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Jüdische Presse · 1922-04-07 · 14 (7.4.1922) · page 5

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Journal
Jüdische Presse
Volume
8 (1922)
Issue
14 (7.4.1922)
Date
1922-04-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 14 JÜDISCHE PRESSE Seite 87 Die Redaktion wünscht allen Freunden in Ost und West herzlichst -i s i nisü an eigene Autonomie schliffen. Das Ultimatum, welches nun seitens der Orthodoxie gestellt worden ist, hat einen ^tiefen Eindruck gemacht, und wurde somit zur Hauptfrage der Tagung. Mit der fünften Sitzung, welche Sonntag stattfand, kamen überhaupt die orthodoxen Vertreter zum Worte. Die ehrwürdigen Vertreter der Thora, talmudische Größen und im litauischen Sinne, die gleichzeitig die Führer der orthodoxen Bewegung sind, haben ihr Wort in der Versammlung erhoben, die bis dahin nur sehr wenig ahnen ließ, daß dies eine Konferenz jüdischer Gemeindedelegierten, noch dazu in Kowno ist. Zuerst sprach der Kuphehkier Kaw Feiwelsohn. Vor allem weist er zurück dio Beschuldigung, als ob die Orthodoxen Gegner der Autonomie wären, daß wir Orthodoxen den Wert und die 'Bedeutung einer Autonomie schützen können, beweist der (Jmstand, daß dank unserer Weltanschauung, das jüdische Volk seine Autonomie während Zweijahrtausendo vom Golus erhalten hat. Was wiederum den Inhalt dieser Autonomie betrifft, so muß er energisch zurückweisen die Belehrung der Linken, die in der Autonomie Theorien verwirklichen wollen, die zwanzig Jahre alt sind und dabei die viertausendjährige Vergangenheit des jüdischen Volkes begraben wollen. Unsere Meinung ist auch.in betreff des Inhaltes der Autonomie ganz eindeutig, daß ist die Thora und jüdischer Tradition, daß ist hundert Prozent Judcnhoit, alles andere ist Null, und eine Null hat einen Wert auf der rechten Seite. Links verringert nur den Wert der Ziffer. Daher geht unser Streben danach, unseren jüdischen Glauben nach innen zu sichern, denn von Außen werden wir nicht gestört. Wir müßten sogar eine Autonomie innerhalb der Autonomie haben, besonders in Schulfragen, denn die ist unsere Seele und da können wir weder Konzessionen machen, noch Kompromisse schließen. Nachher unterzieht Herr Krön (Ceire Jisroel) temperamentvoll einer strengen, aber gerechten Kritik die Tätigkeit des Nationalrates des jüdischen Ministeriums der Sointfraktion. Darnach folgte die Rede Oberrabbiner Kahanemann (Poniwesch), der durch seine gewaltige Beredsamkeit und Verstandesschärfe mit überwältigenden Eindruck, dem sich auch i die gegnerischen Parteien nicht entziehen konnten, für die Forderungen der Orthodoxen eintrat. Die Sonntagabendsitzung wird von Dr. Solwaischik eröffnet. Als erster Redner sprach der Leiter der großen Slobotkoer Jischiwa und Führer der Agudas Jisroel- Bewegung. Er wies darauf hin, daß die litauische Regierung nicht etwa durch einen guten Einfall auf die Idee kam, den Juden Selbständigkeit und nationale Freiheit zu geben, sondern nur infolge des Umstandes,-daß wir sie aufgeklärt haben, daß das jüdische Volk se'my Eigenart besitzt, die es seit Jahrtausenden gepflegt und zu ändern weder kann noch will, also wollen wir die Grundlage der Autonomie nicht zertrümmern, so dürfen wir die jüdische Autonomie nicht so gestalten, daß sie inhaltlich ebenso für Deutsche, Russen und Letten passen würde, al30 bloß nach dem Namen nach, jüdisch sind. Wenn er nun so mit aller Energie darauf bestehen muß, daß Kultus und religiöse Angelegenheiten in das Gesetz über die Autonomie aufgenommen werden, den sonst würde diese Autonomie nicht jüdisch sein, so muß er weiter betonen, daß in der Schulfrage sie die Forderung stellen müssen, »laß sie keinesfalls dulden können, daß jemand in die Schulangelegenheiten der Orthodoxie sich einmische. Er empfiehlt, daß man ein Rahmengesetz schafft, daß die jüdische Bevölkerung das Schulwesen allein regle und da innerhalb der jüdischen Autonomie jeder Richtung ganz unabhängig