Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 8 (1922)
- Issue
- 15 (28.4.1922)
- Date
- 1922-04-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 98 JÜDISCHE PRESSE Nr. 15 ein Repräsentant der politischen Glanzzeit des ungarischen Judentum es, dem er nebst seinem Vaterlande zur Ehre gereichen wollte, und der zwiefache Kummer um das Unglück beider hat seinen Lebensabend verdüstert. Ans der Rede des Grafen Albert Apponyi am Grabe der sieben ermordeten Juden. Der Nestor des ungarischen politischen Lebens, Graf Apponyi, den man den Demosthenes der Gegenwart nennt, hat die Verehrung, welche ihm das konservative Judentum seit jeher entgegengebracht hat, mit seiner hinreißenden Trauerrede am Grabe der sieben Märtyrer wohl gerechtfertigt: „Was ist das für Gesellschaft" — hallte die metallische Stimme des patriarchalischen Greises über die Menge — in welcher man nicht weiß, ob das Nahen eines Mitbürgers nicht einen mörderischen Anschlag bedeutet, in welcher der Dämon des Hasses eine solche Verwilderung der Moral geschaffen hat, daß man vor Massenmord nicht zurückschreckt, weil unter den vielen Ermordeten sich etwa auch das eigentliche Objekt des Attentates befindet! Sind wir wahrhaftig bereits dahin gekommen, daß in der ungarischen Gesellschaft des XX. Jahrhundertes der Massenmord ohne Wahl ein Bürgerrecht gefunden hat, wie ihn selbst die Kommunisten nicht kennen, etwa nur noch verkommene Anarchisten und minder zurechnungsfähige Nihilisten, aber auch solche nicht in unseren Landen? Muß da nicht die ganze Gesellschaft sich zusammentun, um diesen Krankheitsstoff aus sich auszuscheiden? Was ist das für Staatsgewalt, die nicht die Sicherheit aller ihrer Bürger schützen will oder schützen kann, die einen Unterschied macht, wessen Sicherheit sie schützt und wessen nicht? Das ist keine Staatsgewalt mehr! Eine Staatsgewalt, auf welche nicht Jedermann rechnen kann, kann Niemand rechnen. Denn da ist es bloß Frage der wechselnden Strömungen, an wen, wann und aufweiche Liste die Reihe kommt. Diese Untat schreit nicht bloß zum Himmel, sie schreit auch zur Staatsgewalt hin! Und die da schreien, sind nicht allein die unmittelbaren Opfer dieses Verbrechens und ihre Angehörigen, sondern die Gesamtheit der Staatsbürger, und ihr Schrei gilt nicht der Rache, sondern der Herstellung der Rechtsordnung durch Ahndung der Verbrechen. Denn die Straflosigkeit der aus gleicher Tendenz entstandener Verbrechen hat diese eigentlich großgezüchtet und hat die schlummernde Bestie in den Menschen zum Erwachen gebracht. Wir fordern daher und erwarten es von der Staatsgewalt, die ich bei diesen Gräbern wegen ihrer früheren Unterlassungen nicht in die Schranken fordern will, daß sie mit dem Einsätze ihrer ganzen Kraft die Serie der Verbrechen zum Abschlüsse bringen möge, daß sich mit diesen klaffenden Grähern auch gleichzeitig die noch größere Kluft des Abgrundes schließt, die sich auftut vor dem Vaterland, vor uns Allen, wenn wir nicht imstande sein sollten, dieser Serie der Missetaten ein Ende zu setzen. Wenn es in diesem entsetzlichen Augenblicke noch etwas gibt das Linderung verschaffen kann, so ist es die Hoffnung, daß die erschreckende Dimension dieses Verbrechens bewirken werde, daß Jedermann die Gefahr der vollständigen Auflösung der gesellschaftlichen Ordnung empfinden werde, daß die Staatsgewalt zum Bewußtsein ihrer furchtbar großen Verantwortung erwache und verstehe, daß es von ihrer Tatkraft abhänge, daß die Grundvesten des Reiches, der Herrschaft von Recht und Gesetz nicht ins Wanken geraten mögen, daß die Reputation unserer Nation keine Scharten