Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 8 (1922)
- Issue
- 20 (2.6.1922)
- Date
- 1922-06-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEI N JUDENTUMS. Redaktion und Administration: | Abonnementspreise: Gansgährig: FttrÖsterreichK3000, Ungarn Wien, IL. Obere Donaustr. 91. — Telephon 48.142. 1 K 350*—, Tschechoslowakei Kö. 70'—, Deutschland Mk.150*—, Tschechoslowakei: Bratislava, Postfach 140. 1 Schweiz Frcs. 10«—, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, Erscheint jeden Freitag. - Redaktionsschluß: 1 England 10 Shilling, Rumänien 70 Lei, Jugoslawien 70 Dinar, Für Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. | Polen 1500--. Einzelnummer d.-o. K 60—, Kö. 1-50. Zahlungen für Oesterreich: Postsp Nr. 13.458; für Polen: Postsparka Nr. 190.409; für Ungarn: Postspark Nr. 50.170; für Tseheehoslewakel: Konto Nr. 53.386; für Jugoslawien: Konto Nr. 40.217; für Rumänien: Ban für Joaef Florens & C irkassenamt Wien, Konto ssenant Warsohau, Konto issenamt Budapest, Konto Postsparkassenamt Prag, Postsparkassenamt Agram, ca Marmarosch Blanc & Co. Bukarest. Nr. 20 Wien-Bratislava, 2. Juni 1922 .3'snn myiau? my rrraoDjna " nn rry- 8. Jahrg. % Mattan-Thora. Schmücken sich die erhabenen Hallen der Tempel nochmals mit Palmen und Ewiggrün . . . sendet die blühende Natur wieder ihre schönste Festgabe in das Haus des g-ttlichen Gesetzes, um den Tag der Thora — Fest der Ernte und der Offenbarung zugleich — zu grüßen ... die höchste Entwicklung des Erdensohngeistes, die Vermählung himmlischer iund irdischer Kräfte verherrlichend? Löst los das heilige Pergament befreit es von der Hülle von Sammt, Gold und Silber, teuerer ist G-tteswort, denn Edelerz und vieles Gold . . . Alles sittliche Wollen, das die Höhen menschlicher Gesittung durchweht, strömt von Sinai her, aller Triumph der Seelischkeit über physische Niedrigkeit aus dem einzigen Momente der unmittelbaren Kundgebung des Schöpferwillens: Onochi. . . lo jihje lecho . . . Ich bin der Ewige ... du sollst keine anderen Götter haben ... Es waltet ein dem höchstreichenden Geiste unerforschliches aber schon von der kindlichsten Einfalt mächtig empfundenes Prinzip, der ewigen Wahrheit, der endloßen Güte und der namenlosen Schönheit, zu welchem jede reine Seele zu allen Zeiten und in allen Welten immerdar sehnsuchtsvoll emporstreben wird, wie sich die Sonnenblume zum Tagesgestirne zuwenden muß. Der dem irdischen Sinne erkennbare Niederschlag dieses Wollens ist die Thora . . . Jeder verfließende Tag der Geschichte ist ein höherer Beweis ihrer Ewigkeit und erhöht ihren sittlichen Wert. Darum ist jedes spätere Geschlecht durch seine h&hetxyH^^ und ihre Unterlassungssünde schwerwiegender als die ihrer Vorfahren und darum klagen wir bußfertig: „Wir sind elender als alle früheren Generationen." Dieser große g-ttliche Weltwille ergreift Besitz von großen, reinen Seelen und duldet keinen zweiten Beherrscher des Herzens neben sich. Alle irdischen Triebe seien Ihm Untertan und nicht gleichgesetzt. | Wehe denen, die Ihn begriffen haben, aber dem Dienste ums goldene Kalb die gleiche Andacht und gleiche Hingabe weihen. Dieses Vergehen rächt sich oft erst bei Kinder und Kindeskinder und im vierten Geschlechte, aber niemals vermag ein noch so g-ttesfürchtiges Haus, in welchem die Sucht nach irdischen Gütern, dieselbe oder gar größere Macht über die Seelen erworben hat, die Thora von Geschlecht zu Geschlecht weiter zu pflanzen, wo wahre, ideale Thoraträger die Liebe in tausend Geschlechter verpflanzen. Drei Jahrtausende Thora, Erbgut hunderter von Menschengeschlechtern, vermehrt und vertieft von Generation zu Generation, oft verständnislos fortgepflanzt, wie eine Telegraphenstange zur anderen wichtige Botschaften befördert. Wann erreicht diese Heilsbotschaft das Ende, wo der Kundige, Wissende sitzt, die Botschaft begreift und in Tat umsetzt? Wann kommt das große