Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 8 (1922)
- Issue
- 14 (7.4.1922)
- Date
- 1922-04-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 88 JÜDISCHE PRESSE Nr. 14 Weizmann fährt nun auch nach Italien. Was wäre Genua ohne Weizmann? Er besucht Rom und wird natürlich nicht in Rom gewesen sein, ohne den Papst zu sehen. Die yiddischen Blätter erzählen schon, daß „er wert meglich auch basuchen dem Poipst". Als die ,Jüdische Presse' von dem Verhältnisse des Papstes zum Glaubensjudentum sprach, schleuderte die „W. M." wieder ihre Tomahawk gegen uns. Was wird denn Weizmann dem „Poipst" anderes sagen, als wir? Wird er den Papst auch versichern, daß „er den Zionismus außerhalb der Synagoge halte?" Was gilt die Wette, daß, falls er die Audienz erhält, ein frommer Jude, namens Reh Chaim Weizmann, voller tiefen Respekt vor den Heiligtümern des Christentums (und Respektlosigkeit vor den Heiligtümern des Judentums) erscheinen wird, und noch päpstlicher als der Papst sein wird, und wenn er darauf die selbstverständlichste Antwort erhalten wird, die sich jedermann ohne Audienz denken kann, so wird das als voller Gegenwert der neuen Keren hajessod Milliönchen, die die italienische Lustreise Weizmanns kostet, gebucht werden. Weizmann s'amuse! Die Ritter ohne Furcht und Tadel von der Zirkusgasse. Die „Reichspost" hat ein Interview mit dem Präsidenten der Haifaer Handelskammer Kemal veröffentlicht, das wahrlich geeignet ist, die schweren Sorgen um das Schicksal der Juden in Erez Jisroel zu vertiefen. Das Schwergewicht des Interviews liegt in der Drohung, daß 50.000 arabische Reiter in Transjordanien bereit seien, in Palästina einzudringen, falls die Zionisten ihre jetzige Politik weiter fortsetzen würden. Das ist freilich ein Stichwort für das verantwortliche Präsidium des zionistischen A-C und für dessen Organ, die „Wiener Morgenzeitung". Kein ernstes verständnisvolles Wort ist in der Antwort enthalten; nichts als das eigentümliche Raisonnement, dieses typische inhaltslose Krakeelen, welches die „W.M." charakteristisch. DasA.-C. und die„Wiener Zeitung" stellen eine heroische Geste aus: sie empfinden nicht die leiseste Furcht vor den 50.000 Reitern, solange sie jenseits des Jordans und nicht Da##ä*! Die russische Katastrophe hat ihres Gleichen WCHBIb nicht in der Weltgeschichte, Niemand enfr mmmm—~mm ziehe sich der Mithilfe! jenseits des Donaukanals stehen. Der Eindruck, den die Drohung des Arabers auf das Gemüt der Wiener A-C-Führer ausübte, ist nicht zu vergleichen mit dem panischen Schrecken, welcher die Herren heuer am Rüsttage des Jomkippurs ergriffen hat, als ein vages Gerücht über angebliche Exzesse der ..Frontkämpfervereinigung in Wien verbreitet war. damals, als ein ehrwürdiger Herr die jüdische Jugend mit Rücksicht auf die „große Gefahr" von der Heiligkeit des Jomkippur entbunden hat. Aber für Rechnung der Juden in Erez Jisroel sind sie von heroischer Furchtlosigkeit. €i$enfeil$päne. Der heutige zionistische Kurs verhält sich zum Zionismus, wie der „christliche Kurs" zum Christentum. * * * Das zionistische A.