ihr Schulwesen leitet. Ferner stellt er die Forderung, daß diese Schulkommission von der Konferenz gewählt werde, immer für jede Richtung von den Vertretern derselben Richtung, denn die Schulfrage sei so heilig, daß wir nur von uns selbst gewählte, uns angehörende Schulleiter und Inspektoren haben wollen, zu anderen Organen haben wir keinesfalls Vertrauen. Von diesen Forderungen lassen wir nicht und wir werden sie mit G-ttes Hilfe erkämpfen. Nach dem Slobotkoer Raw sprach Rabbiner Friedmann, der den Vorwurf der Linken zurückwies, daß die Rabbiner in ihrem Lehrhaus bleiben sollen und in der Oeffentlichkeit nichts zu suchen hätten. In den Haskala Zeiten hat man wiederum die Rabbiner verdammt, weil sie in den vier Ellen oder Halacha blieben. Er meint, daß sie ja die Rabbiner und die 'Thora verdammen wollen, deshalb paßt es ihnen nicht einmal, unter diesen, ein andres Mal unter einem anderen Vorwand, daß die Rabbiner die auf dem Balken." Wieder fragte der Rabbi: „Habt ihr den Seder aufgerichtet?" Rabbi Chajim erwiderte: „Rabbi, ich will euch die Wahrheit sagen: Ich habe gehört, daß es verboten ist, die acht Tage des Pessachfestes Rranntwein zu trinken und da trank ich heute am Morgen so viel des Branntweines, daß ich für acht Tage genug habe. Und da wurde ich sehr müde und schlief ein. Dann weckte mich meine Frau und sie sagte zu mir: „Warum haltest du nicht den Seder, wie alle Juden? Ich erwiderte ihr: „Was willst du von mir? Bin ich doch ein Unwissender und ich verstehe nichts. Nur das weiß ich; die alten Juden, unsere Ahnen, waren gefangen bei den Zigeunern und wir haben einen Allmächtigen, der hat sie hinausgeführt in die Freiheit. Und nun sind wir wieder gefangen, doch Gott wird uns auch jetzt in die Freiheit führen! Und da sah ich den Tisch und Mazzot, Wein und Eier standen darauf und da aß ich die Mazzot mit den Eiern und trank den Wein. Dann überfiel mich die Müdigkeit, und ich legte mich hin und schlummerte ein." Nun befahl der Rabbi: „Führt ihn nach Hause!" Zu seinen Chassidim aber sprach er: „Schaut, wie wohl seine Rede im Himmel gefiel, weil er sie aufrichtig gesprochen hatte." legitimen Hüter der Tradition sind, mit allen ihren Kräften für diese eintreten. Nachdem von orthodoxer Seite noch Rabb. Katz und Schereschovsky die Forderungen ihrer Partei eindrucksvoll verfochten haben, ergriff Rabb. Poppet am Schlüsse der Generaldebatte das Wort und veilas die Deklaration der Achdus-Partci. Wir verstehen unter nationaler Autonomie das Gesetz, welches jeder Nation die Möglichkeit gibt, ihre speziellen nationalen Bedürfnisse und ihr inneres Leben nach ihrer Eigenart zu regeln. Aus diesem Standpunkte aus muß das Gesetz d;\s Hauptmoment, welches überhaupt die jüdische nationale Eigenart zum Ausdruck bringt, berücksichtigen. Und dies ist die jüdische Religion mit ihrem ganzen traditionellen Inhalt. Wir sind auch der Meinung, daß die freien Elemente der jüdischen Nation sich auch bloß dank der jüdischen Religion sich im nationalen Vorband erhalten werden, zu dem sie mit tausend unsichtbaren Fäden verknüpft sind. In dem Moment, wenn, G-tt behüte die jüdische Nation diesen religiösen Charakter aufgeben würde, geht auch dio jüdische Nation verloren. Fest auf diesen Fundament stehend, halten wir eine Autonomie, welche religiöse Fragen aus dem Gesetz ausschließt und somit die jüdische Religion aus den jüdischen öffentlichen Leben bannt, für einen Verrat am jüdischen Volke. Für einen Verrat und für nationalen Selbstmord. In dem Moment, da wir den Ausschluß der jüdischen Religion aus dem Autonomie-Gesetz bewilligen würden, würden wir auch einen Präzedenzfall geben für die Juden anderer Länder, die ebenfalls für ihre Rechte kämpfen und somit würden wir mit unserem Verrat auch die Juden anderer Länder schädigen. Daher fordern wir, daß.der Gemeindetag den kategorischen Beschluß fassen soll, daß im Autonomie-Gesetz die religiösen Fragen den ihnen gebührenden Platz einnehmen. " Wir wünschen