Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 8 (1922)
- Issue
- 14 (7.4.1922)
- Date
- 1922-04-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 86 JÜDISCHE PRESSE Nr. U so wollen wir ihm gerne zugestehen, daß er um das richtige zu nennen, sich jenseits von Thora und Sabbat hält. Wir sind nicht gewillt, an den Misrachi die Frage zu richten, ob er wirkilich zugeben kann, daß die jüdische Religion gewissermaßen bagatellisiert wird als „.Streitfrage der Synagogen" .. . Nun scheint man allerdings in senden. Wir sind allerdings darüber beruhigt, daß jeder Jude, dem „Schmäh Jisroel" noch ein Bekenntnis ist, es ablehnen wird, einer Organisation anzugehören, die jenseits von Thora und Sabbat Amerika etwas anderer Meinung zu sein. Eine dortige Zeitung berichtet, daß die zionistische Kommission in Jerusalem diese ..Extreme und Malkontente*' die Aguda aufgefordert habe, zwei vollkommene gleichberechtigte Mitglieder in di« zionistische Kommission nach Jerusalem zu entist, aber es scheint doch, daß man in Jerusalem anders denken und handeln muß, als aus dei Aeußerungen des Weizmann zu Millerand herrorireht. Aktion der „Aguda" für die Opfer der fiungerkatastropfte in Rußland. Der Zentralrat der Aguda versendet nachfolgenden Aufruf an sämtliche Landeszentralen: „ Allmählich und bruchstückweise lichtet sich "das Dunkel, das über dem Schicksal der Millionen unglücklicher Menschen tief im Innern des von der Kulturwelt fast abgeschnittenen großen russischen Reiches lastet. Die Schreckensbilder, die in der Tagespresse von einzelnen nach dem Innern Rußlands entsandten Zeitungsberichtserstattern entrollt werden, zeichnen allgemein menschliches Elend, das uns alle als Menschen aufs tiefste erschüttert und zur tätigen Hilfeleistung aufruft. Wieviel jüdisches Elend in der ungeheueren Hölle der unendlichen Hungerbezirke im verborgenen jammert, wissen wir nicht. Aber einzelne Nachrichten und Hilferufe dringen doch zu uns. Der in der jüdischen Welt bekannte Rabbi von Lubawitsch, der seit dem Beginn der Schreckenstage in Rostow a. Don sich befindet, hat an die Aguda die Aufforderung ergehen lassen, den ohne Kleidung und Nahrung darbenden Jüngern der innerrussischen Jeschiwaus und Talmud Thora zu Hilfe zu eilen und es zu ermöglichen, daß unter den an und für sich schwierigen Verhältnissen Limud Hathora sich erhalte. Es bieten sich Wege, um Nahrungsmittel- Transporte ungefährdet und sicher in die rechten Hände gelangen zu lassen und wir dürfen nicht säumen, von diesen Möglichkeiten Gebrauch zu machen. Auch die internationale Organisation des Roten Kreuzes veranstaltet seit einiger Zeit im Innern Rußlands Kinderausspeisungen, an denen tau sende von jüdischen Kindern unter Wahrung der Kaschruß-Vorschriften teilnehmen. Es ist Ehrenpflicht der jüdischen Gesamtheit, sich an diesem Werke der Lebensrettung kräftig zu beteiligen. Darüber hinaus gilt es, soweit die eigenen Kräfte nur irgendwie reichen, aus dem ungeheueren Ozean des Jammers, in den die Ostjudenheit zu versinken droht, noch diesen oder jenen Tropfen mit den Mitteln wahrhaft jüdischer Liebe, der nichts zu schwer und nichts zu klein ist, zu trocknen. Ob auch Millionen mit dem Tode ringen, es gilt doch noch immer die Wahrheit des alten jüdischen Wortes: hamekajem nefeschachas mijissroel keilu kijam es hoolom kuloi, „Die Rettung eines Menschenlebens gilt einer Weltenrettung gleich". So ergeht denn unser Ruf an alle Landesorganisationeh, Orts- und Jugendgruppen der Aguda, überall Sammlungen zur Rettungder russischen Judenheit