Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 8 (1922)
- Issue
- 23 (30.6.1922)
- Date
- 1922-06-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ü V. b. b. JÜDISCHE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion und Administration: Wien, II., Obere Donahstr. 91. - Telephon 48.142. Tschechoslowakei: Bratislava, Postfach 140. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluß: Für Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Österreich K 4000, Ungarn K 350*—, Tschechoslowakei Kö. 70-—, Deutschland Mk.150-—, Schweiz Frcs. 10*—, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 70 Lei, Jugoslawien 70 Dinar, Polen Mi. 1500«—. Einzelnummer d.-ö. K 80 -, Kc. 1*50. Zahlungen für Oesterreich: Postaparkassenamt Wien, Konto Nr. 13.458; für Polen: Postsparkassonamt Warschan, Konto Nr. 190.409; für Ungarn: Postsparkassenamt Budapest, Konto Nr. 50.170; für Tschechoslowakei: Postnparkassenamt Prag, Konto Nr. 63.386; für Jugoslawien: Postsparkassonamt Agram, Konto Nr. 40.217; für Rnmänien: Banca Marmarosch Blano & Co. für Josef Florens A Co., Bukarest. Nr. 23 | Wien-Bratislava, 30. Juni 1922 ,3'snn nön n rraDopTB - nri m- | 8. Jahrg. Die Frage des Weltkongresses. Noch stolicn wir unter dorn furchtbaren Eindruck, den wir jüngst aus einem Worte der heiligen Lehre empfangen haben und welcher uns das Bild eines weinenden Volkes zeigt. Aus diesen grundlos geweinten Tränen sproßte eine fruchtbare »Saat, ein Weinen für immer, ein Weinen, das sich bei jeder Katastrophe der jüdidischen Gemeinschaft aufs neue wiederholen mußte. lTnser (Geschlecht weiß ja genug davon zu erzählen, was es bedeutet, wenn ein Volk hungernd weint und weinend hungert. Es ist in solchen Augenblicken ein müßiges Beginnen zu untersuchen, warum es so kommen mußte, denn von dem wahren, wirklichen Grande, will die Welt im allgemeinen, aber auch die jüdische Welt nichts wissen. Man lese nur die Einleitung des l-'ambam zu den Vorschriften über die Fasttage und erkenne mit tiefem Schmerze, wie Aveit wir davon entfernt sind, in Zeiten der schweren Not uns auf Umkehr und Einkehr zu besinnen. Deshalb ist es doppelt ernste Pflicht, sich jederzeit zu überlegen, wie es kommen muß und Avas kommen muß. Avenn der Sinn und das Wesen des Judenrums in sein (regenfeil verkehrt Avird. Dergestalt sind die Gedanken, die uns beherrschen, Avenn wir lesen, daß Stephen Wyse sich aus Amerika nach Europa begibt, um eine Berufung des jüdischen Weltkongresses zu befrei bem Es ist von vornherein klar, daß aus dem Weltkongreß alle unterscheidende Momente, wie man so hübsch zu sagen pflegt, sorgfältig" ausgeschieden werden müssen, das heißt angesichts der bestehenden Verhältnisse, daß diesem Kongreß jedes religiöse Moment fehlen müßte. Daran würde auch dann nichts geändert Averden, Avenn irgendein Pfaffe den Kongreß mit einem farblosen Gebet eröffnen und schließen würde. Es würde also dieser Kongreß den letzten Siegel auf die Entartung legen, Avelche teils offen, teils verschämt die Emanzipation von der Religion fordert. Wir brauchen diese Katastrophe nur anzudeuten, um auch in dem naivsten Gemüt die Erkenntnis dämmern zu lassen, welch ein Weinen für Generationen anheben Avürde. Es Aväre die ausgesprochene Abkehr von dem Judentum und wie beim goldenen Kalb würde ein ganzes Volk in grinc-icnder Verhöhnung seines Schöpfers sein Diadem vom Sinai ablegen. Was vor et Ava zwölf Jahren Josef son Lauenburg als die logische Konsequenz des Nationalismus darstellte, daß es in der Entwicklung der Dinge sehr bald Christen der jüdischen Nation geben Avürde, und daß man in der Logik des nationalen Bekenntnisses kein Recht haben Avürde, diese aus der Judenheit auszuschließen, hat sich ja unterdessen durch die groteske Erscheinung der jüdischen Christen in Toronto in die Tat umgesetzt. Welches Recht hat ein auf rein nationaler Basis aufgebauter jüdischer Weltkongreß, diese Gruppe