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Jüdische Presse · 1922-04-07 · 14 (7.4.1922) · page 1

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Journal
Jüdische Presse
Volume
8 (1922)
Issue
14 (7.4.1922)
Date
1922-04-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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JÜDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion und Administration: Wien, II., Obere Donaustr. 91. - Telephon 48.148. Tschechoslowakei: Bratislava, Postfach 140. Erscheint jeden Freitag. - Redaktionsschluß: Für Artikel Sonntag, fttr Nachrichten Montag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Österreich K2000, Ungarn K 250'—, Tschechoslowakei K6.10'—, Deutschland Mk.150«—, Schweiz Frcs. 10*—, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire,, England 10 Shilling, Rumänien 70 Lei, Jugoslawien 40 Dinar, Polen Mk. 1200*—. Einzelnummer d.-ö. K 50 —, Kc. 1*50. Die 6 mal gespaltene Petitzeile d.-ö. K 30«~ Fürs Ausland 100 Prozent Teuerungszuschlag. Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. Nr. 14 Wien-Bratislava, 7. April 1922 »ssnn ■» m»D]nö " m rrjra | 8. Jahrg. C=^: Dajenu- Auf den sanften Wellen der anspruchslosen Töne einer Volksmelodie legt der Jude mit seiner Familie am Sederabend Rechenschaft ab über seine innere Stellung zu seinem geschichtlichen Beruf, über die Kraft, die er in sich fühlt, um aus eigenem Können dem Ziele zuzusteuern, das seine geschichtliche Existenzberechtigung in sich schließt, denn dieses und nichts weniger ist der Sinn des Dajenuliedes; viel ist darüber geschrieben, ein Berg von Fragen aufgeworfen, ein Meer der geistreichsten Antworten vorgeschlagen und schließlich mündet alles in dieses geschichtliche Bekenntnis. Am weithin sichtbarsten steht das Höchste, was sich die Menschheit erträumen kann, ein Haus, gefügt aus vergänglichem Stoff, ein Haus, gezimmert von sterblichen Menschen und doch begabt mit dem Anspraofa* der Ewigkeit selbst gebaut, vom Glänze der Ewigkeit erfüllt, lebendiges Zeugnis zu sein für die ewige Wahrheit. Am schlichten Beginn steht ein armes Volk, wehrlos und fast erstickt im Fluch der Knechtschaft, unfähig ans eigener Kraft sich zu befreien, und nun sitzen die Enkel dieses Volkes, die einen im stolzen Palast, die anderen in morscher Hütte, 'fäSfrmW3!l^ schmachtend in zagender Armut und richten allesamt ihr Herz und ihren Sinn auf die eine Frage, was wäre aus uns geworden, wenn der Allmächtige uns nur den einen ersten Schritt geführt und von uns verlangt und erwartet hätte, daß wir alle anderen Schritte aus eigener Kraft unternehmen, den langen Rest des steilen Weges aus der Tiefe des eigenen Wollens, ohne zu straucheln selbst erspürten, den letzten Sinn jenes ersten, vom Allmächtigen so behutsam betreuten Schrittes selbst erkundet hätten; und die befreite Seele jauchzt hinein in das Herz des Kindes, jubelt es hinaus in die staunende Welt, das Bekenntnis Dajenu. Ja, der Eindruck dieser ersten Frühlingsstunde war so gewaltig und nachhaltig, hatte so kostbare Saat in unser inneres Leben gelegt, daß wir es zu künden wagen: Wir, Abrahams Enkel, hatten es vermocht, das Größte zu ahnen, das Heiligste zu vollbringen, und so erkennen wir im Rückschau die besondere Gnade der Ewigkeit, die uns von Stufe zu Stufe empor geführt hat. So ist Dajenu das Maß der eigenen Kraft und der Widerhall unendlicher Güte. Sollte es wirklich noch nötig sein, nun auch die einzelnen Stufen zu kennzeichnen? Schärfe deinen Blick und du wirst so erkennen, mein Kind, wie in jeder