-C. hat rftie Politik der Exekutive gebilligt; warum nicht lieher verbilligt? * * * Diaspora-Nationalismus! Eine Nationalit.lt ohne Bauernstand gleicht einem Baum ohne Wurzel; darauf gedeiht nichts als Parasiten. * * * Die zionistische Bewegung! Man muß ein Einstein sein, um solche unmerkliche Bewegungen schätzen zu können. * * * Variation: Morgenzeitung hat Gall im Munde! NACHRICHTEN. Dcut$cDo$UmicD. „Oberrabbiner Weidenfeld in Wien. ^Aus Anlaß einer Familienfeier weilte dieser Tage Oberrabbiner Wejdenfeld aus Dobrowa in Wien. Oberrabbiner Weidenfeld war seinerzeit einer der hervorragendsten rabbinischen Teilnehmer an der Kattowitzer Konferenz, schrieb ein bedeutendes halachisches Werk über palästinensische Siedlungsfragen und die Vertreter der Aguda benutzten auch die Gelegenheit, um mit ihm über den Stand der Bewegung zu konferieren. Vortrag Dr. Birnbaum. Im großen Saale des Hotel Continental sprach Dr. Nathan Birnbaum vor einem großen Publikum über den „Sinn des Judentums". Von Kommerzienrat Sigmund Bondy begrüßt, legt der Redner die Entwicklung des Religionsgedankens dar, charakterisiert das Gemeinsame in den drei „judaistischen" Religionen, bezeichnet die Religion als höchste Kultur, da selbst alle Leistungen der entg-tteten Gesellschaft nur eine Vererbung der schöpferischen Kraft ihrer gläubigen Ahnen sei. Es drohe eine große Gefahr. Die Völker werden einmal, wenn die Entg-ttung im Judentum weiter Platz greift, sich gegen uns erheben und darauf hinweisen, daß wir ihnen G-tt aus dem Herzen reißen wollen. Sie sehen nur die g-ttlosen jüdischen Kreise und schließen darauf auf das ganze Judentum. Der Sinn des Judentums bestünde darin, die Religion der Menschheit zu erhalten. Dies wäre nur durch die Beobachtung des Thoragesetzes, gewissermaßen, die Disziplinierung des jüdischen Volkes erreichbar. * Das Publikum lauschte mit tiefem Interesse der anderthalbstündigen großangelegten Rede des hervorragenden jüdischen Denkers. Kommerzienrat Bondy dankt dem Redner und teilt der Versammlung mit, daß die Aguda eine Hilfsaktion für die notleidenden Juden in Rußland eröffnet habe, und fordert die Anwesenden zur Mithilfe auf. Das Kol dichfin jesso wejechol sei hier zu einem mächtigen Imperativ geworden. Damit schloß das eindrucksvolle Meeting. Das Organ des Herrn Oberrabbiners. In den Zeiten, wo die ganze Aufmerksamkeit des A.-G. angestrengt auf das Palästinaproblem konzentriert sein sollte, wo die Dank der leichtsinnigsten Politik der Weizmann-Maffia hoffnungslos verfahrene Situation der Juden in Erez Jisroel ein reuevolles Bestreben, das Gesündigte gutzumachen, die Gemüter des A.-G. beherrschen sollte, wütet das Organ unseres Herrn Oberrabbiners in plebejischester Weise ein ums andere Mal gegen die orthodoxe Landeskanzlei in Bratislava. Plebejisch ist die Form, plebejisch ist die Art der Verdrehung der Wahrheit. Plebejisch ist die forsche Art, das strickte Gegenteil dessen zu sagen, was man mit derselben Rüdität ehegestern behauptet hat. Die Form, die Art, die Tendenz, alles ist derart plebejisch, daß wir erstaunt fragen, wie es mit der Würde einer solch hohen Stellung wie eines Wiener Oberrabbiners vereinbar ist, sich mit den Machern dieses Blattes zu identifizieren. Hochzeitsfeier im Hause Türkei. Unter starker Beteiligung von Verehrern und Freunden fand nach chassidischer Art Freitag nachmittags die Trauung des Herrn Jakob Türkei mit Fräulein