Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 8 (1922)
- Issue
- 15 (28.4.1922)
- Date
- 1922-04-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 96 JÜDISCHE PRESSE Nr. 15 Die Preßburger orthododoxe Gemeinde für die Hungernden in Rußland. Die orthodoxe jüdische Gemeinde in Preßburg rüstet sich zu einer großzügigen Hilfsaktion für die Notleidenden in Rußland. Der Aufforderung der Aguda Folge gebend, beschloß die Gemeindeleitung, eine allgemeine Sammlung zu veranstalten und beteiligte sich an dieser Sammlung mit einem Betrage von öK 20.000. * * * Spendenausweis für judische Hungernde in Küßland. (Fortsetzung.) Siegmund Bondi K 75.000, Sammlung der Aguda- Jugendgruppe Wien Dollar 30 (Br. F. Dollar 10, gesammelt beim Vortrag Dr. Birnbaum Dollar 6, Benjamin Felsenburg, Simon Felsenburg, Jakob Deutsch ä 2 Dollar, Naftali Renner, Hermann Fürst, O. Wagschal, Siegmund Schreiber ä 1 Dollar), Großrabbiner I. M. Heschl Dollar 8, Rabbiner H. Twersky Dollar 5, Tobias Bialer (durch Abraham Hornstein) K 75.000, A. I. Kalowski (durch Bauminger) K 75.000, Marcus Roos K 40.000, Sammlung Ernst Stern K 40.000, Großrabbiner Israel Friedmann (Czortkow) Dollar 10, Rabbiner Sch. I. Lewitan (Kristiania) Mk. 1500, Ing. Ludwig Kritzler K 30.000, Rabbiner Ber Friedmann K 10.000, Heinrich Kunstadt K 10.000, David Spitzer K 5000, Samuel Bettelheim beim Aufruf zur Thora Dollar 1, Verein „Rino Utefilo", Mathildenplatz 4 (Erste Sammlung: Salomon Kanagur K 2800, Naftali Lerner K 1000, Lülin, Berl Fried, Josef Barbasch ä K 500, Josef Steinberg, Moses Lustig ä K 300, Josef Feldstein, Berisch Kofier ä K 200, Moses Aron Tennenbaum, Riber, Jam ä K 100) K 6600, durch Karl Stöger (Gastwirt Ernst Pfaffl, August Hans Kreiner, Frau Rosa Stöger, Inspektor Karl Stöger ä K 1000) K 4000, Philipp Leitner K 50.000, Siegmund Mandl (Belgrad) K 10.000, Tempel- und Schulverein, VI., Stumpergasse (durch Obmann Moritz Felsenburg, erste Sammlung) K 250.000, Dinar 50, Rom. Rubel 330, Heinrich Bard & Co. K 5000, Hugo Deutsch (Zagreb) K 10.000, Menachem Rosenbaum K 1000, Familie Salomon Münk K 1000, Frau Hetzelmacher I 300, Frau Hermine Brüll K 100, Frankl K 500, Bernhard Ehrenbaum K 1000, Restaurateur Maiersohn K 12.000, Ignaz Klein K 3020, Adolf Fischer Dollar 3, Mosche Wundermann K 300, Salomon Ardel K 500, N. N. (durch Löwy) K 1000, Max und Guido Eckstein K 500, Rudolf Lichtblau Söhne K 10 000, Aron Pollak K 1000, Großrabbiner Israel Friedmann (Czortkow) K 26.000, Rabbiner Ghaira Aron Friedmann K 10.000, Rabbiner M. N. Friedmann K 10.000, Rabbiner H. Twerski K 10.000, Frau Rabbiner Chawe Twerski K 10.000, Mosche Prschnik K 30.000, Salomon Taler K 2000, S. S. (durch Siegfried Richter K 1000, Jacques Pollak K 1000, gesammelt durch Adolf Grünwald K 2000, Gustav Freund K 1000, Haruk K 211, Auffenberg K 100, Großrabbiner I. M. Heschl Dollar 2, Simon Drattler (Skole) Dollar 2, Reichstein K 1200, Meier Teichmann K 100, Salomon Reiß beim Aufruf zur Thora K 1000. Ihren Namen sehen wir noch immer nicht in der Liste der Spender für die hungernden Kinder in Rußland. Warum zögern Sie? „POLITIK". Was „Politik8 ist, darüber kann sich jeder Wißbegierige in jedem Staatshandwörterbuch informieren. Ein großer Staatsmann erklärte dieses Wort einmal als die Kunst des Möglichen, das heißt als die Fähigkeit die jeweilige Lage der Dinge so klar zu durchschauen, daß man aus diesem klaren Blick sich entweder den klaren Weg für die Erreichung seines Zieles gestalten kann, oder bei Erkenntnis der Unmöglichkeit, sein Ziel zu erreichen, auf dieses verzichtet. Ist nun aber dieses Ziel ein ideales und beugt man sich allzusehr der Wucht der Tatsachen, dann ist der Zeitpunkt