Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 8 (1922)
- Issue
- 16 (5.5.1922)
- Date
- 1922-05-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 106 JÜDISCHE PRESSE *mtk< Nr. 1* sitzende Schichte sich dieser Gefahr voll und ganz bewußt wird und durch Schaffung und Förderung ähnlicher Institute Dämme vorrichtet, welche Sturzwellen der Verarmung und Verzweiflung in den jüdischen Reihen zu hemmen geeignet sind. — Am Sonntag, den 18. März, hat sich der Verein, welcher seinen Sitz im XX. Bezirk, Staudingergasse 2, hat, konstituiert und einen 24 gliedrigen Vorstand gewählt. Derselbe wählte aus seiner Mitte Herrn Schewach Knöbil zum Obmann, Nathan Goldmann und Jakob Schaffer zu Stellvertretern, Levi Luft zum Kassier und S. Beiner zum Schriftführer. Ferner gehören dem Vorstand an: Die Herren E. Sabarski, H. L. Vogel, Gh. Bloch, Rabbiner M. Gottesmann, G. Hager und I. Horowitz, Landau, .Ellenberg, Glaser, Kaufer, Griffel, Tieger und Trompeter. — Die Vereinsleitung gibt sich der sicheren Zuversicht hin, daß ihr Appell in den weitesten Kreisen sowohl der Wiener wie auch der auswärtigen Judenschaft den lebhaftesten Widerhall finden wird. Kremenetzky in Jerusalem. Der bekannte Wiener Großindustrielle Johann Kremenetzky, der zu den ältesten Zionistenführern und engeren Freunden Herzls zählt, hat trotz seines vorgerückten Alters nochmals die Reise nach Erez Jisroel, wo er selbst Industrien gründet, unternommen. Wenn auch Kremenetzky im gegnerischen Lager steht, sei seiner ehrlichen, aufopfernden, selbstlosen Weise der Palästinaliebe Anerkennung gezollt und nur der Wunsch ausgesprochen, daß seine Schöpfungen allen Juden ohne Unterschied zur Befriedigung dienen mögen. Das schwere Unrecht, welches Kremenetzky, wie jeder selbstlose Zionist im eigenen Lager erlitten hat, wird ihn wohl mit Verständnis für die rabulistische Vergewaltigung der Orthodoxie seitens der herrschenden zionistischen Clique erfüllen. Sijum. Mozze Schabos voriger Woche wurde in Lackenbach (Burgenland) ein Sijum auf Massechet Babo Mezia gefeiert, das zugleich ein Abschiedsfest für die in die Jeschiwoth reisende Bachurim war. Es wurden schöne Diwre Thora gesprochen, welche, besonders die des Dawid Krausz, großen Beifall fanden. Das Benschen wurde um einen namhaften Betrag für wohltätige Zwecke versteigert. Spielzeug' für die Badener Waisenkinder. Ein Piidagog, der das Badener Pogrom-Waisenbaus der Aguda besucht hat und sich über dieses Institut besonders lobend ausgesprochen hat, bemängelt es bloß, daß nicht auch für der kindlichen Psyche unentbehrliche Spielzeuge gesorgt ist. Die Leitung des Waisenhauses wendet sich an alle gütherzigen Kinder mit der Bitte, von ihrem Vorrate auch den Waisenkindern etwas zu überlassen. Reine und gut erhaltene Spielzeuge weiden im Bureau der Kriegswaisenfürsorge der Aguda (II., Malzgasse 12 a) dankend in Empfang genommen und die Spenden der kleinen Wohltäter öffentlich quittiert. Ungarn. 50jähriges Jubiläum der orthodoxen Gemeinde in Budapest. In imposanter Weise hat die orth. isr. Gemeinde in Budapest ihr 50jähriges Jubiläum begaugen. Vor einem halben Jahrhundert hat sich eine sehr kleine Schar inmitten dem in tollem Assimilationsrausch befindlichen Budapester Judentum zuasmmengetan, um der Traditionstreue eine Veste zu bauen. Aus dieser kleinen »Schar ist ein achtungsgebietendes Gemeinwesen geworden, das auch zahllose Aeste von Kultur und Wohltätigkeitsinstitutionen ausstreckt. Am 28. April fand eine festliche Generalversammlung der Mitglieder im Festsaale der Gemeinde statt. Der Präses, Abraham v. Freudiger, eröffnete mit einer wirkungsvollen Rede, worauf der Oberkantor Hartmann mit dem Chore einen Psalm sang. In Vertretung des unpäßlichen Obervabbiners