Backenroth, eine Schwägerin des weitbekannten Oberrahbiners Katz aus Borszow, statt. Die Trauung vollzog in Vertretung des Oberrabbiners Fürst der Buczszacer Oberrabbiner, bei dem der Bräutigam seit sieben Jahren ununterbrochen lernt und von dem er anläßlieh seiner Hochzeit mit einer Hatoras-hoirooh ausgestattet wurde. Die Hochzeitstafel fand Mozze Schabbos im .Festsaal des Hotel Continental statt. Es war vorauszusehen, daß der rühmlichst bekannte Wohltätigkeitssinn der Familie Türkei bei diesem Anlasse besondere Gelegenheit zur Betätigung finden wird. Es wurden tatsächlich über eine Million Kronen für verschiedene wohltätige Zwecke gespendet. Sijum der Jugendgruppe. Am Rosch chodesch Nissan fand im Lokale der Wiener Juge'ndgruppe der Aguda eine erhebende Sijum haschass-Feier statt. Die Feier wurde durch die Anwesenheit der ehrwürdigen Herren Rabbiner Fürst, Baumgarten und der Rabbiner von Buczacz, Brody und Borszow, Rabb. Jos. Heschel und andere ausgezeichnet. Begeisternde Drosches hielten Sr. Ehrw. Rabbiner Fürst, die Rabbiner von Brody und Buczacz, ferner Borszower Raw und Rabbiner Dr. Kohn. Die Gäste wurden von Herrn David Baumgarten begrüßt. Rührend war der schöne Gesang des Kriegsblinden Herrn Eichenbaum, der fleißiger Schiurbesucher ist, und des Herrp Biegeleisen. Die Feier endete spät Nachts mit der abermaligen Verteilung des Schaß an die Mitglieder. Das Benschen ergab 190.000 Kronen. Jeschiwa-Aktion. Die Tiferes Bachurim-Vereine und die Jugendgruppe der Aguda beabsichtigen im kommenden Sommersemester 50 Bachurim in den Jeschiwos in Mattersdorf und Deutsch-Kreuz unterzubringen. Zu diesem Zwecke'sollen in den angeführten Gemeinden je eine Mensa errichtet werden. Es ist zu hoffen, daß die bewährte Munifizenz der Thorafreunde sich auch bei dieser uelegenheit im besten Lichte zeigen wird. Besonders seien die Thoratreuen, die aus dieser Gegend stammen und in valutaschweren Ländern wohnen, gebeten, uns darin zu unterstützen. Auch Zuwendungen von Naturalien für die Mensa wären sehr willkommen. Pessachversorgung im Waisenhause Baden. Das Waisenhaus der Agudas Jisroel in Baden sieht dem ersten Pessach entgegen. Dank der aufopferungsvollen Arbeit des geschäftsführenden Ausschusses unu der großen Teilnahme aller Schichten unserer Gemeinschaft für die im Waisenhause versorgten Pogromopfer, gelang es, alles Notwendige herbeizuschaffen. Ein Konsortium von Goschirrhändlern hat das Haus mit neuem Koch- und Eßgeschirr versorgt. Auch Lebensmittel und Wein wurden unentgeltlich dem Waisenhaus zur Verfügung gestellt. Sehülervorträge am Pessachfeste. Es wird mitgeteilt, daß der Leiter der „Jessod-Hathora", Herr Kabbiner S. Neuwirth, am kommenden Pessachfeste im Schulgebäude, II., Nestroygasse 11, folgende Vorträge über die Hagadah-schel Pessach halten wird: Donnerstag, am 1. J'ag Pessach, für Schülerinnen, Freitag, am 2. Tag Pessach, für §chüler. Beide Vorträge beginnen präzise 11 Uhr wrmittags. Schüler und Schülerinnen, auch jene, die die Jessod-Hathora nicht besuchen, werden hiezu eingeladen. Ungarn. König Karl. Im sonnigen Mittage des Menschenlebens hat der Todesengel ihn aus den unseligsten Verschlingungen des Geschehens hinüber ins Reich der Ewigkeit entführt. So verdämmert dieses Königsdrama