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Jüdische Presse · 1922-04-07 · 14 (7.4.1922) · page 3

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Journal
Jüdische Presse
Volume
8 (1922)
Issue
14 (7.4.1922)
Date
1922-04-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 14 JÜDISCHE PRESSE Seite 85 ihre Kinder polnisch sprechen und polnische Schulen besuchen. Es bleibt ihnen demnach erspart, Schulen zu erhalten, ihre Kulturbestrebung findet in den polnischen Schulen eine völlige Befriedigung. Von anderen Idealen sind die Zionisten geleitet, welche Juden von rechts und links auf den Boden des Nationalismus vereinigen. Das Ideal, ihre Juden zu jüdischem Nationalismus zu erziehen, glauben sie am raschesten und leichtesten durch die hebräische Umgangssprache zu erreichen. Somit ist das Kriterium ihrer Erziehungsanstalten die hebräische Sprache. Selbstverständlich bleiben sie bei der Sprache allein nicht stehen. Ihre Anstalten sind alle Gesinnungsschulen. Die Zöglinge dieser Schulen sollen alle mit dem Geist des jüdischen Nationalismus erfüllt werden, dem Nationalismus des 20. Jahrhunderts, wobei die Thora der Talmud auch als ein Produkt des jüdischen Geistes hingestellt wird. Ein Produkt unter den vielen. Endlich nimmt die linksorientierte Arbeiterpartei eine ziemlich breite Schichte der polnischen Juden für sich in Anspruch. Diese ArbeiterparteiV-erfällt auch in verschiedene Gruppen. Ihre Erziehungsanstalten wollen ihre Jugend mit dem Geiste des modernen internationalen Sozialismus von Marx bis Lenin erfüllen. Als Unterrichtssprache wird im Gegensatz zum "Hebräischen die tatsächlich alltäglich im Leben gebrauchte jüdische Sprache benutzt und gegen alle Versuche der Hebräisierung zähe geschützt. Das ähnliche Bild, nur mit noch schärferen Zügen, weist der Kulturkampf der litauischen Juden auf. Einen lehrreichen Beitrag zu diesem Kulturkampf hat der jüngste Gemeindetag in Litauen geliefert. Man hat befürchtet, daß die verschiedenen Parteien wegen politischer Gegensätze die Tagung sprengen werden. Tatsächlich ist dies infolge von Gegensätzen auf dem Kulturgebieto in letzter Stunde der Tagung durch die Sezession der linken Parteien erfolgt. In Litauen waren die drei Richtungen: Orthodoxe, unter dem Namen Jawne, Zioivsten, unter dem Namen Tharbut und Arbeiterparteien unter dem Namen Kulturliga, in den letzten drei Jahren eifrig an der Arbeit, eigene Schulen zu errichten. Der Orthodoxie ist es hier gelungen, Schulwerke zu schaffen, die Kindergärten, niedere uud mittlere Schulen umfassen. Um dem völligen Mangel an orthodoxen Lehrkräften abzuhelfen, haben sie sogar eine Lehrer- und Lehrerinnenbildungsanstalt ins Leben gerufen. Ebenso gelang es den anderen zwei Parteien Schulwerke zu schaffen, wobei der Geist ihrer Schulen in noch schärferem Gegensatze zur Thora und Tradition sich befand, als es in Polen der Fall ist. Daß es in Litauen trotz der völligen Differenzierung und Ti/ennung der Richtungen zu der oben erwähnten Sezession kam, ist aus dem Umstände zu erklären, daß der jüdische Nationalrat in Litauen ein gemeinsames oberes Organ für die Schulwerke aller drei Richtungen einsetzen wollte, was aber die Orthodoxen unter keinen Umständen zugeben konnten. Denn sie haben sehr bittere Erfahrungen mit einer Beamtenwirtschaft gemacht, welche dem überlieferten Judentum nicht gewogen ist. Außerdem können in 40 Prozent der Gemeinden nicht mehrere Schulen errichtet werden. Die jüdischen Mitglieder dieser Gemeinden, in drei Richtungen zerschlagen, können bloß eine einzige Schule erhalten, und über den Charakter dieser Schulen konnte kein Kompromiß geschlossen werden. Die Linken wollten den Eltern