Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 8 (1922)
- Issue
- 14 (7.4.1922)
- Date
- 1922-04-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 90 JÜDISCHE PRESSE Nr. 14 bildet die Lizenzfrage, die für so viele und unzählige jüdische Familien von geradezu katastrophaler Folge geworden. Die Regierung ist wohl auch hier bestrebt, was wir dankbar anerkennen, die schwersten Härten dieser Maßregel zu lindern. Allein das Kleid ist beim Zuschneiden verdorben worden. Die Verordnung, die in einem Zeitpunkt das Licht der Welt erblickt hat, wo man über die Stellung der Judenheit in der Slowakei falsche Vorstellungen gehabt und mit den schwersten Vorurteilen uns gegenüber gestanden ist und daher in der Verordnung einen solch engen Platz für die bisherigen Lizenzinhaber gelassen, daß auch mit dem besten Wohlwollen im Rahmen derselben keine größere Besserung erzielt werden kann. Wir mußten daher nebst unserem Streben, Erleichterungen für die zahllosen um ihre Existenz ringenden Bittsteller zu erwirken, auch in der Richtung tätig sein, daß die Lizenzverordnung abgeändert werde und eine Form und einen Inhalt erhalte, daß die bisherigen Inhaber mehr Schonung finden sollen. Gelegentlich des Preßburger Besuches des von allen Bewohnern der Republik mit tiefster Verehrung umgebenen Präsidenten Masaryk haben wir diese Beschwerde vorgetragen. Der Präsident hat uns aufgefordert, dieselben in konkreter Form in einem Memorandum niederzulegen und der Kabinettskanzlei zu überreichen. Dies ist am 21. September 1921 geschehen, worauf wir folgendes Antwortschreiben erhielten: „Zahl: D. 4516-1921. Praha, den 0. Dezember 1921. Der unterfertigte Kanzler beehrt sich Ihnen mitzuteilen, daß er in Angelegenheit des Memorandums vom 21. September 1921 bezüglich der entzogenen Ausschank- und Trafiklizenzen mit dem bevollmächtigten Minister für die Slowakei Verhandlungen pflegt und hofft, daß es nicht notwendig sein wird, von Ihrem Vorschlag, daß die bisherigen Lizenzinhaber ein für allemal eine separate Steuer entrichten sollen, Gebrauch zu machen. Kanzler des Präsidenten der Republik Dr. Samal m. p." Wir hoffen nun, daß schließlich auch diese Angelegenheit mit Berücksichtigung der jüdischen Existenzen gelöst werden wird, schon aus dem Grunde, da Zeichen vorhanden sind, daß die Meinung über die Position der Juden in der Republik seit der Herausgabe der gravaminösen Verordnung sich gründlich geändert hat. Wiederholt wurde an maßgebenden Stellen versichert, daß bei allen in Betracht kommenden Faktoren des Staates sich die Ueberzeugung durchgerungen, daß die Judenheit eines der wertvollsten Elemente der Republik bildet, daß durch Fleiß, Tüchtigkeit, Unternehmungs- und Arbeitslust dem wirtschaftlichen Aufschwung große Dienste zu leisten berufen ist, und ist man entschlossen, der Judenheit auf der ganzen Linie Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. An dem Judentum ist es nun, geehrte Landesrepräsentanz, gelegen, diese für uns günstige Stimmung an den höchsten Stellen auszunützen imd eine Plattform zu finden, auf der Staat und Judentum sich finden, wo jedes Mißverständnis endgültig ausgeschaltet bleibt und die spezifisch jüdischen Interessen mit dem Staatswohl in völligem harmonischem Einklang gebracht werden soll. Oder, um mich deutlicher auszudrücken, die geehrte Landesrepräsentanz und die aus allen Teilen des Landes