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Jüdische Presse · 1922-06-02 · 20 (2.6.1922) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Presse
Volume
8 (1922)
Issue
20 (2.6.1922)
Date
1922-06-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 128 •JÜDISCHE PRESSE Nr. *J0 selbst schreiben kann und dessen Vorrechte trotzdem von niemandem mißgönnt werden. Sie ist das Ausgleichende in der zerklüfteten Gesellschaft, das Feste in allen Schwankungen des Lebens -------- Und so feiern wir denn alljährlich, wenn die Frühlingssonne über grünende Wiesen und lachende Fluren leuchtet, mit dem Feste der Gesetzgebung gleichzeitig das Fest unserer Vo 1 kswerdnng, das Fest unserer Volkserhaltung. Der Blütenschmuck, der unsere Tempel ziert, er ist der Gruß der sich ewig verjüngenden, zu stets neuem Leben erwachenden Natur. Es sei auch das Symbol unserer Lehre. Denn auch sie ist wie die Natur ewig schön, unvergänglich und nie alternd, jugendfrisch und zu reich, um je erschöpft zu werden. Wien. Dr. Leo Nasch. Mattan-Thora und die Jugend. Die .lugend, welche beim Auszug aus Mizrajim noch bescheiden hinter den Alten marschiert ist. und beim Schiras-Hajain dem Moses und den Kindern Israels nur nachfolgen durfte, ist bei Mattan-Thora plötzlich in die erste Reihe gestellt. Der Auszug aus Mizrajim vollzog sich im Zeichen des Vertrauens. Dank der Vergangenheit. Dank den Vätern. Bei Mattan-Thora ging die Sache nicht mehr so einfach. Da hat G-tt nach unseren Midrasch- Weisen schon Bürgschaften verlangt, dal.» die Thora, der kostbare jüdische Schatz auf Erden, richtig verwaltet wird und in treue Hände komme. Das jüdische Volk konnte damals so manches als Bürgschaft anbieten: Seine. Vergangenheit, seine treue Gefolgschaft nach G-tt in die Wüste, seine Fürsten, seine Führer und Aeltesten. Jedoch all diese Bürgschaften wurden verschmäht. Als dann das jüdische Volk seine «Jugend als Bürgen für die treue Bewahrung und Befolgung der Thora angeboten hat. hat G-tt diese Bürgschaft als wertvoll und verläßlich angenommen. Seither ist das Schicksal unserer .lugend mit. dem Schicksal der Thora auf Erden auf Gedeih und Verderb unlöslich verknüpft. So sagt auch das Prophetenwort, wenn du der Lehre deines G-ttes vergißt, dann werde ich deiner Kinder vergessen. Die Jugend ist uns daher ein Gradmesser, mittels welchem wir wissen können, wie weit e>- mit der Treue zur Thora steht. Nicht die Gelehrsamkeit und Frömmigkeit der Alten, sondern die Begeisterung und Anhänglichkeit der Jugend ist der Maßstab für die Beurteilung, ob das jüdische Volk an dem Vertrag von Sinai festhält oder o'<» t s ihn verräterisch gebrochen hat. Und weil die Idee der Aguda es verstanden hat. in unserer .Jugend in allen Ländern eine noch nicht genügend geschätzte Begeisterung für die Thora auszulösen, weil die Idee der Aguda unsere Jugend den Weg ins Beth Hamidrasch zurückfinden und ihre Seele an den Ewigen stützen, an die Thora aufranken und aufrichten ließ, daher ist uns Aguda nicht nur die Organisation der tlioratreuen Jugend, sondern die geistige Bewegung derjenigen, die noch heute die Bürgschaft der Jugend für die unverbrüchliche Treue an der Thora und für das unerschütterliche Festhalten am Sinaibund aufbieten können. J. V. Für die Opfer der Hungerkatastrophe in Rußland, Die Sammlung. Bisheriges