Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 8 (1922)
- Issue
- 14 (7.4.1922)
- Date
- 1922-04-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2629891-2629953-2629967--0572-2632219- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 84 JÜDISCHE PRESSE Nr. 14 noch mehr als früher vom Geheimnis des Jezia Mizraim zu erzählen. So richtet sich an diesen heiligen Sederabenden unser unerschütterlicher Glaube an die wunderbarste, ewige Parabel des Secher lijzios mizraim empor, unsere ganze Seelenkraft, unsere ganze Glaubensstärke wendet sich zu Ihm, der „uns erlöst, unsere Väter erlöst" . . . dem einzigen Prinzip der Erlösung Israels. Ueber alle Probleme der Gegenwartsgeschichte, die uns kein irdischer Verstand löst, hinweg, geben wir so von Geschlecht zu Geschlecht die Verheißung weiter: leschono haboo bearo d* Jisroel. m. Die vier Schulsysteme. Das Wort der „Hagada" ist bekannt , von den vier Söhnen, in deren verschiedenartiger Artung die heilige Thora die Eindrücke wiederspiegelt, welche die Feier der Erinnerung in den Auszug von Aegypten in dem kindlichen Gemüt hervorruft. Man geht wohl nicht fehl, wenn man diese vier Fragen aus Kindermund anspricht als die Resultate einer vielfach abgestuften Erziehung. Es kann im Rahmen dieser Darstellung mancherlei Schwierigkeit, die im Texte der Hagada sich uns aufzwingt, nicht gelöst werden. Dem Wortlaut nach scheint es, als ob bei dem einen Kinde mehr der Geist, im anderem Schulsysteme mehr das Gemüt gepflegt, beziehungsweise vernachlässigt wäre. Ein liebevolles Eingehen auf den Text wäre wohl in, der Lage, uns zu zeigen, daß die vier Fragenden sämtlich nach der Seite ihrer Intelligenz dargestellt werden. Der „Bösewicht" wird so eingeführt, daß sein Wille zur Bosheit hervorleuchtet, das „Wuge Kind" so, daß wir in ihm den Willen zur Güte ahnen können, und das war ja auch immer der Stolz jeder wahrhaft jüdischen Schule, daß sie die Willensbildung nach bestimmten geistigen Faktoren orientiert undTlaß sie zum Wissen der Thora das Vertrauen hatte, es würde den ganzen Menschen meistern und formen. Es war anderseits, der Fluch verkehrter Schulsysteme, wenn nicht sorgfältig darauf geachtet würde, daß neben der Vermittlung des ' Wissens die Arbeit der Erziehung geleistet wurde. Nach dieser Voraussetzung dürfte es nicht schwer sein, festzustellen, durch welche Schule die Kinder gegangen sind, die ja durch die naive Illustrationskunst des Mittelalters schon von jeher "die Unterscheidungsfähigkeit jüdischer Kinder zur Probe herausgefordert haben. Sagen wir einmal im Jargon unserer Tage, das „kluge Kind" entstammt einer Schule mit folgenden Programm: 1. Alle Erscheinungen des Lebens werden einheitlich auf die Quelle alles Wollens, auf den Schöpfer zurückführen; ein gewaltigeres Ferment zur Bildung der Persönlichkeit gibt es nicht. 2. Das Kind lernt die Erscheinungen des Daseins zu unterscheiden, nach ihrem geschichtlichen Werden, nach ihrer Bedeutung für den Augenblick, nach ihrem Aufbauwert für die Zukunft. Man lese nur einmal die betreffende Stelle in der heiligen Schrift nach und betrachte die Antwort, die dem klugen Kinde erteilt wird, die aber merkwürdigerweise im Texte der Hagada nicht ganz aufgenommen ist. Es wäre sehr gut, wenn sich jüdische Eltern am Pessachabend im Kreise ihrer Kinder, die Bibel neben ihre Hagada legten, über Frage und Antwort im fünften Buch Moses, Kapitel 0, Vers 20—25, lesen würden und sich dann nach einem Augenblick bedächtigen n Schweigens die Frage vorlegen möchten, ob sie ihre Kinder einem solchen Schulsystem anvertraut haben, von dem sie ein gleiches Resultat zu erwarten berechtigt sind. Vielleicht gehen den gleichen