Geschlecht, das vorbestimmte, der fruchtbaren Seelen, in welchen die Saat der Thora blühend aufgeht, wer wird dieses große Erntefest erleben? B. Schewuosgedanken--- Der viel tausendjährige Bestand des Judentums ist eine der wundersamsten Erscheinungen der Weltgeschichte. Wie Kronos seine Kinder, hat das ewig wechselnde Weltgeschehen zahllose Völker gezeugt und wieder verschlungen, hat der ruhelose Strom der Zeit unzählige Nationen nach kurzer oder langer Blüte in die Tiefen des Vergessens gesenkt. --'TtfÜTen^ und geknechtete, das stets verhöhnte und verstoßene Israel, blieb lebensfrisch und unversehrt bis auf den heutigen Tag und ragt wie ein Denkmal seiner selbst aus dem Dämmer der Vorzeiten in die Gegenwart herein. Immer wieder hat man versucht, die wunderbare Erhaltung des Judentums mit weltlichen Gründen zu erläutern, doch sind sie alle unzulänglich und nur die historische Bejahung des jüdischen Volksberufes, wie er sich am flammenden Sinai kundtat, kann die Siegel dieses Rätsels brechen. ---Ascher bochar bonu mikol hoamim, wenossan lonu es thaurosauh---das ist die einzig wahre Begründung. Wir sind da, weil uns G-ttes Gnade erhalten wollte und uns ausersehen, seinen Willen zu verkünden und seiner Lehre zu obliegen. Nicht etwa Rasseneigenschaften sind es, die uns vor dem Untergange bewahrten, sondern die siegreiche Allgewalt der Thora, die uns nicht wanken und weichen ließ und die uns allen dräuenden Gefahren zu Trotz, unversehrt durch den Glutofen der Geschichte leitete. Mögen die Völkerwogen noch so heftig um uns branden, die tosende Flut kann uns nimmer verschlingen, solange der Fels unserer Lehre uns Halt und Festigkeit gewährt. Der Jude, der da glaubt, ihrer entraten zu können, oder sich von ihr abwendet, um sie durch neue Kräfte zu ersetzen, der unterbindet die Lebensader unseres Volkes und gibt es dem sicheren Verfalle preis. In den letzten Jahrzehnten ist so manches Surrogat angepriesen worden, dessen Zweck es war, die Thora als volkserhaltendesMittelüberflüssigzumachen. Man vergaß, daß das Judentum kein Politikum, keine Rassenfrage ist, daß das bloße Gefühl historischer Zusammengehörigkeit lange nicht hinreicht, um unseren Fortbestand zu verbürgen. Die Thora ist ein Bindemittel aller Gesellschaftsschichten und an ihr brechen sich die Wogen aller sozialen Bewegungen. Sie ist die reifste Demokratie in schönster Entfaltung, sie ist keine ängstlich gehütete Geheimlehre einer engherzigen Priesterzunft, sondern Gemeingut aller Stände. Wer sich redlich bemüht, der wird ihrer teilhaftig und unverdient fällt sie niemandem in den Schoß So ist denn die Thora ein Adelsbrief, den sich jede „Einen Tranm träumte ich.. Von A. S. Plony. „Herr der Welt ich bin dein, und meine Träume sind dein." Mein Freund, von dem ich nicht sagen könnte — trotzdem seine Seele wie ein offenes Buch vor mir liegt — ob er ein Wahnsinniger oder ein Heros sei, war das Produkt einer genug eigenartigen Erziehung. Er sog mit allen Wurzeln seiner Seele aus dem schwarzen Humus des alten Ghettos wahre jüdische Lebenskraft, tränkte sie aus tiefsten reinen Quellen der Lehre, gleichzeitig aber war ihm der seinen frommen Mitschülern im Gheder verschlossene Born weltlicher Bildung erlaubt. Flammende Begeisterung für jüdisches Wesen vermochte die sonst verpönte Mischung von g-ttlichem und weltlichem Wissen in eine einzige Erzglut zu verschweißen. Das Ketores des Glaubens ward vom Chelbana der Westkultur nur gehoben und das reine Gold der Thora nur gefestigt durch die Legierung profaner Wissensgüter. Liebevolle schwärmerische Gläubigkeit durchströmte jedes fromme Wort und jede Handlung. Großvater, Vater und Kind standen in der kleinen Synagoge zusammen, drei Seelen aus drei verschiedenen Generationen zusammenfließend in ein einziges Fluidum der Emuna, eine unzerreißbare, dreifach gewundene Kette der Treue. Vom Schema bis zu dem Gebete um die Heilung böser Träume