Ergebnis: dö. K 15,667.035. J. .1. Br. Die Nachrichten aus den Jlungergebieten wissen von Tragödien zu erzählen, wie sie die Neuzeit nicht kennt. Die gesamte gesittete Menschheit müßte sich zur Hilfeleistung aufraffen. Auf uns .J u d e u, auf die Juden aller Länder, aller Volksschichten und Gesellschaftsklassen ohne Ausnahme, lastet die Verantwortung für jedes Versäumnis besonders schwer. Denn es sind f| u n d e r t tu u s e n d e J u d e u, die unter der Hungersnot am schwersten leiden. Ein jeder f< a n u helfen, wenn er aller menschlichen Gefühle, der elementarsten Bruderliebe, nicht vollständig bar ist! I m m e r u o c h w e r d e n d i e N a m e n re c h t wo h1hab e n de r L oute u n t e r d e n S } ) e n d e r n f ü r d a s 11 i I f s w e r k v e rm i ß t. Das 0 f f e n b a r u n g s F e s t d e r T h o r a. jener Thora. die auf jedem Blatte allen Söhnen und Töchtern des jüdischen Volkes und der gesainten Menschheit ausnahmslos, ob arm oder reich, die Barmherzigkeit den Leidenden gegenüber zur unabweislichen Pflicht macht, sollte als M a Ii n r u f zu dieser Pfiichteif ülliAig betrachtet werden. E i n j e d e r g e b e. w a s c r k a n n u n d f o i' d e r e a n d e r e. F r e u n d e. V e rw a n d t e. B e k a n n t e u s w. a u f, z u s p e ud e n, z u s a m m ein. z u m a h n e n u n d z u w e c k e n! Die 11 i l f s a k t i o n d e r A g u d a gewinnt stetig an Ausdehnung. Mehr als fünfzehn Millionen sind bereits aufgebracht. Die gesammelten Beträge gehen bei der Wiener Zentrale regelmäßig ein und werden schleunigst in Lebensmittel Hingesetzt und nach Rußland überwiesen. In allen Ländern hat die Sammlung bereits begonnen. In manchen Ländern, wie in E u g- I a u d, A in e r i k a und jüngst auch in Den t s c h 1 a n d. haben dem Beispiel der Aguda folgend auch andere große jüdische philanthropische Organisationen oder ad hoc gebildete Komitees Aufrufe für diesen Zweck veröffentlicht und beachtenswerte Erfolge erreicht. Der Aufforderung der Aguda folgegebend, hat die Zentrale des „Rabbiner-Verbandes'* von Litauen ein Sonderkomitee für die hungernden Brüder in Rußland eingesetzt. Der Rabbiner- Verband verbreitete einen Aufruf von erschütternder Wirkung. Schon am ersten Tage ergab die Sammlung in Kowno allein zirka eine Mi 11 io n M ark. Der Aufruf der p o 1 n i s e h e n Aguda-Landesorganisation hat bereits ansehnliche Summen ergeben. Die Sammlung wurde mit einer H u n d e r t t a u s e n d - M a, r k - S p e n d e d e s Gerer Rabbi seht, eröffnet und viele 'Pausende beeilen sich, dem Beispiele des 'Rabbi zu folgen. Der berühmte Rabbi von Kletzk wendet sich gleichfalls 'mit einem Appell an die Oeffentlichkeit und übersendet an das Warschauer Aguda-Bureau zur sofortigen Ueberweisung nach Wien als Ergebnis der ersten Sammlung in seiner kleinen Gemeinde hundert Doli a r. Die Halberstädter Zentrale des Gruppenververbandes der Aguda in D e u t s c h 1 a n d hat eine großzügige Sammelaktion in allen Gemeinden des deutschen Reiches eingeleitet. In Frankfurt a. M. fand am 21. Mai eine Vorbesprechung zur Organisierung einer systematischen Sammlung in der Stadt statt. Es wurden drei Kommissionen hiefür gewählt. Einer jeden dieser Kommissionen wurde ein spezielles Arbeitsgebiet zugewiesen. Eine ..Besuchskommission". bestellend