geschichtlichen Stunde das Gesetz der Vergeltung und des Ausgleiches sich offenbart. Oeffne deine Augen und du wirst sehen, ,mein Kind, wie berechtigt das Vertrauen ist, daß in jedem einzelnen Wesen eine Berufung für die Welt liegt, und daß diese Welt zu einem Saal der Wunder wird, welche dem einzelnen Wesen Rettung, Ernährung und Befreiung vom trotzigen Feind bieten. Das alles kannst du aber mit einem Rechtsanspruch erwerben, wenn sich diese Erkenntnis in dir verdichtet zu dem schrankenlosen Vertrauen a.uf die Lenkimg der Welt in diesem Sinne. Blicke in dich, mein Kind, und es wird sich in dir empordrängen dein besseres Sein, der Licht- 'i^Utq&näa^ Körper, und hast du dies erkannt, dann hast du air den Sabbat errrungen, an dem deine Seele deine Vermählung mit dem Himmel feiert und dann hast du dich selbst ertüchtigt, dich selbst .befähigt am Sinai den Sieg zu erkämpfen, hast du dich selbst gestaltet zum Träger heiligster Worte. Endlich blicke um dich und du wirst staunend wahrnehmen, wie geradlinig der Weg von Zion nach Sinai führt. Willst du, mein Kind, so fragt der jüdische Vater, also den Himmel zur Erde zwingen, die Erde zum Himmel empor tragen? Und das letzte ärmste Kind der jüdischen Gemeinschaft jubelt auf .und singt: Ich kann es, ich will es, Dajenu. P. K. £bag ßoowiw. Nochmals . . . nochmals überkomme uns, uns Fronknechte des Erwerbslebens, der erhabene urzeitliche Geist der Vorfahrenzeit! Nochmals ... entreißen wir uns mit der ganzen seelischen Gewalt des Thorajuden dem öden Zustande sittlicher ünmacht, der entehrenden Sklaverei des unholden Daseinskampfes, um doch eine, eine heilige Woche lange in der Atmosphäre «ines freien, im eigenen Geiste lebenden Volkes zu wirken! Empor aus dem Düster der Hoffnungslosigkeit des -Volksschicksales zu den Ausblicken erhabener Erinnerungen und verheißenem Zukunftsglück! „Hab acht auf den Monat des Frühlings!" Die Gnade G-ttes winkt aus jeder Blüte, lächelt aus der Frühlingssonne. Seine Stimme rauscht in den Zedern, seine Stimme braust über die Wasser. Sein Wille wirkt in der Geschichte, wie er webt in der Schöpfung. Das ist Trost und Zerknirschung zugleich, unser Stolz und unsere Demut. Wir waren bereits einmal in tiefsten Niederungen jler JVe^ aw^odin]i hojinu ^^m^mmiamm^m^ wirhaben ImTHcTrFlriel^ freit, wir konnten nicht Gewalt mit Gewalt besiegen. „Wenn uns der Herr nicht aus Mizraim geführt hätte, so wären wir noch immer dem Pharao botmäßig." Die Erfahrungen der Gegenwart, die einen -denkwürdigen Zusammenbruch einer auf eigener Volkskraft erhauten Befreiungsbewegung erjebt hat, erfüllen uns mit erneutem Verständnis für das oft gedankenlos, hie und da gar zweifelnd rezitierte weilu lo hozi. . . Selbst unsere Weisesten . . . selbst die Gelehrtesten der Thora haben in diesen Jahren tiefer als je in der Erkenntnis geschürft und wissen Bilder aus fllt=Pr«Purg. Die traurigen Pessachtage von 1848. Am Ende des Frühgottesdienstes am 7. Pessachtage, wenn die Jugend schon froh aufatmend nach so schönem aber auch so langem Jozer den originellen Tafelfreuden des jomtowigen Frühstückes zueilen wollte, klopfte der Vorbeter der traditionsstrengen Brillschen Synagoge noch mächtig mit der flachen Hand auf den vergilbten Machsor-Folianten und begann zu unserer Sensation noch einige ungewohnte Kapitel Thillim zu rezitieren. Auf unsere verwunderte Frage, ward uns der Bescheid, daß diese Kapitel Thillim der Erinnerung an die Plünderung des Judenviertels am 7. Pessachtage > des Revolutionsjahres gälten. In der Gasse selbst, so klein