vom Hurigertode zu veranstalten. Die Gelder wolle man der von jeder Landesorganisation zu bezeichnenden Zentralstelle einsenden, die ihrerseits verpflichtet ist, den Gesamtbetrag der Eingänge wöchentlich dem Zentralbureau in Wien, II. Malzgasse 12a, zu melden." Namens des Zentralrates der Aguda: Das Exekutiv-Bureau: gezeichnet: I. a. Solizitator J. Landau (London). Der geschäftsführende Ausschuß: Dr. P. Kohn (Wien), A. Hornstein (Wien), J. Rosenheim (Frankfurt a. M.). Wir halten es für überflüssig, dem noch etwas hinzuzufügen, um so besser ist es, daß wir in die Lage gesetzt sind, mit relativ geringen Mitteln ernstlich helfend einzugreifen. Mit einem 10 Dollar-Paket kann sich dort eine Familie über einen Monat ernähren, nachdem die amerikanische Hilfsaktion die Lebensmittel unter dem Selbstkostenpreis verabreicht. An der Spitze der Aktion des Zentralrates in Wien, hat sich in selbstloser Weise Herr Abraham Hornstein aus Wien gestellt. Es wird unserem Lesern freuen zu hören, daß die Aguda durch edle Freunde bereits in die Lage gesetzt ist, über 2y2 Millionen Kronen Lebensmitteln anzuweisen. Mögen unsere Leserkreise, das Nötige tun und auch Freunde dazu veranlassen, das Werk weitgehendst zu unterstützen. Gaben sind erbeten an den Zentralrat der Aguda Wien, II. Malzgasse 12a unter dem Stichworte „Hilfe für die Hungernden in Rußland*. Die Aguda-Jugendgruppe und Mädchengruppe haben sich gleichfalls bereit erklärt, sich in den Diens dieser Sache zu stellen. * * * Aguda-Hilfswerk für jüdische Notleidende in Rußland. Bis zum 3. April sind beim Zentralbureau der Aguda in Wien, II. Malzgasse 12a, Postscheck- Konto Nr. 121.904, Telephon Nr. 49-0-54, folgende Spenden eingelaufen: N.N. 13 Dollar, N. N. D. 2 Dollar, Bruno Hirschler K 25.000, Abraham Hornstein 60 Dollar, Abraham Backenroth K 100.000, F. Türkei K 100.000, K. P. 10 Dollar, D. Schi. 10 Dollar, durch Dr. P. Kohn 1000 Reichsmark, Josef Schlesinger 10 Dollar. Ein Nahrungsmittelpaket der „Aguda" für Rußland zum Preise von 10 Dollar enthält: 50 Kilo Mehl, 25 Kilo Reis, 10 Kilo Zucker, 3 Kilo Tee, 1 Kilo Kakao, 3 Kilo Pflanzenfett, 10 Büchsen Kondensmilch. Die Zustellung der Pakete an die Empfänger vollständig franko ist gesichert. Zweiter jüdischer Gemeindete in Litauen. (Fortsetzung.) [ Den Bericht über die Tätigkeit des Nationalrates erstattet« Vize-Minister Dr. Rachmilowitsch. Da der Bericht gedruckt vorliegt, beschränkt sich der Referent auf allgemeine Gesichtspunkte. Das Hauptvordienst des Nationalrates war dio jüdische Einheit nach Außen hin zu wahren. Aber als' auch notwendig war nach Innen die Einheit zu zeigen, war der Nationalrat stark genug, bei der Erzwingung der Abdankung des Präsidenten des Nationalrates, als er eino politische Aktion (Unterhandlung mit der polnischen Regierung, in der Wilna-Frage) ohne Wissen des Plenums unternommen hat. Viel hat der Nationalrat auf dem Gebiete des Erziehungswesons geleistet, wobei dio drei Richtungen: Jahne (Orthodox), Tarhut (Hebräisch zionistisch), Kultur Liga (Jüdisch bundistisch) paritätisch behandelt wurden. Auch auf wirtschaftlichem Gebiete wurde ersprießliches geleistet, besonders bei Schaffung von Volksbanken und Versicherungsanstalten. Die amerikanische Hilfstätigkeit (Joint) hat viel gutes geleistet, aber ihre Tätigkeit waren mehr Spenden als Aufbauarbeit, so daß der Konflikt zwischen jüdischen Nationalrat und Joint, der friedlich nicht beigelegt werden konnte, als Aktivum und nicht als Passivum für den jüdischen Nationalrat zu buchen ist. Der jüdische