unserer Einladung gefolgten Herren werden es zu erwägen haben, ob die Orthodoxie die Initiative zu einer Parteigründung ergreifen soll, die durch die Aufstellung eines gemäßigten Programms, das die wirtschaftlichen Interessen der Juden in den Vordergrund stellen und der der Judenheit im Prinzipe gewährleisteten (Tieichberechtigung in der Praxis durchführen solle. Gewiß, die Orthodoxie hat sich immer dagegen gesträubt, in einer Weise in die politische Arena hinauszutreten, daß man ihr nicht den Vorwurf des Separatismus machen konnte. Wenn sie heute mit diesen alten Brauch brechen sollte, so gehorcht sie nur der Not und nicht dem eigenen Triebe und sie will keine Sonderstellung anstreben, vielmehr einen integrierenden Teil des politischen Parteilebens bilden. (Fortsetzung folgt.) flationalRottörefl. Aus P r a g wird uns berichtet: Am 19. März hat hier eine vom jüdischen Nationalrat einberufene Versammlung unter dem Titel: „III. Jüdischer Nationalkongreß" stattgefunden. Man kann sich von dem Umfange dieses Kongresses eine Vorstellung machen', wenn man selbst in einem Berichte der „Selbstwehr" liest, daß die Versammlung „nicht allzuzahlreich besucht war". Tatsächlich hatten sich eine Stunde nach der festgesetzten Zeit kaum ein halbes hundert Leute eingefunden, darunter gut die Hälfte von „Delegierten" der zionistischen Studenten-. Turner-. Fußball- und ähnlicher Vereine. In seiner Gesamtheit war lediglich der „Misrachi*" Böhmens erschienen, nämlich der Präsident der Föderation. Herr Oberrabbiner Dr. Brody. der auch die Rolle des Vizepräsidenten des „Kongresses" übernahm, sowie d a s Mitglied "(einzige) des ..Misrachi" in Böhmen L. Den Vorsitz führte Dr. Sonnenschein aus Troppau. Was die „Führer des Volkes" in ihren Referaten erzählten, lohnt nicht der Wiedergabe, zumäl es nur eine Neu-Auflage der alten Mätzchen, wie Minoritätenschutz, Iwrith beiwrith-Schule usw. brachte. Interessant und bezeichnend waren nur wenige Momente. So zum Beispiel die tiefe Sehnsucht nach der Erhaschung eines Mandates für die bekannten „Führer". Wiederum wurde von den 80.000 „verlorenen Stimmen" erzählt, und von dem Verlangen nach Abänderung des Wahlgesetzes, obwohl jeder politische Abc-Schütz«; sich über die Unmöglichkeit einer solchen Abänderung, die gleichzeitig eine Abänderung des Verfassungsgesetzes bilden würde, im klaren ist. Die Führer wissen dies natürlich ebensogut. Sie sind sich auch der Tatsache bewußt, daß die 'Mehrzahl der bei den letzten Wahlen abgegebenen Stimmen — es waren laut amtlichem Nachweise nur etliche 60.000 — von solchen Orthodoxen herkamen, die sich hauptsächlich in der Slowakei, angesichts jeder anderen konvenierenden Liste, nicht zu helfen wußten, und deshalb die einzig existierende „Jüdische" abgaben. Sie wissen ebensogut, daß die auch am „Kongresse" so heftig angegriffene und denunzierte „politisierende Orthodoxie" künftighin das Feld den „einzig berufenen zionistischen Führern des jüdischen Volkes" nicht überlassen wird. Es liegen aber auch, wie der Besuch des „Kongresses" bewies, aus dem wohl für den ersten Wahlgang völlig belanglosen Böhmen und Mähren Beweise vor, daß man bei nächsten Wahlen mit jüdischen Stimmen (inklusive der Zionisten) nicht mehr rechnen könne, weil die Juden nicht gesinnt sind, sich mit der autochtonen Bevölkerung weiter in Widerspruch zu setzen, ohne die Möglichkeit eines