Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 8 (1922)
- Issue
- 24 (7.7.1922)
- Date
- 1922-07-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 154 JUDISCHE PRESSE Nr. 24 sein. Die zionistischen Organe haben keinen Anspruch auf politische Macht. Wenn sie politische Macht gebrauchen, so ist dies ein Akt der Anmaßung. Ist es wahrscheinlich, daß dieses sich ereignen kann, unter den Luxaugen der Kritiker und unter den Augen der Mandatskommission? Noch einen dritten Punkt der Balfour-Rede möchten wir hervorheben, den Punkt, der uns nicht ganz ohne Sorge läßt. Er sagte, „ich leugne nicht, daß dies ein Abenteuer ist, aber haben wir sonst kein Abenteuer versucht, haben wir sonst nicht neue Experimente?" Wir wagen es nicht Lord Balfour auf diesem Gebiete zu widersprechen und möchten nur in aller Bescheidenheit bedenken, daß das Unternehmen dann aufhören dürfte ein Abenteuer zu sein, wenn es lückenlos an G-ttes Wort und G-ttes klar ausgesprochenen Willen sich allschließt. Der größte Teil des englischen Oberhauses (09 gegen 21 Stimmen) verblieb trotz der warmen Töne der Balfour-Rede bei dem Wunsche, welches in dem Antrag von Lord Islington ausgedrückt war. Was nun? Die „Jüdische Presse" war das — leider! — einzige jüdische Blatt, das die katastrophale Unfähigkeit der gegenwärtigen zionistischen Leitung in die richtige Beleuchtung gerückt und auf die Unmöglichkeit hingewiesen hat, daß diese von den eigenen ehrlichsten und fähigsten Männern verlassene Gesellschaft imstande sein werde, der siegreich vordringenden arabischen Politik standzuhalten. Die Balfour-Deklaration, deren völlige politische Wertlosigkeit wir seit dem Momente ihrer Geburt betont haben, hätte — da sie einmal der gegebene Fall war — noch immer der Ausgangspunkt eines glückenden, erhöhten Jischubs werden können, wenn die Anhänger der Balfour- Deklaration eine ehrliche Erfüllung derselben angestrebt hätten. In der Balfour-Deklaration selbst ist ja das freundschaftliche Verhältnis zu den Bewohnern Palästinas als unerläßliche Bedingung mitgegeben, ja sogar auch die Ablehnung des Diaspora-Nationalismus, da betont wird, daß nichts geschehen dürfe, was die religiösen und bürgerlichen Rechte der bisherigen Bewohner Palästinas und die „staatsbürgerlichen Rechte, deren sich die Juden in den anderen Staaten bisher erfreuen durften, beeinträchtigen könne". Diese deutliche Warnung zur gemäßigten, auf die Sympathie des Mitbürgers in und außerhalb Palästinas basierenden Politik, ist mit sträflicher Gewissenlosigkeit mißachtet worden. Noch ein Drittes! Der Hinweis auf die Schonung der religiösen Reciite der Bevölkerung galt natürlich den Christen und Mohammedanern. Wer konnte ahnen, daß selbst die religiösen Juden in die Lage versetzt werden, ihre religiösen Rechte gegen die zionistische Leitung verteidigen zu müssen. Die V'eizmann Garde hat dergestalt selbst dreifach gegen die Balfour-Deklaration gesündigt. Sie hat die Araber gereizt, sie zu Feinden gemacht, sie hat durch den Diaspora-Nationalismus der Orthodoxie und der Assimilation in der Diaspora jede Mitarbeit unmöglich gemacht und die religiösen Empfindungen — und in Religionssachen bedeutet Verletzung der Empfindung schon Verletzung eines Rechtes — aller drei Konfessionen in Palästina aufs Schwerste verletzt. Wir wissen wohl, daß die herrschende politische Moral, die nach schweren politischen Mißerfolgen die Abdankung der Leitung fordert, keine Geltung in der zionistischen Organisation hat. Diese Leitung wird nur der organisationstechnisehen, aber keiner moralischen Gewalt weichen. Aber dagegen verwahren wir uns, im Namen der großen Sache Erez Jisroels aufs Entschiedenste, daß die bisherigen Bluffs fortgesetzt werden. Schon wagt Weizmann wieder Erklärungen alten Stiles herauszugeben und dem Volke — wie es alle ncwie scheker taten — zuzurufen: „Friede, Friede wird sein." Es ist Volksbetörung, wenn die zionistische Leitung vorgibt, daß mit der Ratifizierung des Mandates eine Besserung der zionistischen Situation eintreten würde. Waiir ist das Gegenteil! Bis zur Ratifizierung hat die jüdisch-öffentliche Meinung noch irgendeinen Einfluß. Nach der Ratifizierung