Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 8 (1922)
- Issue
- 24 (7.7.1922)
- Date
- 1922-07-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 156 JÜDISCHE PRESSE Nr. 24 rehistt'u Quellen tiefster Frömmigkeit. Er ist nun iu seine Heimat zurückgekehrt und sieht die Verheerung, welche in den Reihen der UUiu Ingen von den Verkündern des Zionismus angestiftet worden ist. Er hat mit Schrecken bemerkt, daß viele unler dem Einfiuße des Zionismus im jüdischen Volke nicht mehr das Volk der Thora sehen, daß viele die Zugehörigkeit zu dem jüdischen Volk, nicht mehr in diesem Sinne verstehen, welcher eindeutig in der Thoia niedergelegt, ist. Er hat selbstverständlich nicht gezögert und ergriff energisch die Initiative zur Wiederau f rieht ung der Thora, zur Wiedererweckung der Liebe r.u ihr un<f hat am h in seinen öffentlichen Kundgebungen selbstverständlich auch diejenigen gebührend gebrandmarkt, die diese Liebe erlöscht und die Treue zur Thora aus den Herzen der Gläubigen gerissen haben. Dieses Auftreten des Heizer Rabbiners hat nun jene in Bestürzung gesetzt, die gehofft hatten, daß der Beizer Rabbi gekauft wäre durch die angebliche Hilfeleistung des jüdischen Nationalrates in Prag, einer Körperschaft, die nicht müde wird zu behaupten, daß sie nicht zionistisch, sondern eine Vertretung der gesamten Judenheit in der Tschechoslowakei sei. Die Herren vom „Lemberger Tagblatt" und ihresgleichen sind betroffen, daß der Beizer Rabbi für Thora und Tradition eintritt und gegen ihre Wiedersaeher harte Worte schleudert, da sie doeh geglaubt hatten, daß sie mit ihrer Lobhudelei, mit welcher sie in ihrer abstoßenden Unaufrichtigkeit die Heimkehr des Beizer Rabbi begleitet haben, mindestens so viel erreicht hätten, daß der Beizer Rabbi in dem Kampfe der Orthodoxie gegen den Zionismus neutral bleiben werde. Welche Achtung haben die Herren vom „Lemberger Tagblatt"' und ihre Gesinnungsgenossen vor der eigenen Ueberzeugung, daß sie von einem Manne von der geistigen und moralischen Kapazität des Beizer Kabbi, der durch seine geschlossene Persönlichkeit, durch sein tiefes Wissen, durch seine Klugheit und Frömmigkeit Abertausende in der Treue zu G-tt und seiner Lehre bestärkt, der Tausende Unglücklicher aufgerichtet und den Wankendon Kraft spendet, welche Achtung haben diese Herren vor der eigenen Ueberzeugung, wenn sie einem Manne solchen Schlages zugemutet haben, in dem Lebenskampf der Thora mindestens neutral zu bleiben? Haben sie denn wirklich geglaubt, daß die Methode, die sie bis jetzt angewandt haben, mit neutralen Geldern aus Amerika Tausende und Abertausende arme, aber frommer Juden, in Polen und in Palästina in die Arme des Zionismus zu locken, oder mindestens im Kampfe der Orthodotie und des Zionismus zu neutralisieren, auch gegenüber dem Beizer Rabbi sich bewähren würde? Sie haben es wirklich geglaubt. Soweit aber sind wir G-tt sei dank noch nicht. Jüdische Gedanken. ir. Moses führte einst Israel trockenen Fußes durch das rote Meer. Aber der Weg des jüdischen Volkes war auch späterhin oft ein Zug durch ein Meer von Tränen, das vom Blute zahlloser Märtyrer gerötet war. * Wir wissen nicht, wann G-It uns den Messias schicken wird, aber wer jemals Jesaias gelesen bat, weiß ganz genau, daß der Mesias noch nicht gekommen ist. * Wie viel Haß müssen die Juden erdulden, weil Shakespeare in Shylock einen Juden zeichnete, während — wie Gregorio Leti in der Biographie Sixtus V. berichtet — in Wirklichkeit ein Christ es war. der grausam auf seinem Schein beharrend, einem Juden ein Pfund Fleisch aus dem Leihe schneiden wollte. Es ist