Erfolges zu haben. Aus diesen Erwägungen heraus, war es auch begreiflich, mit welcher Wärme der Referent über Russokarpathien sprach, wo das Mandat technisch sicher erreichbar sei (allerdings nicht für Zionisten. Anm. d. Red.). Er hatte nur insofern Pech, als er für den darauffolgenden Tag, den 20. März, mit voller Bestimmtheit die Konstituierung der „Vereinigten jüdischen Parteien" in Karpathorussien avisierte, welche nach später dort eingelangten Berichten von allen nichtzionistischen Seiten auf das Entschiedenste abgelehnt wurde und deshalb auch unterblieben ist. Es war auch nicht gelungen, obwohl man dringendst darum bat und vorher eigens einen Boten nach Russokarpathien geschickt hatte, einen „Delegierten" von dort nach Prag stellig zu machen, der in der üblichen 4Vei.se das Zusammengehen der russokarpathischen Judenschaft mit dem Nationalrate verkündet hätte, wie es ähnlich Herr .Knöpfelmacher namens des Volksverbandes für die "Slowakei getan hat. Das Auftreten dieses sonst, troti seines Zionismus, korrekten Herrn entbehrte liier insofern eines gewissen grotesken Beigeschmackes nicht, als gerade er es war, der vor einigen Wochen, anläßlich der Mandatare-Versammlung der V. J. 1'. in Bratislava, laut vom Podium verkündete, daß man den Nationalrat überhaupt nicht zu dieser Versammlung einladen wollte, und diese Einladung erst in dem Augenblicke geschehen sei, als der Nationalrat brieflich „sein Befremden darüber ausdrückte, nicht eingeladen worden zu sein". Am Bemerkenswertesten ist es jedoch, daß unter den dem Nationalrate angeschlossenen Organisationen auch duß „gesetzestreue Judentum" angeführt ist. Uns ist es bekannt, daß, nachdem sich der eine Orthodoxe, der im Nationalrat war, seiner 'Verantwortung bewußt, schon vor vielen Monaten zurückgezogen hat und seitdem der bestgehaßte Manu in den weitesten zionistischen Kreisen geworden ist, vor kurzein auch der zweite Orthodoxe, nachdem er monatelang den Sitzungen des Nationalrates ferngeblieben war, aus diesem austrat, und wir verstehen die diesbezüglichen Bemühungea'des Nationalrates nach einem „koscheren Mäntelchen" wirklich nicht, zumal sich doch kein ehrlicher Orthodoxer durch solchen Bluff täuschen lassen wird. Schließlich sei noch eine Rede des Oberrabbiners Dr. Brodv erwähnt, der die Orthodoxie Russokarpathiens ebenso wie die der Slowakei heftig angriff, zumal die letztere nun auch schon mit dem törichten Spiele des Politisierens beginne. Er empfiehlt, die weiteren Kreise der Judenheit über die Ziele des Nationalrates aufzuklären. Wir würden dem Herrn Oberrabbiner dringendst raten, das Judentum über andere Dinge, welche seinem Wirkungskreise n;r;er stehen würden, als die in Prag und Böhmen so dring:nd notwendige ..Aufklärung". 7i bringen. Daß man es schließlich wagte, die Ergebnisse dieses ..Kongresses" und eine bezügliche Resolution der Regierung zur Kenntnis zu bringen, ist, nur ein weiterer Beleg der Kühnheit dieser ..Führer", durch welche sich jedoch die Regierung, die nunmehr-nach den Erfahrungen von Russokarpathien und der Slowakei klaren Bescheid weiß, nicht mehr täuschen hissen kauft. Die Abreise des Belm Rabbi. Aus Munkacs wird uns berichtet: Unter besonders stürmischen Sympathiekundgebungen seiner zu Tausenden herbeigeströmten Anhänger verließ der Beizer Rabbi Dienstag, den 21. März, Munkacs, um nach Galizien heimzukehren. Die