vielen hunderten Familien über die schwerste Zeit der Hungerkatastrophe hinweggeholfen werden konnte. Dank allen denen, die dazu beigetragen haben; tausendfacher Dank den jüdischen Männern und Frauen, die am Werke sind, der Aktion weitere Ausdehnung zu geben und immer weitere Kreise zur Hilfsarbeit heranzuziehen. Denn noch ist es nicht Zeit zu ermüden, noch dürfen die^Hände nicht erschlaffen! Die Milliarde muß bald erreicht und darüber weit hinaus muß aufgebracht werden, um die Lebensmittel in größerem selbst manches, hielt es aber in seiner bescheidenen Weise nicht für so gut, um es der Oeffentlichkeit zu übergeben. N u r die v o n meinem selige n Großvater, seine m V a t e r, dem Rabbi n e r S. La n d a u, in hebräischer Sprache abgehaltenen G e1e g e n h e i t s p r e d i g t e n übersetzte er ins Deutsche und es wurden d i eselben auch d u r c h d e n Druck v e rvielfältige So bin ich noch im Besitze einer Trauerrede, welche mein Großvater bei Gelegenheit der Trauerandacht für Se. Majestät den Kaiser Franz I. im März 1835 abhielt, und die von meinem Vater ins Hochdeutsche übertragen und veröffentlicht wurde. Dieser öffentliche Vortrag war die letzte Funktion meines Großvaters in dieser Sphäre, denn bald darauf, im selben Jahre 1835, starb auch er, 83 Jahre alt, geehrt u n d betrauert nicht nur in der g a n z e n J u d e n h e i t, s o n d e r n auch von Nie h tj u d e n, von allen, allen, die ihn kannten. Für mich, der ich damals im Jünglingsalter war, hatte der fast gleichzeitige Tod des verewigten Monarchen und meines Großvaters etwas Denkwürdiges, denn der e r w ä h n t e ho c hselige Monarch hegte eine besondere Vorliebe für meinen G r o ßv a t e r und so oft der Kaiser d a m a 1 s P r a g in i t seiner Anwesenheit beglückte, wurde d e r ,R a b b i S a m u e 1 L a n d a u z u r A u d i e n z b e s c h i e d e n'. am Herzen liegt, vor keinen Opfer zurückschreckt. Palästina ist nur dem orthodoxen Juden heilig, aber nur ein echt jüdisches Erez Jisroel und wenn die Möglichkeit gegeben sein wird, ein jüdisches Erez Jisroel aufzubauen, in dem der Thauro der Ehrenplatz eingeräumt sein wird, dann wird die Orthodoxie mit aller Kraft an den Jischuw herangehen, ohne politische — unerfüllbare —• Errungenschaften anzustreben. Damit die Orthodoxie ihre Bestimmung erfülle, muß jeder gläubige Jude an der Arbeit der Aguda mit Kopf und Herz, mit Hand und Kapital teilnehmen, damit dieselbe als Vertreterin von Millionen Juden das Ansehen und die Machtmittel hat. ihre heiligen Aufgaben durchzuführen. U m f a n g e a n d i e Hilf s b e d ü r f t i g e n ü b e r w e i s e n z u k ö n n e n. Sehr viele unserer Glaubensgenossen haben ihre Bruderpflicht noch nicht erfüllt und oft nur aus dem Grunde nicht, weil sie noch nicht mit dem gebotenen Nachdruck an diese Pflicht gemahnt wurden. Der Jude spendet gern, und reichlich; er muß aber um die Spende angegangen werden. Wir bitte n a b e r m als die Eh r w. II e r reu R a b b i n e r, G e m e i n d e v o rs t e h e r, B e t h a u s o b m ä n n e r, B e a in t e n, V o r b e t er, L e h r e r, d i e L e i t e r u n d L e i t e r i n n e n d e r W o h 11 ä t i g k e i t sv e r e i n e, die Initiative zur Veranstaltung von Sammlungen für die hungernden Brüder in Rußland zu ergreifen und die gesammelten Beträge schleunigst an die betreffenden L a n d e szentralen der Agudas Jisroel oder direkt an das „Z e n t r a 1 b u r e a u d e r A g u d a s Jisroel", Wien, II. Malzgasse 12a, zu überweisen. In die Liste der Länder, in denen Hilfsaktionen für die Hungernden in Rußland eingeleitet wurden, ist nunmehr auch Erez Jisroel einzureihen. Die