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Jüdische Presse · 1922-06-30 · 23 (30.6.1922) · page 2

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Journal
Jüdische Presse
Volume
8 (1922)
Issue
23 (30.6.1922)
Date
1922-06-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 148 JÜDISCHE PRESSE Nr. 2.'i 1 »ringen, dann zeige er uns erst einmal den Weg zur Wiedererlangung des Heroismus des alten Ghetto. ' l\ K. J üdischeErziehungsfragen in Wien. 1-eber das jüdische Erziehungswesen wurden viele Bücher gesehrieben, die seine Metliode und Entwicklung beleuchten. Einmütig wird historisch festgestellt, dal;> in allen jüdischen Ansiedluiigen ..die »Schul'", respektive die Schule der unverrückbare Mittelpunkt jüdischen Genieindelebens war. Wenn eine Gemeinde noch so klein und noch so arm war. auf manche Institution verzieh en mußte, die Gründung und Erhaltung einer Schule war als notwendiges Bedürfnis selbstverständlich. Diesem Bedürfnis verdankt auch die Wiener Talmud Thora ihre Entstehung, die im Jahn; 1S40 gegründet wurde und bis zum Jahre 1848 die einzige öffentliche Judenschule in Wien war. da alle anderen Schulen die Aufnahme von Judenkindern abgelehnt hätten, anderseits kein Jude nur daran gedacht hätte, die Erziehung und Belehrung seines Kindes durch eine unjüdische Schule zuzulassen. Diese Jahre zählen zur Blütezeit der Talmud Thora. Sie war der Stolz und das Kleinod der damals sich erst entwickelnden Gemeinde und es entspann sich ein edler Wetteifer, sowohl seitens des Vorstandes, wie der Lehrer, diese älteste und erste Institution der jungen Gemeinde, einer blühenden, durchgeistigten Residenzstadt würdig zu gestalten. Erst seit dem Unisturzjahre, das die Ghettomauern niederreißt, Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit in Wort und Tat verkündet und durchsetzt, existieren die öffentlichen Volks- und Bürgerschulen, die es sich zur Aufgabe machten, begünstigt durch den »Schulzwang, allgemeine Bildung zu verbreiten, konfessionelle Gegensätze und Unterschiede zu überbrücken. — Die Religionslehre sollte wie jedes andere Lehrfach sich nur auf die für diesen Gegenstand bestimmten Stunden beschränkt werden. — Die Staatsreligion hat es aber auch des Mordechaj schwängere Rabbi Mendels Seele. An einem Purim waren in Kossow viele Ghassidim beisammen. Während ein Teil von ihnen nach dem Trinken um den Tisch des Rabbi saßen und sich an seiner Tischrede über das Geheimnis des Purimtages vergnügten, ging der andere Teil hinaus und durchstreifte in großer Lustigkeit die Straße. Plötzlich begegneten sie einem des Weges kommenden Armen. Er trug ein schweres Bündel auf dem Rücken. Sie packten ihn und trugen ihn fast auf den Schultern in des Rabbi Haus. Sie führten ihn vor den Rabbi und sprachen in ihrer Heiterkeit: „Rabbi, der Mann ist ein Sünder und wir führten ihn vor euch." Sagte ihnen der Rabbi: „Führt ihn zu meinem Sohn Rabbi Chajim." Sie führten ihn hin. Da sprach Rabbi Chajim, der gleichfalls nach Brauch gut lustig war: „Sperrt ihn in die Kammer!" Und nun begannen sie einen Reigen zu tanzen und der Rabbi hielt mit. Um den armen Mann kümmerte sich kein Mensch. Nach einigen Stunden kam ein Jude aus Kuty zum Rabbi. Der weinte jämmerlich: Ein wandernder Armer war heute sein Gast, saß an seinem Tische und stahl das Stirnband seiner Frau; so und so ist seine Gestalt. Nun erinnerten sich die Ghassidim, einen Mann dieses Aussehens in die Kammer eingesperrt zu