gar keinen Einfluß auf den Geist der Schulen bewilligen, der ganz links orientiert sein sollte. In der Sprachenfrage sind sie in Gegensatz zu den Zionisten geraten. Die Orthodoxie hingegen hat sich mit Mut und nicht ohne Erfolg dagegen gewehrt, den Eltern ihre Kinder rauben zu lassen. Weil ein den Linksparteien nicht angenehmer Entschluß gefaßt worden ist, haben sie den Gemeindetag im Stiche gelassen. Der Kampf geht weiter, und wenn er noch so ernst ist, so ist es doch erfreulich, daß die Orthodoxie die Gefahr, die ihr droht, erkannt hat und mit Konse» quenz die eigene Kultur durch Schaffung von entspre- Sie kennen auch nicht den Talmud und Schulchan- Aruch, wie wir ihn vor uns haben. In ihrem religiösen Leben dient ihnen einzig und allein der Rambam als Richtschnur, dessen „Jore-Dea" sie von ihm selbst, mit dem bekannten Brief, „Igeres Ternan", zugeschickt erhielten. Außer der Bibel bildet der „Jore Dea" des Rambam ihr Hauptstudium. Neben dem Arabischen sprechen sie ein reines Hebräisch als Muttersprache. Von der Landesbevölkerung leben sie völlig gesondert. Sie sind meistens- Handwerker, verdienen kärglich ihren Lebensunterhalt und leben sehr anspruchslos und bescheiden. Während der letzten zwanzig Jahre sind viele nach Erez Jisroel ausgewandert, wo sie gute Verwendung finden. In ihren religiösen Handlungen haben sie eine reiche Poesie bewahrt und die Schilderung eines Pessach in Yemen, wie sie uns der bekannte Weltreisende Jakob Saphier aus Jerusalem in seinem hebräisch geschriebenen Werke „Ewen Saphier" gibt, dürfte gewiß auch weite Kreise interessieren. Die Juden von Yemen feiern das Pessachfest mit besonderer Andacht. Schon Wochen vorher wird dazu gerüstet. Die wichtigste Angelegenheit bildet das Mahlen des Mehles für die Mazzos, was von den Frauen mit großer Vorsicht besorgt wird. Das Körn muß schon „Schmura" sein, denn nach ihrer Ueberlieferung darf nur über „Schmura chenden Schulwerken und was noch mehr bedeutet, durch Ausbildung entsprechender Lehrkräfte, retten und erhalten will. Das orthodoxe Schulwcrk in Wien. Die große Arbeit der Schaffung eines echt jüdischen Schulwerkes in Wien geht immer flotter vorwärts. Herr Oberrabbiner Fürs t scheut in Anbetracht der fundamentalen Bedeutung dieser wichtigsten aller Anliegen einer jüdischen Gemeinschaft keine Mühe, um alle Kreise der thoratreuen Judenheit für das zu schaffende Schulwerk zu interessieren. Auf seine Anregung werden alle Mitglieder des orthodoxen Rabbinerverbandes in Wien anläßlich des Pessachfestes in öffentlichen Vorträgen in den Bethäusern die große jüdische Pflicht einem jeden thoratreuen Juden in Erinnerung bringen. Herr Oberrabbiner Fürst selbst wird am letzten Pessachtage seine Droscho hauptsächlich diesem Gegenstand widmen. Außerdem setzt Herr Rabbiner seine persönliche Propaganda in den Sonntag-Nachmittag-Besprechungen eifrig fort. Jüngsten Sonntag war wiederum ein Kreis von thoratreuen Juden beisammen, um über diese wichtige Frage zu beraten. Hauptsächlich wurde in dieser Beratung über die Mittel gesprochen, die geeignet wären, das Vorurteil, das in manchen Kreisen, wie wir schlankwegs vorweg nehmen wollen, ganz unbegründeter Weise gegen die Talmud Thoraschule gehegt werden, zu zerstreuen. Es war nicht uninteressant zu hören^ welche Märchen im Kreise der Eltern kursieren. Einem ist die Schule nicht genug, dem anderen wieder zu orthodox. Der eine findet, daß die jüdischen Disziplinen einen zu breiten, die anderen, daß sie einen zu engen Raum im Schulplan einnehmen. Viele Mütter, die um Reinlichkeit und Disziplin ihrer Kinder besorgt sind, wollen ihre Kinder nicht der Talmud Thoraschule anvertrauen, weil sie