Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 8 (1922)
- Issue
- 23 (30.6.1922)
- Date
- 1922-06-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 150 JÜDISCHE PRESSE Nr. 23 ohne G e t in einer jüdischen Körperschaft in der Stadt des jüdischen Heiligtums auch nur zu erwägen wagen? Die Frage muß klar und scharf gestellt werden: Wollt ihr, ihr Z i o n i s t e n, oder Nationalisten, oder wie immer ihr euch nennen möget, wollt ihr Hand anlegen an den höchsten Adel, an (1 a s E d e 1 s t e unserer jüdischen Geineinschaft, an die Reinheit unserer Familien unseres Stammes? Wollt ihr, ihr Zionisten, unser Heiliges Land mit Mamserim füllen? Waget es nur und ihr werdet gar bald sehen, wie die Entrüstung des gesamten Volkes die letzte Spur eures dreisten Wollens von der Bildfläche unseres jüdischen Lebens wegwischen wird! Jüdische Gedanken. i. Die Juden sind wehleidig! Wie oft hört man diesen Vorwurf. Als ob ihre ,Wehleidigkeit" ein schlimmeres Verbrechen wäre als ihnen — Weh und Leid zu bereiten. tWer schreit, hat Unrecht." Diesen Satz hat sicherlich einer geprägt, der es nicht einmal dulden wollte, daß ein Mißhandelter laut klage. * Es gibt Menschen, denen es schwerer fällt ein Opfer zu verlangen als dem anderen es zu bringen. # Die Wissenschaft hat es so weit gebracht, daß sie den Krüppeln des Krieges künstliche Gliedmaßen schafft. Aber sie hat es nicht so weit gebracht, zu verhüten, daß den Menschen durch den Krieg die natürlichen Gliedmaßen geraubt, werden. Man kann von vielen Reichen leider mit arger Begründung sagen, daß ihre Rechte nicht weiß, waB ihre Linke tut. Es gibt Viele, die es oft laut betonen, daß sie Wohltaten im Stillen üben. * Die Mischehe führt schließlich zum ungemischten Christentum. # Der berühmte R. Moses Serach Eidlitz hat auf dem Titelblatt zu seinem ^Rechenbuch) „Maleches Machschowaus" (Prag 1755) die Erklärung veröffentlicht, daß, wer sich durch das Buch nicht belehrt finde, das dafür bezahlte Geld zurückbekomme. Wie wenige dürften in unseren Tagen es wagen, dieses Beispiel zu befolgen 1 * Es gab keine Zeil der Diaspora, in der die Juden aufgehört hätten Palästina .Erez Jisroel* zu nennen. NACHRICHTEN. Detmct)ö$urrcicD. Jahresprüfung in der Thoras Chaim-Schule. Der vor ungefähr drei Vierteljahr im IX. Bezirk ins Leben gerufene jüdisch-orthodoxe Schulverein „Thoras-Chajim" hielt Sonntag, am 22. Siwan, unter dem Vorsitze seiner Ehrw. Vereinsprotektoren Herrn Oberrabbiner S. Fürst und Bezirksrabbiner Benzion Katz und im Beisein mehrerer jüdischer Persönlichkeiten, wie der Herren Rabbiner Schenk und Fleischmann, Dr. Pollak, Ehrenmitglied Wolf Pappenheim usw., seine erste öffentliche Jahresprüfung ab. Diese Prüfung bot den Anwesenden einen wahren geistigen Hochgenuß, indem sie hier, ja gerade hier im neunten Bezirk, die beste Gelegenheit hatten, die Größe des Koach Hatora wahrzunehmen, die sich in einem bislang als unfruchtbar gegoltenen Boden verpflanzte und in einer kurzen Zeit feste Wurzel faßte. Es war geradezu herzerhebend die staunenswerte Schlagfertigkeit, mit der manche Schüler die vom Herrn Rabb. Katz in fast rücksichtsloser Weise gestellten schwierigen Fragen zu beantworten verstanden. Nach Schluß der Prüfung und Beschenkung der Schüler mit Gebetbüchern, Schulchan Amchs u. dgl. dankte der Vereinsobmann