Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 8 (1922)
- Issue
- 24 (7.7.1922)
- Date
- 1922-07-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHE » V. b. b. I („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion and Administration: Wien, IL. Obere Donanstr. 91, - Telephon 48.142. Tschechoslowakei: Bratislava, Postfach 140. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluß: Für Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Österreich K4000, Ungarn K 350*—, Tschechoslowakei Kö.70'—, Deutschland Mk.150-—, Schweiz Frcs. 10-—, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 70 Lei, Jugoslawien 70 Dinar, Polen Mk. 1500-—. Einzelnummer d.-ö. K 80 -, Kc. 1*50. 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Selbst König Salomon, dem das Buch der Natur und das Buch des Menschenherzens offen daliegt, dem durch, die Gnade des Allmächtigen der Weisheit allerhöchste Blüte verliehen war, mußte auf diesem Wege sicli bescheiden. Nur der wird diesen Weg wählen, ohne zu straucheln, der bei jedem Schritt sich bewußt ist, daß hier Richtpunkt nur die Liebe zum Allmächtigen sein kann und hier die Ewigkeit williges Gehorchen von sterblichen Menschen verlangt. Hier ist auch der Scheidepunkt der inneren Stellungnahme zum Gebiet des religiösen Lebens, in dem Verhältnis des Juden zu den Ghukim seiner Thora ist der Gradmesser die Stärke seines Bekenntnisses. Daseist der unwiderlegliche Beweis, daß alle Versuche, die Religion rationell zu erklären und zu erfassen, scheitern müssen. l£s ist immer der erste Schritt vom Wege, wenn sich jemand von dem Gedanken leiten läßt, als könnte er Grundsatz und Forderung des Glaubens an seiner Vernunft messen «ViX^A zuweisen, was an dem Haßstab seiner Vernunft nicht restlos aufgeht. Dies aber und nichts anderes ist die Tendenz des Rationalismus. Nun haben allerdings von jeher auch nur einigermaßen begabte Menschen die völlige Unzulänglichkeit dieses Versuches eingesehen. Es bedurfte dazu gar nicht des Erlebnisses jenes Zerrbildes; als beispielweise zur Zeit die französische Revolution ihr Denken als das Resultat der allgemeinen absoluten Vernunft hinzustellen wagte. Seit jeher tobte der Kampf ob die Ewigkeit an dem Menschen, oder der Mensch an der Ewigkeit zu messen sei. Was stets unbegreiflich bleibt, das sind die Menschen, die sich in die Mitte stellen und Wunder was geleistet zu haben glauben, wenn es gelingt scheinbar nachzuweisen, daß der Ewigkeit Wort und der Ewigkeit Wille vor der Kritik ihres Verstandes besteht. Wir gestehen zu, sie mögen von dem Bestreben getragen und geleitet sein, möglichst viel zu erklären, sie dürfen aber, daß was sie erklärt zu haben glauben nicht höher bewerten, als den Rest des Unerklärlichen. Sie dürften nicht sagen, daß beipielsweise die sogenannten ethischen Gebote mehr sittliche Werte bergen, als die Chukim, die man fälschlich Zeremonialgesetz nennt. Sie dürften nicht zugeben, daß innerhalb des Judentums Sabbatentweihung minder schwer beurteilt wird, als ein Vergehen gegen das dritte Gebot. Es dürfte nicht zugegeben werden, daß Menschensatzung in sich bedeutsamer ist, als das Wort der Ewigkeit. Hart und fest, unvermittelt nebeneiannder stehen auch auf diesem Gebiete die Grenzen zwischen Reinheit und Unreinheit. Der Weg dieser Reinheit führt fem ab von allem rationellen Wollen durch das Gehege der Ghukim. F. K. Die Debatte im englischen Oberhaus vom 21. Juni. Der Bericht über die Verhandlung im englischen Oberhause, über den wir in der vorigen