gegeben, indem politisch Lied ein garstig Lied wird und „Politik" die Grenze der Moral überschreitet. Dieser trüben Quelle ist es zu verdanken, wenn man für die Moral des Ganzen, also für die sogenannte Staatsmoral, andere Gesetze aufstellt, als für die Moral der einzelnen Glieder des Ganzen. Unsere Leser mögen uns diese Abschweifung verzeihen, wir bedürfen dieser Voraussetzung, um dieser allgemeinen Definition diejenige Erklärung entgegenzustellen, welches das wahre Judentum über „Politik" gibt. Man könnte dies etwa so ausdrücken, daß man „Politik" bezeichnet als die Kunst des Wirklichen, wozu im höchsten Stadium noch tritt die Ahnung der Entwicklung der Wirklichen. Diesen Tatsachen gegenüber sein Ideal aufrechtzuerhalten, bei den Schöpfern und Beherrschern der Tatsachen das Ideal anzumelden und dessen Forderung zu vertreten, daß ist die jüdische „Politik". Man muß dabei durchdrungen sein von der Ueberzeugung, daß es keine Wirklichkeit gibt, keine Wirklichkeit geben kann, die es unmöglich macht, unsere jüdischen Ideale aufrechtzuerhalten. Die höchste Blüte dieser Erkenntnis ist das Martyrium; und diejenigen, welche in Zeiten des politischen Wahnwitzes der Forderung des Tages das Opfer des eigenen Lebens brachten, haben unter den letzten Schmäh Jisroel erst erwiesen — thora nizchis — die ewige Lebenskraft unseres Ideals. Aus all dem vorher Gesagten geht auch für den Uneingeweihten klar hervor, so daß ein Verbrechen es ist, wenn man diejenige Bestrebung, welche allen Verlockungen der Wirklichkeit gegenüber die Treue bewahrt, dadurch verächtlich zu machen sucht, daß man sie als „politisch" kennzeichnet. Nehmen wir einmal folgendes an. In irgend einem Staate der Welt regeln die Machthaber ihr Verhältnis zu den Juden; da gehen nun die einen hin und sagen, gib uns nur die Macht, denn das jüdische Ideal erschöpft sich in der Betonung der äußeren Faktoren des Lebens; was sollen dann die „anderen" tun. Haben sie nicht die Pflicht, die ernste unabweisbare Pflicht, zu der Macht zu sagen: wenn es schon in deine Hand gegeben ist, das Schicksal der Kinder G-ttes zu meistern, so hüte dich, G-tt zu höhnen und wisse, daß die Kinder G-ttes ohne G-ttes Wort seiner Liebe nicht wert sind. Das ist ein Schulbeispiel für die jüdische „Politik". Wenn aber dieses Beispiel Wirklichkeit geworden ist und ein Mensch von der Integrität eines Rabbiner Ghaim Sonnenfeld diesen zweiten Weg geht, dann gehen bezahlte, feige Schergen hin und schreien von Verrat an dem jüdischen Volke, dann treten entartete Söhne der besten Geschlechter Israels auf die Rednertribüne und verkünden mit dem verzerrten Lächeln des grinsenden Wahnsinnes: Der Rabbiner Ghaim Sonnenfeld soll bei seinem Talmud bleiben und soll die Hände von der „Politik" lassen. Wir würden es für richtig halten, diese Entartung nicht zu kennzeichnen, wenn es nicht für unseren eigenen Kreis notwendig wäre, immer und immer wieder an die religiösen Vorschriften zu erinnern, welche in der Sofer Thora stehen, die ein Min geschrieben hat. —--Wir geben zu, es ist möglich, daß die brutale Wirklichkeit, gestaltet von wirtschaftlich perversen Elementen, ausgenützt von Parteifanatikern und kühlen Strebern der Orthodoxie wieder einmal die Rolle des Martyriums zuweist. Allein für uns, die wir in die Welt der Wirklichkeit auch den Allmächtigen und sein Wort und seine. Verheißung einfügen, ist alles bereit, um Zeugnis abzulegen für die Wahrheit und Ewigkeit unseres Ideals. Will das englische Kolonialamt, will der Völkerbund bewußt das Wort des Allmächtigen aus seinem Kalkül ausschließen, so wird uns die Pflicht, im Interesse des Glückes der Menschheit, diesen Faktoren zu sagen: Ihr gehet einen falschen