seit jeher das Schicksal der Juden, daß sie für Fehler und Laster ihrer — Verfolger büßen müssen. * Ein seltsamer Ausspruch lautet: „Wer ehrlich zitiert, bringt die Erlösung der Welt!" Allerdings, wenn alle Well, es endlich wüßte, daß das Christentum seine ethischen Heilslehren ausschließlich dem Judentum verdankt — das müßte wie eine Erlösung wirken. Der fromme und reiche Berliner Bankier Veitel hatte testamentarisch eine Stiftung für Studierende des Talrnu d s hinterlassen. Seine getauften Enkel wollten im Jahre 1844 diese Bestimmung so deuten, daß ch r i s t Ii ch e T h e o lo g en. die den Talmud studieren, Stipendien aus dieser Stiftung erhalten. Auf einen solchen „Dreh" wäre wohl kein Jude gekommen. Warum die Juden gerne mit einer Frage antworten? War denn nicht ihre ganze Existenz immer eine große Frage? * Zweierlei Zeitrechnung: Für die Juden hat. eigentlich das Mittelalter noch nicht ganz aufgehört. * Die Kirche war immer gegen die Leichenverbrennung. Die Inquisition machte allerdings für die Juden eine Ausnahme und duldete, daß man sie verbrenne; aber bei lebendigem Leibe. + Man schimpft die Juden: ein Volk von Hausierern. Ja, aber unter den alten Sachen, mit denen sie durch die Lande zogen, befanden sich: der Glaube an einen Gott, Menschlichkeit, gleiches Becht für alle usw. usw. Die Juden haben yiel zu verzeihen und viel zu vergessen. Das Verzeihen fällt ihnen leicht, denn sie haben ein gutes Herz. Aber das Vergessen fällt ihnen schwer, denn sie haben auch ein gutes Gedächtnis. * Ausnahmsrechte! Heißt das nicht in ehrlichem Deutsch: Ausnahms-Unrecht? t Im Mittelalter wurden die Juden von den Fürsten völlig dazu gezwungen, das Metier des Wucherers zu betreiben (man ließ ihnen ja kaum einen anderen Erwerbszweig), damit sie dann von den regierenden Herren gehörig geschröpft werden konnten. Es müßte erst genau geprüft werden, wessen Rolle die schmachvollere war: die des Wuchers oder die desjenigen, der ihm diese Rolle aufzwang. Maleachi. NACHRICHTEN, iKimcbösUrreich. Das orthodoxe Schulwerk in Wien. In der Sitzung am 7. Tamus (3. Juli 1922) beschäftigte sich der Vorstand der Talmud Thora-Schule mit den notwendigen Maßnahmen für das kommende Schuljahr. Vor allem wurde die finanzielle Frage durchberaten, da die Gehälter und Verwaltungskosten eine ungeheure Höhe erreicht haben. Es wurde ein Finanzkomitee eingesetzt, das vereint mit dem Propagandakomitee für die Aufbringung der notwendigen Summen Sorge tragen soll. In Anbetracht der großen finanziellen Not der Schule, hat sich der Vorstand veranlaßt gesehen, vom bisherigen Prinzip der unentgeltlichen Unterrichtes abzugehen. Gleichzeitig aber wurde betont, daß diese Maßnahme durchaus nicht dazu dienen soll, minderleistungsfähige oder arme Zöglinge von der Schule zu vertreiben. Gesuche die um Ermäßigung oder gänzliche Befreiung vom Schulgeld seitens der Eltern dem Vorstand vorgelegt werden, sollen weitgehendst berücksichtigt werden. Diese finanzielle Maßnahme war schon deshalb notwendig, weil mit dem Beginne des neuen Schuljahres die Talmud Thora-Leitung neue bedeutende Lasten auf sich nimmt. Mit der Aktivierung einer Mädchenvolksschule und Knabenbürgerschule erwachsen dem Vorstand ungeheure Kosten. Was die Mädchenschule betrifft, so werden erst die unteren zwei Klassen eröffnet werden. Es ist aber vorgesorgt, daß falls bis zum Beginn des Schuljahres auch für die oberen Klassen eine genügende Zahl von Anmeldungen vorliegen, auch diese oberen Klassen zu aktivieren. Was die Bürgerschule betriff'!, so wird die erste Klasse nach dem amtlichen Schul plane eingerichtet, damit