lt. Koppel-Reich n. j. hielt Rabbiner V. Sußmann die Festrede, die das versammelte Publikum zu stürmischen Beifallskundgebungen hinriß. Nun kennzeichnete der Präses der orth. Landeskanzlei Herr Adolf Frankl in distinguierter Rede die Stellung und die Rolle der orth. Gemeinde in der orth. Landesorganisation und, indem er auf den unverrückbaren Standpunkt der Orthodoxie hinwies, drückte er die Befriedigung darüber aus, daß durch unangefochtene Anerkennung desselben Friede im ungarischen Judentum herische. Nun ergriff der Gemeindesekretär Heinrich Löffler das Wort, um in einem glänzenden Vortrage die 50jährige Geschichte der Gemeinde zu skizzieren. In einem bescheidenen G-tteshause in der seither verschwundenen Könyöggasse hat sie ihre Wirksamkeit begonnen, gewann in der Orczy-Sehul an Bedeutung.und Einfluß und fand endlich vor zehn Jahren eine würdige Heimstätte in dem prächtigen Tempelgebäude in der Kazinczygasse. Vortragender gedachte der verstorbenen Rabbonim s. 1. der Gemeinde, des ersten Rabbiner R. Awrohom Klieser Eckstein, dem im Jahre 1879 R. Ohaim ttofer folgte und im Jahre 1890 der gegenwärtige Oberrabbiner R. Koppel Reich. Vortragender gedenkt pietätsvoll der Dayanim R. J. Eckseiu und R. Jakow Sch. Sofer und hebt hervor, daß der Sehochet R. Awrohom Feldmann seit Gründung der Gemeinde mit besonderrr Hingabe wirke und nicht viel weniger uueh Herr J. L. Schwarz. Oberkautor Hartmann intonierte nun stimmungsvoll ein rl mole rachamim für die verstorbeneu .Mitglieder der Gemeinde, worauf die Begrüßungen der einzelnen Genieinden folgten, und zwar seitens des Bikur Cholim Dr. Sebetyen, seitens der Chass Chewra R. Meier Klein, seitens der Schule Dr. Simon Stern. Ein großzügiges WohlJahrtswerk. lu der darauffolgenden ordentlichen Sitzung (siehe oben) teilte der Vorsitzende mit, daß die Gemeinde in der Kerteszgasse ein schönes Heim zur Errichtung des Gemehidebadehauses erworben habe und daß unter dem Namen „Gemilus chassodiin" ein Verein für zinsenfreies Darlehen an minderbemittelte Kaufleute gegründet werde. Die Gemeindernitglicder zeichneten selbst gleich 000.000 ung. Kronen, welchen Betrag der Vor-, stand aiu? der Gemeindekasse auf eine Million erhöht hat und sich erbötig machte, noch eine zweite .Million von den Mitgliedern zu sammeln. Der beim darauffolgenden Bankette anwesende Direktor des „Joint*" Mr. Landesco versprach, daß das „Joint" weitere drei Millionen beisteuere, so, daß der Verein seine Tätigkeit mit einem Fonds von fünf Millionen ung. Kronen (jW.OÜO Schweizer Fiaukenj beginnen kann. Das Festbankett. Einen erhebenden Eindruck machte das folgende Festbankett, das die Gründung des schönen Werkes „Gemilus Chassodiin" zu einer wahren Simcha schel Mizwa weihte. Dem Bankette wohnte auch Direktor Landesco vom Joint und andere amerikanische und englische Gäste bei. Präsident v. Freudiger begrüßte die Erschienenen neuerdings mit warmen Worten. Später folgten die mit Spannung angehörten Ansprachen des Rabbiner Sußmann und Präses A. Frankl, gedankreiche mit Diwre Thora durchwirkte Reden. in temperamentvoller Weise sprach nun Rab. Dr. Abrahamsohn, der mit den Worten „wekidaschtem es schnas haehamischim sehono'" begann. Es folgte die lichtvolle Darstellung des bekannten Schulmannes Dr. Deutsch über Gemeinde und Schule. Besondere Aufmerksamkeit, fand aber die Rede des Direktors Landesco, der den Wohltätigkeitssinn der Gemeinde pries und drei Millionen für den „Gemilus Ghassodim"-Verband in Aussicht stellte. Das Leichenbegängnis Saunt Bakonyis fand Montag in Budapest unter großer Beteiligung statt. Die gewesenen Abgeordneten der Kossuth- Partei erschienen unter Führung des Grafen Theodor Batthany. Es sprachen Rabbiner Dr. Hevesi, der Abgeordnete