ist die Palästinafrage für England eine interne Angelegenheit geworden und das Wohlwollen der Araber das wichtigere Moment. Es ist jedem Klardenkenden evident: Palästina wird eine konstitutionelle Regierung erhalten, die Araber werden die Majorität haben und das Gesetz diktieren. Man wird mit unbedeutenden Ausnahmen nur solchen das Bürgerrecht verleihen, die schon vor dem Kriege in Palästina ansässig waren. Das palästinensische Judentum — soweit es nicht aus bezahlten Beamten besteht — wird sich selbst von der zionistischen Leitung lossagen, die Leitung der jüdischen Angelegenheiten wird ausschließlich von Erez Jisroel-Juden gehandhabt werden und die palästinensische Regierung wird sich jede Einmischung „ausländischer" Zionisten in die Angelegenheiten Erez Jisroels verbieten. Dieses Zukunftsbild stand fast schon im Momente, wo die von England erhoffte Mitarbeit des Gesamtjudentums mit seinen Staatsmännern, Großfinanziers, Rabbinern und Schriftstellern ausblieb und sich nur eine Masse unverantwortlicher Elemente, geführt von sehr kleinen Männern, als die Auslese des jüdischen Volkes präsentierte. Der XII. Kongreß, der die Summe der geistigen und materiellen Kräfte des Zionismus so trübselig kundgab, wirkte in dieser Beziehung katastrophal und war eine verlorene Entscheidungsschlacht des Zionismus. Ob sich die zionistische Organisation dazu aufraffen können wird, sich eine andere Leitung zu wählen, entzieht sich unserer Erwägung. Wann wird endlich die von uns vom ersten Momente an dringendst empfohlene araberfreundliche Politik eröffnet werden? Wieder, wenn es zu spät sein wird? Noch hat unser Anbot der brüderlichen Zusammenarbeit einen Wert für die Araber, noch kann bei einem energischen ehrlichen Schritt Vieles vom Verlorenen gerettet werden. Wie anders, wenn wir den Arabern vor zwei Jahren das geboten hätten, was jetzt die größten zionistischen Schreihälse konzedieren wollen. W7er hier aus Angst vor der Stimmung der jüdischen Masse nicht wagt, den längst gebotenen Frieden mit den Arabern durchzuführen, ladet eine große Verantwortung für das Schicksal des Judentums in Palästina auf sich. Mit Worten ist in diesem entscheidungsvollem Momente nichts zu retten. Die Stunde ruft nach einer Tat. An der Orthodoxie liegt es, sie zu vollführen! S. B. Für die Opfer der Hungerkatastrophe in Rußland. Die Sammlung. Bisheriges Ergebnis: ca. 465 Millionen Kronen. Die jüdische Presse des gesamten Kontinent^ hebt mit Genugtuung den Erfolg der von der Agudas Jisroel eingeleiteten Hilfsaktion für die hungernden Juden in Rußland hervor. Infolge der eindringlichen Mahnung des Zentralrates der Agudas Jisroel beginnen die breiten Schichten des Volkes allmählich zu begreifen, daß dort in den Hungergebieten Sowjetrußlands etwas u nfaßbar Schreckliches sich abspielt. Hunderttausende jüdischer Menschen ringen verzweifelt mit dem Hungertode. G a n z e Gemeinden sind zu Friedhöfen g ew o r d-e n. Eltern nehmen sich und ihren Sprößlingen das Leben, weil sie die Qualen ihrer Kinder nicht mehr mitansehen können. Viele Tausende haben nur noch einen Wunsch, menschenwürdig zu Grabe gebracht zu werden und nicht tinbeercligt zu verwesen, wie es vielfach aus Mangel an Menschen geschieht, die noch Kraft hätten, sich mit den Toten zu beschäftigen. Sollen wir noch fortfahren, die gräßlichen Bilder zu veröffentlichen, die aus den jüdischen Gemeinden Rußlands gegeben werden? — Genügt es nicht, daß nunmehr in a 11 e n Ländern die Rabbiner und die sonstigen Führer des Judentums einen Weckruf an das gesamte Volk ergehen lassen und in herzzerreißenden Worten um Hilf e, u m a u sg i e b i g e und r a s c h e Hilfe f ü r diese II u n d e r 11 a u s e n d e d e m II u n g e r t b d e preisgegeben en Brüde r f1e h enV Einer solchen Not gegenüber gibt es keine Ausflucht. Ein jeder kann noch soviel entbehren, u m eine m h u u g e rnd e n Kinde ei n m a1 in de r W o c ho ei n 8 t ü c k c Ii e n Brot zu spende n. Was bisher durch die Uebermittlung der Lebensmittel-Pakete geleistet wurde, ist sehr wertvoll. In vielen Städten ist dadurch der Brotpreis heruntergegangen „von vierhunderttausend auf zweihundertfünfzigtausend Rubel