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Jüdische Presse · 1922-06-02 · 20 (2.6.1922) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Presse
Volume
8 (1922)
Issue
20 (2.6.1922)
Date
1922-06-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 130 JÜDISCHE PRESSE Nr. 20 furchtbarsten Krieg:, den die Menschheit je gesehen, zum Opfer fielen, gearbeitet, gut gearbeitet,, uns organisiert haben und zu einem achtunggebietenden Faktor geworden sind. Das Judentum, wie es seit 2000 Jahren im Golus besteht, war bis um das Jahr lbOO d. g. Z. eine religiöse Einheit, die höchstens nur durch das ganz bedeutungslose Karäertum durchbrochen wurde. Wohl führteil im Gefolge der französischen Aufklärungsperiode die oberen Schichten der Intellektuellen und Großkapitalisten ein irreligiöses Leben; sie begnügten sich aber damit, für ihre Person die Bande der Religion zu sprengen, ohne jedoch ihre Lebensauffassung weiter verbreiten zu wollen. — Erst um die Wende des 18. Jahrhunderts traten Reformen auf, die der überlieferten Religion ihren geoffenbarten, g-ttlichen Charakter absprachen, sie für unverbindlich erklärten und ihre antireligiösen Bestrebungen den Gläubigen mit Gewalt aufzwingen wollten. — Die Reform hatte kein Prinzip, der Geschmack des Rabbiners oder gar der Gemeindegewaltigen war ausschlaggebend für das Maß der Reform. Die erste Versammlung von Rabbinern der Reform bot ein Sammelsurium von Programmen, die sich nur in dem einen Punkte deckten: das alte Judentum muß begraben und an dessen Stelle soll ein neues Judentum geschaffen werden, das sich dem „Leben" anpasse. Der einzige Talmudkenner in dieser illustren Gesellschaft, Holdheim, verlangte kategorisch die Lossagung vom Talmud, weil im Rahmen des Talmud auch die kleinste Reform unmöglich sei. — Bei diesen Worten überlief die heilige Schar eine Gänsehaut! Wenn wir so Farbe bekennen, wird uns die Judenschaft kein Gefolge leisten, wir müssen das Mäntelchen der Frömmigkeit, der Religionsrettung umhängen, um unsere Gläubigen heranzuziehen. Obgleich die Führer jener Zeit, die Eger, Minz, Sofer und andere sofort energisch Front gegen die neue Religion (lucus a non lucendo) machten und ihr geistiger Einfluß hinreichend stark war, daß er noch heute in der ganzen Judenschaft fortwirkt und noch heute gut acht Zehntel der Judenschaft streng religiös ist, war es der Mangel einer Organisation der Orthodoxie, der die minder widerstandsfähigen Elemente dem religiösen Nihilismus in die Anne trieb. — Besonders in den Großstädten, wo die Erwerbsverhältnisse schwieriger, die Sabbatruhe störender war, wo der geistige und materielle Einfluß der oberen Schichten sich mit NachrHi"!*- geltend machte, konnte die Abkehr vom religiösen Leben Platz greifen. Wenn trotzdem auch heute, nach mehr als hundert Jahren Reformtätigkeit und trotz der erwähnten schwierigen Umstände auch in jeder Großstadt viele Tausende streng religiöse Juden leben, beweist dies nur die unverwüstliche Lebenskraft des echten unverfälschten Judentums. In den letzten Dezennien, da alle Ideen-, Interessen- und Rassengenossen sich organisierten, mußte auch die orthodoxe Judenschaft aller Länder zur Erreichung der gemeinsamen Ziele, Individualassimilation wurde, sobald das Volk eine eigene IJeimat hatte, zu einer Gesamtassimilation. ^Vie sie als Individuen den anderen gleichen wollten, so