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Jüdische Presse · 1922-06-16 · 21 (16.6.1922) · page 2

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Journal
Jüdische Presse
Volume
8 (1922)
Issue
21 (16.6.1922)
Date
1922-06-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 136 JÜDISCHE PRESSE Nr. 21 sehliesse eine gewisse Autonomie derSonnenfeldschen Gemeinde nicht aus; die Verhandlungen hierüber lägen in der Hand von Normann Bentwitch und befänden sich noch in der Schwebe. * Von der Aguda-Leitung geht uns folgender Bericht zu: Wir enthalten uns vorläufig jeder Kommentierung dieser Tatsache. Wir haben vorausgesetzt, daß Herbert Samuel mit seinem politischen Weitblick die Bedeutung der Aguda kennt und sind dessen sicher, daß für denkende Politiker, die eine Vertretung des jüdischen Volkes vor sich zu sehen wünschen, die Orthodoxie nicht entbehrt werden kann. Wir gestehen ebenso offen, daß es noch ein weiter Weg ist, bis die öffentliche Meinung dies erkannt hat. Je mehr aber die Eigenart der jüdischen Gesamtheit der Welt ins Bewußtsein kommt, desto mehr wird die Einsicht Platz greifen, daß Judas Volkstum nicht mit allgemeinem Maß gemessen werden kann, sondern, daß jeder politische Schritt von religiösen Motiven ausgehen und auf das religiöse Leben befruchtend wirken muß, sei es die aktive Politik, die von Juden betrieben wird, oder fremde Politik, welche die Judenheit als Objekt ihres Wollens darstellt. Aguda-Versammlung in Wien. Dr. Isaac Breuer über die gegenwärtige Aufgabe der Aguda. Anläßlich des zehntel] Jahrestages der Gründung' der Aguda, fand am 7. Juni. 7 (Ihr abends, im Festsaale des Hotel „Continental." eine Festversammlung statt, welche eine glänzende Kundgebung der orthodoxen Judenheit in Wien für die siegende Idee der Aguda bedeutete. Jlerr Wolf P a p p e n h e i in eröffnete zur festgesetzten Stunde die Versammlung, indem er die zahlreich Erschienenen begrüßt und in markigen Strichen die Bedeutung der Kattowitzer Tagung skizierte, die vor zehn Jahren zur Zusammen fassung aller aktiven jüdischen Kräfte, auf Basis der Thora, Awoda und Oemilas chassodim. führte. Die Aguda-Organisation, die vor zehn Jahren ins Leben getreten ist, hat sieh während dieser wenigen Jahre gut entwickelt und immer mehr ausgebreitet. Diesen Tag entsprechend zu feiern, haben wir uns hier versammelt und Herrn Dr. Isaac Breuer, einer der eifrigsten, tüchtigsten und würdigsten Vertreter des Aguda-Gedankens. als Festredner hergebeten. Herr Dr. Isaae B r e u e r, stürmisch begrüßt, bemerkt einleitend, daß er dem Ersuchen der hiesigen Leitung, anläßlieh der zehnjährigen Wiederkehr der Kattowitzer Tagung, an der die Konstituierung der Aguda Jisroel stattgefunden hat, einige Worte der Rückschau und des Ausblickes an diese Versammlung zu richten, mit Vergnügen nachgekommen sei. VVien ist wie keine zweite Stadt geeignet, Rückschau und Ausblicke auf richtiger Grundlag« äu geben. Wien ist es gewesen, von wo aus die Aguda ihren Aufstieg genommen hat. Während der zwei Jahre, da sich die Leitung in Wien be findet, ist Großes und Dauerndes geleistet worden. Redner will nicht in Jubel ausbrechen und auch nicht über die Leistungen der Agud? sprechen. Ejn kol anaus gewuro w'ejn kol anaus chaluscha. Beides ist nicht am Platze. Ei will bloß einen Einblick geben in die historische Wot wendigkeit dieser Erscheinung. Penn