ferner, daß in religiösen und kulturellen Angelegenheiten in ihrem ganzen Umfange die orthodoxen Juden vollkommen autonom sein sollen. Um das zu sichern, regulieren, beaufsichtigen und finanzieren, wird durch den Gemeindetag aus den orthodoxen Mitgliedern desselben ein dem Naitonalrat beigeordnetes Organ gewählt. Dies alles soll in dem Gesetz über die nationalen Organe festgelegt werden. Falls der Gemeindetag diese unsere berechtigten Forderun<ren nicht bewilligt, zertrümmert er nach unserer tiefen Ueberzeugung die jüdische Nation und wir können dann ohne Rücksicht auf die Folgen an den weiteren Arbeiten nicht teilnehmen. Wir fordern ferner, daß der Gemeindetag in dieser Angelegenheit, bald einen klaren Beschluß faßt. '/ Die zionistischen €xze$$e in Jerusalem. Resolution. Die heute in Bratislava tagende Landesrepräsentanz der Orthodoxen Israelitischen Gemeinden in der Slowakei, spricht ihren Schmerz und tiefste Empörung über die persönliche Bedrohung und tätlichen Angriffe gegen führende Persönlichkeiten des Judentums in Jerusalem aus. Die Versammlung gibt ihr vollstes Vertrauen zu dem Waad Hoir Aschkenasi und zu seinen rabbinischen Führern Rabbi Diskin und Sonnenfeld kund, identifiziert sich mit ihren Forderungen und dankt für ihre Bemühungen. Resolution des „Waad Hoir Hoaschkenasi" in Jerusalem. Am 19. Schewat versammelte sich das leitende „Siebziger Komitee" der orthodoxen Gemeinde in Jerusalem, um zu den Vorgängen Stellung zu nehmen. Er wurde folgende Resolution einstimmig gefaßt: Die Versammlung vernimmt mit tiefster Empörung die schreckliche Nachricht, daß eine Gruppe von Angreifern den Beschluß gefaßt habe, die führenden orthodoxen Persönlichkeiten mit terroristischen Drohmitteln zur Einstellung ihrer auf die Wahrung der religiösen Interessen in Erez Jisroel gerichteten Tätigkeit zu zwingen und daß eine zionistische Bande den Präsidenten des „Waad Hoir Hoaschkenasi" überfallen habe. Die Versammlung gibt ihren schärfsten Protest kund gegen die Aufwiegler, die mit der einzigen Absicht, Streit und Hader unter Juden hervorzurufen, bewußtermaßen falsche Nachrichten in der Bevölkerung verbreiten. Diese Aufwiegler allein trifft die Verantwortung dafür, daß jetzt in Erez Jisroel Erscheinungen an den Tag treten, die geeignet sind, die gesamte jüdische Siedlung in Erez Jisroel zu gefährden. Die Versammlung spricht denjenigen ihre Verachtung aus, die sich der Faust bedienten und denjenigen die dazu aufgehetzt werden. Die Versammlung beschließt, vor keinerlei Drohungen zurückzuweichen und die heilige Arbeit fortzusetzen. Protestkundgebung der Orthodoxie in Litauen. Die Zionisten machten auch in Kowno den Versuch, ihre Gesinnungsgenossen zu Kundgebungen gegdn die Orthodoxie zu veranlassen und die immer weitere Kreise umfassende Tätigkeit der Orthodoxie für den Aufbau Erez Jisroels zu stören. Um der weiteren Verhetzung der Bevölkerung durch die Zionisten vorzubeugen, veröffentlicht der Präsident der Aguda Jisroel von Litauen, der Gaon Rabbi Mosche Mordechi Epstein gemeinsam mit dem Kownoer Oberrabbiner Rabbi Ber Schapiro folgende Kundgebung in der orthodoxen Tageszeitung „Jüdisches Leben": Im Zusammenhange mit den, falschen Nachrichten, welche in jüngster Zeit in der Presse betreffend die Stellungnahme der jüdischen Orthodoxie zu der Errichtung eines jüdischen nationalen Heimes in Palästina verbreitet werden, erklären wir feierlich im Namen der jüdischen Orthodoxie in Litauen, daß die jüdische Orthodoxie der ganzen Welt seit Jahrtausenden an der Hoffnung und den Bestreben unser heiliges Land wieder aufzubauen festhielt und auf das Recht, Erez Jisroel wieder aufleben zu lassen niemals verzichtet hat. Sie fordert, daß das Land, welches uns G-tt zugesagt hat und zu allen Zeiten unser Vaterland war, zu einem jüdischen nationalen Heim eingerichtet werde und daß seine Tore für eine ungehinderte jüdische Einwanderung breit geöffnet werden. Jeder Jude, welcher Gegenteiliges behauptet, muß