Herr Sandor Adler namens des Vereinsvorstandes den Herren Rabbinern und allen Erschienenen in warmen Worten, worauf Herr Oberrrabbiner Fürst zu einer längeren zunächst an die Schüler gerichteten Ansprache das Wort ergriff, in welcher er die überaus rühmenswerten Leistungen der Schulleitung (Rabbiner Benedütt) und deren Lehrer hervorhob und dem Vereinsvorstande .besonderen Dank aussprach. Mögen auch alle sonstigen vom Thorazentrum entfernten Bezirke Wiens recht bald dem Beispiele der „Thoras Chajim" folgen. Jahresprüfung an der „Jesod Hathora". Samstag, den 14. und Sonntag, den 15. Siwan, fand in Gegenwart Sr. Ehrw. Rabbiner S. Fürst, Sr. Ehrw. Rabbiner J. Baumgarten, des Schulleiters Sr. Ehrw. Rabbiner S. Neuwirth und des Vorstandes der „Jesod Hathora11 und vieler Gäste aus dem Kreise der Eltern und Gönner der Schule die Jahresprüfung statt. Man kann im Rahmen eines Berichtes von der Fülle der Leistungen dieser Anstalt kein richtiges Bild geben. Man muß vom Anfang bis zum Ende bei der Prüfung gewesen sein, um nur einigermaßen die geleistete Lehr- und Lerntätigkeit der Lehrer und Schüler würdigen zu können. Mit Stolz darf der Schulverein „Jesod Hathora" behaupten, daß er das sich gestellte Ziel, die Erziehung der Jugend auf dem Gebiete der Thora, erreicht hat; denn hier wird von den Anfängen jüdischen Wissens — vom hebräischen Lesen bis zur Gemorch und Poskim bei den Knaben und bis zur Erlangung jener Kenntnisse, die einer jüdischen Frau im Leben unerläßlich sind, wie Dinim, Verständnis der jüdischen Gebräuche, Uebersetzen der meisten Gebete, gelehrt. Bewundernswert war die Gründlichkeit des Unterrichtes und mit welcher Leichtigkeit die Schüler die schwierigsten Probleme des Talmuds behandelten. Die Schülerin Elly Ilofbauer dankte im Namen aller Schüler und Schülerinnen Sr. Ehrw. Rabbiner S. Fürst, dem Schulvorstand und dem Lehrkörper in größartig gesprochenen Worten für die Mühe, die man bei ihrer Belehrung walten ließ. Herr Rabbiner S. Fürst dankte allen, die sich um diesen schönen Erfolg verdient machten. Herr Inspektor Wiesner dankte dem Lehrkörper im Namen der israelitischen Kultusgemeinde für die besonders eifrige und aufoperungsvolle Lehrtätigkeit. Er bewunderte die außerordentlich große Menge jüdischen Wissens, das hier gelehrt worden, in welcher Hinsicht die „Jesod Hathora" einzig dasteht. Deutschland. Walter Rathenau. Durch Mörderhand fiel Walter Rathenau. Was dieses Verbrechen für Deutschland und der Weltpolitik bedeutet, das darzulegen ist nicht Aufgabe unseres Organes. Wenn wir am Grabe des Juden Rathenaus stehen, so quillen aus dem Herzen heiße Tränen der Scham und des Vorwurfes gegen eine Zeit, die einen so begabten Menschen es nicht gestattet, den Sehnsuchtsschrei seiner Seele, die, wie er selbst einmal sagte, mit am Sinai war, lebendigen Ausdruck zu geben. So mußte es kommen, daß für Walter Rathenau das Judentum zu einem Problem wurde. Probleme reizten Walter Rathenau, darin lag sein Größtes. Was er auf anderen Gebieten an großer Gestaltung leistete, wäre ihm sicher nicht versagt geblieben, wenn er seine Kräfte hätte in den Dienst der Thora stellen können. Die Zeit, auf der die schwere Schuld an seinem frühzeitigen Tod lastet, möge auch daran die Schwere der Schuld ermessen, daß sie es nach Erziehung und Umgebung einem