Nationalrat hat auch an allen Beratungen jüdischer Weltorganisationen, welche für Litauen Hilfe brachten, teilgenommen. Als besonders großer Erfolg muß die Errungenschaft verzeichnet werden, daß die Transmigration der russischen Flüchtlinge seitens der litauischen Regierung bewilligt wurde. Nach ihm kam der jüdische Minister Dr. Solveiszyk, der über die Tätigkeit des jüdischen Ministeriums berichtet hat. Nach ihm der Abgeordnete Advokat Finkelstein, der über die Tätigkeit der jüdischen Sejmfraktion referierte. Nach den Referaten wurde in die Generaldebatte eingetreten. Als erster Redner kam Dr. Rosenbaum zu Wort, der an der Tätigkeit des jüdischen Ministers starke Kritik geübt hat und wendet sich besonder s stark gegen die demokratische Gruppe. Dann kamen die Generalredner der Demokraten Herr Tschernikow und Ceire Zi'on Herr Brundy, der allgemeinen Zionisten Dr. Bergor und die Arbeitervertreter zu Worte. Die Arbeitorvertreter sind starke Gegner der Nationalautonomie, weil sie durch die Herrschaft des Proletariats auch das Elend der jüdischen Massen zu lösen glauben. Sie stehen daher nicht mit beiden Füßen auf Grundlage der Autonomie, denn, wie Redner bemerkte, man steht nicht in einem Sumpf mit beiden Füßen, sie sind bloß da, um nach Möglichkeit den Sumpf auszutrocknen, hingegen treten die Demokraten und Zionisten für die Autonomio ein. Mittelpunkt aller Debatten bildet vor allem die Kulturfrage, wobei die Jidischisten (alle Links-Fraktionen) und die Hebräisten (Zionisten) sich einander in der heftigsten Weise bekämpfen. Noch mehr aber als diese Frage beschäftigen sich alle Redner mit der Frage, ob Kultus (religiöse Angelegenheiten) in das Gesetz über die Autonomie eingezogen werden soll oder nicht. Die Achdus-Partei (Aguda) und Misrachi führen da einen verzweifelten Kampf. Sie verfügen über fünfzig Stimmen. Ihr Generalredner Herr Rabbiner Freiwelsohn (Aguda) erklärte, daß mit Ausnahme des Ministerpräsidenten Galwanovsky, der im jüdischen Volke den Träger des G-ttesglaubens begrüßte, kein einziger Redner der andren Parteien, das jüdische Volk mit seinen Glauben verknüpft wissen will. Ja, sie gehen noch weiter. Die Links-Parteien drohen mit den schäl fsten Kampf, falls religiöse Angelegenheiten als Aufgabe der jüdischen Gemeinde bestimmt werden. Aus ihren prinzipiellen Standpunkt heraus sehen sie die Aufgabe der jüdischen Volksgemeinde in der Lösung von nationalen, kulturellen und politischen Fragen, soweit sie Zionisten sind. Die Arbeitergruppen wieder hauptsächlich in der Lösung von ökonomischen und hygienischen Fragen, hingegen religiöse Aufgaben wollen sie mit aller Gewalt aus dem Gesetz über die Autonomie ausstoßen, wobei sie liberal und demokratisch ^enug sind zuzugeben, daß wir als Privatmenschen ungestört uns ssusnmnii'nfindcn können, um ein Beßdin Schechita und Mikwa zu erhalten. Nun dem ist es nicht so. Redner erklärt mit aller Entschiedenheit im Namen seiner Partei, daß diese Fragen für dio anderen bloß eine prinzipiell prograinatische Frage bedeutet, hingegen für die Orthodoxie, die noch immer dio Majorität ist, bedeutet dies eine Lebensfrage. Eine jüdische Autonomie bei der die religiösen Fragen;ils Privatsache hingestellt werden, weil sie die religiösen Fragen nicht mehr als Fragen d'es jüdischen Volkes betrachtet, ist für uns indiskutabel. Redner erklärte es feierlichst, daß falls sie dies nicht verhindern können, so werden sie durch Separation für sich ihre Das „Leinen" dauert über zwei Stunden. Jeder der zur Thora gerufen wird, muß seine Barsche