erleiden möge und daß die Möglichkeit der Zusammenarbeit sämtlicher ehrlicher Bürger an dem Werke der Wiedergeburt unserer Nation geschaffen werde." Eine Jeschiwa in Kecskemet. RabBiner Rubinstein in Kecskemet hat eine Jeschiwa in seinem Orte gegründet, wo fromme, fleißige Bachurim aufgenommen werden und nach Möglichkeit versorgt werden. Damit ist die religiöse Entwicklung der von Herrn Herz Kecskemethy s. A. gegründeten orthodoxen Gemeinde zur schönen Blüte gelangt. Deutschland. Die national-deutsche Bewegung*. Max Naumann, der bekannte Assimilationsapostel setzt die Serie seiner Artikel gegen den Zionismus fort, greift in der „Kölnischen Zeitung" gar den Berliner jüdischen Gemeindevorstand an, weil er Weizmann begrüßt hat. In Berlin wurde eine national-deutsche Ortsgruppe gegründet unter dem Namen: „Deutschjüdischer Vereinsbund für Religion und deutsches Vaterland, gegen Antisemitismus und Zionismus." Austritt von unabhängigen Sozialisten aus dem Judentum. Die Unabhängigen agitieren jetzt eifrig für den Austritt aus den Kirchengemeinden. Tatsächlich ist der Abgeordnete (unabhängige Sozialist) Dr. Kurt Rosenfeld, aus der Berliner jüdischen Gemeinde ausgetreten. Caruso in Wiener und Budapester Synagogen. Im „Berliner Tagblatt" erzählt Intendanzrat Ledner unter anderem folgendes von seinen Reisen mit Caruso: „Wir haben im Laufe der Jahre an spielfreien Tagen und probefreien Sonnabenden die Synagogen in der Seitenstättengasse und in der Tempelgasse in Wien, in der Oranienburger und Lützowstraße in Berlin, die Hauptsynagogen in Frankfurt a. M. und Paris, die imposante große in Budapest, aufgesucht. Caruso spitzte die Ohren bei jedem Solovortrage des Hauptsängers. — Wir fuhren nachhause und dort übte er eine halbe Stunde, das ihm kostbar erscheinende zwanglose ,Ansetzen, Ueber- und Umschlagen1 des Tones." Jakob Schiflf-Straße. (JPZ) Der Stadtrat von Frankfurt a. M. hat den Beschluß gefaßt, zu Ehren des aus Frankfurt stammenden amerikanischen jüdischen Philanthropen, Jakob Schiff, eine der Straßen Frankfurts „Jakob Schiff-Straße" zu benennen. Zum Dank dafür haben die Erben Schiffs zwei Millionen Mark für Verwaltungszwecke der Stadt Frankfurt gespendet. Zentralverein und jüdische Lehrerschaft. Der Zentral verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat der „Arbeitsgemeinschaft jüdischer Lehrer", Frankfurt a. M., die die Lehrer aller religiösen Richtungen vertritt, die Summe von Mk. 100.000 überwiesen, damit der ungeheuren Not, in der sich weite Teile der jüdischen Lehrerschaft befinden, gesteuert werden kann. Wenn es auch bei der ungeheuren Geldentwertung nicht möglich ist, durch die Mk. 100.000 der großen Not unter den Lehrern Einhalt zu tun, so wird doch dadurch in vielen Fällen die Notlage gemildert werden können. Diese Spende kommt allen in Frage kommenden Lehrern zugute, gleichgültig ob sie Mitglieder des Zentralvereines sind oder nicht. Die „Allgemeine Zeitung des Judentums" in Berlin stellt im 85. Jahre ihres Bestehens ihr Erscheinen ein. Sie wurde 1837 in Magdeburg gegründet und setzte mit einem Kampfe gegen die Orthodoxie ein. Sie erschien zuerst dreimal in der Woche, später einmal. Der Kampf der Orthodoxie in Oesterreich- Ungarn wiederspiegelt sich in den ersten Jahrgängen dieses Blattes. 