Weg auch die Lehrerkreise und diejenigen, die für das Schulwesen verantwortlich sind, um die Frage zu erörtern, wie weit der Mut unserer Generation reicht, um unsere Gemeinden und Gemeinschaften mit solchen Unterrichtsanstalten auszustatten, die tatsächlich in der Lage sind, die uns anvertrauten Seelen in jene Beziehungen einzuführen, welche zu einer Orientierung der Gesamtheit des Lebens an dem Willen des Allmächtigen ertüchtigen. Lastet es nicht wie ein furchtbar schwerer Vorwurf auf uns, wenn unsere Kinder von uns solchen Schulen überantwortet werden, welche sie lehren, das religiöse Tun und religiöse Sollen als eine unangenehme Beigabe zum Leben zu empfinden? Welch furchtbares Strafgericht für die Eltern bedeutet es, wenn sie aus der Frage des Kindes entnehmen müssen, daß das Kind bewußt im Gegensatze zu den Eltern steht, daß eine unüberbrückbare Kluft zwischen gehender und kommender Generation sich auf tut. Nicht einmal als gleichwertiges Fach neben anderen hatte sich in dem modernen Schulwesen des jüngsten Jahrhunderts der sogenannte Religionsunterricht zu behaupten verstanden. Verständnislos steht als Produkt dieses Religionsunterrichtes das Kind den Eltern gegenüber, an der Seite der Eltern ist sein Ort nicht mehr. Vor lauter Systematik ist der Inhalt des Religiösen dem Kinde zum wesenlosen Schemen geworden. Das muß letzten Endes dazu führen, daß gewissenhafte Eltern diesem Schulsystem und diesem Religionsunterricht ihr Vertrauen kündigen, denn was soll Vater und Mutter machen, wenn ihnen ein solches Kind an den Sedertisch geschickt wird, dem die Erscheinung des religiösen Pflichtlebens vollständig gleichgültig ist, zu dessen Herz und dessen Seele gar nichts mehr spricht von alledem, was den Eltern heilig ist, in dessen Geist der Sedertisch und Worte der Hagada nicht einmal mehr eine Frage auslösen. Aber es geht nicht an, in müßigen Jammer zu verfallen und etwa die Schulen anzuklagen und die erbärmliche schwache Zeit, die ein solches Schulsystem erzeugt hat, oder es stillschweigend duldet. Da ist eben die Stunde gekommnen, in welcher die Eltern selbst am Sedertisch ein neues Schulsystem eröffnen und die Aufgabe in die Hand nehmen müssen, zu deren Lösung die Schule sich unfähig gezeigt hätte. „At pesach lajj*;'' + > -> Da quillt heißes Mitleid aus der Tiefe des Herzens mit den armen Kindern solcher Zeit; so gut und so rein ist das Herz des Kindes, so ehrlich lebt es in seinen fragenden Augen; wie genügsam ist man doch geworden, wie glaubt man doch alles schon getan zu haben, wenn das Kind wenigstens das eine merkt, daß hier in der Welt des Glaubens und der Glaubenshandlung etwas Neues, etwas anderes geborgen ist, das sich' zu der Frage verdichtet: „Was ist das, warum das?" Antwort darauf erhalten unsere Kinder in den wenigsten Schulen, die Schulprogramme und der Lehrplan gestatten es nicht.--:-- Der Text der Hagada führt diesen pädagogischen Exkurs mit einem Segenspruch zum Allmächtigen ein. Im Wort der Lehre des Ewigen, ist Wille und Folge der Erziehungsarten klar gekennzeichnet. Auf und ab im Kampfe der Zeit wogt auch der Kampf um die Schule, an die Schwelle des geschichtlichen Werdens der jüdischen Gemeinschaft führen die fragenden und die nicht fragenden Kinder. Ob dein Kind zu fragen versteht, ob es sich nach einer Antwort sehnt, ist dein Werk und das Werk der Stunde, in dem du eine Schule für dein Kind wählst. Wähle gut, sonst möchtest du im Leben und Sterben einsam sein. p. K. Jüdische Sciwlfragen in Osteuropa. Von Dr. Joel Pollak. Die jüdische Welt ist so sehr politisiert, daß man anscheinend bloß für politische Probleme Verständnis hat. Mit politischen Schlagworten sucht