wollten sie, daß auch ihr Volk, ihr Staat von den anderen Staaten und den anderen Völkern nicht spezifisch verschieden sei: Wir sehen es auch bei dem Verlangen des Volkes nach einem König. „Gib' uns einen König, wie ihn alle Völker haben", hören wir das Volk sprechen. Und G-tt sagt: „Mich haben sie verworfen, daß nicht ich mehr über sie regiere." Und vielleicht finden wir auch den Schlüssel zum Verständnis der tragischen Persönlichkeit des ersten Königs, wenn wir annehmen, daß er nicht das richtige 'Verständnis von dem Wesen und der Stellung des jüdischen Königs hatte. Gründe der Staatsraison mögen für ihn maßgebend gewesen sein, um einem ausdrücklichen Befehle, der ihm durch den G-ttespropheten geworden, auszuweichen, und er büßte diesen Ungehorsam mit dem Verlust des Thrones und seines Lebens. Und wenn wir später sehen, wie die Könige Israels und Judas Bündnisse schließen, Ehen mit nichtjüdischen Fürstentöchtern eingehen und so dem fremden Götzenkult in ihren Staaten eine Stätte bereiten, so ist es uns, als ob wir in unsere Tage versetzt würden, wq die moderne Staatsweisheit mit denselben Mitteln operiert. Vergebens kämpfen die Besten des Volkes, und vor allem die g-ttgesandten Propheten gegen eine derartige Verfälschung des Staatsbegriffes, die Könige, Heerführer und Diplomaten glauben das durch die Propheten verkündete Unheil, das sich immer drohender über ihren Häuptern zusammenballt, durch eine geschickte Politik abwenden zu können. Gegen zur Abwehr gemeinsam erlittener Angriffe, an die Organisation schreiten. Bei dem ungemein großen Unterschiede in beziig auf jüdisches Wissen, Kultur, Erziehung, die sich am prägnantesten darin ausdrückte, daß der Osten, der Sitz der Thorakenntnis und der großen Massen und der Westen mit seiner vorgeschrittenen Kultur und seiner Tätigkeit zur Organisation sich kaum kannten, machte lange Vorberatungen nötig, um Form und Programm zu finden, wie alle religiösen Juden, die nicht nur für das eigene Seelenheil besorgt sind, sondern auch Sinn und Opferwilligkeit genug besaßen, das Judentum auch anderen zu erhalten, in einen einheitlichen Verband zusammengefaßt werden können. Nach mehrjährigen Besprechungen der hervorragendsten, unbedingt anerkannten Führer von Ost und West konnte endlich am 11. und 12. Siwan 5672 die Gründungsversammlung der Aguda abgehalten werden. Ueber 1000 begeisterte Bekenner des alten, echten Judentums, darunter die allerersten Gaonim des Ostens, die anerkannten Fülirer des Westens, fanden sich zusammen und nach eingehendem Ideenaustausch, in dem alles was eint und was trennen könnte, gründlichst erwogen wurde, erfolgte der einstimmige, mit Jubel aufgenommene Beschluß: „Die heute in Kattowitz versammelten Vertreter der thoratreuen J u d e n h e i t aus allen Ländern der Diaspora erklären n a c h Anhörung des vorgetragenen Referat e s d i e „Agudas Jisroel" für begründet und verpflichten sich, für den Aufbau der Organisation mit allen Kräften zu arbeiten. Die Aguda dient der Förderung aller jüdischen Interessen auf religiöser Grundlage unter Ausschluß jeder politischen Tend e n z." Wie erwähnt, dienten die zwei Jahre 1912 bis 1914 den vorbereitenden Arbeiten. Kaum waren diese zu Ende, als der furchtbarste aller Kriege entbrannte, der die Welt fünf lange, bange Jahre nicht zu Atem kommen ließ und dessen materielle Folgen bis