die Gründung der Agudas Jisroel war eine Historische Notwendigkeit und diese historische Notwendigkeit richtig zu erkennen, wäre die Aufgabe die wir uns selber stellen. Drei verschiedene Epochen können wir in diesen zehn Jahren unterscheiden. Die Gründung erfolgte im Drange der Not des jüdischen Volkes. Ursprünglich handelte es sich nur darum, für die Golusjudenlieit eine Organisation zu schaffen. Es sollte eine Weltorganisation gesenaffen weiden, um der Judenheit in der Diaspora in ihren Nöten beizuspringen. Ein Gedanke, einfach, klar und durchsichtig. Dieser Gedanke hatte keine Zeit gehabt auszureifen, sogleich verkündete sich der zweite Gedanke, der viel höheres bedeutet als der erste, der vornehmlich auf das Praktische gerichtet war. Nicht ein Organ für die Golusjudenlieit, sondern diese selbst sollte organisch zusammengefaßt werden. Die einheitliehe Zusammenfassung der Golusjudenlieit unter dem Diktator der Thora soll'e organisch ihren Ausdruck finden. Eine grandiose Kühnheit, der wir uns wohl ganz und voll be vußt waren. Wir übersahen nicht die Schwierigkeit, die sic>i eii.er e i n h e i 11 i c h e n Organisierung der Judenheit in den verschiedenemLäridern, die doch wohl auch verschieden leben und sieh verschiedentlich voneinander unterscheiden, t irmhoch entgegenstellten. Aber weder die Idee der Hilfsorganisation für die Judenheit in der Diaspora, noch der Gedanke, das Gesamtjudentum selbst organisch zusammenzubringen, hatten Zeit zum Leben. Der dritte Gedanke ist es, der schließlich der Agudas Jisroel die Prägung gab. wie sie heute noch besteht. Der Kriegsschluß stellte die Aguda vor ganz neuen Aufgaben, vor Aufgaben von so großer Tragweite, wie sie das Golusjudentum seit der Zerstörung des Tempels nicht kannte. Der Krieg brachte das Problem der „nationalen Emanzipation'' mit sich. Die politischen Umstände h.;nen die Regierungen dazu bewogen, unsere „historische Beziehung" zu Erez Iisroel anzuerkennen. Die englische Regierung knüpfte diese Anerkennung an die Zionistische Organisation als angeblich legitime Vertreterin des jüdischen Volkes. Da war Agudas Jisroel vor eine ganz neue Aufgabe gestellt. Aehnlich wie im vorigen Jahrhundert, das uns die soziale Emanzipa-: Ion brachte, stehen wir heute vor der nationalen Emanzipation. Die soziale Emanzipation verlangte die Assimilierung des einzelnen Juden an seine Umgebung, die nationale Emanzipation verlangt die Anpassung des jüdischen Volkes als Nation an die umgebenden Völker. Die Orthodoxie ist sich darüber stets im klaren gewesen, daß das jüdische Volk eine Nation ist, daß es trotz des Verlustes des Staatswesens nie aufgehört hat, eine zu sein. Wir haben unsere Nationalität nicht hinaus geschrieen. Wir w a r en uns aber auch b e w u ß t, d a ß diese Nationalität keinesfalls z u v e rgleich e n i s t in i t -de m, was sonst unter diesem Wort bezeichnet zu werden p f 1 e g t. Wir waren uns bewußt, daß das jüdische Volk n u r durch seine Thora eine unlösbare Einheit bildet. Darin besteht das Geheimnis der jüdischen Nation. In der G-ttlichkeit liegt der wahre Charakter der jüdischen Nationalität begründet. Wir aber haben von d'.eser unserer Nationalität niemals politisch Gebrauch gemacht. Wir scheuten uns, mit diesem Diadem ge- I-^-—... Grand Sanatorium Wasserheilanstalt Bratislava (PrePurg) Erstklassige Universal-Heilanstalt für Spezialbehandlung