Woche berichtet haben, liegt jetzt vor. Antragsteller war Lord Islington, welcher In Bezugnahme auf die im Artikel 4, 6 und 11 des Mandatsentwurfes, insbesonders in Hinsicht auf die Palästina-Politik Englands festliegende Erklärung vom Oktober 11)15, verlangte, daß die Verhandlung des Mandates so lange verschoben wurde, bis eine entsprechende Berücksichtigung dieses Versprechens der englischen Regierung im Entwurf zum Ausdruck gebracht sei. . Die Aeußerung des Lord Islington, mit der er seinen Antrag begründete, zeugt von einer verschiedenen Auffassung des Mandatssystems überhaupt, und von einer gewaltigen Furcht vor dem jüdischen Einfluß. Ob der Ausdruck, dessen sich Lord Islington bediente „Zionist home" (Heim für Zionisten) anstatt des üblichen „National home for Jewish People" (Nationales Heim für die Juden) den Vorwurf enthalten sollte, daß die Mandatarmacht nicht;an ein Heim für das g^xe jüdische Volk dächte^ ist "aus dem ''Zusammenhang nicht ersichtlich. Eine großangelegte geschichtliche Perspektive bedeutet die Antwort von Lord Balfour, der bei dieser Gelegenheit zum erstenmal im Oberhaus erschien. Er legte dem Hause das Problem des Wunders vor, daß die Juden trotz aller Verfolgung noch leben und auf allen Gebieten der Kultur Namhaftes leisten. Er schrieb die Lösung dieses Wunders der außergewöhnlichen Beharrlichkeit der jüdischen Rasse zu. Balfour sucht also eine Tatsache zunächst einmal ohne Bezugnahme auf übernatürliche Kraft zu lösen, wohl aber verirrt er sicli in ein Gebiet, welches jenseits materieller Bestrebungen und Willensäußerungen liegt, in das Gebiet der moralischen Kräfte der menschlichen Beziehung, wenn er — und hier ward der Politiker beinahe zum ernsten Prediger — das gesamte Christentum auffordert, in der Palästinafrage all das Unrecht wieder gut zu machen, welches im Verhältnis zu den Juden Jahrhunderte aufgehäuft haben. (Ist es zu vermessen, daran eine leise Hoffnung zu knüpfen? Wenn die englische Regierung in der Palästina-' frage die moralische Kraft und die moralische Verpflichtung einschließt, so muß sie eines Tages — und wir vertrauen zu Lord Balfour in erster Reihe, daß dieser Tag bald kommt — zu der Erkenntnis gelangen, daß ihr bisher vorbehalten blieb, daß jede jüdische Frage im kleineren und größeren Ausschnitt stets ohne Lösung blieb, wenn man nur die materiellen Faktoren in Rechnung stellt, hingegen sofort nach allen Seiten befriedigende Lösung findet, wenn man die moralischen Kräfte des Judentums aufrief und berücksichtigte. Gerade wenn man im Gewoge der Politik an übersinnliche und überirdische Kräfte appelliert, dann müßte man wahrhaftig bei der Lösung der Palästinafrage die jüdische Religion zuerst aufrufen. Es würde eine Tragik sondergleichen sein, wenn dieses bewußt oder unbewußt vernachlässigte Moment den großen Gedanken scheltern ließe. Denn wenn Lord Balfour sich zum Anwalt des Allmäclitgen und zum Anwalt?ler Juden als des Volkes G-ttes, als der Enkel Abrahams zu der Höhe verkündeter Erlösung getragen fühlen wird, dann dürfte sein Appell an die Wiedergutmachung, auch die Bekenner des Islams mit gewaltigen Kräften erfassen und England wird der Nachfolger von Cyrus, der einst die Rückkehr nach Palästina in den Ruf kleidete: Der ziehe empor, der seinen Schöpfer ein Haus bauen will. Den Pilgern zu G-tt wird keine Macht der Welt den Zutritt zu Palästina wehren wollen.) Neben diesem großen Ausblick, in welchem Lord Balfour die Vergangenheit zur Neukonstruktion geschichtlichen Werdens als