zum heutigen Tage und wer weiß wie lange noch, erdrückend wirken. Obgleich die einzelnen Teile der Aguda durch Jahre von jeglichem Verkehre unter einander abgeschnitten waren,; konnte sie vielen Tausenden von Flüchtlingen helfen, Hunderte Waisen in eigenen Waisenhäusern gut versorgen und jüdisch erziehen und unzählige Talmud Thoras und Jeschiwos, diesen Lebensnerv des religiösen Judentums, erhalten und vor dem Ruin bewahren. Erst nach Abschluß des Friedens war es möglich, neuerlich an die Organisation zu schreiten. — In kurzen zwei Jahren ist es der Aguda gelungen, auf dem ganzen Erdenrund ihre Organisation durchzuführen. Gestützt auf die mächtige polnische Gruppe, die der entscheidenste Faktor im jüdischen Leben in Polen ist, auf die zielbewußte Arbeit des Zentralrates (Frankfurt und Wien) hat die Aguda für Limud-Hathorah, soziale Babylon werden Bündnisse mit den ägyptischen und anderen Nachbarkönigen geschlossen, als ob der Staat, aus dem die Seele entflohen, sich durch derartige künstliche Mittel erhalten ließe. Vergebens ruft der Prophet des Schmerzes: „Was soll dir nun der Weg nach Aegypten, etwa um die Wasser des Nils zu trinken? Deine Bosheit züchtigt dich und deine Verirrung straft diph, damit du erkennest und sehest, daß es töricht und bitter war, deinen G-tt zu verlassen!" Nebukadnezar erobert das Reich, zerstört die Stadt und den Tempel, und das Volk wird nach Babylon geführt; und was die Propheten nicht vermocht, die zwei Merischenalter im babylonischen Exil haben es vollbracht, das Volk beginnt die einzigartige Stellung der Judenheit im Weltganzen zu begreifen. Aber die Berührung mit seinem Boden hat eine verderbliche Wirkung. Das Volk ist ein umgekehrter Antäus, den die Berührung mit dem Boden neue Kraft schöpfen läßt, den Juden saugt ihr Boden das Mark aus den Knochen,, sie verlieren bald jeden Halt. Kaum zwei Jahrhunderte nach seiner Heimkehr wird das Judentum in neue furchtbare Kämpfe verwickelt, die schließlich zu seinem Untergange führen. Der Anlaß kam von außen, aber der Kampf tobt im Innern. Dieser äußere Anlaß war der Kriegszug Alexanders des Großen, der griechische Bildung und Kultur nach Asien brachte. Die erste Begegnung war freundlich, wie ja diese beiden Kulturen sich nicht unbedingt ausschließen müssen. Der Schönheit, wie sie in Griechenland zur höchsten Blüte gelangte, wohnt auch erzieherische Kraft inne, nur muß die Schönheit der Wahrheit sich vermählen, sich ihr Fürsorge, ganz besonders Waisen- und Flüchtlingsfürsorge, Millionen über Millionen aufgewendet, ein kräftiges jüdisches Preßwerk gegründet; für den Jischuw Hoorez vieles getan, noch mehr vorbereitet und besonders die Vereinigung aller echt jüdischen Kräfte weit vorwärts gebracht. — Einen Stolz der Organisation bilden die Jugendgruppen, in denen viele Tausende junger Juden und Jüdinnen sich in den Geist der Tliora vertiefen und eine zielbewußte Tätigkeit für Thora Awoda und Gemilus Chessed entwickeln. Diese Armee von Kerntruppen ist unüberwindlich und sichert die Zukunft des Judentums. Die Aguda hat der Orthodoxie bei den Behörden jenes Ansehen verschafft, dessen sie bedarf, um ihr Hauptziel „Wahrung aller jüdischen Interessen" mit Kraft und Erfolg zu erstreben. Wenn die Aguda gezwungen war und ist, Angriffe auf die Religionsübung abzuwehren, wenn sie sich gezwungen sieht, anzustreben, daß sie