auszuschließen"? Und zweifelt irgend jemand daran, daß die Zionisten diesen Kongreß dazu benützen werden, um sich als die Vertreter des nationalen Judentums von einem jüdischen Kongreß autorisieren zu lassen, und ZAveifelt irgend jemand daran, daß mit der d a n n zur Phrase geAvordenen Einheit des Judentums sehr viele, welche zu naiv sind, ihren Glauben verraten und tatsächlich dem Zionismus die Legitimationen geben werden, im Namen des Judentums zu sprechen und zu handeln? Die Sache hat aber auch eine andere Seite: Selbstverständlich würde eins'öMiW^l^ITgTe'ß'* Wahlen bedingen und sämtliche politischen Leidenschaften soavoIiI auf Seiten der Juden, als auf Seiten der Gegner aufpeitschen, und zAvar nicht in Zeiten allgemeiner Wahlerregung jedes Landes, sondern so, daß die völlige Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit mit Gewalt auf die jüdische Frage gelenkt wird. Wer kann, wer will in unserer wahrhaftig zur Genüge erregten Zeit die Verantwortung für die Folgen auf sich nehmen, welche aus diesem Umstände fließen müßten. Schon heute halten Avir es für unsere Pflicht, dagegen zu protestieren, daß durch eine Veranstaltung, für deren innere Werte die Akten noch nicht abgeschlossen sind, namenloses Unglück über Juden des Westens und Ostens heraufbeschworen Avird. Stephen Wyse kommt aus Amerika, aus dem Lande, in welchem jüngst eine furchtbar giftige Frucht des Gedankens gereift ist, für den Rußland, das alte Rußland das fluchwidrige Wort ..Prozentnornf' geprägt hat. Die Universitäten Amerikas, man denke, Amerikas, überlegen es sich allen Ernstes, Avie man den Zutritt der jüdischen Studenten zu dem Studium prozentnormmäßig regulieren kann und die Ilarvad Universität hat einen diesbezüglichen, sehr bedenklichen Beschluß gefaßt. Also Stepheu Wyse kommt mit dem Beigeschmack des Ghetto im Munde nach Europa, um statt der früheren düsteren Mauern des Ghetto Europas mit dem unsichtbaren, aber desto verderblicheren Gehege der Prozent norm Europa zu beglücken. Da ist ein kleiner Unterschied; die Generation, die innerhalb der Ghettomauern wohnte, hatte infolge ihrer religiösen Konstruktion die Kraft, auch das Schlimmste sieghaft zu überwinden. Unsere Generation aber, der man die Religion zu der Bagatelle einer Privatangelegenheit erniedrigt hat, die man in den nationalen Chauvinismus verbrecherisch hineingepeit^ht und hineingetrieben Tfarftms^^ eine unhaltbare Theorie eines aus den Zeiten geborenen politischen Ergeizea angeheftet haben, dürfte sclnverlich in der Lage sein, das heilige Erbe so unangetastet der Nachwelt zu überant- Avorten, Avie es die früheren Zeiten imstande waren. Wohlan, will Stephen Wyse uns ein Ghetto Geschichten vom Kossöwer. Von Chajira Bloch. Das verlorene Geld. Der Bote eines reichen Mannes in Nadworna kam am Vortag des Rosch-Haschana, vom Markte in Zabie heimfahrend, in Kossoav an. Die Ghassidim von Nadworna Avaren schon Tags zuvor in Kossoav eingetroffen, um sich mit ihrem Meister im Gebet zu vereinen, und als sie den Boten sahen, sprachen sie zu ihm: „Es wäre doch gut, wenn du über Rosch-Haschana in Kossoav bliebest und das Beten des Zadiks zuhörest." Der Mann befolgte ihren Rat. Als er den Zadik beten hörte, erquickte sich seine Seele und er dankte G-tt, daß er den Rat seiner Freunde befolgte. Die zAveitausend Gulden, Avelche er hatte, versteckte er am Vorabend des Festes zAvischen seine Sachen, die im Gasthaus blieben. Als er am Ausgang des Rosch-Haschana in das Gasthaus kam und nach seinen Sachen sah, bemerkte er, daß das Geld versclrwunden Avar. Er war verzAveifelt und auch die Ghassidim, die ihm zugeredet hatten, in Kossoav zu bleiben, hatten viel Kummer und die Sorge peinigte ihre Seele: „Warum haben Avirihm zugeredet in Kossoav zu bleiben." Der Mann erhob sich in der Morgendämmerung und stellte sich vor das Haus des Rabbi und weinte jämmerlich. Der Rabbi kam aus dem Hause und