1889 übernahm Rudolf Mosse das Blatt, das einen nicht unwirksamen Kampf für jüdische Rechte geführt hat. Gustav Karpeles und später Abraham Geiger leiteten das Blatt, Albert Katz war der letzte Redakteur. Infolge der übermächtigen Konkurrenz der mächtig anwachsenden jüdischen Zeitungsliteratur sah sich Mosse veranlaßt, mit dem Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens eine Vereinbarung zur Herausgabe einer gemeinsamen „Zentral-Vereins-Zeitung" zu treffen, so daß die viel angegriffene, aber doch allgemein geachtete „Grüne Zeitung" doch in anderer Form weiterlebt. Polen. Der Grabstein des Märtyrers Rabbi Schpira. „Hadoar" in New York tadelt die Chewra Kadischa inPJozk, weil sie auf dem Grabstein des Rabbiners Schpira, der bekanntlich durch das polnische Feldgericht unschuldigerweise erschossen worden ist, die Worte setzen ließ: „Getötet während des Einbruches der russischen Armee", womit der Eindruck erweckt werden kann, als ob Rabbi Schpira von den Russen ermordet worden wäre. — (Diese Anordnung der Plozker Gemeindeleitung ist freilich geeignet, etwas wehmütige Empfindung über die Unfreiheit der Juden hervorzurufen, allein es muß zugestanden werden, daß sowohl die Gemeinde als andere dauernde jüdische Institutionen nicht das Recht haben, gegen bestehende Behörden politische Demonstrationen bei amtlichen Funktionen zu machen.) Neue jüdische Tageszeitungen in Polen. (J. C. B.) In kurzem sollen hier drei neue jüdische Tageszeitungen zu erscheinen beginnen. Eine Zeitung begründet der gewesene Herausgeber der Odessaer Tageszeitung „Unser Leben" Herr Hochberg. Die zweite soll von den linken Poale-Zion und die dritte von einem amerikanischen Kapitalskonsortium nach Muster der großen amerikanischen Tagesblätter herausgegeben werden. Rumänien. Die jüdischen Bürgerrechte in Rumänien. (J. C.B.) Der jüdische Kammerdeputierte Dr. Fildermann überreichte dem Justizminister Florescu ein Memorandum, in welchem die Ausdehnung der Begünstigungen des ersten Abschnittes im Friedensvertrage von St. Germain auch auf jene Juden gefordert wird, deren Option bisher unerledigt blieb. Justizminister Florescu versprach eine günstige Erledigung dieser Forderung. Jimerika. Der jüdische Kongreß in Amerika. Der jüdische Kongreß in Amerika, eine der wichtigsten jüdischen Institutionen der Gegenwart, soll am 1. Mai in Philadelphia zusammentreten. Die Wahlen zum Kongreß sind im Zuge. Es wäre zu wünschen, daß der Kongreß, unbeeinflußt von der Sokolow-Garde, die allerdings über eine starke Organisation verfügt, Richtlinien für das Judentum Amerikas (die auch auf Europa auswirken könnte) bestimmen würde, die die Ruhe und Sicherheit des Judentums verbürgen soll. Der Kongreß muß die unbedingte Zugehörigkeit der Juden zum Wirtsvolke und eine loyale, araberfreundliche Politik in Palästina betone«. Die gebührende Anerkennung der Orthodoxie als Maximalisten des Judentums, braucht den Amerikanern, die uns eine loyale Haltung zeigen, nicht besonders nahegelegt zu werden. Ein ungarischer Jude, Richter in New York. Gouverneur Miller in New York teilt mit, daß einer von den neuen Richtern des Court of General Sessions Mr. Morris Koenig, Bruder des Präsidenten der republikanischen Partei im Staate New York, Mr. Samuel Koenig, sein wird. (Die Brüder Koenig stammen aus Eger [Erlau*] in Ungarn. Die Red.) Rabbi Stephen Wise in Palästina. Wie „Doar Hayom" meldet, soll der bekannte Refonnrabbiner Stephen Wise, im Juli nach Erez Jisroel reisen. Rabbi Wise, ein geborener Ungar und eine auch bei Nichtjuden sehr populäre Persönlichkeit, gehört der Brandeis-Gruppe an. Amerikanische Hilfsaktion für jüdische Handwerker in Rußland. (J. C. B.) Das „People's Relief Commitee" (sozialistisch A. d. A.) beschloß die Aufbringung von einer Million Dollar zum Zwecke des Einkaufes von Werkzeugen für die jüdischen Handwerker in Rußland. Dieser Plan begegnete der allgemeinen Zustimmung der jüdischen