der inneren-, Nerven-, Zucker-, Gallenstein-, Nieren-, Magen-. Darm-, Herz- und Blutgefäflkrankhelten. Mast- und Entfettungskuren. Abteilungen für Chirurgie, Gynäkologie und Geburtshilfe, Urologie, Dermatologie, Ortopädlo, Augen-, Ohren-, Nasen- und Kehlkopfkranke. Täglicher Pauschalpreis von ÖK 83 aufwärts. Wasserheilanstalt in vollem Betriebe auch für Auswärtige. Streng rituelle Küche unter Aufsicht des PreCburger Oberrabbinates Leitender Chefarzt: DR. SIGMUND ARANYI. schmückt, in die Oeffentlichkeit hinauszutiv m. Und nun auf einmal ist das Geheimnis der jüdischen Nationalität auf den breiten Markt herausgetragen worden. Man hat es hinausgeschrijn tausendmal v e r f ä 1 s c h t. so dahingestellt.;ils ob diese Nation den gleichen Charakter trüge, wie die übrigen Nationen. Diese faische Nationalität ist es, die die Anerkennung der Mächte gefunden hat, d e m g e <r e n ü b e r wurden vrir vor ganz neuen gewaltigen Aufgaben gestallt. Die zionistische Auffassung haben wir wiederholt bekämpft als eine falsche Enthüllung des wahr->u Charakters der jüdischen Nation. Meute is'. es unsere Pflicht und Aufgabe, d e n w a h r e n G h a r a k t e r der j ü d i s c h e n N a 1 i o n h e r a u s z u s t e 11 e n. Eine Lösung dieser Aufgabe ist, wenn sie nicht einseitig ausfallen soll, nur mit Erez Jisroel möglich. Heute harren uns im Chuz loorez große und schwere Aufgaben. Wenn aber trotzdem Erez Jisroel in den Vordergrund gerückt wird, so erfüllen wir nur eine historische Aufgabe. Heute gilt es. diese Einheit. Erez Jisroel als das Land des jüdischen Volk - s. wieder herzustellen. Heute gilt es, unsere ganze Kraft dafür einzusetzen, daß das Band zwischen JGrez Jisroel und dem jüdischen Volke nicht zerrissen wird. Die vornehmste und wichtigste Aufgabe der A g u d a i st de mn a e h die Erfassung der jüdischen G o 1 u s n a t i 0 n und als s 0 1 c h e h a nd e 1 n d auf z u t r e t e n i n d 1 r 0 e f f e n t- 1 i c Ii k e i t. Wenn wir nichts anderes geleistet hätten ds dies, daß die wahre und echte jüdische Nation ihre Stimme erheben kann, daß wir vor die Mächte als Goj Kodausch treten können, wäre damit die Existenzberechtigung der Aguda für alle Zeiten gesichert. Agudas J;sroei wird in diesem .Sinn arbeiten, damit der historische Akt. die Anerkennung unserer historisenen Beziehung zu Erez Jisroel, letzten Endes einem jeden .luden zugute komme. (Allgemeiner Beifall.) Herr Wolf P a p p e n h e i m dankt dem Redner und wendet sich mit einem warmen Appell an die Anweusenden. die Bestrebungen der Aguda, besonders die vor acht Wochen ins Leben gerufene Aktion für die hungernden .Juden in Kußland, kräftig zu unterstützen. sten bis auf die letzte Spur verschwunden waren. .,Wohin sie sieh gewendet, wird nicht angegeben; es scheint, daß manche nach Aegypten geflüchtet sind und andere ihre heidnische Lebensweise aufgegeben haben und als Reuige in den Staatsverband aufgenommen wurden und die Beharrlichen dem Gesetzeseifer der siegenden Frommen als Opfer gefallen sind. So war denn die feindliche Partei, welche nahe an 40 Jahren an den Grundfesten des «Judentums gerüttelt, welche, um ihren Abfall durchzusetzen, die Plagen innerer und äußerer Kriege und religiöser Verfolgungen über das Volk he rauf beschworen und ihr Vaterland an den Rand des Abgrundes gebracht hatte, endlich bis auf die letzte Spur verschwunden.'' Nun