die Bürgerschule das Oeffentlichkeitsrecht erlange. Die oberen Klassen werden nach den erwähnten System des Vorjahres mittels Kursen weitergeführt, damit die Zöglinge eine ausreichende Gelegenheit haben, sich mit jüdischen Wissenschaften abzugeben. Da der Ausbau der Schule auch neue Lehrkräfte benötigt, wurde beschlossen, in den jüdischen Zeitungen die Stellen auszuschreiben. Anmeldungen sind an das Sekretariat der Talmud Thora-Volksschule, II., Malzgasse 16, zu richten. Bürgerschulkurse der Talmud Thoraschule. Die Hörer der Bürgerschulkurse, die in der Jesod Hathora den jüdischen Unterricht geniessen und mittels der Talmud Thora Bürgerschulkurse für die Prüfung vorbereitet wurden, haben ihre Prüfung mit gutem Erfolg bestanden. Große Spenden für das Aguda-Waisenhaus im Monate Juni. Jacob Lewis (Panama) K 100.000, Frau Breinus (Petersburg) 100.000, Verwaltungsrat der Lombarden- und Eskompte-Bank Herr Heinrich Bronner 60.000, Pollak und Neuron 60.000, Frau Bertha Heller (Baden) 50.000, Frau Winterberg (Baden) 50.000, Koschitzky (Wien) 25.000, J. Abend (Wien) 20.000, Jonas Groß 15.000, Dr. Raab (Baden) 10.000, Gengor (Wien) 10.000. Allen Spendern sei auf diesem Wege bester Dank gezollt, besonders Frau Breinus (Petersburg), die die Waisenkinder auch reichlich mit Obst beschenkte. Prüfung im Aguda-Waisenhaus in Baden. Die Zöglinge des Badener Waisenhauses der Aguda rekrutieren sich zumeist aus dem Kriegs- und Pogromgebiete, und kamen als Analphabeten in die Anstalt, schon im ersten Jahre absolvierten sie zwei Ehmientarklnssen mit großartigein Erfolg, worüber die Prüfung an der öffentlichen Schule am Freitag, den 30. Juni, beredtes Zeugnis ablegte. Die Knaben erhielten durchwegs die besten Noten und konnten die Lehrkräfte der Schule nicht genug ihr Erstaunen ausdrücken, Jargonkinder so rasch vorwärts zu bringen. Im kommenden Jahre werden die Zöglinge die dritte und vierte Klasse absolvieren. Die Aguda sorgt nicht nur für die jüdisch geistige Erziehung der Kinder, sondern gibt ihnen auch Gelegenheit für die weltliche, bürgerliche Ausbildung. Geregelte wirtschaftliche Verhältnisse müssen einireten, wenn Staat und Volk in einigem Zusammenwirken den Wiederaufbau stützen. Die Geldentwertung aufzuhalten, ist unser nächstes Ziel. Schon arbeiten berufene Stellen an der Stabilisierung der W ä h r u n g, die nicht ohne Einführung von Sparmaßnahmen durchzuführen ist. Sparen ist "die gemeinsame Losung aller Oesterreicsher. Und wer hier dem Staate in seiner Bedrängnis die Treue halten will, muß neue ScfhaNt.zscheine der Emission 1922 erwerben, die bei angekündigtem Jahresbesitz 7.4 Prozent an Zinsen tragen. Alles Nähere über Rentabilität und Sicherheit geben das Postsparkassenamt, die Banken und Sparkassen bereitwilligst bekannt. Rumänien« Die Exekutive der orthodoxen Landeskanzlei in Transylvanien hielt am 20. Juni (wie „Jesurun" berichtet) in De jus unter Vorsitz des Präsidenten Oberrabbiner S. Uilmann eine sehr wichtige Beratung ab. Nebst vielen nicht rabbinischen Mitgliedern nahmen auch die Oberrabbiner von Sziget, Dejus, Marosvasarhely, Marosujvar, Nagykaroly, Szomosujvar und Tordad an der Beratung teil. Präsident Oberrabbiner Uilmann referierte über die Enquete in Bukarest und schilderte die Gefahren, welche der Orthodoxie durch die Schaffung eines Oberrates in Bukarest drohen, selbst wenn dieser Oberrat nur mit administrativen Dingen sich beschäftigen würde. Auch birgt die Einführung eines Wahlrechtes, das sowohl Frauen, wie Jugendliche berücksichtigt, eine schwere Gefahr in sich. Die Exekutive beschloß, die nötigen Schritte bei der