Oeffentlichkeit. „Verfolgung" der Antizionisten. Aus New York wird uns berichtet : Bei einer Konferenz, welche die Keren hajessod Delegation einberufen hat, wurde die Mitteilung gemacht, daß man alle Diejenigen, welche gegen den Zionismus oder den Keren hajessod kämpfen werden, unachsientlieh „verfolgen" werde. Diese netle Drohung stammt wohl aus dem Kreise der Delegation selbst; sie riecht nach Jabotinsky, denn die Amerikaner kennen keine Verfolgung. Für das Palästina-Mandat. „New York Times" bringt ein Communique, wonach „alle jüdischen Organisationen ohne Unterschied" sich in Hotel Astor versammelt hätten und eine Resolution zugunsten des Palästinamandates erbracht hätten, von dessen Bestätigung die Erfüllung des Balfour- Deklaration erhofft werde. (Augenscheinlich ein lanziertes Communique der zionistischen Delegation. Wer diese vereinigten Organisationen waren, verrät das unklare Statement nicht. Brandy Ist Zeremonialgetränk. Vom Alkoholverbot in Amerika sind bekanntlich für kirchliche oder jüdische Zeremonialzwecke gebrauchten Weine ausgeschlossen. Die Behörde in Scranton hat 55 Barrel Brandy, welche Emanuel Schwarz verkaufen wollte, konfisziert, da aber der dortige Rabbi bezeugte, daß Brandy ebenso wie Wein zu rituellen Zwecken gebraucht werden kann, wurde der Brandy freigegeben. Die Juden vertreiben die Bibel aus den Schulen. Dieser traurige Vorwurf wird von einem Leser in einem Briefe an „New York Times" gemacht. Tatsächlich sind es „freisinnige" jüdische Pädagogen und Sozialisten, die in dieser Richtung in New York tätig sind. Scftwete. Vortrag des Rabbiners Dr. Klein in Zürich. Am 26. März hat Herr Rabbiner Dr. Klein-Nürnberg vor einem sehr zahlreichen Publikum aus allen Lagern einen Vortrag gehalten. Vom Präsidenten der Schweizer Aguda Herrn Rosenz weig begrüßt, schildert Redner die verschiedenen jüdischen Geistesströmungen. Früher war geistige materielle und religiöse Not des Juden eines; seit Mendelssohn ist es anders. Die Thora muß wieder Mittelpunkt des jüdischen Lebens werden. Ohne die Frommen, die um Mitternacht, um das Golus der g-ttlichen Herrlichkeit geweint haben, gäbe es jetzt keinen Palästinagedanken mehr. Wenn alles Materielle, die Arbeit, die Wissenschaft und die Kunst in der Thora fußen, das ist lebendiges Judentum. Wer uns hilft, hilft der Gesamtheit. An den glänzenden Vortrag knüpfte sich eine längere Debatte. Russisches Hilfskomitee in Bern. Das Komitee der russischen und polnischen Juden hat in kurzer Zeit Frcs. 9000 gesammelt, wofür in Rußland eine Küche für 200 Kinder für die Dauer von einem Halbjahr errichtet wird. Plenarsitzung des Aguda-Landeskomitees. Unter dem Vorsitze des Präses Herrn Rosenzweig hat die Plenarsitzung des Landeskomitees der Aguda, der auch Rabbiner Dr. Klein-Nürnberg als Gast beiwohnte, Stellung zu der Kampagne der zionistischen Parteipresse gegen das glaubenstreue Judentum Stellung genommen. In der Debatte, an welcher Rabbiner Dr. Löwenstein-Zürich, Dr. Klein, die Herren Brom, Ch. J. Eis, Krupernik, Weinstein, Antmann teilgenommen hatten, wurde festgestellt, daß die Aguda ihren Willen zur Einheitsfront in der Palästina-Sache dokumentiert habe, aber seinerzeit von Sokolow übermütigerweise brüskiert wurde. Es wurde die Empörung über den Terror der Zionisten ausgesprochen und Rabbi Sonnenfeld der Dank für seinen mutigen Kampf ausgesprochen. Die weitere Verschärfung der Schächterbestimmungen ist, wie wir erfahren, abgewandt. Dieses Ergebnis ist dem sofortigen, energischen Eingreifen des Israelitischen Gemeindebundes bei den Bundesbehörden in Bern zu verdanken. (I. W. f. d. S.)