Landesorganisation der Agudas Jisroel von Erez Jisroel und an deren Spitze Oberrabbiner Rabbi Chaim Sonnenfeld und Rabbi Jizchok D i s k i n veröffentlichen einen flammenden Aufruf an die palästinensischen Juden zur Anteilnahme an der Aktion der Agudas Jisroel. Die Sammlung hatte auch in der mittellosen orthodoxen Bevölkerung sofort einen guten Erfolg. Bei der Wiener Zentrale wird soeben das erste Ergebnis der Sammlung — neunzig Pfund Sterling — avisiert. Der „Kol Jisroel", das Organ der Agudas Jisroel in Erez Jisroel. veröffentlicht eine Liste der Spender. Außerdem wurde für den Rüsttag des Rosch Chodesch Tamnius in J e r u s a 1 e m ein a 11 g c, m e i n e r B e t- und Fasttag angesetzt. In den Straßen wurden Plakate angeklebt, worin zu reichlichen Spenden angeregt wird. Am Vormittag versammelte sich eine große Menge von Männern, Frauen und Kindern vor der West m a u e r und verrichteten Gebete. Rabbiner Benzion Jadler hielt eine ergreifende Rede, in der er auf die Not der Zeit hhnvies. Auf der Stelle wurde ein ansehnlicher Betrag für die Aktion gesammelt. Auch in W i 1 n a wurde ein Fast- und Bettag für die Notleidenden in Rußland, verbunden mit einer allgemeinen Geldsammhmg. eingeleitet. Bei richtiger Erkenntnis der dringenden Not- Und der gute katholische Monarch verschmähte es nicht, sich von ihm ,benschen' (segnen) z u lasse n." An diese sicherlich interessante Tatsache, daß der Monarch den Rabbiner jedesmal, ohne daß dieser um eine Audienz angesucht hätte, zu sich in die Burg am Hradschin hatte berufen lassen, knüpft unser Autor noch eine andere Reminiszenz, die wohl geeignet wäre von einem Dichter poetisch verwertet zu werde. Landau erzählt in den „Erinnerungen" weiter, daß, so oft sein Großvater eine solche ,,A u d i e n z" hatte, er eine n e i g e n a r t igen R i n g an den Finger steckte. Die damaligen „alten" Juden und ihre -Frauen in Prag meinten, in diesem Ringe liege eine Zauberkraft, daß demjenigen, der ihn trägt, nichts „Ungebührliches" widerfahre. Dieser Ring, von dem sicli erzählte, daß der Rabbi ihn bei keiner anderen Gelegenheit als eben in der Audienz beim Kaiser am Finger trüge, wurde allmählig ein von der Sage umsponnenes Kleinod. Der Rabbi lächelte nur, wenn er davon hörte, daß man seinem Ringe geheime Zauberkräfte zuschreibe, blieb aber seiner Gewohnheit treu. Es war ein merkwürdiger Ring. In dem schweren, goldenen Reif war eine Camee eingefaßt, auf dem ein Papagei abgebildet erschien, umzogen voh einer Inschrift in hebräichen Buchstaben, den Satz enthaltend: „Ohajim umoweth bejad haloschaur " (Leben und Tod hängen von der . ... ,e ab.) wendigkeit schleuniger Hilfe könnte die Sammlung auch in O e s t e r r e i c h und der T s c h e c h o s 1 o w a k e i noch manchen Erfolg bringen. Man verlange Sammelbogen und Poste r 1 a g s c h e i n e bei der Aguda-Zentrale. Postscheckkonto der Agudas Jisroel bei der österr. Postsparkasse Nr. t'24.004. Bankkonto beim Wiener Bankverein, Wien. II. Hollandstraße 1. T e 1 e p hon- N r. 49-0-54. Die letländische Aguda für die Hungernden. Die letländische Organisation der Aguda beschloß, den in chassidischen Kreisen sehr verehrten Lubawitscher Rabbi Schneirsohn einen besonderen Hilfsfonds zur Verfügung zu stellen. Ferner beauftragte er die letländische Aguda. den Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Riga. Geldmittel für die Erhaltung der Jeschiwo in Rostow zu sa mmeln. Spendenausweis für die jüdischen Hungernden in Rußland. (Fortsetzung1.) Zuckermann durch Rabbiner IT. Twersky K 10.000, l'.ethausverein Machsike Hadaß (dritte Sammlung) 500, Daniel Uonhadv (Salzburg), Bela Spicjrel 