haben. Man durchsuchte sein Bündel and fand das Stirnband. Nun wußte jedermann, daß selbst ein böses Werk der Ghassidim gut sei. „Liebe deinen Nächsten." Rabbi Mendel sprach: Wenn du siehst, dein Gefährte habe einen Fehler begangen, dann denke dir gleich: „Welche Ausreden würde ich suchen, um mich zu rechtfertigen", und so suche all die Rechtfertigungen auch für deinen Nächsten und mache ihn von jeder Schuld frei. Das heißt in Wirklichkeit das Gebot: „Liebe feinen Nächsten, wie dich selbst" erfüllt zu haben. Tode, das Gesetz wurde mit Füßen getreten. Selbst der Ruhetag, der Sabbat, sah gar Viele von ihnen schreibend, rauchend, musizierend ... Die Kcligionslehre hatte mit Religiosität nichts gemeinsam. Alle Sitten und Gebräuche wurden vom Standpunkt des Historikers als unzeitgemäße Ueberbleibsel der Antike behandelt, so ungefähr, wie in der Gesehiehtsstunde von den alten Griechen und Römern gesprochen wurde. Es war einmal. Im besten Falle sollte Wissen verbreitet werden, vom Glauben war nie die Rede. Die jüdische, empfängliche Kinderseele wurde von keinen lebendigen Eindrücken befruchtet oder erhoben. Von Festtagsfreude und Festtagsstimmung war in diesen grauen Alltagsstunden nichts zu merken. Das Herz blieb kalt, die Seele leer und der (Haube unbefestigt. Jahrzehnte mußten vergehen, die Assimilation mußte erst Tausende und Abertausende verschlingen, bis sich die Erkenntnis durchringen konnte, daß die konfessionelle Schule doch mehr Bedeutung und Berechtigung für sich hat als es sich alle Schulweisheit träumen ließ. Nur ein ganz kleiner Kreis, der die Gefahren der Neuzeit und der Großstadt frühzeitig und rechtzeitig erkannte und die. die von ihren Heimatgemeinden den Segen einer jüdischen Schule erfaßten, schickten ihre Kinder auch weiter in die Talmud Thora. die dank der ausgezeichneten Lehrkräfte, die sich als jüdische Jugendbildner berufen fühlten, ihr Hauptaugenmerk auch auf die religiöse Charakterbildung der Schüler zu lenken, die glänzendsten Lehrerfolge aufweisen konnte. Bei allen öffentlichen Prüfungen und lnspektionen wurden diese Leistungen lobend anerkannt. Ist es nicht ein trauriges Merkmal und ein Die Sammlung. Bisheriges Ergebnis: ca. 300 Millionen Kronen. Die Hilfeleistung für die unglücklichen Opfer der Hungersnot in Sowjetrußland und der Ukraine fordert die Anspannung aller Kräfte des Judentums. Noch sind zahllose E i n z e 1personen, Leute, die sich einen Genuß, ein Vergnügen niemals v e rsagen, im R ü c k s t and e mit einer S,.p ende, die ihren V e r m ö g e n s v e rhältnissen ents p r ä c h e. Noch vermißt man die Namen g a n z e r G e m e i n d e n und B e t h ä u s e r in 0 e s t e r r e i c h und in der S 1 o w a k e i in unserem Spendenausweis. Bedenket: M i 11 i o n e n Mens c n e n flehen um einen Bisse n B r o t. H u n d e r 11 iiuse n de s t r e c k e n d i e H ä n d e z u e u c h u m II i lf e v o r d e m H u n g e rt o d aus! Helfet, spendet! Ein jeder soviel er vermag, aber enthoben dieser Bruderpflicht ist niemand. Hier ein weiteres kleines Bild von der traurigen Lage, das wir dem „Israelit" entnehmen: Der in Moskau erscheinende Eines" bringt schauervolle Berichte über die Hungersnot, be sonders der jüdischen- Bevölkerung in vielen Städten Rußlands. Berdiansk gleicht einem großen Friedhof. Menschen fallen auf den Straßen, von den Passanten kaum noch beachtet Db Häuser sind mit Leichen angefüllt. Lachende Menschen oder spielende Kinder sieht man