Benedek und im Namen der Debreczener Gemeinde Dr. Fejev. Außer den beiden Söhnen, Endre und Läszlo, betrauert noch Frau Dr. Ludwig Goldschmidt in Hamburg in dem Verstorbenen den geliebten Vater. Dr. Masznyik über den Talmud. Im Budapester Tagblatt „Az Ujsäg" wendet sich der evangelische Theologieprofessor in einem Osterbrief an die Juden, worin er ihnen empfiehlt vom Talmud zu lassen, dieser sei der Urgrund aller Verfolgungen. Dr. Masznyik hat sich einmal über den Talmud viel freundlicher geäußert. Wir lesen in der „Ung. Jüd. Zeit" vom Jahre 1912 eine Aeußerung des Dr. Masznyik gegen den Verlag des „Kereszt" wie folgt: Ist doch der Talmud ein für Jedermann offenes Buch, dessen große historische Bedeutung gerade auch [die Christen und gar die römisch-katholischen Gelehrten anerkennen und würdigen, denn ohne diesen könnten wir in vielen Teilen das neue Testament nicht verstehen und kommentieren. Ich berufe mich hiebei auf den Kolocsaer Jesuitenpater Leopold Huber (S. L. Huber „Der Talmud 1897, Budapest") „Es ist wahrhaftig" bemerkte damals Dr. Masznyik zum Angriffe auf den Talmud wörtlich „eine traurige und erschreckende Tatsache. So viel Leid, Elend und Verderben bedroht ohnedies die arme, ungarische Nation und nun wollen wir auch den Schrecken des Religionskriege«, des konfessionellen Hasses und der Intoleranz heraufbeschwören? Nein, dem müßen wir den Weg vertreten und die Giftmischer in unserem Lande unmöglich machen." Der Artikel des Dr. Masznyik vom Jahre 1912 schließt mit den Worten: „Der konfessionelle Friede ist eine der höchsten Segnungen. Wer ihn zerstört und gar im Namen des Kreuzes, ist nicht nur ein Verrater an seinem Glauben, sondern auch au seinem Vaterlande. Des Menschen höchstes Heiligtum ist sein Glaube. Daran rühre Niemand ungestraft und ohne Ahndung! Mein Glaube das ist mein Heil! Und wenn er es mir ist, so ist er es auch dem Anderen! Wenn ich den Glauben des Anderen nicht achte, kann ich auch den meinigen nicht achten." Dieser Artikel des Dr. Masznyik vom Jahre 1912 ist unsere Antwort auf seinen jetzigen Antrag im „Az Ujsäg". Polen. Neuer Gewaltakt bei der Warschauer Rabbinerwahl. Man schreibt uns aus Warschau: In psychologisch fast unfaßbarerWeise versucht eineWarschauer Gemeindeklique von Neuem dem glaubenstreuen Judentum in Polen einen aFortschrittsrabbiner" aufzudrängen. Sie haben zuerst den als Gelehrten allgemein geachtet gewesenen Dr. Posnänsky in ein ihm nicht würdigen Kampfgewühl hineingestoßen und nach dessen frühen Tod, versuchen sie nun den Lemberger Universitätsprofessor Dr. Moses Schon' auf den Warschauer Rabbinatssitz zu bringen. Das Synagogenkornitee (Synagogenvorstand) hat ihn als Prediger für die „Synagoge" gewählt und hat sich an den Synagogenvorstand mit dem Antrag gewendet, ihn als Warschauer Raw aufzunehmen. Die Vorstandssitzung hat stattgefunden, ohne daß die Orthodoxen über dieselbe genügend informiert gewesen waren, und es waren 13 Vorsteher anwesend und es wurde Jbeschloßen, ihn zum Rabbiner zu wählen. Der Vorstand hat sich, unbekümmert um die öffentliche Meinung, an die Regierung um sofortige Bestätigung gewendet. E.D.K. Große Aufregung über der Rabbinerwahl in Warschau. DerBJud" schreibt hierüber: Das „Dozor- Stybel" (Synagogenvorstand) beeilt sich, die Regierung zu bewegen, Dr. Schon* auf seinem neuen Posten je eher zu bestätigen. Zu diesem Zwecke ist eine Delegation bestimmt worden, welche im Amte für religiöse Angelegenheit erwirken soll, daß der Beschluß des usurpatorischen Dozors bestätigt werde. Wie wir informiert werden, hat man aber die Dozors aufmerksam gemacht, daß eine solch wichtige Sache nicht so rasch erledigt werden könne. Das genannte Blatt spricht die Hoffnung aus, daß sich die