diese Tugenden in der Talmud Thoraschule nicht finden zu können glauben. Ein Rundgang im Schulhause, das nach den modernsten Schulplänen erbaut ist und den weitgehendsten Forderungen der Hygiene entspricht, wie Inspizierungen während des Unterrichtes, haben diese Vorurteile als völlig unbegründet erwiesen. Die Anwesenden, die als Kritiker kamen, haben als begeisterte Propagatoren des Besuches der Talmud Thoraschule das Schulhaus verlassen. Auch der materielle Erfolg war dieser sachlichen Aufklärung entsprechend. Alle Anwesenden haben je für ein armes Kind einen Platz votiert, so daß die materielle Sicherung des Schulwerkes wiederum einen Schritt vorwärts gekommen ist. €ine fiocftscbale. der jüdiseben Wissenschaft. In früheren Zeiten, als' die ökonomischen Verhältnisse des Ostens weniger kompliziert waren, war die Einrichtung häufig, daß junge Leute unmittelbar nach ihrer Heirat, sei es vom Schwiegervater, sei es von der Oeffentlichkeit unterstützt, sich ganz und gar dem Thorastudium hingaben und in diesen Lehren und Lehrjahren den Grund zu ihrer späteren Größe legten. Die Zusammenfassung mehrerer jungen Leute zum gemeinsamen Studium nannte man Kolel, eine Akademie im besseren Sinn des Wortes, in der man sich gegenseitig beim Studium hilft, im Wissen befruchtet und die Resultate des Forschens einem objektiven Urteil unterwirft. Die Wirren der Kriegszeit und der ökonomische Umschwung der Nachkriegszeit rückt die Gefahr nahe, daß dieses Institut sich nicht mehr erhalten könne. Umso dankenswerter ist es, wenn die Großen der litauischen Judenheit, Rabbi Chaim Oscher Grodzienski in Wilna, 'Rabbi Mosche Mordsche Epstein in Slobodka, den Versuch mazzos" die Brocho gesagt werden. Das Backen der Mazzos geschieht am Pessach selbst, und zwar ebenfalls durch die Frauen. Für jeden Tag werden frische Mazzos gebacken. Am Sabbat vor Pessach geht der Mari (Rabbiner, der zugleich Schächter und Kinderlehrer ist) in alle Betliäuser des Ortes und ermahnt die Gemeindemitglieder, die Vorschriften des Pessach genau zu befolgen. In freudiger Erwartung naht nun der erste Pessachabend heran. Die Gemeindemitglieder versammeln sich im Bethause zum Gebet. Das Betreten des Bethauses mit Schuhen zählen sie zu den größten Vergehen. Im Bethause sitzen sie nach orientalischer Sitte auf der Erde. Nach „Maariw", als sie nach dem Ritus des Rambam beten, wird das „Hallel" angestimmt, und zwar mit einer Vor- und Nachbrocho. In einer angenehmen Singweise betet der Vorbeter Satz für Satz und die Gemeinde ruft nach jeder Strophe „Halleluja". Die Verse Oidcho und Ono* werden nicht wiederholt. Nach dem Abendgebet wird zur „Seder" gerichtet, und während der Hausherr die nötigen Vorbereitungen trifft, backen die Frauen die Mazzos. Die Tafel besteht aus einer niedrigen Fußbank. Man setzt sich auf die Erde und der „Seder" beginnt. Einer der Hausleute hüllt eine machten, eine derartige jüdische Akademie wieder ins Leben zu rufen. Wir bringen zunächst das Statut dieser Institution zur Kenntnis der Oeffentlichkeit: 1. Zweck dieser vor mehr als 60 Jahren von Rabbiner Israel Salant s. A. begründeten Insitution ist, tüchtige Talmudkenner, die sich schon in der Jeschiwo ausgezeichnet haben, zu Autoritäten höchster Vervollkommnung heranzubilden. 2. Mehr als 30 Gelehrte werden nicht aufgenommen, um jede Verflachung des Studiums zu vermeiden. 3. Die Aufnahme erfolgt nicht durch Meldung oder Prüfung, sondern nur diejenigen, deren hervorragende Kenntnisse allgemein bekannt sind, werden berufen. 4. Alle Aufgenommenen verpflichten sich drei Jahre hinter einander bei dem Kolel zu verbleiben. Zu diesem Zwecke übersiedelt auch ihre Familie mit ihnen nach Slobodka. 