Regierung vorzunehmen. Auch beschäftigte sich die Exekutive mit der äußerst wichtigen Frage der Unterrichtssprache an den Volksschulen. Bei ihren Beschlüssen hat sich die Exekutive bloß von praktischen und pädagogischen Momenten leiten lassen. Im Bewußtsein der großen religiösen A^erantwortung, welche sie treffen würde, falls der erzieherische Wert und Lehrerfolg an den orthodoxen Volkschulen durch Experimente, die wohl bloß nur dem Schlagworte „Hebäisierung" genügen wollen, in Frage gestellt sein würden, konnte sich die Exekutive nicht entschließen, das Hebräische als Unterrichtssprache zu wählen. Jugoslawien, Eingekerkerter Vorbeter. „Delbäeska" berichtet aus Feldvarac: In Ermangelung eines Vorbeters, verrichtete am 8. Juni den Gottesdienst in der Feldvaracer Synagoge der Textiluarenhändler Josef Kaufmann. Zwei Zeugen machten gegen ihm bei der Polizei die Anzeige, daß er anläßlich des Gebetes für den König anstatt „Kralj" Karl las. Auf Grund dieser Anzeige wurde er in Haft genommen und der Staatsanwaltschaft Xovisad übergeben. Die Ueberraschung ist iu Feldvarac um so größer, da dieser angebliche Lapsus von Niemanden in der Synagoge gehört wurde. Amerika. Rabbi Fischinanii über die Aguda. Im „Yiddischen Folk:? in New York, erklärt der Misrachiführer Rabbi Fischmann, daß er nur wegen der Untätigkeit der misrachischen Landesorganisationen von der Leitung zurückgetreten sei. Er wäre dafür gewesen, daß sich Misrachi der Aguda anschließe, wenn diese wirklich Aufbauarbeit leisten wollte. Sie tat aber nichts als zu Northcliffe gehen. Er habe Samuel seinerzeit gefragt, ob er den Agudisten eine Zusage gemacht hätte, was dieser verneint hätte. — Bei aller Anerkennung der sonstigen Tüchtigkeit des Rabbi Fischmann wollen wir bemerken, daß die Aguda merkwürdigerweise erst seit dem so viel gescholtenen Besuch bei Northcliffe so ernst genommen wird. Seine Bemerkung wegen seines Besuches bei Samuel ist seitdem durch den Empfang bei Samuel überholt, aber noch mehr durch die seither erfolgten Ereignisse. Aber selbst in den Worten des Kabbi Fischmaun blickt ein schüchterner Anlandungsversuch durch. England. Der Ukrainer Verband für die Hungernden. Der Ukrainer Verband in London hat jüngtens beschlossen, in der Ukraine eine Küche zu gründen, in der vorläufig tausend jüdische 'Pogromwaisen gespeist werden sollen. Der Verband hat auch eine großzügige Kampagne eröffnet, um die Ausspeisung von einer weiteren Anzahl von Progromwaisen zu ermöglichen. Das Fiasko des Keren hajessod. Dr. Schwartzmann hat von seiner Stelle als Direktor des Keren hajessod Zentralkomitees in England demissioniert. Seine Abdankung, die. in der englischen Judenheit großes Aufsehen erregt, wird mit der Tatsache begründet, daß Dr. Schwartzinann durch den Mißerfolg des Keren hajessod enttäuscht ist, und nicht an der Möglichkeit glaubt, daß der Keren hajessod mehr oder weniger Erfolg haben kann. Rußland, Ein jüdisches Kommissariat. Die Regierung von Weißrußland hat ein Kommissariat für jüdische Angelegenheiten eröffnet. Der Oberkommissär Palästinas beim Generalsekretär des Völkerbundes. (JPZ) Der britische Oberkommissär für Palästina, Sir Herbert Samuel, ist auf der Durchreise in Genf eingetroffen und stattete am Montag dem Generalsekretär des Völkerbundes, Sir Eric Drummond, einen Besuch ab. Schlangeng efahr in Tiberias. Wie „DoarHayom" meldet, wird Tiberias und Umgebung in jüngster Zeit von einer Schlangenplage heimgesucht, die katastrophale Formen anzunehmen droht. Mehrere Personen sind bereits gebissen worden, von denen einer auch gestorben ist. Das Gesundheilsamt hat