Regierung nicht von einigen ,Kochlöffel" nasführen lassen wird, die es dazu bringen werden, daß sich im Warschauer Judentum Dinge abspielen werden, wie man siebisherinPolen nicht gekannt hat. (Es scheint wirklich, als ob auch in Polen eine Spaltung des Judentumes unvermeidlich sein wird.) Jimerika. Die Genueser Konferenz in den Synagogen. In vielen Synagogen Amerikas wurde die Konferenz in Genua von der Kanzel aus als Werk des Friedens begrüßt. Auch in der orth. Ohaw Zedek-Synagoge sprach Rabbi Goldstein über die Konferenz in Genua und über die kriegerischen Ursachen, welche das jüdische Volk von Europa vertrieb. Ein Rabbi appelliert um Mithilfe der Christen. Rev. Marius Ranson, Rabbiner des Beth-Emes- Tempels in Albany, will am Pessachfest eine Zeremonie einführen, bei welcher jeder erwachsene Jude den Eid der Treue zum Judentum ablegen soll. Er appelliert an die Christenheit, ihn bei dieser religiösen Aktion moralisch zu unterstützen. Die englischen Tageblätter publizieren diesen Appell. Goldene Hochzeit. Jakob Cohen hielt im Hotel Savoy in New York seine goldene Hochzeit. 10.000 Dollar in Gold, die ihm seine 11 Kinder präsentierten, verschenkte er an 25 Wohltätigkeitsvereine. Die Rabbiner Hyamsohn und Margolics waren anwesend. Cohen kam vor 49 Jahren quasi als Hochzeitsreise nach New York und machen die goldene Hochzeitsreise nach Florida. Wortlaut der Resolution Lodge's. Der bekannte Politiker Henry Cabot Lodge hat dem Senate am 12. April folgende Resolution vorgelegt: JEs möge vom Senate und dem Hause der Repräsentanten beschlossen werden, daß die Vereinigten Staaten von Amerika die Etablierung eines nationalen Heimlandes des jüdischen Volkes favorisieren (homeland statt des Balfour'schen home) in Gemäßheit mit den Bedingungen, die in der Deklaration der britischen Regierung vom 2. November 1917, bekannt als Balfour-Deklaration, aus welcher deutlich hervorgeht, daß nicht jjetan werden darf was die bürgerlichen oder religiösen Rechte der bestehenden nichtjüdischen Gemeinschaften in Palästina oder die Rechte und die politischen Status, denen sich die Juden in anderen Staaten erfreuen, präjudizieren würde und daß die heiligen Stätten und religiösen Bauten in Palastina geschützt werden sollen. Die Resolution wurde der Kommission für ausländische Relationen, deren Vorsitzender Lodge ist, übergeben, die demnächst darüber eine Sitzung abhalten wird. „Binjan haarez lt." Montag, den 24., tagte in Frankfurt a. M. das Direktorium des agudistischen Keren-ha-jischuw und des Binjan haarez lt. Hiebei zeichnete der Keren hajischuw gemeinsam mit Herrn isak Nußbaum aus Halberstadt Aktien in der Höhe von 2300 Pfund Sterling. Damit sind von dem Nominale von 15.000 Pfund Sterling bereits 11.000 gezeichnet und dürfte der Rest in den nächsten zwei Monaten plaziert werden. Mit dem Bau der 25 Häuser in Jaffa soll in der nächsten Zeit begonnen werden. Die Aguda errichtet eine Druckerei. Die Palästinazentrale der Aguda in Deutschland hat eine komplette Druckereieinrichtung im Werte von Mk. 250.000 nach Palästina gesendet Gleichzeitig gingen in Frankfurt gelernte Setzer mit. Holzhäuser der Aguda für Einwanderer. Ein Agudist in Blotzlawek in Polen hat der Aguda in Warschau mitgeteilt, daß er ein Holzhaus in Jerusalem für strenggläubige Chaluzim errichten wird und für die Erhaltung jährlich 1 Million Polenmark spendet. Für den gleichen Zweck hat die deutsche Palästinazentrale der Aguda 200.000Reichsmark für ein Holzhaus in Jaffa zur Verfügung gestellt. Es ist ferner angeregt worden, daß in jedem dieser Häuser, welche zweistöckig sind und je 160 Quadratmeter nutzbare Fläche haben, aucJi je eine Volksküche errichtet werde. DiePalästinazenfrale der Aguda nimmt Spenden entgegen,