aus 50 Personen, soll die 500 wohlhabendsten Juden der Stadt persönlich zu Gaben auffordern und sodann unter Heranziehung der Aguda-Jugend- und Mädchengruppe eine Haussammlung größereu llmfanges organisieren. Die „Bureaukommission'' hat die schriftliche Propaganda für die Sammlung, sowie die Buchhaltung zu.leiten. Eine ..Kleider-Sainmlungskommission"* soll sieh besonders der Sammlung von get ragenen und neuen Kleidern und Wäschestücken widmen. Eine Sammlung von Schmuckgegenständen, deren Erlös den Notleidenden zugute kommen soll, wird geplant. Es wird auch augeregt, von jedem Juden die Abführung von 2 Prozent seines Jahresverbrauches, also ungefähr den Haushaltungsverbrauch von einer Woche an die Sammlung zu fordern. Schon in der ersten Vorbereitungssitzung wurden in Frankfurt. 90.000 Reichsmark, 1.000.000 österreichische Kronen und G0 Dollar gezeichnet. Das Frankfurter „Hilfskomitee für die notleidenden Brüder im Auslande", unter Vorsitz Rabbiner Dr. Breuer, hat der Aguda 70.000 Mark zur Verfügung gestellt. a> •-• v Außer der Aguda-Sammlung veranstaltet in Berlin der dort weilende Oberrabbiner A r o nson aus Kiew eine Hilfsaktion mit gutem Erfolge. Die Wiener Zentrale bittet erneut alle diejenigen, denen die Linderung der furchtbaren Hungersnot am Herzen liegt, sich sofort im „Zeutralbureau der Aguda". Wien, IL Malzgasse 12a (Telephon 49-0-54) zur M i t a r b e i t zu melden. Während der S c h e w u o s - T a g e veranlasse man in allen Synagogen, Vereinen und Bethäusern Stenden beim Aufruf zur Schaffens bittere Enttäuschungen. Allein diese fuhren wie der Sturm in die Glut seiner Seele und fachte . sie nur zu höherer Wirkung an. O, die großen biblischen Freuden, sie mußten gleich hoch bezahlt werden. Das Gespenst des Erew Rawtums, diese unglückselige Mischung einer niedrigen Rasse in den heiligen Stamm, trat auf die Szene. Er rang zuerst mit Siegesfreude, dann mit Erbitterung, dann noch aus Pflicht und Treue und unterlag zuletzt. Nun erst begriff er alles! Waren die furchtbaren Erlebnisse ein zu hoher Preis für die erworbene Erkenntnis des tiefsten Sinnes der jüdischen Tragödie? Er zog vergebens von Lager zu Lager, um G-tt zu suchen. Er fand ihn nicht. Der Traum zerstob. Das Volk vergriff sich an den geschaffenen heiligen Gütern und trieb Schacher mit ihnen. Er versank im zähen Sumpfe der Bosheit und pries dabei sein Volk, bis ihm der Schlamm auch den Mund verschloß. Der Kreislauf war vollendet. Assafsuf war wieder Herr in Israel. Dieses aber stand wie je in heiligen Tempeln, angetan in weiß-schwarzen Hüllen, das lederne Diadem um die Stirne geschlungen, pries den Herrn und sein Schicksal. Das Fest der Thora kam wieder. Er stand unter ihnen und zergrübelte den Geist über dieses Rätselgeschöpf eines Volkes. Ein Menschenalter leidenschaftlicher Kämpfe, die er für sie, gegen sie führen mußte, zog wie eine gespenstische Vision vorüber, Visionen, die ihm kein Ghartum und kein Chasdäer deuten konnte; ein Höllenchor von Lüge und Verleumdung klang ihm schier hörbar ins Ohr. Dämonische Lust an Verrat und Untreue glitzerte ihm in tausend Augäpfeln zu. Er rang nach Deutung. War das große heilige Feuer nur ein Irrlicht gewesen, das über Moorgrund flackerte? War doch unter Tausend nicht einer, der ihm fürsprechender Malach war? War er selbst, nichts, als