im Nimbus des Martyriums. Jenseits von politischen Für und Wider wird sich das Angedenken des letzten unglücklichen Beherrscher der Donaumonarchie im Herzen des Volkes erhalten. Seine Haltung denu Judentume gegenüber entsprach den Traditionen des Hauses. Gegen Ende des Krieges und nach der Revolution schien es, als ob er von antisemitischen Velleitäten seiner Umgebung mit beeinflußt würde. Die treue Gefolgschaft des Vazsonyi- Kreises knüpfte wieder neue Bande der Sympathie mit dem Kreise der jüdischen Legitimisten. Das Bombenattentat in Budapest. Dem ruchlosen Anschlage auf den liberalen Klub in Budapest sind zumeist Juden zum Opfer gefallen. Bisher werden sechs Todesfälle gemeldet. Eugen Gaspär, Max Szegö, Arnold Kerenyi, Julius Band, Dr. Pesti und Alexander Polgär, anscheinend durchwegs Juden von gesellschaftlicher Stellung. Die grauenhafte Untat war nicht bloß ein Attentat auf eine Partei, sondern auf die Ehre und das Ansehen des ungarischen Staates. Das Jnbilänm des Bikur-öholini-Vereines. Der Bikur-Cholim-Verein feierte am 19. März im Festsaal der Budapester orthodoxen Gemeinde das Jubiläum seines 50jährigen Bestandes. Unter den zahlreichen Festgästen sah man Präses Adolf Frankl, als Vertreter der Zentralkanzlei; Abraham v. Freudiger, als Vertreter der orthodoxen Gemeinde; Josef Herzog, als Vertreter der Ghewra Kadischa u. v. a. Präses Doktor Sebestyen begrüßte die Anwesenden, schilderte die Tätigkeit des Vereines während der 50 Jahre seines Bestandes und erklärte als das künftige Ziel des Vereines: die Gründung eines jüdischen Landesspitales. Rabbi Viktor Sußmann sprach über den edlen Zweck des Vereines und gedenkt der verstorbenen Mitglieder R. Wolf Sußmann, B. Low, Moses Freudiger, Dr. Jakob Schächter, Ernst Philipp und Samuel Rebenwurzl s. 1. und wünscht seiner Tätigkeit G-ttes Segen. Präses Adolf Frankl weist in seiner Rede darauf hin, daß die Provinz den Verein zu wenig unterstütze. Abraham v. Freudiger überbrachte die Grüße der orthodoxen Gemeinde. Am Abend fand ein Bankett statt, das bis spät in die Nacht andauerte. Polen. Zionistische Ueberfälle auf betende Juden in Warschau. Einer telegraphischen Aufforderung der von Professor Pick, Dr. S c h ö n f e 1 d und Rabbiner Fischmann geleiteten obersten Zentrale der misrachistischen Zionisten in Jerusalem Folge leistend, hat die Misrachi-Gruppe mit Hilfe religionsfeindlicher Zionisten in Warschau letzten Sabbat eine Anzahl Banden organisiert, mit dem Auftrage, in die Bethäuser der orthodoxen Juden einzudringen und dort Krawalle hervorzurufen. Die Burschen drangen in der Regel während des „Leinens" in das Bethaus, einer bestieg das Almemor und versuchte eine Resolution gegen die Agudas Jisroel zur Verlesung zu bringen. Selbstverständlich wurden die Burschen fast überall aus dem Bethaus geworfen. Ihre „Kampfgenossen* waren aber zumeist zahlreich genug, um den G-ttesdienst auf eine halbe Stunde zu stören. Auf Grund dieser Triumphe verbreitet die zionistische Presse die Nachricht, daß in zahlreichen Synagogen Warschaus gegen die Aguda demonstriert wurde. Nach zuverlässigen Nachrichten gelang es den misrachistischen Burschen insgesamt in zwei Bethäusern ihre Resolution bis zu Ende zu lesen. Spendet für die Jugendgruppe! «