auf der Straße schon lange nicht mehr. Das einzige jüdische Kinderheim, diese kleine Rettungsinsel mitten im Meere des Leides, steht vor einer Krisis und wird, falls nicht rasche Hilfe kommr. seinen Betrieb einstellen, wodurch die Kinder, zumeist Kriegsopfer, unerbittlich dem HuiigtTtode ausgeliefert werden. Man müßte wahnsinnig werden beim Anblick all dieses Schauerlichen, wäre man nicht längst dagegen abgestumpft. Die Agudas Jisroel fährt fort, aus den ihr zur Verfügung «gestellren Mitteln Lebensmittelpakete nach Rußland zu überweisen. N a ch folgen d en 0 r t e n w u r d e n d u r ch d i e A g u d a s Jisroel b? : e i t s L e b e n s m i 11 e 1 ü b e r ^x i e s e n: Alexandrow, Aiviopol, Bachmui, Ball,', Bar, Bardiansk, Berdyczew, Biala-Zerkow, Oharai, Charkow, Chaslowitsch, Cherson, Chmelnik, Czudnow, Deniiewka-Kiew, Fastow, Gaissim, Hornel, lskorost, Jaroslawsk, Jekaterinoslaw, sichtbares Zeichen des Verfalles, daß diese einzige jüdische Schule mit Oeffentlichkeitsrecht zur Armensehule herabsinken konnte, trotzdem auch der äußere Rahmen der Schule allen modernen Anforderungen entspricht. Das Problem der gesetzestreuen Jugenderziehung erheischt dringend eine Lösung und die Talmud Thora ist wie geschaffen diese Aufgabe zu erfüllen. — Die bestellende Schule soll der (»rundstock des orthodoxen Schulwerkes bilden und die in (letzten. Monaten veranstaltete Propaganda zeigt, daß die Wiener Orthodoxie unter Fühlung ihres ehrwürdigen Rabbinates gewillt ist." diese planmäßige Ausgestaltung des orthodoxen Schulwesens mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln zu fördern, so daß erwartet werden darf, daß nunmehr die Talmud Thora das wird, was sie immer hätte sein müssen. Die erste und wichtigste Vorstufe jüdischer Bildung und religiöser Lebensführung, frei von allen unjüdischen Einflüssen. Schon im nächsten Schuljahr wird die Mädchenschule eröffnet und bedarf es nicht des Hinweises auf die dringende Notwendigkeit auch der Mädehenerziohung besondere Aufmerksamkeit zu schenken! Es ist dies ein Gebiet, welches nur zu lauge hier vernachlässhrt blieb. Auch die Errichtung von Bürgerschulen ist unabweisliclie Pflicht und es wäre nur halbe Arbeit geleistet, die zehnjährigen Menschenknospen wieder den Gefahren der interkonfessionellen Schulen auszusetzen. Jeder orthodoxe Gesinnungsgenosse, der seine Kinder liebt, ist verpflichtet, an diesem einzigen orthodoxen Schulwerk mitzuarbeiten. Es ist der Grundpfeiler für die Erhaltung der Zukunft. Jeder der die Lehre liebt, muß auch für das Lehrhaus Liebe und Verständnis zeigen. 0. N. Jusebka, Kaminecz. Kaminka, Karolowitz, Kasatin. Kiew. Korostischew, Kraklau. Krementschug, Lipowetz, Losny, Lugansk, Malin, Marjupol, Medzibusch, Mileslawitz, Minsk, Mohilew. Mohilew a. Dnjeper. Moskau, Nikolajew, Nowopriluky, Odessa, Pawlowitz, Petersburg, Pogrebischtsche, Polotzin, Polotzk, Poltawa, Proskurow, Puschta-Wodiza, Radomysl, Romny, Rostow a. Don, Ruzyn, Samara, Schkloff, Skwiera, Slatopol, Spola, Starodub, Tomsk, Tscherkassy, Tschernobyl, Tscherwonny, Uman, Winnitza, Witelbsk, Wosnosensk, Zitomir und mehrere kleinere Gemeinden indirekt durch Kiew, Berdyczew, Zitomir usw. Spendeuausweis für jüdische Hungernde in Rußland. (Fortsetzung.) Sammlung bei Hochzeit Austern-Breimann durch Nochini Rosenfeld (Warschau) K 15G.O0O, Frau Irene Wießkopf 1000, Heinrich FJeischmann 50, Jacob Morgenstern 2000, SalomonEhrenreich, Telegrammablösung Hochzeit