Mitteilung, daß der gefeierte Rabbi nach Galizien zurückzukehren gedenke, hat seit Wochen die Gemüter^ seiner Anhänger erregt und zu Hunderten und Tausenden kamen sie aus den weitesten Gegenden herbeigeeilt, um von ihrem Rabbi Abschied zu nehmen. Am Sonntag, den 19. März, erschienen in seiner Wohnung der Chef der politischen Abteilung Podkarpatska Ruß, Dr. Blaha, der Zupan von Munkacs, Toupalik, Stadthauptmann Sleracek und Regierungsgouverneur Dr. KorCub, um sich vom Rabbi zu verabschieden und ihm Lebewohl zu sagen. Am Tage der Abreise belagerte schon in den frühen Morgenstunden eine vieltausendköpfige Menge die Kossuthgasse, in welcher der Rabbi wohnte. Die Menge wuchs von Stunde zu Stunde und mittags mußte der Verkehr polizeilich gesperrt werden. Um 1 Uhr nachmittags bewegte sich der Zug seiner Anhänger, an der Spitze ein Banderium mit einer weißen Fahne, die eine hebräische Inschrift trug, zur Bahnstation. Um halb 2 Uhr kam vor des Rabbi flaus ein Galawagen vorgefahren, welchen einer der treuesten Anhänger des Rabbi selbst lenkte.. Zur Beförderung seiner Familienmitglieder und Begleitung waren 28 Wagen bereitgestellt. Als der Rabbi den Wagen bestieg, herrschte um den Wagen im vollsten Sinne des Wortes ein lebensgefährliches Gedränge und nur mit Mühe konnte sich der Wagen langsam vorwärtsbewegen. Vor dem Wagen schritt ein in Galauniform gekleideter Polizeikommissär und am Trittbrett des Wagens standen zwei Polizisten. Bei der Bahnstation wartete bereits, als der Rabbi ankam, eine ungeheuer große Menge und der Stationsvorsteher, welcher den Rabbi mit wenigen Worten begrüßte. Der aus 22 Waggon bestehende Extrazug wurde in wenigen Minuten gestürmt. Aus dem Fenster winkte der Rabbi noch einmal seinen Anhängern zu .und unter stürmischen Zurufen verließ der Zug die Station. An allen Stationen, die der Zug passierte, wurde dem Rabbi seitens der jüdischen Bevölkerung stürmische Sympathiekundgebungen bereitet. In Voloc, wo der Zug zwei Stunden hielt, kam die ganze jüdische Bevölkerung mit vielen Geschenken den Rabbi zu begrüßen und sein Gefolge mit einem köstlichen Mahl zu bewirten. In Skole begrüßte ein Vertreter der polnischen Regierung den heimkehrenden Rabbi. Die Behörde erlaubte dem Rabbi und seiner Gefolgschaft alles Vermögen mitzuführen. Von der Munkacser Abreise wurde eine Filmaufnahme gemacht. Als der Rabbi aus dem Hause trat, bemerkte er den Operateur und verbarg sein Gesicht hinter einem Gebetbach, um nicht gefilmt zu werden. In den letzten Wochen brachten ihm seine Anhänger zahlreiche Geschenke, aber auch der Rabbi verteilte sehr viel an arme Leute und man erzählt sich in Munkacs, daß er einer armen Frau zur Verheiratung ihrer Tochter 60.000 tschechische Kronen spendete. Aus Holeschic, dem gegenwärtigen Aufenthaltsort des Beizer Rabbi, wird uns noch geschrieben: Nach siebenjähriger Abwesenheit ist Mittwoch, den 22. März, der Beizer Rabbi hier angelangt. Trotz dem schlechten Wetter und der vorgerückten Nacht, hatten sich bei der Bahnstation viele Tausende angesammelt, die dem heinikehrenden Rabbi begeistert zujubelten. In der Stadt selbst herrschte eine feierliche Stimmung. Alle Fenster, sogar der christlichen Häuser, waren zu Ehren des Rabbi beleuchtet und vielfach sah man die Häuser dekoriert mit der Aufschrift: „Bc-ruch Boiacho l'scholoim." Gedenket derjessod Hathopa" am Pessachfeste beim Thorospenden!