Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 8 (1922)
- Issue
- 23 (30.6.1922)
- Date
- 1922-06-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. S3 JÜDISCHE PRESSE Seite 149 Der Beschluß des englischen Oberhauses. Das Oberhaus hat trotz entschiedener Einsprache des Ministers les Aeußern Balfour mit. 60 gegen 29 Stimmen einen Antrag angenommen, der das englische Mandat über Palästina in seiner jetzigen Form als unannehmbar bezeichnet. Der Antrag betont die Notwendigkeit, den Arabern eine Regierimgsautonomie einzuräumen. Es ist furchtbar schwer, über ein Ereignis kritischen Bericht zu erstatten, ehe man den ganzen Verlauf desselben kennt; das ist aber der Fall infolge «ler technischen Verkehrsschwierigkeiten der jüngsten Tage, wenn wir uns anschicken, unsere Leser über einen Beschluß zu unterrichten, welchen das englische Oberhaus in bezug auf das Palästinamandat gefaßt hat. Wir sind in dieser Beziehung auf Quellen dritten Ranges angewiesen, da uns die englischen Originalberichte noch nicht vorliegen. Wir müssen also Berichterstattung und Kritik unter allem Vorbehalt geben, falls nach genauer Kenntnisnahme die Dinge sich anders darstellen sollten. Der Beschluß ist jedenfalls ein Ereignis. Er zeigt, daß ein Teil der englischen Politik nicht einmal gewillt ist, die Balfour-Erklärung unter irgendeiner Maske aufrecht zu erhalten. Wir stehen also vor der Situation der M ö g 1 i c hk e i t, daß die proarabische Stimmung sich auch politisch auswirkt. Das würde bedeuten, daß Palästina ein rein konstitutioneller Staat wird, welcher seine inneren Verhältnisse autonom regelt, in welchem jedoch die Aladatarmacht die Außenpolitik in der Hand behält. Würde es gestattet sein, diese Entwicklung ruhig und objektiv zu beurteilen, so würde die Frage nicht uninteri'ssant sein, in welches Kapitel die Beziehungen zu den Juden fallen. Allein leider gestaltet es die perfide Parteipolitik der (regenwart nicht, so nüchtern wie es sein müßte die Sachlage zu betrachten. Um so enerigseher wirkt die Pflicht, auf Mittel und Wege zu sinnen, wie ein freundliches Verhältnis sowohl der proarabischen europäischen Politik, als-auch der Araber selbst zu den Juden herausgearbeitet werden kann. Wenn der Mut zur Wahrheit vorhanden wäre, so wäre dieses Problem schnell gelöst. Nur einen Wink zu geben sei uns gestattet. Die arabische Frage hat ein doppeltes Gesicht, auf einen Seite die konzentrierte Kraft, des arabischen Nationalgedankens ohne Bücksicht auf Religion, auf der anderen Seite liegt die Wucht des Islam ohne Rücksicht auf Nation. Sich in diese beiden Momente hineinzufügeu und sie sämtlich als Hebel, wie auch als Produkt der gegenwärtigen Verhältnisse zu betrachten und demgemäß sein Angebot zu stellen, das scheint als ein Meisterwerk der Politik, wäre aber, wir wiederholen mit Bewußtsein den Satz, letzten Endes nichts als ein Sieg der Wahrheit, befreit von den Fesseln der Partei, befreit von der Furcht vor dem Straßengeschrei des Volksverrates. Schulchan aruch mit Orgelbegleitung. Die außerhalb der Orthodoxie stehenden Gemeinden der Slowakei, im ganzen 26 an der Zahl, haben sich in Piestany versammelt und die Gründung eines eigenen Verbandes ausgesprochen, der ebenfalls auf der Basis des Sch'ulchan a r u c h s steht, obwohl auch Gemeinden vertreten waren, die Orgelsynagogen besitzen. Der Kaschauer Vertreter soll sogar empathisch ausgerufen haben: So lange ich lebe, wird die Orgel in Kaschau nicht entfernt werden. Da war der Preßburger Vertreter, Dr. Lichtner, schon konzilianter, er versicherte bloß, daß er die Orgel nicht entfernen weide, so lange der jetzige Rabbiner amtiere. Justament nicht! Sein Rabbiner, Dr. Funk, führt seit Jahren gegen ihn wegen dieser Orgel einen Kampf, wie sollte er ihm diesen Triumph gönnen, gerade in dem Momente, wo er mit dem Aufwände aller seiner gerühmten juristischen Künste dem staunenden Publikum zeigen will, wie man einen Rabbiner von seiner Position hinabstoßen kann, trotzdem es das Landesgesetz verbietet. Die bei dieser Versammlung anwesenden