man auf die Masse zu wirken, politische Erfolge werden hoch eingeschätzt, Mißerfolge niederschmetternd empfunden. Die tatsächlichen Verhältnisse beweisen uns aber, daß „das Volk des Buches" trotz der politisch gefärbten Oberfläche von Kulturfragen tiefer ergriffen ist, als der oberflächliche Beobachter und Zeitungsleser glauben würde. Ja man könnte sogar die kühl scheinende Behauptung wagen, daß die politischen Gegensätze, welche das jüdische Volk zerklüften, ihre Wurzel in Kulturfragen haben. Ein kurzer Ueberblick über die Kulturprobleme der einzelnen Länder Ost- und Mitteleuropas soll nun diese Behauptung unterstützen. Polen mit der größten jüdischen Bevölkerungszahl ist sehr lehrreich, wenn man die Bestrebung der polnischen Judenhoit nach der Richtung ihrer Kulturarbeit untersucht. Zur Festigung der orthodoxen Judenhoit hat sicherlich nach der Umgestaltung der politischen Verhältnisse am meisten der Umstand beigetragen, daß es ihr gelungen ist, Erziehungsanstalten zu schaffen, welche die Jugend ohne Erschütterung in dem alten Geiste der orthodoxen Judenheit erziehen. An der alten Schulform der Chadorim festhaltend, ist es ihr gelungen, wenn schon keine direkte Bestätigung und Anerkennung seitens der Regierung, so doch eine wohlwollende Duldung zu erreichen. Und somit haben es die Orthodoxen in Polen erreicht, daß ihre Kinder von dem Zwange, eine öffentliche polnische Schule zu besuchen, befreit sind. Die Orthodoxie in Polen begnügt sich aber durchaus nicht mit der Schule für die untere Stufe des Schulalters (6 bis 14), sondern sie ist mit Erfolg bestrebt, auch für die reifere Jugend Schultypen zu schaffen, welche in engster Anlehnung an die überlieferte Methode des Unterrichts und in Erneuerung der alten jüdischen Schulreform (Jesck^vo, Mesiwta) doch eine Bildungsstätte darstellen, welche die Jugend mit den allernotwendigsten Bildungsbehelfen für das tägliche Leben ausstatten. An diese Anstalten lehnen sich Handelskurse wie Werkstätten an, welche nebst dem Thorawissen die Jugend auch für einen praktischen Beruf ertüchtigen. Hervorzuheben ist noch, daß diese Anstalten von einer Zentralstelle geleitet, miteinander in einem organischen Zusammenhang stehen < und sich so gesund, entwickeln. Nicht unerwähnt darf der Umstand bleiben, daß die Orthodoxie in Polen rechtzeitig erkannt hat, welch überragende Bedeutung der richtigen Frauenerziehung zukommt. Einige Mädchenschulen niederen und mittleren Charakters beweisen, welch gute Erfolge, trotz der ungeheuren Schwierigkeiten, besonders bei völligem Mangel an entsprechenden Lehrern, erzielt wurde. Somit sehen wir, daß die orthodoxe Judenheit Polens ihre Kulturaufgabe klar erfaßt haben; Thorawissen und 1 Thorageist in einem echtjüdischen Milieu ihrer Jugend beizubringen. Es genügt ja, im großen und ganzen diese Aufgabe zu erfassen, denn wenn sie einmal bewußt wird, so gibt es keine Macht, welche ihre Erfüllung verhindern könnte. Nur schwieriger, langwieriger kann der Weg—bis zur Erfüllung gemacht werden. An solchen Schwierigkeiten fehlt es selbstverständlich in Polen auch nicht. Große Teile der polnischen Juden sind von Kulturidealen geleitet, welche weitab von dem alten geraden Wege der Thora liegen. Es gibt dort noch immer eine ziemlich einflußreiche Schichte von religiös Indifferenten, \die eine Assimilation an die Polen anstreben. Diese lassen Leben nur dadurch, daß sie sich im Kamine versteckt hielten. Da ging das Militär mit gefälltem Bajonett auf die Menge los. Es fiel ein gutgekleideter Bürger beim Michaeiertor. Nun schrie die Menge nach Aufruhr und läutete die Sturmglocke. Man rief den Garden zu, daß sie doch wegen Juden nicht ihr Leben