5000, Sammlung bei Urismilo Hugo 8000 13.000, O nippen verband der Airuda Jisroel Deutschland, in Halberstadt Mk. 43.830, 'Großrabbiner Israel Friedmann (Ozortkow) 50.000. Rabbiner Seblome Friedmann 2000, Markus Klein 5000, S. S. in B. 1120, Frau David Lembergs 3000, Daniel Bonhady (Salzburg) 5000, Landesorg-anisation der Agudas Jisroel für Ostgalizien (Lemberg) 1,000.000, Agudas Jisrool-Ortsgruppe " Wiener-Neustadt (zweite Sammlung) 20.000, Isidor Frommer, Thora Spende 1000, Beniamiir Salomon Stern 200, A. II. Ulimann (Nitra-Jabokvekv) «1.478, Naftalia Braunhutt (Bardiow) 10.300, J. M. Reder 1000, Gruppenverband der Agnida Jisroel Deutschland, in Halberstadt Dollar 200, Orthodoxe israel. Gemeinde in Komorn (Slowakei) (erste Sammlung) durch Jenö Schwarz tseb. Tv 1000, Marcus Keusch durch Rabbiner A. Heschl Dollar 1, Efraim Grünfeld (Siar) K 141.500, Agudas Jisroel-Landcsorganisation in Ostg-alizien (Lemberg1) 1,500.000, Jenö Gutentag 300: zusammen K 1,328.708, Dollar 201, d. Mk. 43.330. Kinder für Kinder. Max und Betti Löwenthal (Berlin) K 1000, Moses und Lea Schreiber je 5000 - 10.000. Bisheriges Ergebnis in Polen 130 Millionen poln. Mark. Die Erklärung der englischen Regierung. So also interpretiert Seiner Majestät Regierung die Deklaration von 1917, und wenn sie so verstanden wird, so ist der Staatssekretär der Meinung, daß sie nichts enthält was die arabische Bevölkerung Palästinas beunruhigen oder die Juden enttäuschen könnte. Diese optimistische Auffassung Seiner Majestät Regierung können wir leider nicht teilen. Die Araber haben eine negative Antwort auf die Erklärung der Reigerung gegeben, somit sind sie nicht einmal mit dieser arabischfreundlichen Auslegung der Balfour-Deklaration zufrieden. Die zionistisch orientierte Judenheit hinwieder ist enttäuscht, weil die Wege, welche geeignet wären, die Entwickelung der jüdischen Heimstätte in Palästina zu fördern, verrammelt sind, verrammelt durch die Drosselung der Einwanderung, deren Regelung einer Körperschaft überlassen wird, welche naturgemäß wenig Rücksicht auf jüdische Wünsche nehmen kann. Die Drosselung der Einwanderung einerseits, andererseits die Förderungen der Selbstverwaltung, die Der Ring bedeutete daher allenfalls eine Mahnung und Warnung, daß man im Verkehr mit hohen, mächtigen Persönlichkeiten wohl erwäge, wie und was man spricht. Der Prager Rabbiner Samuel Landau, dessen Weisheit allgemein gerühmt wurde, hätte vielleicht dieser besonderen Mahnung bei den Audienzen, in denen ihn der Kaiser empfing, von dessen Gnade damals das Schicksal der durch die geltenden Gesetze kaum stiefmütterlich beschützten Juden der Monarchie abhing, nicht bedurft, aber der Weise wird keine Vorsicht verschmähen. Wie gütig und wohlwollend der Ton war, den der Kaiser gegenüber dem Rabbiner anschlug, dafür zeugt wohl die Tatsache, daß dieser bei aller klugen und dem mächtigen Kaiser gegenüber gebotenen Zurückhaltung auch sich erlauben durfte auf eine Frage des Kaisers in sehr scherzhafter Weise zu antworten. Der Kaiser fragte den Rabbiner einmal, wie seine materielle Lage sei, ob er sorgenlos von -■ .'lern Gehalte leben könne. „Ew. Majestät," antwortete der Rabbiner, der damals selbst in der großen Prager Gemeinde nur einen sehr bescheidenen Gehalt bezog und daher auf die damals üblichen Emolumente angewiesen war, „ich lebe wie ein Postillon, hauptsächlich von — Trinkgeldern." Der Kaiser lachte, aber weder die Geschichte noch die Sage weiß davon zu melden, daß der Monarch diese Antwort zum Anlaß genommen hätte, die Erhöhung der Gehälter der Rabbiner zu dekretieren. nn. Für die Opfer der Hungerkatastrophe in Rußland.