selbst deinen', wer nicht deinen' kann, wird nicht aufgerufen. Das Leinen geschieht auf die Art, daß der zur Thora Gerufene einen Satz genau nach Vorschrift hersagt, worauf ein Knabe denselben Satz in Targum melodiös vorträgt. Auf diese Weise wird auch die Haftora geleint. Der .,Tai'gunv\ der übrigens zahlreiche homiletische Erweiterungen aufweist, wird aus einer handgeschriebenen Rolle vorgetragen. Nach dem Mussafgebet trätrt der Mari oder Gemeindeälteste eine homiletische Abhandlung* vor, sodann geht man nach Hause die Mahlzeit einzunehmen. Den Nachmittag verbringt man ebenfalls im Heliums. Am Feiertag oder Sabbat sind die Gassen im jüdischen Viertel fast wie ausgestorben. Die Frauen sitzen zu Hause in ihren Zinnnern und die Männer in den Bethäusern. 1>. Zwei Pessacbgescbicbten vom Berdytscbewer. Von Chaim Bloch (Wien). Die Erlösung. Man weiß, mit welcher Bedachtsamkeit der Rabbi von Berdytschew sich zum Empfang des Pessachfestes rüstete. Wohl empfing er alle Festtage mit großer Feierlichkeit, Weihe und Freude, aber an den beiden Nächten des Pcssachfestes konnte man es mit den Augen sehen, wie er sich von Stufe zu Stufe erhob und von Aufstieg zu Aufstieg in Heiligkeit aufging. Das Fest des „Abtuns leiblichen Sklaventums", der Erlösung: und der Befreiung der Seele aus dem Abgrund unreiner, g-ttloser Fremdheit führte zum Feste des „Lehreempfangens". Alljährlich, wenn der Nissan, der jüdische Frühlingsmonat kam, war der Rabbi stets in Wonne gehüllt und seine Seele in Fröhlichkeit getaucht, „Am Nissan sind wir erlöst worden, am Nissan werden wir erlöst werden1* — lautet ein Ausspruch unserer Weisen: er hoffte und seine Seele war voller Sehnsucht. - Einige Tage vor Pessach ging er in den Gassen der Stadt Berdytschew und er freute sich beim Anblick der Frauen und Kinder, die zum Empfange des Pessach rüsteten und arbeiteten, die Holzgeräte scheuerten, die Küchen tünchten, sorgfältig die Leuchter putzien. Und er sprach mit großer Ekstase: „Es sei der Wille des Allmächtigen, daß die Engel, welche durch das Tünchen, Scheuern und Waschen beschaffen werden, vor G-tt treten und unsere Fürsprecher werden, daß ehebaldigst die Erlösung kommen soll.** * * * Der ehrwürdige Trunkenbold. Der Rabbi von Berdytschew hatte einst den Seder der ersten Sedernacht gefeiert, da durchfuhr ihn ein hochmütiger Gedanke. Er wähnte sich, daß er alle „Kwono", auf die er seinen Sinn richtete, vollkommen erfaßte und die flöhe der Weihe erstieg. Da verkündete man ihm vorn Himmel: „Levi Jizchak! Du rühmst dich mit deinem Seder? — Schau hin, Chajim der Wasserträger richtet den Seder viel i schöner zu als du." Der Rabbi erbebte und fragte seine Leute: „Kennt jemand von euch Chajim den Wasserträger?" Da sprach einer von ihnen: „Ich kenne ihn wohl! Er ist ein großer Trunkenbold." Darauf sprach der Rabbi: „Wenn es möglich ist, solle man ihn herrufen." Lange mußten sie umherlaufen bis sie sein Häuschen auskundschafteten. Sie kamen hin und klopften an 'die Tür. Des Chajinjs Weib kam heraus und fragte: „Ihr braucht meinen Mann, er schlummert in tiefer Trunkenheit." Doch die Ghassidim gingen in die Stube, rüttelten ihn auf und trugen ihn einfach auf ihren Schultern zum Rabbi. Der ließ ihm einen-. Sitz geben und sprach dann zu ihm: „Rabbi Chajim, mein Herr, habt ihr am Sabbat ,Knechte waren wir' gesagt?" Er antwortete: „Jawöhl!" „Habt ihr das Gesäuerte verbrannt?" Rabbi Chajim dachte eine Weile als wollte er sich entsinnen, und sprach: „Ich habe vergessen, es zu verbrennen und entsinne mich, es liegt noch