5. Die Teilnehmer sind verpflichtet, täglich mindestens fünf Blatt Talmud zu lernen. 6. Alle Teilnehmer lernen dieselbe Messichta und diskutieren täglich überdie durchgenom menen Pensen. 7. Die besten der aus dieser .Diskussion sich ergebenden Erläuterungen werden niedergeschrieben und gesammelt, um von Zeit zu Zeit gedruckt zu werden. 8. Die Institution steht unter Kontrolle von Rabbi Chaim Oscher Grodzienski in Wilna und Rabbi Mosche Epstein in Slobodka. Wir halten es als selbstverständliche Pflicht jedes ehrlichen Juden, der Heimat des Gaon von Wilna die Möglichkeit zu geben, diese Hochschule des Thorastudiums im alten Glänze wiedererstehen zu lassen. Der Zentralrat der Agudas Jisroel ist beauftragt und bereit, Mitgliedsbeiträge für den Kolel „Beth Israel" in Slobodka (bei Kowno) entgegenzunehmen. » Randbemerkung. Unter der Ueberschrift Millerands Aeußerung zu Weizmann bringt eine hiesige Zeitung — Wcizmanns Aeußerung zu Millerand. Wenn wir nicht gewillt wären, uns die Freude des Festes aucli durch derartige Dinge nicht trüben zu lassen, so wäre es eigentlich Pflicht, sehr ernst mit diesen Aeußerungen abzurechnen. Ob Präsident Millerand an Weizinann bestimmte Fragen gestellt habe, geht aus dem Bericht nicht hervor, es muß aber so gewesen sein, denn ohne Not hätte Weizmann an so prominenter Stelle die Aguda nicht erwähnt; aber pardon, das hüfcfee er auch nicht getan, sondern er spricht nur von den Extremisten, über die er vollständig beruhigt ist. Aber wenn diese Extremisten es sich beifalien ließen, auch ihrerseits 'au Herrn Millerand zu gehen und ihn darüber zu informieren, daß er nicht richtig informiert ist, dann wäre die Ruhe derer um Weizmann sicher wenigstens insofern, gestört, daß sie wieder einmal die Lüge von einem Volksverrat der Aguda in die Welt zu tragen für gut hielten. Wenn nun Weizmann zu Millerand sagt, daß die erdrückende Mehrheit von diesen Extremisten bei ihm ist, so ist das nipht bloß logisch unbegreiflich, daß Weizmann diejenigen, die er Extreme nennt, zu den Seinen zählt, sondern es jst auch eine vollkommen, sagen wir einmal, schiefe Darstellung der Tatsachen und es verpflichtet die „Malkontenten", auch ihrerseits Herrn Millerand aufzuklären. Wenn Herr Weizmann weiter versichert, daß der Zionismus sich immer außerhalb der „Streitfragen der Synagoge" hielt, Mazzo in ein Tuch, legt sie auf die Schulter und spaziert damit durch das ganze Haus, die Anwesenden fragen ihn, warum er so tue und er antwortet, so taten es unsere Väter, als sie aus Mizraim zogen. Im Kidusch haben sie einen herrlich schönen Piut, der nach einer Ueberlieferung von den „Ansehe knosses hagedola" verfaßt worden sein soll. Jedenfalls läßt der Stil ein hohes Alter vermuten. Während sie die Hagada sagen, stellen sie das kleine Tischchen, das jedes vor sich stehen hat, zur Seite. Wenn man „Kama Maalos towos" beginnt, stellt man das Tischchen wieder vor sich, hebt es in die Höhe und wenn -man „Dajenu" sagt, stellt man es mit einem Ruck auf die Erde. Im „Kama Maalos" finden sich übrigens wesentliche Textändeningen. Nach der Mahlzeit, die nach der Landessitte eingenommen wird, werden in vergnügter Stimmung verschiedene arabische und hebräische Lieder — die in unser Hagada nicht vorkommen — und das „Schir haschirim" gesungen. Am nächsten Tag geht man zeitlich früh, zwei bis drei Stunden vor Sonnenaufgang, ins Bethaus. Man liest im Sohar, sagt „Tikun Rachel" und die für den Tag bestimmten „Piutim". Sobald es zu tagen beginnt, wird „Schachrith" gebetet, und zwar nach ihren handgeschriebenen Sidurim; ,Hodu' wird vor ,Baruch sche'amar' gesagt usw.

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