bei der Lösung von Palästina-Fragen gehört werde, weil die Judenschaft in ihrer großen Mehrheit nur Sinn hat für ein religiöses Palästina; wenn die Aguda Angriffe auf sich selbst oder auf das Religionswesen zurückweisen muß, so ist das nicht Politik, sondern einfache Erfüllung unseres Programmes und somit eine Pflichttat, die jeder ehrliche Jude von der Aguda beanspruchen darf. — Wir werden die Ersten sein, es mit Freuden zu begrüßen, wenn unsere Gegner anerkennen werden, daß unsere weder von Herrschsucht noch Gewinnsucht, sondern von reiner jüdischer Absicht eingegebenen Bestrebungen berechtigt sind und wir somit den uns aufgezwungenen Kulturkampf nicht mehr werden führen müssen. Wir haben unsere Tätigkeit erst begonnen. Sie ist erfolgverheißend. Wir können indessen nicht zufrieden sein, denn es bleibt noch zu viel zu tun, aber wir können sagen: Der Anfang ist gut und wenn wir auf dem betretenen Weg fortfahren, werden wir die Thora unverfälscht unseren Nachfahren hinterlassen. — Dies ist der Hauptzweck der Aguda. Um diesen Hauptzweck der Agaida zu erreichen, müssen sich alle Vereine um uns scharen und materiell weitgehendst fördern und an unserem Werke mitarbeiten. WTenn wir alle zusammenwirken, min b*ixf? nTTK!"!1?! dann wird die Allmacht unser Erez Jisroel uns wiedergeben in unseren unbeschränkten Besitz als Land, in dem Milch und Honig fließt, auf daß wir G-tt dienen können und wieder der Welt vorangehen auf dem Wege, der zur reinen G-t'teserkenntnis und höchsten Ethik führt. Pm. Kritische Rundschau. Die Affaire der Preßburger Neologengemeinde. Die Preßburger Neologengemeinde ist im 52. Jahre ihres Bestehens noch immer den Beweis ihrer Existenzberechtigung schuldig geblieben. Ihr historischer Ruhm besteht in der traditionellen schlechten Behandlung ihrer Rabbiner und Lehrer, deren Einkommen durchaus niemals im Einklänge mit dem — unberufenen — steigenden Wohlstande der unterordnen, um ihre Kulturmission erfolgreich erfüllen zu können. Es liegt vielleicht auch ein tieferer Sinn in der Erzählung des Talmuds von der Begegnung Alexanders mit Simon Hazadik. Alexander stieg vom Pferde und zeichnete den Hohepriester in ganz ungewöhnlicher Form aus. Ueber den Grund dieser bei ihm so seltenen Zuvorkommenheit befragt, gab er zur Antwort, daß er bei seinen siegreichen Schlachten stets eine dem Hohepriester ähnliche Gestalt gesehen habe. Vielleicht wollte er seiner Ueberzeugung Ausdruck verleihen, daß Griechentum und Judentum denselben Zielen zustreben, daß beiden dieselbe Kulturmission geworden. Es wäre gar keine ungeschickte Wendung gewesen, die spröden Juden dem Griechentum zu gewinnen. Die spröden Juden! O, wären sie es doch gewesen, wieviel Weh und Jammer wäre dem Judentum erspart geblieben! Die Juden haben sich wie im Rausche der neuen blendenden Kultur hingegeben. Schönheitskultus trat an Stelle des Wahrheitsdienstes, Zügellosigkeit an Stelle der inneren Freiheit. Rausch an die Stelle der ernsten Lebensfreude. Das Fremde gefiel, weil es fremd war. Aber ein Kern des Volkes wehrt sich mit ungeahnter Heldenkraft gegen das Aufgehen ins Griechentum und die Makkabäer siegen, der jüdische Geist ist für den Moment in seiner Urwüchsigkeit und Reinheit gerettet. (Fortsetzung folgt.) In keinem jüdischen Hause fehle die „Jüdische Presse".

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