Rabbiner haben keine Silbe über die unerhörte Kampagne des Dr. Lichtner gefunden, sie haben vielmehr geduldet, daß er in die Exekutive gewählt wurde; sie haben allerdings diese Feigheit gut zu machen geglaubt, daß sie versprochen haben, die Wahl Dr. Lichtners als Präses des Verbandes zu bekämpfen. Unter den sechs Mitgliedern der Exekutive dieses auch-orthodoxen Verbandes ist die Orgel am besten vertreten. Die Orgel ist ein Rudiment der Assimilation, sie ist ebenso vom religiösen als jüdisch-nationalen Standpunkte aus verwerflich. Aber die Herren Rabbiner wagten nicht die Abschaffung der Orgel als Vorbedingung des Eintrittes einer Gemeinde zu fordern. Freilich waren mehrere als konservativ gesinnt bekannte Status quo-Rabbiner, wie Löwy-Leutschau, Kraus Iglo usw., ferne geblieben. Rabbner Singer-Mikulas, einer der angesehensten Rabbiner der nichtorthodoxen Gemeinden der Slowakei, lehnt die Errichtung einer zweiten israelitischen Landeskanzei ab und würde nur einem zwanglosen Verband beitreten. Dieser Gemeindebund hat beschlossen, dem Volksverband die vollste moralische und materielle Stütze angedeihen zu lassen und hat sich damit auf den Standpunk t des Diaspora-Nationalismus gestellt. Das bedeutet eine neue T rennungslini e, für die der Gemeindebund sich und nicht die Orthodoxie verantwortlich machen darf. Hatte der Gemeindebund überhaupt das Recht im Namen derjenigen Gemeindemitglieder, die sich als Religionsanhänger angeschlossen haben, eine solche Erklärung zu geben? Wer kümmerte sich aber auch bei dieser Versammlung um Prinzipien? Schulchan aruch mit das des beder Orgel und Religionsgemeinden auf Basis politischen Nationalismus! Rabbiner Dr. Fischer nennt den Beschluß mit Recht die Schulchan aruch- Deklaration. Sie gleicht an Aufrichtigkeit der Balfour-Deldaration. Welche sonderbare Konsequenz ist es aber, wenn dieser Rabbiner im Organ der Gegner der Orthodoxie die orthodoxe Organisation angreift, im selben Momente, wo er mit der Schulchan aruch-Deklaration den hohen Wert der im Jahre 1868 erfolgten Losreißung der Orthodoxie anerkennt. (Dabei muß bemerkt werden, daß ja die ungarische Neologie wiederholt den Antrag gestellt hat, daß sie die vereinigte Organisation auf die Basis des Schulchan aruch stellen würde. Ja, der sogenannte Unifikations- Kongreß im Jahr 1912 hat bereits im Namen sämtlicher neologer und Status quo-Gemeinden eine Schulchan aruch-Deklaration erbracht.) Allein dort war es noch ein freiwillig dargebrachtes Entgegenkommen. In Piestany aber stand man vis-a-vis du rien. Die orthodoxe Kanzlei hatte das religiöse Prinzip zum Siege gebracht. Selbst der Staat fing nach einigen Monaten der Irreführung durch die Jüdisch-Nationalen an, Religionsjudentum als den wahren Ausdruck Willens des slowakischen Judentums zu trachten und zu behandeln. Daher datiert Drang, sich auch religiös zu organisieren. Warum geschieht dies erst jetzt nach nahezu vier Jahren nach dem Umsturz? Warum konnte die Orthodoxie im damals sozialistisch orientierten Staat trotz aller Unterwühlungen des Volksverbandes, schon 1920 ihre Autonomie erringen, nicht etwa darum, weil sie sich um eine heilige Idee krystallisieren konnte. Wenn die Schulchan aruch- Deklaration eine Tat ist, so hat die Orthodoxie Euch dazu genötigt, denn Ihr habt ein neues Ersatz-Judentum gepredigt, die Orthodoxie unterboten, den Schekelblock als Ablaßzettel für alle religiösen Vergehen bezeichnet. Wie hätte das Gemeindeleben in der Slowakei ausgesehen, wenn die Orthodoxie sich nicht gegen die Gefahr der Volksgemeinde gewehrt hätte? Die Orthodoxie hat nicht für den Bestand der Orthodoxie, sondern für den des Judentums gekämpft. Wie kalt kalkulierend bespricht Rabbiner Dr. Fischer den Erfolg der Schulchan aruch- Deklaration! Im langen Artikel nicht als Erörterung der politischen Notwendigkeit dieses Beschlusses und des Einflusses auf die einheitliche Organisierung. Ist den dieser Beschluß für einen Rabbiner nicht als Selbstzweck erfreulich? Kein warmes freudiges Wort über den Sieg des Glaubens, über die eröffneten