Weg. Hört man uns nicht, und geht auch diese bange Zeit vorüber, ohne das Galut Schechina auch nur um ein Quentchen zu mildern, so lebt unser Ideal doch und wir können sterben in der Erkenntnis, daß die Tage, von denen man zu hoffen berechtigt war, daß sich erfülle das Wort: „Und zu ihm werden strömen allßVölker" eingetragen sindin das Schuldbuch der Menschheit durch die Schuld pflichtvergessener Juden. An unsere Freunde ergeht deshalb unsere Bitte. Ihr, die ihr zum Teil groß geworden seid an der Schule eines Ksaw Sofer, eines Maharam Schick, schämt euch bis in die Tiefe des Herzens, wenn ihr der lügenhaften Behauptung, als ob wir die „Politik" in die Religion eingeführt hätten, auch nur eines Atemzuges Dauer Glauben geschenkt habt, schämt euch und freut euch Abimelechs, wie er sich eurer erfreut, wenn ihr uns nicht zu Hilfe kommt. Täuscht euch nicht, noch niemals seit der Zerstörung des Tempels, war die Treue zu G-tt und sein Wort so gefährdet wie jetzt und merkt euch: Verrat und Reform, Untreue und Abfall haben leider immer noch solche Führer gefunden, die blenden, weil sie einmal zu Füßen großer Lehrer saßen und nun aus der Thora eine Axt zu gestalten, um damit zu schürfen. Sie schwingen die Axt gegen das Haupt der Besten, merkt euch und vielleicht kommt ihr zu der Erkenntnis, daß der Aussatz frißt im eigenen Haus. P. K. Die „üifdiscbe Presse" und die nortbcliffe-Jffiaire. Der Waad hoir aschkenasy in Jerusalem richtet an das hebräische Tagblatt „Doar Hayom" ein Schreiben, worin diese Körperschaft erklärt, daß die von der Wiener „Jüdische Presse" gebrachte Mitteilung, wonach die Deputation der Orthodoxen bei Northcliffe auf Anregung der Regierungskreise in Jerusalem erschienen wäre, nicht den Tatsachen entspräche, die Deputation wäre vielmehr aus eigener Entschließung bei Northcliffe erschienen. Wir legen auf die Korrektheit unserer Berichterstattung besonderes Gewicht und publizieren die Mitteilung des Waad hoir aschkenasy an den „Doar hayom" auch in unserem Blatte. In der orthodoxen Wochenschrift „Kol Jisroel" wird zu dieser Angelegenheit noch bemerkt, daß die Mitteilung der „Jüdische Presse" dahin richtig zu stellen sei, daß der Waad hoir aschkenasy bloß bei der Regierung angefragt habe, ob er bei Northcliffe erscheinen könne und hierauf eine bejahende Antwort erhalten habe. Die Entweihung des „Schir-ha-schirim". Wer rettet das Hohelied vor seinen Rettern! Die jungjüdische Dekadenz hat sich seiner bemächtigt, maltraitiert es vorläufig Jerst in Wort und Schrift; schreckt uns jedoch mit der Aussicht, daß Pinsel und Meißel das begonnene Werk der Entheiligung fortsetzen werden. Uns bangt es schon vor den unfehlbar anrückenden Offenbarungen jungjüdischen Kunstgeistes, der sich auf geschöpften, imponierend ausgefransten Büttenpapier (natürlich mit den ersten treue Judenschaft mit der Geschichte und als Windischgrätz das freiheitliche Wien belagerte und alle freiheitsliebenden Elemente sich zusammengetan hatten und Freiwilligenscharen warben, um Wien zu entsetzen, ließ auch die Preßburger Judengasse ihrer nicht spotten und bildete eine Garde. Daher rührt der Ruhm Haschl Bojnitzers, des Kommandanten der jüdischen Garde des Ghettos. Die erzählenden Alten des Ghetto wußten aber auch davon, daß ihm dieser Ruhm stark zu Kopfe gestiegen wäre und daß er allerhand Allotria getrieben habe. Wenn er vor Augen des bewundernden Schloßberges seine Helden im Pallfygarten exerzieren ließ, tat er manches zum Ergötzen der Zuschauer und hatte richtig erreicht, daß man sich noch ein halbes Jahrhundert lange später schmunzelnd erzählte, wie Haschl Bojnitzer den Zug nach einer Ruhepause mit dem Kommando andonnerte: „Ascher jozer