an räumlicher Ausdehnung und doch so bedeutend an Einfluß auf das jüdische Leben des ganzen Landes und darüber hinaus, waren die Vorwehen der Freiheitszeit seit langeher fühlbar gewesen. Die Disziplin des Ghettos war betrüblich gelockert. Der Kessaw Sopher s. 1. kämpfte einen harten Kampf gegen die Neuerer, die den Staat, die Gesellschaft und überlegene Kultur für sich hatten. Die Jugend wandte sich immer mehr dem Studium in Realschulen und Gymnasien zu; Biach, Schick u. a. stritten für die neue geregelte Synagoge. Die neue jüdische Gesellschaft blickte schwärmerisch in eine imaginäre Zukunft der restlosen Freiheit und Gleichheit. Da brach die Februar-Revolution in Paris . aus und setzte Europa ingFlammeh. Mehr als PesthThat das geographisch näher gelegene und kulturell wahlverwandtere Wien auf Preßburg zurückgewirkt, zumal dort in dem Juden Adolf Fischhof die Gleichstellung des Judentums und sein Anteil an der Erlösung der Menschheit verkörpert war. Die Intelligenz feierte Verbrüderung, aber in der unteren Gesellschaftsschichte grollte der Donner des Rassenhasses. Schon in den Flitterwochen der Freiheit gab es schwere Mißhelligkeiten. Als einige Juden in die Nationalgarde traten, entstand ein derartiger Sturm in der Bevölkerung, daß die Juden genötigt waren, auszutreten, wovon die Bevölkerung durch Plakate seitens der Stafltgemeinde und der jüdischen Gemeinde verständigt wurde. Die Hetze gegen die Juden wurde vornehmlich von einer Gruppe von Kaufleuten geführt, die die freie Konkurrenz der Juden fürchteten; man stößt hiebei auf die Namen Theodor Edl, Köttrich, Frühr wirt u. a. Man sah den Pessachtagen mit Besorgnis entgegen und die Entwicklung der Ereignisse gab den* Befürchtungen der Frommen recht. Am 6. Tag Pessach, Ostersonntag, den 23. April, versammelte sich eine Schar 12- bis 16jähriger Burschen in der Aue (ein Park, jenseits der Donau) und zog gegen den Schloßgrund. Sie begannen die jüdischen Passanten zu mißhandeln und die bereits geschlossenen Geschäfte zu erbrechen. Bald gesellte sich zu ihnen ein großer Haufen Plünderer. Der Kommandant der Nationalgarde ließ diese durch Trommelschlag versammeln und rückte unter Beistand einiger Kompagnien Militär gegen die Plünderer. Diese flüchteten durch Seitengassen und versammelten sich am Bamherzigenplatz wieder. Die Truppen und die Garde rückten nach, wurden aber mit einem Steinhagel empfangen, ein Weingärtner in der Garde stürzte getroffen zusammen. Da das Volk behauptete, daß im Zigrayschen Hause in der Judengasse dreißig Christen eingekerkert schmachteten, hat ,man eine aus der Garde und dem Volke gebildete Deputation unter Baron Lopresti hingesendet, um das Haus zu durchsuchen. Natürlich erwies sich diese Anschuldigung als unwahr. Hierauf wurde die Menge über die Schöndorfer- und Viereimergasse (jetzige Dürre Maut) zurückgedrängt, warf sich nun aber auf das israelitische Schulgebäude, das Todescosche Stiftungshaus, das als erster Versuch außerhalb des Ghettos zu wirken, die Wut der Menge erregt hat und begann es zu plündern. Einmal von den Garden zurückgedrängt, geschah ein zweiter wütender Ansturm auf das Schulgebäude, dem die kostbare Bibliothek und die Lehrmittel zum Opfer fielen. Der Leiter der Kinderbewahranstalt Weiß und seine Frau retteten ihr Schiff' Pelzwarenhaus Eiigros und Erzeugung! I., Bauernmarkt 24 (Ecke Flelschmarkt) :-: Telephon 67-302 Detail verkaufs -Niederlage: I., Graben 28 Erstklassige Modelle in Damenpelzmäntel, Herrenpelze, Füchse

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