Möglichkeiten, die Gemeinden in erneuter Reinheit, in erhöhter religiöser Sittlichkeit erblühen zu sehen? Statt dessen zärtliche Rücksicht auf die Orgelgemeinden, respektive deren reiche Präsidenten, bei gleichzeitigen Angriffen auf die Orthodoxie. Aber wir sind Euch dan lekaf sechus! Wir wollen Euch sehen diese „Deklaration" erfüllen, sie als Ausgangspunkt für die religiöse Rekonstruktion Euerer religiös verfallenden Geßrand Sanatorium Wasserheilanstalt Bratislava (Prtßburg) Erstklassig Httiversalheilansfaii für Sternen» und innere Krankheiten Abteilungen für Chirurgie, Gynäkologie Geburtshilfe, Orthopädie, Urologie, Augen-, Ohren-, Kehlkopf- und Nasonkrankheften. Täglicher Pauschalpreis von ÖK 83 aufwärts Freie Ärztewahl Wasserkuren, Freiluft und Sonnenkuren auch für Auswärtige Stieii!,' rituelle "TÜ^D Küche unter Aufsicht iles Prellburger Oberrabbinates meinden betrachten. Stellt die Reinheit des jüdischen Familienlebens her, zaubert den heimlichen Reiz des Sabbats wieder in das jüdische Haus, oder zumindest stellet docii die Institutionen .Eurer Gemeinden nach alter Tradition her — dann gibt es ein einziges, traditionelles Judentum, umschlungen vom unzereißbaren Bande der Thora. m Zionistischer Anschlag gegen das jüdische Recht in Erez Jisroel. Nicht unter diesem Titel sondern mit der charakteristischen Ueberschrift „Der Kampf um die Gleichberechtigung der jüdischen Frau in Palästina" verbreitet das zionistische J. C. B. eine Nachricht aus Jerusalem, die wir im Wortlaute hier abdrucken: „Iii seiner letzten Vollversammlnug hatte sich der Waad leumi mit den Fragen der Gestaltung des Familienrechtes zu befassen. Der Verfassungsentwurf für Palästina sieht die Möglichkeit der zivilen Trauung und Scheidung für Juden vor. Der Misrachi verlangte das Eingreifen des Waad leumi zwecks Aufhebung dieses Passus. Gleichzeitig wendete sich aber die Vereinigung für Gleichberechtigung jüdischer Frauen an den Waad und verlangte die Sicherstellung der Erbrechte der jüdischen Frau gegenüber dem orthodoxen Standpunkte, der eine solche nicht anerkennt. Sie verlangten, daß die Erbrechte der Kompetenz des Rabbinats entzogen werden, das die Frau nicht als erbberechtigt anerkennt. Rabbiner Ostrowski und Assaf erklärten, daß die Ermöglichung der Zivilehe den Jischub in zwei Teile zerreißen würde. In bezug auf die Erbbereehtigung der Frauen erklärten sie, daß bei Hinterlassung eines Testamentse die Frau erbberechtigt sei, und nur wenn keine letzte Willenserklärung vorliegt, den Frauen das Erbrecht abgehe. Hierauf erwiderte der Leiter des hebräischen Gymnasiums, Herr Schiller, daß es nicht angehe, in Palästina, wo die Frau als Arbeiterin und an allen übrigen Stellen am Aufbau des Landes teilnehme, ihr das Recht der Erbschaft zu nehmen. Die 'Vertreterin der Frauenorganisation, Frau Oserkowski, wies darauf hin, daß die Rabbiner ihre Zustimmung zu Frühehen geben, und erzählte, daß in Rischon lezion der Rabbiner seine Zustimmung dazu gegeben, habe, daß ein zehnjähriges yemenitisches Mädchen mit einem sechzigjährigeu Greise verheiratet werde. Die Diskussion dauerte die ganze Nachtsitzung hindurch, eine definitive Erklärung und Abstimmung in der heiklen Frage ist nicht erreicht worden." Man greift sich an den Kopf. Ist es möglich, daß die bloße H o f f n u n g auf eine Privilegierung des Zionismus im englischen Mandat über Erez Jisroel, die Zionisten schon so übermütig machen konnte, daß sie die Ideenwelt des G-ttesgesetzes lieber heute als morgen mit Stumpf und Stiel aus dem Heiligen Lande ausrotten möchtenV ist es möglich, daß man ein so offenbares Attentat gegen das Heiligtum der jüdischen Familienmoral, als einen Kampf „um" etwas zu bezeichnen erkühnen darf, daß Zionisten die „Möglichkeit der zivilen Trauung und Scheidung für Juden", also die Rechtsgültigkeit v o n E h e v e r b i n d u n g e n, bezieh u n g sweise Scheidungen o h n e C h up p o h w e k i d u s c h i n, beziehungsweise En gros wmm En detail GUMMI-INDUSTRIE Wien, II., TaborstraDe 39 Hotel Bayrischer Hof. Teleph. 40324