das Pfund Schwarzbro t". Noch habÖfol wir indessen unsere Pflicht nicht getan. Es muß viel, viel in e h r aufgebracht werden, um uns anderen lokalen oder allgemeinen Notwendigkeiten zuwenden zu dürfen. Unser Volk ist mit gutem Herzen gesegnet, das sich dem Notleidenden niemals verschließt. Männer und Frauen müssen aber zur Stelle sein, die sich der Mühe unterziehen, zu Spenden anzuregen und die S a m melarbei t ,zu leisten. Wir bitten die Ehrwürdigen Rabbi n e r und Vorstände der G e m e i nd e n und B e t h ä u s e r, sich dieser edlen Aufgabe zu unterziehen. Was bei einigem guten Willen geleistet werden könnte, beweist die mustergültige Arbeit der polnischen Aguda-Landesorganisation, die in wenigen Wochen m ehr als h u n d e r t Millionen M a r k gesammelt hat. '•U Dr. Bogen über unsere Hilfsaktion. Ein Vertreter des Warschauer vJudr hatte eine Aussprache mit dem am 23. Juni von Moskau und der Ukraine zurückgekehrten amerikanichen Joint- Vertreters Dr. Bogen, die sich hauptsächlich auf die Hilfsaktion der „Agudas Jisroel" bezog. Dv. Bogen drückte seine besondere Anerkennung für dieses Hilfswerk aus und erklärte, daß die von der Aguda angewendete Methode der Sendung von Einzelpäckchen mit Lebensmitteln an bestimmte Adressaten unter den obwaltenden Umständen die beste Methode wirksamer Hilfe sei. Es werden dadurch die vielfach sehr störenden Schwierigkeiten vermieden, die bei der Bildung lokaler Hilfskomitees entstehen; es tritt eine geradezu unmittelbar wirkende Rettung von Menschenleben ein, und es erfolgt erfahrungsgemäß an allen Orten, an denen eine größere Anzahl dieser Lebensmittelpakete eintrifft, sofort eine allgemeine Senkung der Preise am Lebensmittelmarkt. TELEPHON 40.324 Eli GROS:: Eli DETAIL KLEIDER-INDUSTRIE Polen und Litauen für die Hungernden. Rührend und zugleich erhebend ist die tätige Teilnahme, die das Schicksal der Hungernden in Rußland uberall in Polen und Litauen findet. Wilna hatte sich zur Aufgabe gemacht, zunächst hundert Millionen Mark aufzubringen und schon der erste Aufruf hat zur Einsammlung eines großen Teiles dieser Riesensumme geführt. Ein Städtchen in der Gegend von Lomsch, Mischinee genannt, das vom Kriege wiederholt schwer heimgesucht worden ist und als o-anz verarmt gilt, hat nach einer feurigen Rede des Ortsrabbiners in einer halben Stunde folgende Beiträge aufgebracht: eine Viertelmillion polnische Mark, 40 Dollar. 390 Silberdollar, 850 Zarenmbel, G Frank, 22 deutsche Mark, 3 silberne Becher und dergleichen mehr. Das ganze Städtchen zählt 200 Familien, von denen keine in Ueberfluß lebt. Aber jeder gab her, was ihm entbehrlich schien bei dem ersten Huna'erschrei aus der Ukraine. Spendenausweis für jüdische Hungernde in Baßland. (Fortsetzung.) Julius Fischer, Dr. Friedenthal durch Rabbiner Fürst ä K 1000 2000, Viktor Biedermann 1500, N. N. 800, Rabbiner A. Aschkenasy 1000, Rabbiner Tobias Horowitz, Thora-Spende 5000, Apotheker R. durch A. M. 4000, Leopold Maier durch Bruno Hirschler 5000, Landesorganisution der Agudas Jisroel für Ostgalizien (Lemberg) 700.000, Mina Tauber 1000, Bethaus verein „Achdus Jisroel" 1900, David Simon Herrenalb (Sammlung) Mk. 1500, durch Gruppenverband der Agudas Jisroel in Deutschland (Halberstadt) 45.330, A. Schukster (Zürich) Dollar 20, Brüder Braver durch Gh. I. Eiß (Zürich) 10, Frau B. Perlmutter (Zürich) 10, Gruppenverband der Agudas Jisroel in Deutschland (Halberstadt) 200, August Austerlitz öK 10, N. N. durch Stern (Bratislava) 100, Oberrabbiner M. Strasser (Spiska-Stara-Ves) 200, Hermann Steiner (Preßburg) 100, David Löw-Beer und Schlesinger (Topolczany, zweite Sammlung) 700, Sammlung I. Lewin, Malmö (Schweden) durch Rabbiner Dr. JosefWohlstein Mk. 13.000; zusammen K 721.700 Mk. 59.830, Dollar 240, <5K 1130, Gesamtsumme K 6,621.700] Bisheriges Ergebnis der Aguda in Polen. Polnische Mk. 90.570.001, Dollar 469, Gold Mk. 10, silb. Dollar 25, Fr. 96 silb. Fr. 25, Rubel 6778, silb. Rubel 82, d. Mk. 6045, silb. Mk. 56 K 2003, silb. K 27, ÖK 62, Pfund Sterling 10, Canada Dollar 2 Helfet den Hungernden! HIEN, 11.. TflBOHSTRaSSE 39 (HOTEL BAYRISCHER HOF) OSOSSB AUSWAHL IX HBRRBNBXBIDBRN FBRTIG UND NACH MASS