war ihnen Alles ein jedem unheiligen Gedanken unnahbares teures Vermächtnis. So ehrfurchtsvoll wie ihnen das große Credo von den Lippen floß, so inbrünstig rezitierten sie, die Weltmänner, das überlieferte Gebet um Heilung der bösen Träume. Die fromme Seele des Enkels, sie war wie ein Produkt der Entwicklung mehrerer in G-ttesfurcht emporsteigender Geschlechter. Wie wußte er, als Vierjähriger, im Siddur Bescheid, wie schienen ihm die heiligen Runen köstlicher als Bilder, ihr Klang herrlicher als jede Musik, ihr Sinn erhabener als jede Poesie! Er wuchs empor. Seine Jünglingsjahre reichten in die grauen, freudlosen Jahre des Sieges der Assimilation. Die Vesten der Glaubenstreuen zerfielen, die Jugend entfloh ins andere Lager; was neben der Fahne der Thora zurückblieb, war nicht kampftüchtig genug, um den Besitz der alten Positionen zu sichern. Die Großen sanken ins Grab, ein Pygmäengeschlecht übernahm das große Erbe. Die Lehrstätten entvölkerten sich, in den G-tteshäusern murmelte die Resignation klanglose Formeln. Mein Freund stand da, wie ein treuer Soldat auf einsamem unhaltbarem Posten für eine verlorene Sache. Fremd, verständnislos starrten ihn die alten teuren Zeichen des Siddurs an, wie erloschene Liebe. Sabbate und Jomim towim zogen wie wesenlose Schatten vorüber und die Zukunft schien ein höhnendes Gespenst. Wie die Hoffnungslosigkeit übermächtig ward, da geschah das Wunder. Ein Blitz flammte auf in der Dunkelheit, erleuchtete den Weg der Zukunft. Das Gestirn der Thora, das im Westen untergegangen war, stieg majestätisch wieder im Osten über den Berg Zions auf. Der Geist der Ahnen überkam die Jungen wie mit überirdischer Gewalt, ein Sturm des Ewigen erfaßte sie und trug sie über den Dunstkreis der entarteten Gesellschaft empor. Mächtig erfaßte es meinen armen Freund. Er begriff das Wunder und weihte sich seiner Verkündigung. Er, der bisher Stummverschlossene, fühlte eine Sprachgewalt in sich, die seinen Willen auf Tausende übertrug. Es entrang sich ihm unbewußt der Ruf nach dem kommenden Licht, wie der leidenschaftliche Hahnenschrei um Morgengrauen, mochten auch die trägen Schläfer noch so zürnen. Mit einem Male belebten sich ihm die Züge der Thora; er begriff sie in all ihren Tiefen. Da fühlte er in sich die Kraft, die spröden Massen zusammen zu ballen und sie zum Standbild des antiken Volkes zu formen. Flamme schoß in r1~ abet, erst erglühten die Gebete um Jerusalem; nach und nach traten wie im entwickelten Lichtbilde alle Konturen des Ganzen hervor. Er konnte wieder seelenvoll beten wie ehemals. Was ihm noch heute verschlossen blieb, mußte sich morgen offenbaren. Und — trotzdem sich ihm noch kein Sinn erschloß — flüsterte er auch das seltsame Gebet um Heilung der Träume nicht ohne Andacht, wenn sie auch vielleicht dem Vater und Großvater galt, an deren Seite er den Segen, den Segen der Priester empfangen hatte. Er sagte es sogar dreimal her, nach guter Tradition des Hauses, während es die anderen bloß zweimal rezitierten. Jeder Buchstabe ward ihm neuerdings heilig, jede Handlung, jede Sitte seines Volkes köstliches Erbe. Berauschender Volksfrühling galt ihm seine Zeit, lebenswert wie jene Tage, als Hutten ausrief: „Es ist eine Lust, jetzt zu leben!" Männer mit antiken biblischen Tugenden erstanden, die gekrümmte Ghettofigur richtete sich zur historischen Größe auf, gerade im Momente, wo der Nebel der Resignation jüdische Hoffnung und Glaube bedeckt hatte. Er schuf in heroischer Blindheit Werke, die als natürliche Voraussetzung den Wahn hatten, daß sein Opfermut all die Tausenden beherrschte, die ihm zujubelten, und daß seine Kraft und sein Wille im Volke myriadenfach vorhanden wären. Das brachte schon in den ersten Tagen des seligen Schiff' Pelzwarenhaus Eiigros und Erzeugung a I., Bauernmarkt 24 (Ecke Fleischmarkt) :-: Telephon 67-302 Detailverkaufs-Niederlage: L, Graben 28 Filiale: Karlsbad, Alte Wiese.