einsetzen solle. Das angegriffene Militär feuerte aber und es gab sechs Tote und Verwundete. Die Menge schleppte die leblosen Körper vor das Haus des Militärkommandanten Graf Lamberg (der später in Budapest ermordet wurde) und schlug die Fenster seiner Wohnung ein. Erst um 3 Uhr nachts legte sich der Aufruhr. Aber die Bewohner der Judengasse schlössen kein Auge, da ein neuer Sturm voraussichtlich war. In der Tat begann am Schwii schel Pessach, Ostermontag, den 24. April, ein neuer heftigerer Ansturm auf das Ghetto. Schon um 8 Uhr morgens, während man noch beim Morgengebet versammelt war, ging ein fürchterliches Steinbombardement auf die Fenster der Judengasse los. Das Pflaster wurde aufgerissen und schwere Steinblöcke in die Wohnungen geschleudert. Ein jüdischer Student, namens Stöckel, wurde ermordet, mehrere verwundet. Von Christen wurde der Juwelier Schier getötet. Kritisch war die Lage als die Nationalgarde sich weigerte einzugreifen, da sie keine Lust habe, sich für Juden töten zu lassen. Im Pallfygarten wurde ein Weinkeller geplündert, der Inhalt versoffen oder ausgeschüttet. Das Schulgebäude wurde gänzlich devastiert, die Thorarolle und die Kaiserbilder wurden zerrissen. Zwanzig Gewölbe in der Judengasse wurden gänzlich geleert. Bischof Heiler und Pater Scherz und andere Geistliche warfen sich den Plünderern entgegen, aber vergeblich. Das neue Totenhaus am Zuckermantl wurde zerstört, ein dort liegender Toter gekreuzigt und verstümmelt. Am Friedhof selbst wurden die Denksteine umgeworfen. Von den Plünderern sind etwa sfehn getötet und sechzig verwundet worden. Bei einem erbrochenen Weinkeller haben die Plünderer einige Fässer Spiritus angezündet, wodurch ein Feuer entstand, das mit Mühe gelöscht werden konnte. Ein Bursche wollte eine Frau mit vier Kindern zum Fenster hinauswerfen, eine Aristokratin und die Goldschmiedfrau Scala warfen sich aber ihm entgegen. Der angerichtete Schaden wurde auf 600.000 Gulden Konventionsmünze veranschlagt. Der Magistrat war feig genug, zur Beruhigung der Bevölkerung die Ausweisung der Juden aus dem Gebiete der Stadt Preßburg, vollziehbar innerhalb 24 Stunden, zu erlassen. (Der Schloßgrund gehörte damals nicht zur Stadt Preßburg, in welcher den Juden erst 1840 erlaubt war, sich, niederzulassen.) Die Vorgänge in Preßburg erregten besonders im freiheitsberauschten Wien die größte Empörung, zumal man erfuhr, * daß angesehene Preßburger ' Kaufleute, welche das Eindringen des jüdischen Handels in die Stadt befürchteten, die Drahtzieher der Krawalle waren. Im Gaf6 Stierböck in Preßburg wurden zwei Bürger als Anstifter erkannt, durchgeprügelt und von den Gästen auf das Straßenpflaster gesetzt. Kaiser Ferdinand erließ im Amtsblatt eine Kundmachung, die das „schmerzliche Mißfallen über diese gesetzlosen Vorfälle und Verletzungen der öffentlichen Sicherheit, welche jedes Mitglied des Staates ohne Unterschied des Standes und der Religion anzusprechen berechtigt ist, auszudrücken geruhte". Die ungarischen Minister Szemere (Inneres) und Deak (Justiz) erließen scharfe Kundgebungen gegen diese Greuel. Die Regierung sandte den Kommissär Tarnoczy nach Preßburg, der die Ruhe mit eiserner Hand herstellte und mehrere Preßburger Bürger zu Schadenersatz verurteilte. (Forta<*tzung folgt.) Pessach in Yemeii. In ihrer Heimat geknechtet und als Parias be-'~ handelt, bis in die jüngste Zeit fast ohne Berührungspunkte mit dem übrigen Judentum, führen die Juden von Yemen, (Hebräisch: pYl), — ein Landstrich in Arabien — eine urpa^triarchalisehe Lebensweise. Kulturell stehen sie auf sehr niedriger Stufe. So zum Beispiel ist unter ihnen die Polygamie (Vielweiberei) noch sehr verbreitet.