ein betrogener Betrüger? War da nicht eine heilige Gemeinde Israels versammelt, umspielt vom Geiste der Ahnen, vom Reflexe der Glorie von Sinai, in wundersamer Treue vereint im Dienste der Thora? War er am Ende nicht der einzige Schuldige unter ihnen, betört von einem Wahne, einem unheiligen Feuer, das er nicht anbefohlen hat? War ihr Groll nicht am Ende gerechtes G-ttesurteil und sein Zorn gegen sie nicht Blasphemie? . . . Die Kohanim hatten die Stufen der Bundeslade bestiegen und breiteten segnend die Hände gegen ihn: „Es segne dich der Herr und beschütze dich!" Ah, das klang wie eine Antwort! Das ist das Wundersame, daß diese erwerbslustigen Finger, diese brüderfeindlichen Fäuste von einer uralten, unversiegbaren Macht aufgelöst, zum Priesterzeichen geformt und zum Segnen genötigt werden. Da flüsterte er mit steigender Ergriffenheit: „Herr der Welt; ich bin dein und meine Träume sind dein!1' Was war das? Das klang wie eine Zeugenschaft für ihn; hunderte sprachen es mit ihm. Weiter! „Ich träumte einen Traum und weiß nicht, was aus ihm ward . . ." Jetzt faßten ihn ehrfürchtige Schauer, als hätte er Urim und Tumim befragt und fände Erhörung. „Möye es dein Wille sein, mein G-tt und G-tt meiner Väter . . . Daß alle meine Träume für mich und für ganz Israel .. . für ganz Israel . . . zum Guten seien.'1 Er hielt erschüttert inne. ,, . . . sei, daß ich'wegen meiner geträumt habe (er selbst war wenig Gegenstand seiner Träume), sei es daß ich weifen der anderen geträumt habe (das hatte er wahrlich getan, er hatte sie hochgeehrt, vor G-tt und Menschen wohlgefällig erträumt), sei es, daß die anderen über mich geträumt haben. (Es graute ihn. wenn er daran dachte, was die „anderen" wegen seiner geträumt hatten, . . . seine Schüler, . seine Freunde, . . . daß er in Kummer und Schande vergehen werde.) „Wenn sie gut waren, erhalte sie und befestige sie ... o, mögen sie sich an mir und an ihnen erfüllen ... wir. die Träume Josef, des Gerechten." Da flammte ein Blitz der Erkenntnis über das ganze Bild aus der Urzeit. Die Brüder . . . die Erwerbsmenschen, unbewußt der großen Vorfahren, unbewußt der harrenden Zukunft, Gegenwartsmenschen. Er, ein „Kind der Alten", dessen Edelsinn über das unwürdige Leben der in Schafzucht aufgehenden Brüder hinweg sehnend zur Zeit der Vorfahren hinüberlangt und die große Vergangenheit zur Zukunft gestalten will. Der Träumer fühlt die Oede des Seelenlebens der Erwerbsmenschen schmerzlich und wendet sich zornig gegen ein Leben, daß sie alle für gerecht und g-ttgefällig halten. Der Vater versteht die Klage des „ben sekunim", des Kindes alter Zeiten, aber die Brüder empfinden es nur als böswillige „üble Nachrede". Sein Streben um die Ehre des Hauses verstehen sie nicht anders als Sucht zu herrschen. Der Träumer vom Glücke Israels ist stets ein böser Mahner für diejenigen, die nur befähigt sind an ihrer persönlichen Zukunft zu arbeiten; ihre Wege schneiden sich scharf, wie Egoismus und Altruismus; aber der Traum Josefs ist eine geschichtliche Notwendigkeit, die sich erfüllen muß. „Und iveym sie Heilung brauchen . . . (Ach, wie sehr bedürften sie der Heilung . . . ihre Träume und die Träumer . . .) heile sie wie Mirjam ..." Als wenn er zum erstenmal die Kunde von i

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