sprach: „Mein lieber Jid, Avarum weint ihr?" Er erwiderte: „Ich war des Weges vom Markte in Zabie, avo ich Ochsen für meinen Herrn kaufte und es verblieb mir eine Summe von zweitausend Gulden. Die Ghassidim des Rabbi redeten mir zu, hier zu bleiben, um das Gebet des Rabbi zu hören. Ich folgte ihrem Rat. Nun wurden mir die zweitausend Gulden gestohlen und Avie komme ich vor das Angesicht meines Herrn?" So sprach der Jude und fügte in seiner VerzAveiflung hinzu: „Das ist der Lohn, Aveil ich euer Gebet zu hören verlangte." Der Rabbi Avar aus Mitleid tief ergriffen und antwortete: „Weine nicht; das Geld Avird sich mit G-ttes Hilfe vorfinden. Geh in die Gasthäuser, vielleicht erfährt ihr Avas." Der Jude ging in alle Gasthäuser, doch er erfuhr nichts. Am nächsten Tag in aller Frühe stellte er sich Avieder vor das Haus des Rabbi und Aveinte gar sehr. Wieder kam der Rabbi und fragte: „Warum Aveint Ihr?" Der Mann antAvortete Avie früher. Der Rabbi aber sprach: „Sagte ich euch doch, daß ihr euch in den Gasthäusern erkundigen sollt?" Er antwortete: „Ich Avar schon in allen Gasthäusern, ich fand aber keine Spur." Darauf tröstete ihn der Rabbi und sprach: „Du Avirst dein Geld noch finden!" Er aber ließ einen reichen Mann, namens Sahnen Kowler, rufen und sprach eingehend zu ihm: „Sahnen, mein Leben, man stahl einem Juden ZAveitausend Gulden und er sagte, ich verursachte ihm den Schaden, Aveil er mein Beten am Rosch- Haschana hören wollte. Ich bitte dich, borge mir die Summe und ich gib dir als Pfand das Stirntuch meiner Gattin und meiner Schwiegertöchter." Rabbi Salmen erwiderte: „Rabbi, ich borge euch das Geld, nehme aber von euch keine Pfänder." Der Rabbi darauf: „Ich nehme das Geld nur, Avenn du die Pfänder annimmst." Dann gab er das Geld dem Juden, der frohen Herzens heimfuhr. Leuchtende Antlitze. p Einst verlor ein Jude, der nach Kossoav auf den Jahrmarkt kam, eine große Summe Geldes. Er ging am Markte umher und Aveinte. Dort begegneten ihn ZAvei Ghassidim, die zum Rabbi kamen. Sie fragten den Mann ob seines Weinens. Er erzählte ihnen die Ursache. In dem Herzen des einen Ghassid entbrannte das Feuer des Erbarmens, und nachdem er seinem Gefährten einige Worte leise zurief, antworten sie: „Wir haben das Geld gefunden! Gib uns ein Zeichen, wieviel Geld du hattest und Avorin es lag." Der Jude gab ihnen darob genauen Aufschluß: „Dies und jenes Geld Avar es und es lag in einem gelben Tuch." „Nun", sagten die Ghassidim, „geh' in deine Herberge, Avir Avollen indessen in unser Gasthaus gehen und nachsehen, ob deine Angaben richtig sind." Sie aber gingen und kauften ein gelbes Tuch und legten darein das Geld, das der Mann verloren hatte. Sie gingen dann in die Herberge des Mannes und gaben ihm das Geld. Der Jude aber sagte: „Das Geld erkenne ich Avohl als das meinige, das Tuch aber gehört nicht mir.,: „Wir haben es", sagten die Chassidim, „so gefunden." Der Jude nahm das Geld und ging seines Weges. Die beiden Ghassidim Avaren, ob dieses Werkes von großer Freude erfüllt und ihre Antlitze leuchteten in, Heiligkeit, weil sie einen Menschen aufgerichtet haben. Als sie sodann zum Rabbi kamen, sagte er zu ihnen: „Woher die Freude, deren euer Herz erfüllt ist!" So erzählten sie ihm die ganze Begebenheit. Da sprach der Rabbi: „Ich bitte euch sehr, empfangt von mir ein Drittel des Geldes, daß ich an dem Werk beteiligt und der dritte im heiligen Bunde bin." Freilich erfüllten sie seine Bitte. Eine „böse" Tat der Ghassidim. Rabbi Mendel von Kossow pflegte den Purimtag durch Feierlichkeit und Freudigkeit zu Aveihen und viele Ghassidim Avaren um ihn; man trank viel und Avar heiter und frohen Mutes. Die zeitgenössischen Zadikim sagten daher, ein Funken der Seele Schiff' Felzwapenhaus Engros und Erzeugung8 I., Bauernmarkt 24 (Ecke Fleischmarkt) :-: Telephon 67-302 Detail verkauf s - Niederlage s I., Graben 28 Filiale: Keiir-ls^beicl, Alte Wiese.