Rosenbaum- Lieben (Bratislava) 1500, Frau Schalk 150, Zentralbureau der Aguda in Lemberg durch Stern & Beckstein 1,000.000, Jüdische Fürsorgezentrale Prag (2. Sammlung) 737.417, Wilhelm Freistadt, Telegrammablösung Hochzeit Rosenbaum-Lieben (Bratislva) 500, Sammlung Saul Spira, Lublin laut Aufruf des Lubawitscher Rabbi (für Talmud Thora und Jeschiwos) durch Josua Mk. 140.000, M. D. Groß 10.000, Moses Frostig 1000, durch Rabbiner H. Twersky (N. Nestler, Bendet ä 5000) 10.000, durch Rabbiner Maier Maiersohn 50.000, Sammlung bei Mahlzeit Selim Stein durch Nochim Rosenfeld (Warchau) 53.000, Frau Lola Schiff 10.000, M. S. durch Philip Feldheim 1000, Osias Rubin (Mezülaborcz) durch Abraham G. Hornstein 10.000 anläßlich der Genesung des Herrn Mosche Stein (Nochern, Rosenfeid, Mosche Stein ä 10.000, Hirsch Stein 5000) 25.000, Max Kokesch (Bad Gastein) G000, Daniel Bonuhady (Salzburg) 1000, Karl Wasserzug durch Daniel Bonyhady (Salzburg) 3000, Sammlung David Simon (Herrenalb) Mk. 1800, Gruppeuverband der Aguda in Deutschland (Halberstadt) Doli. 400, Markus Beermann (Hannover) 10, Sammlung Ch. Eiß (Zürich) Doli. 10, H. Wolodarsky (Zürich) Doli. 20, Abraham G. Hornstein Doli. 20, Bethausverein „Thora Ez Chajim" (2. Sammlung) 100.000. Zusammen K 2,318.617, Mk. 1800, Doli. 400, Gesamtsumme K 11,418.617. Sammlung der Aguda in der Slowakei. Orth. Isr. Kultusgemeinden : Tinava (Tirnau) elv 2000, Sammlung des Herrn Gaspar Bineth und Herrn Reichfeld in Nove-Zamky (Neuhäusel) 2060, Magendorf 060, Urmin (Uermeny) 710, Senec 572, Siroka 260, Jablonica 175, Schatmannsdorf 150, Alt-Lublo 120. Zusammen cK 7007, bereits ausgewiesen cK 20.000, Gesamtsumme CK 27.007. Bisheriges Ergebnis der Aguda in Polen über 70 Millionen polnische Mark. Kinder für Kinder. Die Hungersnot in Rußland gibt gute Gelegenheit, den Woliltätigkeitssinn unserer Kinder zu pflegen. Unsere Kinder sollen lernen Anteil nehmen an dem Leide anderer Kinder und von ihren Ersparnissen für die notleidenden Altersgenossen einen Teil abgeben. Für diese Kinderaktion für Kinde r gingen beim Aguda-Bureau folgende Spenden ein: Ilse Ruth und Edith Hanna Neuwirth K 14.000, Simon und Liane Pappenheim je 1000 2000, Akiba Pollak 7000, Salomo Jehuda Braun 1000, Gottschalk Schlesinger 10.000, Samuel Seeberger (Günzenhausen) ÖO00, zusammen K 39.000. in den Zeiten blühenden Liberalismus und weitestgehender Gewissensfreiheit verstanden im Vordergrunde zu bleiben und dieser Geist schwebte über alle Abgründe auch der profanen Lehrgegenstände. Ob "Geschichte oder Literatur, ob Geographie oder deutsche Sprache, jeder Anlaß war willkommen und wurde benützt, um in eine Verherrlichung der herrschenden Religion auszuklagen. Heiligenabbildungen Avaren der Bilderschmuck des Schulzimrners, und Vaterunser war das Gebet vor Beginn des Unterrichtes. Die kirch- Ticiien Feiertage wurden besprochen, erklärt und aufs Strengste gehalten. — Die jüdische Religion hatte nur ein kleines Zufluchtsplätzchen in den Religionsstunden, die nur zweimal in der Woche stattfanden. Und dabei war selbst der Lehrer der Religion dieser weder treu noch hold. — Es war der bittere Groll der Unzufriedenheit. Der Beruf gab ihnen zu wenig Haltung, Ansehen, Respekt und Brot. — Sie waren mit geringen Ausnahmen keine Kämpfer und Verkünder der heiligen Sache. Sie ritten die Buchstaben der Lehre zu Für die Opfer der Hungerkatastrophe in Rußland.

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