ist dies aber eine psychologische Unmöglichkeit. Eine Partei, zu der wohl ein sehr großer Teil des Volkes gehört hat. die Jahrzehnte hindurch Geschlechter in ihrem Geiste erzogen hat, verschwindet nicht mit einmal ganz spurlos. Wir haben es hier mit der Umwandlung von Individual- und Gesamtassimilation zu tun. So lange Judäa einer fremden Herrschaft Untertan war, wollten die Hellenisten die Einzelindividuen der herrschenden Gewalt assimilieren. Als aber das Joch der Fremdherrschaft abgeschüttelt war, wollten sie den Staat, die ganze Nation den anderen Staaten und Nationen assimilieren. Das jüdische Volk sollte eben kein Volk G-ttes, keine religiöse Nation sein, sondern ein Volk gleich anderen Völkern. Es ist natürlich, daß sie sich nach dem glänzenden Sieg der religiösen Idee, als das ganze Volk fast sich als Volk G-ttes begreift und in den Hasmonäern weniger die ruhmreichen Heiden und geschickten Staatsmänner als die Hüter der Religion verehrt, ein wenig im Hintergrund halten, aber sie lauern und warten nur auf die Gelegenheit, um ihr Haupt wieder erheben zu können, und sie feiern auch gar bald ihre Auferstehung als Sadducäer. Die Taktik ist natürlich eine andere geworden, da ja die äußeren Verhältnisse sich geändert haben, aber die Gesinnung ist die gleiche geblieben. Sie wollen eben, wie Grätz sehr richtig bemerkt, von dem Religiösen in öffentlichen Angelegenheiten nichts wissen. Die Religion ist ihnen in ihrer Seele zuwider. Notgedrungen müssen sie ja, als sie zur Herrschaft gelangen, auch in religiösen Fragen Stellung nehmen, da nun einmal der Staat mit vielen religiösen Institutionen, wie zum Beispiel dem Tempel, eng verbunden war, aber ihre wahre Gesinnung ist die, daß der Staat als solcher mit der Religion nichts zu tun haben solle. Sie sind Feldherren und Diplomaten, führen Kriege und schließen Bündnisse, ohne irgendwelche Rücksicht auf die Satzungen der Thora zu nehmen. Die Könige, die sich nach und nach zu dem Sad- | ducäisnms bekennen, verfolgen die Gesetzes- ' lehrer, töten sie und häufen Schmach und Schande auf ihr Haus, das dem Volke nur so lange teuer war, als es Hüter der Religion war. Brudermord, ja selbst Muttermord sind zu politischen Mitteln geworden, und die Sadducäer haben es fertig gebracht, daß der offizielle jüdische Staat sich in nichts von den anderen Staaten jener Zeit unterscheidet, ja er übertrifft sie vielfach an Niedrigkeit der Gesinnung und an der G-ttlosigkeit der Handlungen bei weitem. Der Kern des Volkes, der den Gesetzeslehrern, den Pharisäern anhing und in dem Staate den G-ttesstaat sehen will und sich selbst als Volk G-ttes begreift, kämpft mit dem Mut der Verzweiflung gegen diese Neohellenisten und hie und da gelingt es ihnen auch, die Herrschaft an sich zu reißen, wie zur Zeit der Königin Salome, wo die Pharisäer Lenker und Leiter des Staatswesens werden. Und auch Josephus. der ja seiner ganzen Gesinnung nach zu den Saddueäern gehört, kann nicht umhin, zu bezeugen, daß die Regierungszeit dieser frommen Königin die glücklichste und strahlendste während der ganzen Zeit des zweiten Tempels war. Sie führte keine Kriege, und ihr Ansehen im Lande war so groß, daß man es gar nicht wagte. Judäa anzutasten..Es herrschte eben wieder G-tt in Judäa und G-ttes Gesetz ward wieder Staa'sgesetz. (Schluß folgt.)

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