Walter Rathenau versagen mußte, seinem Glauben ein Führer zu werden. Organisierung der zionistischen Opposition. In Berlin fand eine Versammlung der zionistischen oppostitionellen Kreise statt. Herr Nehemia de Lieme aus Holland hielt einen Vortrag, in welchem er die Anwesenden zu einer Organisierung der Kräfte zwecks Bekämpfung des heutigen Systems der zionistischen Politik aufforderte. Vertreter der Föderation „Binyan Haaretz", sowie andere oppositionelle Kreise erklärten sich mit den Ansichten und Vorschlägen des Herrn Nehemia de Lieme solidarisch. (J. C. B.) Polen. Eine Jeschiwo in Sanok. Dieser Tage wurde in Sanok die vom Oberrabbiner Schapiro gegründete Jeschiwo eröffnet, welche von zahlreichen Bachurim besucht wird. Empfang des jüdischen Sejmklubs beim polnischen Staatschef. Das polnische Staatsoberhaupt Pilsudski empfing die Vorsteher der einzelnen Gruppen des jüdischen Sejmklubs, Grünbaum, Farbstein, Hirschhorn und Mendelsohn, um ihre Meinung anläßlich der bevorstehenden Bildung des neuen Kabinetts zu hören. Die jüdischen Deputierten betonten ihre Bereitwilligkeit, eine friedliche und nichtautisemitische Regierung zu unterstützen. Sie erklärten sich jedoch entschieden gegen die Betrauung des gegenwärtigen Kriegsministers Sosokowski mit der Kabinettsbildung sowie gegen sein Weiterverbleiben im Kabinett überhaupt, weil er als Antisemit bekannt ist und sogar die polnische Verfassung in bezug auf die Juden vergewaltigte. Die Aussprache hatte einen freundlichen Charakter und Pilsudski versprach, die Aufmerksamkeit des neuen Premiers auf die jüdischen Vorwürfe bezüglich des antisemitischen Kurses zu lenken. Jüdische Kolonisation in Brasilien. Die ..Iva" unterbreitete dem zentralen jüdischen Emigrationskomitee in Warschau einen Vorschlag, die jüdische Emigration neuerdings nach Brasilien zu leiten, zwecks Ansiedlung in den Ländereien der „Iea". Jeder Kolonist wird 50 Hektar Waldland erhalten, sowie Wohnung, Lebensunterhalt und Inventar. Das Eniigrationskomitee hat diesen Vorschlag angenommen und es soll der erste Versuch durch Hinüberbefördeung von fünfzehn Familien demächst gemacht werden. (J. C. B.) Jugoslawien. Für die Sentaer Jeschiwo. Die Sentaei Jeschiwoleitung hat die Herren Alexander Menachem Fischer und Fabian Fleisch Sol'er nach Amerika entsendet, um dort für die Erhaltung der Jeschiwo die nötigen Mittel zu sammeln. Das Mittelalter kannte gegen den Ruf: „Der Jude wird verbrannt!" nur ein Rettungsmittel: Taufwasser! * Mit stolzer Genugtuung kann der Jude darauf hinweisen, daß seine Religion weder die Jagd auf das Tier noch das Duell toleriert. Die Jagd gilt dem Juden als Tierquälerei, das Duell — mag es unter welchen Formalitäten immer stattfinden — als Mordversuch. * Die Bihel stellt fest, daß Moses kein Redner war. Moses sollte nicht durch den Zauber schöner Worte überreden, sondern durch die Wahrheit überzeugen. * Von den meisten zeugt nur der Grabstein, daß sie — gelebt. Makachi. Zur gefälligen Beachtung! Infolge der neuerlichen enormen Steigerung der Gestehungskosten der „Jüdischen Presse" sind wir wider Willen genötigt, die Beziigsgebühr für Oesterreich ab 1. Juli auf K 4000 pro Jahr zu erhöhen. Ferner bitten wir diejenigen Abonnenten, deren Abonnement bereits abgelaufen ist, um umgehende Uebcrweisung der Bezugs gebühr, da