Motiv aufrief, beleuchtete er mit Klarheit, die Zukunft und sucht für diese eine Form zu finden, mit der er die Befürchtung der Araber zerstreuen zu können glaubte. Diese Sätze lauten: Jede Handlung der Regierung von Palästina wird genau beobachtet Künstliche Organisation oder natürliche Zusammengehörigkeit. Alljährlich, wenn die blühende, glühende Sommerzeit herannaht, erwacht in der verstaubten Großstadtseele die Sehnsucht nach G-ttes freier Natur und es beginnt eine Völkerwanderung in die Berge, zu den Heilquellen und Seen, um wieder für einige Wochen Alltagssorgen zu vergessen, Kräfte zu sammeln für neue Kämpfe, Gesundung zu finden von allen Gebresten, die die aufreibende Vergangenheit Leib und Seele geschlagen hat. Das Schwert und die Streitaxt wird vergraben und aus den verschiedenen und verschieden gearteten Menschen und Individualitäten aus aller Herren Länder werden „Kurgäste", die nur eine Sorge eint, daß ihnen der Wetterg-tt gnädig sei. Da sieht man gefürchtete Politiker, hohe Herren der Diplomatie, gestrenge Professoren in anspruchslosen Touristenkostüme, bejahrte Kultusvorsteher und zionistische Parteiführer als Salontiroler verkleidet. Die Table d'hote kennt weder Klassennoch Rassenunterschiede; selbst der Antisemitismus ist gedämpft und die Völkerversöhnung ist auf der Tagesordnung der sauren Gurkenzeit. — In den Bergen wohnt die Freiheit.... Es gilt nur ein Gesetzbuch, das uns die scheinbar ungangbaren Wege und Stege zeigt, die beste Verpflegung in jedem Orte empfiehlt und die Sehenswürdigkeiten schildert. Es ist die Rückkehr zur Mutter Natur frei und unbeschwert von der Bleikugel der Konvention. — Auch der jüdische Nationalismus, der das ganze Jahr hindurch seine Reklametrqmpete in stolzen Fanfaren schmettern läßt, weicht gerne diesem Internationalismus, der Kurorte und Badeplätze siegreich erobert und behauptet. Die Politik hat Ferien. Auch der gesetzestreue Jude sucht wohl Luftveränderung, doch seine Marschroute ist gebunden. Er kann ja nur dort Aufenthalt nehmen, wo seine rituellen Bedürfnisse befriedigt werden können. Seine religiöse Ueberzeugung, seine Lebensführung und Lebensauffassung wird von dem ehernen Gesetz der Religionsvorschriften beherrscht, die unveränderlich bleiben, wo immer er auch weilen mag und womit der glaubenstreue Jude sich so verwachsen fühlt, daß er unzertrennlich damit ver~ knüpft bleibt. So ist auch in Kurorten und Sommerfrischen, das G-tteshaus und das rituelle Speisehaus der natürliche Treff- und Sammelpunkt aller Gesinnungsgenossen und selbst der Wohltätigkeitssinn äußert sich gleich in Sammlungen für die Enterbten des Glücks, die Leid und Leiden gefunden und Mitleid suchen. Alte Bekannte treffen sich, neue Freundschaften werden geschlossen. Ein Band der Liebe umschließt die Versprengten aus allen Orten. Ghawerim Kol Jisroel. So liegt der Gedanke der Aguda auch in der frischen Alpeniuft, denn uns verbindet und verbrüdert nicht Mitgliedsabzeichen und Mitgliedsbeitrag, sondern Glaubens- und Lebensgemeinschaft in Freud und Leid, auf dem Gipfel des Glücks und im Jammertal der Not, bei Fest- und Fasttag, kein Verein, sondern vereint in der Erkenntnis und der Bekenntnis, daß die heilige Lehre unsere Lebenssonne ist, in der wir forschen, streben, leben. Dieser ewige Sonnenschein wird auch den Urlaub vergolden und verklären. 0. N. Engros und Erzeugung b I., Bauernmarkt 24 (Ecke Flelschraarkt) :-: Telephon 67-302 Detail Verkaufs-Niederlage: I., Graben 28 Filiale: KLa.rls>t>ac3L, Alte Wiese.