als ein Volksverräter bezeichnet werden. (Ein Teil der skrupellosen zionistischen Presse bringt es zuwege, diese Kundgebung des Präsidenten der litauischen Landesorganisation der Agudas Jisroel gegen die Verbreiter falscher Nachrichten über die Stellungnahme der Agudas Jisroel zur Palästinafrage mit der irreführenden Ueberschrift „Protest der litauischen Orthodoxie gegen die Agudas Jisroel" zu veröffentlichen.) Kritische Rundschau, mg«** Kein Mensch von Empfindung wird sich dem Hilfsw^F werk für die Hutigeropfer in Rußland entziehen! Pessach Mizraim. Der wohlbekannte Refrain des Maarowis weckt diesmal seltsame Empfindungen wach. Die- Versenkung der Geschichte öffnet sich, Vergangenes entfährt dem Schattenreiche; ein Volk, ins Reich der Sage verschollen, heischt nach jahrtausendenlangem Scheintode nach seinem alten Platze im Buche der Lebenden. Aegypten ist frei. Mizraim kann seinen Pessach halten; unser Pessach ist noch immer pessach Ieossid, ein Fest, das der Hoffnung in die Zukunft gilt. In Mizraim löst froher Friede die Jahre erbitterten Ringens, der Erschütterung der Volks Wohlfahrt ab. In Jerusalem aber umwittert Kümmernis und Sorge das Seelenleben unseres Volkes, kein Opferzeichen an der Türe verbürgt Lebenssicherheit. . . . Sklaven waren wir dem Pharao in Aegypten . . . Der verstörte Sinn langt trostsuchend in 'die Vergangenheit zurück. Die überlieferte Hagada aus der Vergangenheit, das verheißene Glück der Zukunft, sie walten rechts und links von der freudlosen Gegenwart. Weizmann s'amuse. Paris ist eine Maisse wert! Die Milliönchen österreichische Kronen, die der Keren hajessod für den Pariser Ausflug zahlt, rentieren sich vollständig durch den Besuch Weizmaans bei Millerand. Bei der Pariser Konferenz, /iii der Weizmann, der unentbehrlichste Diplomat, der Welt, reisen mußte, wurde wohl die Palästinafrage überhaupt nicht berührt. Der Gegenwert der Milliönchen Keren hajessod wurde aber nachträglich geliefert mit den „wichtigen" Erklärungen, die Weizmann dem Präsidenten-Kollegen gegeben hat. Dieses Gespräch hält allerdings einer kritischen Rundschau nicht stand; der gläubige ..dumme Kerl von Zion" mag sich daran erbauen, allein wir entbehren in dem Berichte vollständig eine getreue Wiedergabe dessen, was Millerand gesagt habe. Man sieht vor lauter Weizmann den" Millerand nicht! Wir Talmudjünger können nur durch den Dijuk herauslernen, daß Millerand etwas mehr von einer Aguda weiß, als Weizmann geahnt hat. Hier zeigt sieh Weizmann in der Höhe seiner Diplomatie. Er erzählt, was er über die Aguda gesagt hat und nicht was Millerand sagte, obwohl jeder Bar Isroel ohne Unterschied der Konfession und Nationalität darauf begierig ist zu erfahren, was Millerand von der Aguda denkt. Sicher ist, daß Weizmann dem französischen Präsidenten eine zionistische Kriegslüge serviert hat, als er ihm sagte, daß die Mehrheit der Glaubenstreuen sich in seinein Lager befinde, bei ihm, der doch selbst behauptet, daß der Zionismus sich stets selbst außerhalb der Streitfrage der »Synagoge hielt. Das ist schrecklich unwahr! Der erste Artikel, den Nordau überhaupt über den Zionismus geschrieben hat, hieß: „Der Tempelstreit." Im .Judenstaate schreibt Herzl: „Und die Rabbiner werden in ihren Tempeln ilafür beten." Der Zukunftsroman Herzls „Altneuland" hat folgenden Schluß: Die Gesellschaft, die den iludenstaat geschaffen hat, ist versammelt und jemand fragt, wer dies alles geschaffen habe. Der eine sagt die Liebe, der andere der Wille. Als letzter erhebt sich aber der Rabbi und sagt feierlich: „G-tt!" Damit schließt Altneuland. Weizmann war nicht in diesem Kreise, denn seine Antwort hätte wohl gelautet: Ich! Wir wollen hier ruhig konstatieren, daß Weizmann den Präsidenten Millerand hintergangen hat, wenn er wirklich behauptet hat, daß die Mehrzahl der Glaubenstreuen im zionistischen Lager stünde. Wir fordern endlich einmal eine ehrliche Statistik.

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