wir in Anbetracht der hohen Herstellungskosten des Blattes gezwungen wären, die weitere Zusendung des Blattes an säumige Zahler einzustellen. Die Administration. Amerika. Jüdische Einwanderung nach Mexiko. Wie bereits gemeldet, entsendet der amerikanisch-jüdische Kongreß eine Kommission nach Mexiko, um das Einwanderungsangebot seitens des mexikanischen Präsidenten an Ort und Stelle zu untersuchen. Bis dahin werden die europäischen Juden vom Kongresse davor gewarnt, sich darüber ein verfrühtes Urteil zu bilden oder gar irgendwelche Einwanderungsaktion schon jetzt in die Wege zu leiten. Erst auf Grund des Berichtes der Studienkommission wird es möglich sein, über diese Frage eine endgültige Entscheidung zu treffen. (J. G. B.) Jahreskonferenz der ungarischen Juden in Amerika. In Anwesenheit von 600 Delegierten aus allen Teilen der Union fand in New York vor kurzem die Jahreskonterenz der Föderation der ungarischen Juden in den Vereinigten Staaten statt, in welcher eine scharfe Protestresolution gegen die gegenwärtige ungarische Regierung und das von ihr geförderte antisemitische System angenommen wurde. Die Resolution wurde der Horthyregierung sowie beiden Häusern des amerikanischen Kongresses übermittelt. Repräsentanten und Senat wurden aufgefordert, namens der Regierung der Vereinigten Staaten bei der ungarischen Regierung gegen die Verfolgung der Juden in Ungarn Protest einzulegen. Die sphardische Gemeinde in New York wählte Dr. de Sula Paul, den Leiter der Joint-Abteiiung in Jerusalem, zum Überrabbmer an Stelle des Rabbi Pereira-Mendes. Konsequenter Nationalismus. Das J. C. B. berichtet aus Toronto: Aus dem Berichte der liier stattgefimdenen achten Jahreskonferenz der „Alliance jüdischer Christen11 in Amerika geht hervor, daß sie auch in Palästina eine eigene Kolonie unterhält, der die Konferenz eine Subvention von 10.000 Dollar für das laufende Jahr bestimmte. Der Budgetreferent begründete diese höchste aller Subventionen für Palästina mit der Notwendigkeit der Gründung einer Fabrik in Palästina, in der die jüdischen Christen Beschäftigung finden sollen. Aus den auf dieser Konferenz gehaltenen Referaten ist eine Stelle im Referate eines Mr. Reich hervorzuheben, daß die jüuischen Christen nicht aufgehört haben, sich als einen Teil der jüdischen Nation anzusehen. Die Einberufung des jüdischen Weltkongresses. Rabbi Dr. Stephen Wise hat sich vor kurzem im Auftrage des Kongresses der amerikanischen Juden nach Europa eingeschifft, um die jüdische Lage in Europa und in Palästina zu. studieren und mit dem Komitee der jüdischen Delegationen wegen der Einberufung eines jüdischen Weltkongresses zu vorhandeln. Dr. Wise wird zu diesem Zwecke England, Deutschland, Polen und Palästina besuchen. (J. C. B.) Rumänien» Offizielle Anerkennung des jüdischen Gemeindebundes in Rumänien? Das J. C. B. veröffentlicht folgende Nachricht: „Der Kultusminister Banu macht in einem Schreiben an den Reichsverein der rumänischen Juden der rumänischen Judenheit Uekannt, daß der Verband der jüdischen Kultusgemeinden Rumäniens als legale Körperschaft und als oberste Behörde des jüdischen Konfessionswesens von der rumänischen Regierung offiziell anerkannt wurde. Dr. N c m ir o w e r wird in kurzem zum Ober r a b b i n e r A 11 r u ni ä n i e n s ernannt werden." Wir zweifeln