waschen!" Die Geschichte weiß es auch genau, daß dem Haschl Bojnitzer die Diktatur über die Judengasse ausgezeichnet gefallen hatte, und daß es ihm schwer fiel, die eigentliche Aufgabe der Truppe, den Anmarsch gegen Wien, auszuführen. Es mußte übrigens ja auf die von der Umgegend ankommenden Freiwilligen gewartet werden. Denn selbst aus den konservativsten, kleinsten Dorfgemeinden kamen Avisi von abmarschierenden Freiwilligen. Aber dem Ruhm der Nachwelt blieb bloß die Freiwilligentruppe der frommen Gemeinde Düna Szerdahely erhalten. Tagelang vorher ging die rühmliche Kunde voraus, daß die tapferen Hendelkrämer von Szerdahely, die ja ohnedies den Weg nach Wien von ihren Leiterwagentouren genau kannten und manchen Beweis dafür lieferten, daß auch sie „G-tt und sonst nichts in der Welt" fürchteten, sich zu einer Freiwilligentruppe zusammengetan hatten, um Windischgrätz zu vertreiben. Endlich langte die Nachricht ein, daß die Düna Szerdahelyer am nächsten Tage von der Mühlauerstraße her in Preßburg anlangen würden. Man bereitete ihnen bei der Maut einen feierlichen Empfang, machte aber lange Gesichter, als die Tapfern anzurücken kamen, heroisch genug in der Haltung und Stimmung, allein sie waren mit nichts anderem bewaffnet als mit Heugabeln und Dreschflegeln. „Leutr, wo sind eure Gewehre?" fragte der Kommandant ahnungsvoll, „mit dem Zeug da kann man doch keinen Menschen erschlagen!" „Erschlagen?" gab der Anführer der Szerdahelyer befremdet zurück und sprach die historischen Worte: „Mir woll'n doch — chaß wescholem — kanen schaadigen!" Haschl Bojnitzer war aber, solange er es auch hinausschieben wollte, bemüßigt, abzumarschieren, um sich der freiwilligen Armee anzuschließen. Er führte seine Truppen zum Schloßberg hinauf, schrie den Trommler an: „Halt, genug getrömmt!" (alles historisch) und ließ sie vor dem Hause des Rebben Front machen. Dann schrie er den Hausleuten, die neugierig zum Fenster hinausblickten diktatorisch hinauf: „Der Rebbe soll herünterkümmen uns hellsehen!" Was tun? „Taala be-idne sagid leh! sagt der Talmud. »Wenn die Zeit für den Fuchs gekommen ist, bücke dich auch vor ihm!" Der Kessaw Sofer s. I. kam auf die Straße herunter und benschte die Soldaten. Dann kam der feierliche Moment, wo der Kommandant Haschl Bojnitzer endlich mit den Truppen die Donau überschritt, um auf der Wienerstraße der Freiheitsarmee entgegenzuziehen. Wer beschreibt aber das Erstaunen der Gasse, als Haschl Bojnitzer, der Diktator, am dritten Tage wieder in der Gasse erschien, diesmal allein. Er lachte Jedermann, der ihn fragte, ins Gesicht, daß ihn der Spaß bisher amüsiert habe, jetzt sei ihm die Sache zu bunt, er habe seinen Truppen gesagt, er wolle seiner Frau nur auf Schabbos von den Fischen bringen, die dort reichlich zu haben wären. Er habe die ganze Sache satt. Er bramarbasierte tagelang mit den Späßen, die er im Lager getrieben habe, bis eines unschönen Tages eine Patrouille in der Gasse erschien, die den Deserteur Bojnitzer suchte, um ihn auf der Stelle zu erschießen. Seine Hausleute verbargen den Zitternden, dem das Herz gänzlich in die Hose gesunken zu sein schien, auf dem Boden in einem Strohsacke, wo der Held eine ganze Woche versteckt lag und in welchem er in wenig imposanter Weise wie ein Kind in der Wiege verköstigt wurde. Wie gesagt, die konservativen Alten wollten sich vom Anteil der Judengasse nichts gemerkt haben, als die Diktatur Haschl Bojnitzers und die pazifistische Freiwilligentruppe von Düna Szerdahely. Tatsächlich haben aber jüdische Jünglinge ihren Anteil an dem Kampfe genommen und sind begeistert hinter den beiden ungarischen Juden und Freiheitsneiden Adolf Fischhof und Joseph Goldmark geschritten.